Über den virtuellen Begriff "Klimaneutralität"



Es tut mir in der Seele weh, dass sich mein ehemaliger Arbeitgeber (GIZ, Nachfolger von GTZ), der eigentlich zur Produktionsförderung und zu echter Entwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländern beitragen sollte, sich für derart substanzlose Activities einspannen lässt nach dem Motto "Wes Brot ich ess', des Lied ich sing'", und dass die IHK (die sich eigentlich mit Konkreterem abgeben sollte) dann noch auf ihrer Webseite für diese überflüssige und kontra-produktive, ich möchte fast sagen religiöse Veranstaltung wirbt.

Hier in Paraguay (auf dem nationalen Markt) gibt es, Gott sei Dank, keine Produkte, die sich mit dem Begriff Bio- oder Öko attraktiver machen wollen. In Deutschland versuche ich bewusst, gerade diese Produkte eben nicht zu kaufen. Es gibt aber ein paar Produkte, die hier erzeugt werden, die in Industrieländern als "organisch" verkauft werden: Dazu gehört z.B. "organisch" erzeugter Zucker (übrigens überwiegend von Kleinbauern), der v.a. in den U.S.A. teuer verkauft wird. Ich kann mir zwar gut vorstellen, dass dieser "Zucker" viel mehr zu Bodendegradation beiträgt als konventioneller Zuckerrohranbau, weil auf Düngung verzichtet werden muss und deshalb die Bodendeckung nie so vollständig und der Ertrag viel niedriger ist und der Boden sukzessive ausgelaugt wird.

Darüber hinaus ist mir bekannt, dass es Initiativen gab, "organisches" Fleisch zu erzeugen, die aber an den hohen Zertifizierungskosten und am begrenzten Markt in Europa scheiterten. Von dieser Initiative hätten v.a. deutschstämmige Paraguayer profitiert.

Wenn ich mich hier so umsehe, dann sind die Glaubensinhalte der Tagung, deren Progamm Sie mir hier zuschickten, allen Paraguayern und den hier lebenden Ausländern ziemlich wurscht. Wenn hier aber jemand ankommt und uns erzählt, dass wir bei Einhaltung bestimmter Regeln den doppelten Verkaufspreis erzielen können, dann macht da jeder mit, falls es stimmt. Nur ist die Realität die, dass die Umweltfritzen aus der Secretaría del Medio Ambiente, die kaum wissen wie eine Kuh aussieht, geschweige denn eine Ahnung haben, was so ein Tier frisst und wie man es hantiert und wie man einen Markt "erobert", uns permanent erzählen, wir müssten endlich "organisch" produzieren und endlich den verzweifelt nach "organischen" Produkten suchenden Markt der Industrieländer gewinnbringend nutzen, und wir sollten deshalb unsere Tiere einfach im Wald laufen lassen, statt (übrigens nur auf der Hälfte unserer Landfläche) zu roden und Weide anzulegen. Dieses illusorische Gequatsche muss ich mir schon seit vielen Jahren anhören. Wissen Sie von wem diese Illusionen geweckt werden? Dreimal dürfen Sie raten. Natürlich unter anderem von einer GIZ, die Glaubensinhalte über Klimaneutralität, Carbon Footprints, Klimaschutzzertifikate und anderen Unsinn predigt, alles Dinge, mit denen hier noch keiner jemals einen Cent verdient hat (von den drei Vorzeigeprojekten abgesehen, die alle zu 100% mit internationalen Mitteln risikoabgesichtert sind).

Zu meiner Zeit bestand Entwicklungshilfe noch darin, zusammen mit unseren einheimischen Partnern auszuprobieren, welche Gräser wo am besten wachsen und persistieren, mit welchen Massnahmen wir den Boden, auch in einem semi-ariden Klima, permanent bedeckt halten können und wie wir nachhaltig und gewinnbringend produzueren können. Nebenbei haben wir noch abgeschätzt, wieviele Bauern unsere Verbesserungen dankbar aufgeriffen haben, wieviele zusätzliche Arbeitsplätze, Deviseneinnahmen etc. durch diese Massnahmen geschaffen wurden. Aber schon Ende der 90-er Jahre hat sich die GTZ immer weniger für solche Dinge interessiert und sich statt dessen politischen Glaubensbekenntnissen zugewandt (Erneuerbare Energien, Klimaschutz und als Alibi noch Armutsbekämpfung, so stand es und steht es wohl heute noch im Programm).

Soviel als Kommentar. Nochmals vielen Dank für den Hinweis, den ich mit entsprechenden Kommentaren hier verbreiten werde.

Was übrigens auf diesem Gebiet in anderen Ländern des Kontinents los ist, kann ich nicht sagen, aber ich kann mir schon vorstellen, dass es da ganz ähnlich aussieht.

Beste Grüsse

Albrecht Glatzle




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