Abwärtsspirale der Industrialisierung durchbrechen: Wissen schlägt Produkt



Seit Ewigkeiten ist es amtlich und wird auch von den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigt: Deutschland ist eine Service-Ökonomie. 69 Prozent der nominalen gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung kommt aus dem Dienstleistungssektor. Das schreibt Gunnar Sohn in seiner Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/9747-der-lange-abschied-vom-industrielobbyismus

„Ja aber“ blöken in schöner Regelmäßigkeit die liebwertesten Gichtlinge des Industrielobbyismus. Was ist mit der Autoindustrie, mit dem Maschinenbau und dem verarbeitenden Gewerbe? „Auch Apple wäre nichts ohne Produkte“. Richtig.

Es ist idiotisch, dass als Gegenargument ins Feld zu führen. Schaut auf Eure Arbeitsplätze in der industriellen Fertigung und ich sage Euch, dass wir keine Industrienation mehr sind. Forschung, Entwicklung, Veredelung, Montage, Vertrieb, After Sales, Logistik und vieles mehr sind Dienstleistungen, die rund um die ins Ausland verlagerte Produktion noch im eigenen Land stattfindet. Selbst unsere Exportrekorde, die wir jedes erzielen, stärken nur minimal die heimische Industrieproduktion. Darauf hat Udo Nadolski vom Düsseldorfer IT-Beratungshaus Harvey Nash http://www.harveynash.com/de/ hingewiesen. „Das Verhältnis zwischen in den Exporten enthaltener inländischer Bruttowertschöpfung und importierten Vorleistungen hat sich stark zu Gunsten des Auslandes verschoben. Die Fertigungstiefe in Deutschland nimmt extrem ab.“ Selbst wenn wir uns konsequent als Service- oder Dienstleistungsökonomie definieren, reicht das nicht mehr aus.

Bildungsrevolution vonnöten

„Zu intelligenten, vernetzten Produkten gehört intelligenter, vernetzter Service“, sagt Peter B. Záboji vom After Sales-Spezialisten Bitronic http://peterweilmuenster.wordpress.com/2012/01/19/services-fur-die-digitale-heimvernetzung/: „Von der Installation über die Wartung bis zur Reparatur – alles muss einfach und komfortabel sein.“ Das bedeute auch für Serviceanbieter neue Herausforderungen: Der Markt sei viel lebendiger geworden. Handelsketten, Netzbetreiber und Hersteller hätten unterschiedliche Vorstellungen und logistische Anforderungen bezüglich des Services rund um ihre Produkte. Mit den Industrielobbyisten werden wir uns jedenfalls nicht zur smarten Service-Ökonomie. „Stichworte wie Kreativwirtschaft, Wissensgesellschaft, Support oder App Economy beschreiben sehr treffend die Zukunftsfelder, die für Deutschland über Sieg oder Niederlage im globalen Wettbewerb entscheiden werden. ‚Wissen schlägt Produkt‘“, resümiert Wolf Lotter von der Zeitschrift brand eins.

Wir müssen versuchen, so der ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck, die Abwärtsspirale der reinen Industrialisierung unserer Arbeitswelt zu durchbrechen: „Wir sollten das ganze Bildungswesen auf den Prüfstand stellen. In einer global vernetzten Welt spielen Kommunikation, Medien, Kulturen und ihre Unterschiedlichkeiten, Ökonomie, Statistik und ,’Zahlenverstehen’, Computer und Web 2.0 Literacy, Psychologie, Gesundheit, Medizin, internationales Recht, Coaching und Management eine immer größere Rolle, die aber von den klassischen Schulfächern kaum tangiert werden. Das wird nicht wirklich in Abrede gestellt, aber niemand traut sich, ein konkretes Schulfach auf die Schlachtbank zu legen. Niemand wagt, eine Streichung oder auch nur Veränderung vorzuschlagen. Jeder räumt ein, dass es folgende Schulfächer geben sollte: Philosophie, Jura, Medizin, Wirtschaft, Psychologie, Medien, Theater, Rhetorik etc., aber es gibt nur Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Englisch, Latein etc.“

Eine Diskussionsrunde zu diesem Thema findet am Dienstag, den 28. Februar von 14 bis 15 Uhr auf der Call Center World in Berlin statt: Von Welterklärungsmaschinen und der unsichtbaren Servicekommunikation: Visionen für die Mensch-Maschine-Interaktion. Teilnehmer: Heike Simmet (Hochschule Bremerhaven), Günter Greff (Call Center-Experts), Walter Benedikt (3C Dialog), Bernhard Steimel (Mind Business), Andreas Klug (ITyX), Peter Gentsch (Business Intelligence Group) und Heinrich Welter (Genesys). Moderiert vom liebwertesten Gichtling-Autor Gunnar Sohn.

Siehe auch: Der lange Abschied vom Industrielobbyismus http://ichsagmal.com/2012/01/30/der-lange-abschied-vom-industrielobbyismus-%E2%80%9Edesign-und-nicht-mehr-%E2%80%9Emade-in-germany/

Was brauchen wir, um in Deutschland endlich auf eine neue Schiene zu gelangen? Möchte ich in meiner Freitagskolumne für Service Insiders thematisieren. Statements, Vorschläge, Kommentare, Hinweise wie immer willkommen. Entweder hier als Kommentar posten oder per E-Mail an: gunnareriksohn@googlemail.com. Expertenmeinungen benötige ich bis Donnerstagabend!

Story, Kommentare, Retweets, Liken, Plussen unter: http://ne-na.de/abwaertsspirale-der-industrialisierung-durchbrechen-wissen-schlaegt-produkt/001310



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