Alles so schön aseptisch: Moderne Büros vernachlässigen den Faktor Mensch



Wenn Architekten und Designer sich in der Bürowelt austoben, bleibt häufig die individuelle Note auf der Strecke: Glasfassade mit Lichtkonzept, Glastische, Glaswände – fehlt eigentlich nur noch das gläserne Klo. Aseptische Arbeitsplätze, die kaum Raum für persönliche Vorlieben lassen.

„Denkt immer an die Menschen! Das muss man heute mehr denn je allen zurufen, die Büros planen und einrichten“, fordert Dominic Giesel, Sprecher der Initiative Wohlfühlarbeit http://www.wohlfuehlarbeit.de. Ruhe, Entspannung, gesunde Atemluft, Wohlbefinden und der Schutz der Gesundheit seien Grundbedürfnisse, die befriedigt werden müssen. „Design und Funktionalität sind bedeutungsloses Beiwerk, wenn Architekten ihre Hausaufgaben nicht machen. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht“, sagt Giesel im Gespräch mit Service Insiders.

Moderne Bürogebäude werden schnell zu Sanierungsfällen

Das kompromisslose Ziel der Energieeffizienz mache beispielsweise aus prämierten Bürogebäuden oft schon nach ein bis zwei Jahren Sanierungsfälle. „Luftdichte Gebäudehüllen, große Glasfassaden und thermoaktive Decken führen zwar zu einer hervorragenden Energiebilanz. Die Menschen leiden aber bei schlechter Planung an zu warmer und zu trockener Raumluft. Die Schleimhäute trocknen aus, die Stimme versagt, Mitarbeiter werden krank, wenn nicht nachträglich spezielle Büro-Luftbefeuchter eingebaut werden“, erläutert Giesel.

Generell werde das Raumklima unterschätzt, sagt Lutz-Peter Kremkau von „Die Raumbegrüner": „Die flüchtigen organischen Verbindungen – man kennt sie seit der Formaldehyd-Debatte – sind in hoher Konzentration für Befindlichkeitsstörungen und ernstere Gesundheitsbeschwerden verantwortlich.“

Man sollte sich daher intensiver mit Pflanzenkonzepten beschäftigen und die Begrünung von Büros nicht nur unter dekorativen Aspekten vornehmen. „Pflanzen wirken stressreduzierend, schalldämpfend und emissionsmindernd. Das wird in der Raumplanung sehr häufig ausgeblendet“, weiß Kremkau.

Lichtsuppen, schrumpfende Büros und Lärmstress

Ähnliche Defizite gebe es beim Licht, mahnt Hauke Giesecke, Geschäftsführer des Planungsbüros team licht. „Leuchten werden stupide an Achsraster ausgerichtet, Büros fallen damit oft in eine einheitliche ‚Lichtsuppe‘. Die Arbeitsatmosphäre wirkt monoton und ist auf Dauer ermüdend. In der Planungsphase des Gebäudes wird die Bürobeleuchtung zu häufig unterschätzt, vergessen oder - schlimmer noch - als notwendiges Übel angesehen. Meist sind die Büroflächen fertig und das Licht wird einfach nur noch aufgesetzt“, sagt Giesecke. Viel wichtiger wäre es, bereits in der Planungsphase das Licht in den Gestaltungsprozess zu integrieren und wieder unmittelbar nach den Bedürfnissen der Menschen zu planen.

Auch das so genannte „Desk-Sharing“ oder „Open Space“ wirken sich häufig negativ auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter aus. Ursache ist in der Regel der Zwang, Büroflächen drastisch zu verringern, um Kosten zu sparen. „Das Schrumpfen von Büroraum ist vergleichbar mit einer Crash-Diät. Häufig passiert das ohne Sinn und Verstand. Weniger Stauraum oder fehlende Privatsphäre können sich negativ auf die Bürotätigkeit auswirken“, warnt Britta Gneiting vom Büromöbelhersteller Steelcase. Man müsse alle Arbeitsweisen unterstützen und den Mitarbeitern mehr Wahlfreiheiten einräumen, wo, wann und wie sie arbeiten wollen. Es gehe um ein mobiles und selbstbestimmtes Arbeiten.

Zudem ist es wichtig, bei offenen Bürolandschaften auf den Lärmpegel zu achten, rät Ernst Harrer von Preform Akustikelemente: „Mitarbeiter können nicht per Gesetz oder Anweisungen von oben zum leiseren Sprechen verpflichtet werden. Trotz durchaus akzeptabler Nachhallzeiten in den Büros, ist die Satz- und Wortverständlichkeit oft so hoch, dass sich die Mitarbeiter untereinander bis in den letzten Winkel eines Raumes verstehen.“ Dabei sei es kein Problem, mit geeigneten Materialien und Systemen den Lärmpegel zu senken und für einen ruhigen Arbeitsplatz zu sorgen.

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