Eine Wirtschaft, die nicht erwachsen wird


So titelte Ulrich Blum seinen Beitrag in der FAZ am 4.1.2012. Auch nach 21 Jahren Wiedervereinigung hat der Osten Deutschlands seine ökonomische "Volljährigkeit" nicht erreicht. Eine selbsttragende Entwicklung ist allenfalls punktuell in Sicht, jedoch nach wie vor nicht flächendeckend.Blum beschreibt historische Erfahrungen. Damit Regionen nach gravierenden Systemwechseln Anschluss an die bisherigen Wachstumszentren zu gewinnen, braucht es
(1) Zeit, meist ein bis zwei Generationen, und
(2) die zurückliegenden Regionen müssen auf einen neuen Technologiepfad aufspringen, auf dem die Märkte noch nicht verteilt sind.Das kann man politisch unterstützen. In den US-Südstaaten in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts ging das mit derLeichtindustrie. Im Freistaat Bayern nach dem 2. Weltkrieg mit der Elektro-, Fahrzeug- und Luftfahrtindustrie.Vor 15 Jahren glaubte man, mit den erneuerbaren Energien einen solchen ostdeutschen Technologiepfad gefunden zu haben. Doch die Solarindustrie verwandelte sich rasch von der Pionier- zur Krisenbranche. Das aktuelle Drama erinnert an das der Speicherchips (Qimonda) vor ein paar Jahren.Blum diagnostiziert ein Regulierungsversagen: Denn der Markt der im ensemble- oder denkmalgeschützten Bereich öffentlich nicht einsehbaren Dächer könnte Systemanbietern für den Solarzelleneinbau vor Ort Marktvorteile verschaffen. Doch am politischen Wille, vorhandene Kompetenzen in künftig ergiebige Bereiche zu lenken, fehlt es. Der Staat könnte auch helfen, bei der Branchenkonsolidierung kleinen und mittleren Unternehmen - die oft Technologieführer sind - Wettbewerbsvorteile zu sichern und die Forschungs- und Entwicklungsförderung auszubauen. Da ist noch viel zu tun.In Ostdeutschland dominiert noch immer eine hohe Kleinteiligkeit. Sie ist zum Teil eine direkte Folge der Privatisierungsstrategie der Treuhand. Im Jahr 2008 schafften 65 Prozent der Westunternehmen jährlich mehr als 50 Millionen Euro Umsatz, aber nur 45 Prozent der Ostunternehmen. Viele davon sind zudem "verlängerte Werkbänke" und werden von westdeutschen Konzernzentralen gesteuert. Im Resultat werden im Osten auch nur rund zwei Drittel der Exportquote des Westens erreicht.Soll sich das ändern, dann müssen die seit 1990 gewachsenen Unternehmen in Ostdeutschland weit stärker wachsen als bisher. Das dafür nötige Kapital müssen sie erwirtschaften. Man braucht Mut zur Rendite, den Willen zur Akkumulierung, und das Einlassen auf harte Wettbewerbs- und Übernahmeschlachten, in denen mit allen Bandagen gekämpft wird. Mit dem in kleineren Unternehmen häufig anzutreffenden Selbstverständnis "mir reicht das, was ist" und "wenn ich nicht auffalle, erspare ich mir Probleme" wird es nichts werden.Die Politik hat mehrere Gelegenheiten verpasst, eine starke Wachstumsentwicklung im Osten offensiv zu untersützen. Sonderwirtschaftszonen und befristete Steuerbefreiungen wären Instrumente dafür gewesen. Die wurden aber nicht ausgepackt wurden. Solche Instrumente halfen vor langer Zeit den Preussen, die Hugenotten anzusiedeln. Und sie halfen in jüngerer Zeit China, sich aus den Fesseln von Mao's Wirtschaftsideologie zu befreien. Solche historischen Chancen sind in einer Zeit, die Harmonisierung und "bail out" im europäischen Maßstab anstrebt, indiskutabel.Unternehmen, die nicht wachsen wollen oder können, bleiben aber bestenfalls klein - mit allen nachteiligen Folgen im internationalen Wettbewerb für eine kleinteilig organisierte rückständige Region. Bestenfalls werden sie früher oder später von kapitalkräftigeren Unternehmen anderer Regionen übernommen. Auch das ist letztlich kein dauerhafter Gewinn für die rückständige Region.Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist kein Plädoyer für eine Staatswirtschaft, sondern für politisch unterstützte Selbstorganisations- und Wachstumsprozesse in regionalen und überregionalen Wirtschaftskreisläufen. Staatliche Eingriffe können diese Selbstorganisation der hochgradig komplexen Wirtschaftsprozesse einer Region empfindlich stören. Überregulation lähmt ganze Ketten kooperativer Prozesse mit Zulieferern, Arbeitsmarkt und Umwelt. Teile des Mittelstands sind dann plötzlich von Märkten abgeschnitten oder bei der Eigenkapitalbildung behindert. Existenz, Reinvestition, Beschäftigungswirkung und Wachstum werden beschränkt.Junge Leute ziehen dann in attraktivere Regionen weg, wo sie bessere Existenz- und Entfaltungschancen zu finden. Staatliche Fachkräfte-Rückholprogramme können einen solchen Auszehrungsprozess nicht wirksam aufhalten. Dazu bedarf es mehr: Dem tatsächlichen Willen zum selbsttragenden Wachstum.Vergangenes Jahr kommentierte Ulrich Blum in der Financial Times Deutschland die Dauerkrise Griechenlands mit dem Beitrag "Was Griechenland von der DDR lernen kann". Denn der Pleitestaat Griechenland befand sich schon damals in einer ähnlichen Situation wie Ostdeutschland vor der Wende. Nur Investitionen können helfen, Transfers dagegen sind schädlich. Daran hat sich ein halbes Jahr später nichts geändert.



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