„Europa muss sein“


Rede anlässlich der Immatrikulationsfeier der
Technischen Universität Ilmenau9. Oktober 2010Heinrich BonnenbergMagnifizenz,
liebe Studierende, sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine sehr große Ehre, dass ich die Rede anlässlich Ihrer  mmatrikulationsfeier halten darf, hier in Ilmenau in Thüringen, einem Herzgebiet deutscher Kultur, das mit den Namen Goethe, Schiller, Bach, Liszt, Luther und vielen anderen großen deutschen Geistern verbunden ist.Und es freut mich sehr, dass ich Ihnen das EUROPA der Zukunft, wie ich es sehe,
nahe bringen kann. Dabei möchte ich besonders Sie, liebe Studierende, ansprechen,
denn Ihnen, der Jugend von heute, gehört das EUROPA von morgen. Wenn ich mein Leben Revue passieren lasse, muss ich feststellen, dass es in meinem Leben einen Menschen gab, der mich besonders geprägt hat. Es ist mein Doktorvater Rudolf Schulten.Rudolf Schulten war Professor für Kernreaktortechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und Direktor des Instituts für Reaktorentwicklung bei der staatlichen Kernforschungsanlage Jülich.Rudolf Schulten hat uns jungen Leuten vier Eigenschaften vorgelebt, die ich auch Ihnen, liebe Studierende, empfehlen möchte:1. die Disziplin, konsequent und sachorientiert zu denken und zu handeln,2. die Neugierde, andere Ideen zu entdecken,3. die Kraft, im Sinne der Sache auch einen unpopulären Standpunkt zu vertreten,
und4. den Mut, sich gegen jedwede populistische Meinungsdiktatur zur Wehr zu setzen.Rudolf Schulten hat das katastrophenfreie Kernkraftwerk entwickelt, den Hochtemperaturreaktor HTR mit Kugelhaufen. Die Entwicklung wurde im wesentlichen finanziert von EURATOM, somit vom europäischen Steuerzahler. Die deutsche Politik hat diese epochale Entwicklung von Rudolf Schulten 1986 eingestellt. Die Ängste der Menschen nach der Havarie des sowjetischen Kernkraftwerks im ukrainischen Tschernobyl wurden mit unsachlichen Argumenten politisch missbraucht.In China, das uns im Folgenden noch beschäftigen wird, wurde der Kugelhaufenreaktor
inzwischen wieder zu neuem Leben erweckt, unter Führung der Tsinghua Universität
in Peking. Die Tsinghua Universität ist eine Universität von Weltgeltung mit starkem Fokus auf die Ingenieurwissenschaften. Sie ist eine der Kaderschmieden für chinesische Parteifunktionäre. Die Professoren dort haben den europäischen Kugelhaufenreaktor als das identifiziert, als was er ausdrücklich entwickelt wurde,
nämlich als ein Kernkraftwerk für dicht besiedelte Regionen und außerdem als eine
preisgünstige und umweltfreundliche Energiequelle für die Umwandlung von Kohle
und Biomasse zu Methan.Es ist schon borstig, wenn man feststellen muss, dass nun gerade China diese europäische Entwicklung weitertreibt. China ist zwar heute für Europa der wichtigste
Markt für Industriegüter, wird aber zunehmend zum schärfsten Wettbewerber, neben
Indien und Amerika.Was ist EUROPA?Mit EUROPA ist im Folgenden nicht das geographische Europa bis zum Ural gemeint.
Vielmehr wird unter EUROPA ein Kultur- und Wirtschaftsraum verstanden, der das große Russland in Gänze einschließt. EUROPA als Kultur- und Wirtschaftsraum erstreckt sich von Gibraltar und Island im Westen des eurasischen Kontinents bis zum russischen Tschukotka in seinem Osten, somit vom Atlantik bis zum Pazifik. Manche Politiker und auch Journalisten unterscheiden zwischen Europa einerseits und Russland andererseits. Entweder sind diese Herrschaften geographisch und kulturell ungebildet oder sie wollen einen Keil zwischen die Europäer treiben. Tatsache ist, dass Russland ein Teil von EUROPA ist. EUROPA ist mehr als EU. Die Europäische Union ist eine Region, die über hoch entwickelte Technologien für alle Bereiche der Produktion, der Dienstleistung, des Verkehrs und des privaten Lebens verfügt. Die Russische Föderation ist eine Region, die unermessliche Ressourcen von Rohstoffen und Energieträgern ihr Eigen nennen kann. Jede der beiden Regionen für sich ist stark, alleine aber wohl nicht stark genug, um ein wirklich ernst zu nehmender Wettbewerber gegenüber China, Indien und Amerika zu sein.Wenn EU und Russland nicht Partner werden, besteht für jeden von beiden das Risiko, dass er entweder zum Zulieferanten von Rohstoffen, vor allem für China und Indien, oder zu deren verlängerter Werkbank verkommt. Die Europäische Union braucht Russland, und Russland braucht die Europäische Union. Beide zusammen brauchen ein gemeinsam gestaltetes EUROPA, wie das auch immer aussehen mag. Dieses EUROPA muss seine Identität finden, auch seine Mythen, sowie seine Stärken sammeln, um in der globalen Welt der Zukunft mit ihren demnächst 9,2 Milliarden Erdenbürgern bestehen zu können.Die Jugend, also auch Sie, liebe Studierende, wird sich für dieses große EUROPA
einbringen, vielleicht auch dafür streiten müssen, wahrscheinlich auch gegen manchen
beharrlichen Alten. Viele müssen sich engagieren, vor allem die Jugend. Viele Alte werden ihr Denken in Sinne eines großen EUROPAS umformatieren müssen. Das gilt besonders für Deutschland, wo die Erkenntnis, dass Veränderungen kommen müssen, durchaus vorhanden ist, wo die meisten Alten aber zu feige oder zu selbstgefällig sind, das umzusetzen.Ihnen, liebe Studierende, stehen alle Möglichkeiten zur Verfügung, sich für das Projekt
EUROPA zu engagieren - im Internet vor allem. Ihre Möglichkeiten sind unermesslich,
umfangreich und schlagkräftig.Fangen Sie umgehend an, Einfluss auf die Entwicklung EUROPAS zu nehmen.
Schön wäre es, wenn Sie sich beim virtuellen Parlament der Jugend für EUROPA
einbringen würden, das wir im Internet zu gründen beabsichtigen.Zentrale Aufgabe muss sein, hinderliche Vorurteile zwischen den Menschen und
den Ländern in EUROPA abzubauen. Dazu bedarf es des Gesprächs zwischen
Menschen mit Bildung, die vor allem die Transparenz zu den historischen Wahrheiten
der Vergangenheit nicht scheuen.Ein wenig Rebellion durch die gebildete Jugend wäre hilfreich, als Salz in der Suppe
wie 1968. Bewusstsein, Einfallsreichtum und Mut sind gefragt! Die Werte dieses großen EUROPAS vom Atlantik bis zum Pazifik müssen herausgearbeitet werden. Eine Struktur des Zusammenlebens in EUROPA gilt es zu entwickeln, die gleichermaßen durch die Achtung vor dem Menschen wie durch die Effizienz der Gemeinschaft geprägt sein muss.Die Zeiten der Ismen, des Merkantilismus, Marxismus, Kapitalismus, Kommunismus,
Sozialismus, Nationalismus sind vorbei. Eine neue Grundlage des Zusammenlebens
gilt es zu finden für das EUROPA der Zukunft.Die „Soziale Marktwirtschaft mit ihrer ökologischen Verantwortung“, die in Deutschland
entwickelt wurde, ist ein guter Ansatz. Der deutsche Sozialstaat kann als Kulturgut
von EUROPA bezeichnet werden. Aber der Sozialstaat kostet viel Geld. Das muss erwirtschaftet werden. Viel Wert schöpfende Arbeit wird benötigt. Dabei werden wir EUROPÄER in starkem Wettbewerb mit anderen Kultur- und Wirtschaftsräumen stehen. Auch die anderen, besonders China und Indien, werden Arbeitsplätze zum Überleben schaffen müssen.Wichtig scheint mir auch zu sein, dass zukünftig den regionalen Ethnien mehr Beachtung geschenkt wird. Regionale Ethnien haben ihre Traditionen, Kulturen und
Prägungen. Das Leben mit diesen heimatlichen Werten gibt dem Bürger den erforderlichen emotionalen Rückhalt und damit Kraft, die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen. Bedeutsam sind die regionalen Ethnien auch für die Einbürge4
rung der Immigranten. Die vor etwa 150 Jahren entstandenen Nationen sind weniger natürlich gewachsene als eher künstliche Gebilde. Denkbar ist, dass die Nationen früher oder später sogar wieder verschwinden, vielleicht sogar verschwinden müssen.
Englisch wird die nationalen Sprachen als Amtssprache in der Europäischen Union
ablösen. Die regionalen Sprachen werden an Bedeutung zunehmen; sie geben dem
Bürger die Gewissheit von Identität. Hier in Ilmenau sind das die Mundarten Zentralthüringisch, Ilmthüringisch und Hennebergisch.Die letztlich alles tragenden regionalen Ethnien können nur dann unter dem Dach
einer europäischen Zivilisation in Würde leben, wenn diese europäische Zivilisation die regionalen Ethnien ausdrücklich respektiert. Die Zivilisation von EUROPA muss bürgernah sein.Für manchen Alten unter uns mögen solche Worte unsinnig, vielleicht revolutionär
klingen. Tatsache aber ist, dass die Jugend in unserem großen EUROPA schon
sehr viel weiter ist, als viele Alten wissen.Die Jugend lebt das EUROPA der Zukunft bereits und sie tut es durch Musik, Sport,
Tourismus. Die 19jährige Abiturientin Lena hat uns das am 29. Mai 2010 auf dem
Eurovision Song Contest von Oslo aus gezeigt. Ihr englischsprachiges „Satellite“ ist
ein frisches Lied über die unbekümmerte, jugendliche Liebe ohne die Grenzen von
Zeit und Raum.„I went everywhere for you“.Dieses „Satellite“ haben alle Jugendlichen EUROPAS zur gleichen mitternächtlichen
Stunde, alle Ethnien in allen Regionen EUROPAS, gesungen. Ein Rausch erfasste EUROPA.Liebe Studierende, Ihr großes EUROPA der Zukunft war plötzlich ganz nah. In den
Herzen der Jugend haben die Regionen EUROPAS schon heute keine Grenzen
mehr. Verteidigen Sie, liebe Studierende, diese Erkenntnis mit Zähnen und Klauen. Sie
sollten dabei wissen, dass Wirtschaft und Wissenschaft Ihnen mächtige Verbündete
sind. Die denken und handeln bereits in globalen, auch europäischen Maßstäben.
Nur die Politiker und solche, die denen nach dem Munde reden, denken noch in
nationalen Strukturen, oft genug nur zur Erhaltung ihrer Macht.Die WettbewerberLaut Berechnungen der UNO werden wir 2025 etwa 8 Milliarden Erdenbewohner haben, in 2050 sogar 9,2 Milliarden. Flugzeug, Container und Speicherchip haben die Welt klein gemacht; Menschen, Waren und Informationen können zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt zeitnah bis zeitgleich sein.Die Verstädterung der Welt wird zunehmen. In 2025 werden 60% der Menschen in
Städten leben. Die Logistik der Versorgung dieser Ballungsräume mit Waren und Medien ist ein zentrales Thema.Eine wichtige Vorgabe wird der effiziente Umgang mit den Rohstoffen einschließlich
Wasser und Energie sein. Der Mensch wird zukünftig rundum in Stoffkreisläufen
leben müssen, was er demnächst auf dem Mond eh muss. Auch das CO2 aus der
Verbrennung von Kohlenstoffträgern wird der Anforderung des Stoffkreislaufs genügen
müssen. Wer heute geboren wird, wird wahrscheinlich 100 Jahre alt. Bildung, medizinische Versorgung und Unterhaltung werden zunehmend wichtig, von der Kinderkrippe bis ins hohe Alter.Die Existenz zunehmend perfekter Informationstechniken verstärkt mehr und mehr
die Forderung der Bürger nach mehr Transparenz bei den Entscheidungsträgern und den Verwaltungen. Der Sturm gegen Stuttgart 21 ist ein Beispiel. Für die Medien wird ein neuer Codex der Ehrenhaftigkeit, der den sehr vielfältigen informationstechniken Rechnung trägt, erdforderlich.In der Zukunft wird es große Projekte geben wie die Erhaltung der Vielfalt der Natur,
die Nutzung des Weltalls, die Entwicklung der Gentechnik, die interkontinentale
Energieversorgung, die Nutzung der Meere, die Modernisierung Afrikas. Der Bedarf an fortschrittlicher Technik ist groß. Wer wird sie produzieren?
Der Wettbewerb bei der Lieferung von Maschinen, Anlagen und Vorprodukten für die Produktion von Industriegütern und Konsumgütern wird zunehmen. Wesentlicher Grund für diesen scharfen Wettbewerb ist, dass von den bald 8 Milliarden Erdenbürgern 4 Milliarden mit Arbeit zu versehen sind, möglichst mit Wert schöpfender Arbeit. Fehlende Arbeit ist der Nährboden für gewalttätige Auseinandersetzungen, für Terrorismus und Revolutionen.Vor allem solche Volkswirtschaften werden als Wettbewerber gegenüber EUROPA
auftreten, bei denen die Landwirtschaft nicht mehr genügend Arbeit schafft, ein
Verständnis von Industrialisierung aber schon besteht. Das trifft vor allem auf China und Indien zu. Die beiden müssen Arbeitsplätze schaffen. Sie müssen und werden produzieren, auch zunehmend Industriegüter. Es ist eine Überlebensfrage für sie.
Allerdings verfügen China und Indien weder über Rohstoffe, Erdöl und Erdgas,
noch haben sie ausgeprägte Inlandsmärkte.Beide, China und Indien, suchen deshalb weltweit sowohl die Einsatzstoffe für ihre
Produktionen als auch die Märkte für ihre Produkte. Überall in der Welt sind chinesiche
Investoren und Händler unterwegs. Es wird nach dem Kampf der Ideologien nunmehr ein Kampf der Volkswirtschaften um Wert schöpfende Arbeit entstehen. Noch merken wir ihn nicht, im Gegenteil.

Noch liefern wir Industriegüter nach China und Indien, um dort die Produktionen
aufzubauen. Einige Worte zu unseren Wettbewerbern seien mir gestattet. Ich möchte Ihnen, liebe Studentierende, keine Angst einjagen, wohl aber möchte ich Sie hellwach machen. Schließlich geht es um die Zukunft EUROPAS und damit um Ihre Zukunft.
Studentinnen und Studenten aus China oder Indien, die anwesend sind, bitte ich, meine folgenden Ausführungen zu ihren Ländern als Kompliment zu verstehen. Wenn man über China spricht, muss man sich der chinesischen Eigenschaften bewusst
sein, die chinesisches Handeln zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit
bestimmen.Die wichtigsten chinesischen Eigenschaften sind für mich1. der ungehemmte Drang, alles Fremde zu analysieren und das Beste darin herauszufinden,2. die Fähigkeit, das Gefundene zu adaptieren und das möglichst Gewinn bringend,3. der Mut, Risiken auf sich zu nehmen, und4. der unbändige Fleiß.Die Volksrepublik China hat ein in der Welt einmaliges Arbeitskräftepotential. Es ist
riesig und muss unbedingt beschäftigt werden. Von 1949 bis heute, also in 61 Jahren,
wuchs die Bevölkerung Chinas von 540 Millionen auf 1,33 Milliarden. Das Land braucht viel Arbeit, Wert schöpfende Arbeit vor allem, um den Frieden im Land zu gewährleisten. Die Landwirtschaft kann das bei weitem nicht leisten. China steht mit
dem Rücken an der Wand. Die Produktion von Industriegütern und von Konsumgütern
ist der Ausweg.China kann alles produzieren, von der Ramschware bis zum Hightech-Produkt. Insofern
ist China ein Novum in der Weltwirtschaftsgeschichte. Niedrige Personalkosten und eine unterbewertete Währung sind die Waffen Chinas, um Arbeit im Land zu schaffen. China ist auf dem Wege, sehr bald die Fabrik der Welt zu sein. Noch allerdings importiert China Industriegüter, die es für den Aufbau seiner weiteren Produktion braucht. Bald aber werden auch diese Industriegüter in China hergestellt. Zunehmend investiert China aber auch gezielt in Forschung und Entwicklung. China ist dabei, auch die Forschungs- und Entwicklungsanstalt der Welt zu werden. Kapital und gut ausgebildete Gehirne sind im Überfluss vorhanden.China hat einen jährlichen Handelsbilanzüberschuss von bereits über 250 Milliarden
US$. Zusammen mit Hongkong und Taiwan verfügt es über viele Billionen US$, die darauf warten, zum weltweiten Einkauf von Ressourcen und Technologien eingesetzt
zu werden, auch für Brückenköpfe der Eroberung von Märkten, wie es in Griechenland
und Belarus mit Blick auf die Europäische Union und die Russische Föderation bereits geschieht.Und die Exportquoten mancher seltener Metalle, von denen die Chinesen zum Teil
mehr als 90 Prozent kontrollieren, werden von China schrittweise verringert. Der Sicherung von Rohstoffen und Märkten dient auch die Shanghai Cooperation Organization (SCO) mit ihrem Sitz in Beijing. Der SCO gehören neben China wichtige
Staaten Zentralasiens, des asiatischen Subkontinents und aus dem Orient an, als Mitglieder, Beobachter und Dialogpartner. Auch Russland ist Mitglied. Arbeitssprachen
der SCO sind Chinesisch und Russisch. Die SCO vertritt derzeit rund ein Viertel der Weltbevölkerung, mit zunehmender Tendenz, und stellt damit weltweit die größte Regionalorganisation dar. Das wichtigste Ziel der SCO ist die „Mitwirkung und Zusammenarbeit auf politischen, wissenschaftlich-technischen, kulturellen,
touristischen und ökologischen Gebieten, im Bereich des Handels, der Energie
und des Transports“.Zu beachten ist auch die Migration junger, chinesischer Männer ins russische Sibirien,
wo sich die Lagerstätten der Rohstoffe befinden, die auch für uns Europäer wichtig sind.Und ein ehemaliger Vorstand von Mitsubishi sagte mir vor vierzehn Tagen in Berlin, dass sich China in einer derartig starken Entwicklung befindet, dass in 25 Jahren Japan wahrscheinlich ein Teil von China sein wird, wie auch immer geartet. Die Strategie Chinas wird festgelegt und verfolgt von einer herausgehobenen Elitegruppe
der elitären Kommunistischen Partei Chinas, die 80 Millionen Mitglieder hat, was 6% der chinesischen Bevölkerung ist. Weitere Parteien gibt es nicht. Die Elitegruppe der Partei benennt die Führung des Landes, die nicht von den Bürgern durch Wahlen bestätigt wird. Das hat alles nichts mit Demokratie zu tun, wie wir sie pflegen.Offensichtlich aber ist die Einparteienherrschaft in China ein sehr erfolgreiches System, um ein derartig riesiges Land, das wegen seiner großen Bevölkerung durchaus zerbrechlich ist, unzerbrochen in eine friedliche Zukunft zu führen. Wir sollten nicht unterschätzen, wie wichtig die Stabilität Chinas für die ganze Welt, auch für uns ist. In China wird schnell und zielorientiert entschieden. Private Initiativen in der Wirtschaft werden ausdrücklich begrüßt, so lange sie unpolitisch bleiben. Der diesjährige Nobelpreis für Frieden mischt sich unangemessen in China ein. Dieser zunehmend politisierte Preis aus dem satten Norwegen ist ein dummer Versuch, das aufstrebende China zu schwächen.Auch die Republik Indien braucht Arbeit und ist ein Land ohne Rohstoffe und ohne
nennenswerten Markt. Deshalb haben die Inder für ausländische Unternehmer und
Unternehmen weltweit agierende Call–Center geschaffen, die ihresgleichen suchen,
und eine riesige Software-Branche, die vor allem Programme für Logistik und Planung
erstellt. Viel Wissen über das Funktionieren der übrigen Welt wurde nach Indien
transferiert, vor allem über Wirtschaft und Technik. In großer Kenntnis über Europa und Amerika ist Indien inzwischen auch auf dem Weg, zu einem bedeutenden
Industriestandort mit und für Hochtechnologie zu werden, wie China. Indien betreibt zunehmend Deregulierung. Darüber hinaus zeichnet sich Indien durch hohes Management-Talent aus, das an indischen Elite-Universitäten mit äußerst rigiden
Auswahlprinzipien gefördert wird.

China und Indien werden zunehmend zu sehr scharfen Wettbewerbern für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Sie stellen heute zusammen knapp 40% der
Weltbevölkerung, die Europäische Union etwas mehr als 7%. Alle drei - China, Indien und die Europäische Union - verfügen nicht über Rohstoffe und Brennstoffe und aus unterschiedlichen Gründen auch nicht über genügend Inlandsmarkt. Deshalb bemühen sich die drei sehr um die russische Föderation, das vor allem wegen seiner riesigen Größe reich an Ressourcen und auch reich an Märkten für Technik ist. Alle drei bieten den Russen fortschrittliche Technologie an. Noch haben die Mitgliedstaaten der Europäischen Union gegenüber China und Indien einen Vorsprung in der Qualität ihrer Produkte. Ein weiterer Vorteil für Europa ist, dass die Europäische Union und Russland demselben Kulturkreis angehören. Das historische Gedächtnis erinnert die Russen bis heute daran, wie abträglich für die Entwicklung Russlands die Tributzahlungen an die zentralasiatischen Mongolen im Spätmittelalter waren. Vorsprung und Vorteil gilt es zu sichern.Zu Amerika ist zu sagen, dass Präsident Obama die unilaterale Politik der USA, der
Sheriff der Welt zu sein, beendet hat. Nun werden die USA und die übrigen Staaten
Amerikas in zunehmender Gleichberechtigung wieder neubeginnen, sich im Rahmen
einer Amerikanischen Freihandelszone zu einem gemeinsamen Markt zu entwickeln,
von Alaska bis Feuerland. Dieser Verbund verfügt über 800 Millionen Einwohner, 60 Millionen mehr als EUROPA - die Europäische Union, Russland und die übrigen europäischen Staaten zusammen, aber sehr deutlich weniger als China und Indien. Die USA und die anderen amerikanischen Staaten gemeinschaftlich sind ein starker Wettbewerber, auch ein großer Markt, den diese bestrebt sein werden selbst zu bedienen.Ich empfehle, Magnifizenz, Kolloquien durchzuführen, in denen versucht wird, die
Strategien der Wettbewerber China, Indien, Amerika und EUROPA nachzuvollziehen.
Europäische GUS und Europäische Union.Um im Wettbewerb der Zukunft gegenüber China, Indien und Amerika bestehen zu
können, muss sich Europa inhaltlich und organisatorisch sehr viel schlagkräftiger
aufstellen, als es heute dasteht, in Osteuropa wie in Westeuropa. Die Ruhekissen der nationalen Eitelkeiten und der Selbstgefälligkeit müssen ausgetauscht werden durch harte Bretter, die nicht zum Ausruhen verführen, sondern zum Aufstehen und Arbeiten drängen.Unser EUROPA der Zukunft, das Europa vom Atlantik bis zum Pazifik, zählt 46 Länder.
Dabei habe ich die europäischen Teile der Türkei und Kasachstans nicht mitgezählt,
jedoch aber Zypern, dass zwar nicht zum geographischen Europa, wohl aber zur Europäischen Union gehört.Vier osteuropäische Länder, nämlich Russland, Ukraine, Belarus und Moldawien,
sind mit anderen ehemaligen Sowjetrepubliken in der Gemeinschaft Unabhängiger
Staaten - GUS - verbunden. Im Folgenden bezeichne ich den europäischen Teil von
GUS mit Russland, Ukraine, Belarus und Moldawien als Europäische GUS, wohl
wissend, dass es diese vertragsrechtlich nicht gibt, kulturell aber sehr wohl. 27 west- und mitteleuropäische Länder sind zusammengeschlossen in der Europäischen Union.Etwa 740 Millionen Menschen leben in diesem großen EUROPA.Die Europäische GUS mit Russland, Ukraine, Belarus und Moldawien zählt etwa
200 Millionen; das sind 27% der Bevölkerung von EUROPA. Die Europäische Union hat etwa 500 Millionen Einwohner, also 68 % der Bevölkerung von EUROPA.Der verbleibende Rest von 5% entfällt auf sieben Balkanländer und acht westeuropäische Länder, darunter fünf Zwergstaaten. Russland ist mit seinen 140 Millionen Einwohnern, davon 100 Millionen im geographischen Europa, das bevölkerungsreichste Land des großen EUROPAS, gefolgt von Deutschland, Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Italien und der Ukraine. Interessant ist auch die Verteilung der Flächen. Russland ist mit 17 Millionen km2 das größte Land der Welt, fast doppelt so groß wie China. Selbst wenn wir die Fläche Russlands nur im geographischen Europa, also bis zum Ural, betrachten, dann steht Russland nicht nur aufgrund seiner Bevölkerung, sondern auch der Fläche nach gerechnet an der Spitze unseres großen EUROPAS.Die Fläche der Europäischen GUS bis zum Ural beträgt 4,9 Millionen km2, die Fläche
der Europäischen Union 4.3 Millionen km2. Die Fläche der Europäischen GUS bis zum Ural ist also 14 % größer als die der Europäischen Union. Es schmeichelt den Deutschen, wenn die Deutsche Welle von sich sagt, dass sie „Aus der Mitte Europas“ sendet. Das ist zumindest geographisch gesehen falsch. Tatsächlich liegt der Ost-West-Mittelpunkt des geographischen Europas in der Ukraine, und zwar in Rachiv an der rumänisch-ukrainischen Grenze, etwa 500 km süd-westlich von Kiew. Dort haben österreichisch-ungarische Geodäten 1887 dazu einen Obelisk errichtet.Die Europäische GUS mit ihren vier osteuropäischen Ländern wie auch die Europäische Union mit ihren 27 west- und mitteleuropäischen Ländern müssen sich auf den Wettbewerb mit China, Indien und Amerika vorbereiten. Die beiden Gruppen
müssen sich organisieren und dann als EUROPA zusammenfinden, in welcher Form auch immer.Für die Europäische GUS bedeutet das, dass sie im ersten Schritt das Selbstverständnis eines Kultur- und Wirtschaftsraums erreicht. Für den bereits bestehenden Kultur- und Wirtschaftsraum Europäische Union bedeutet das, dass Bürgernähe eingeführt wird. Die Europäische GUS konnte sich bisher nicht als ein Kultur- und Wirtschaftsraum aufstellen und konnte kein gemeinsames Auftreten finden.Wesentliche Gründe sind nationaler Stolz und Basarmentalität der Länder, beides
keine praktikablen Eigenschaften für die Zukunft EUROPAS. Die Ukraine hat den Vertrag der GUS bis heute nicht ratifiziert und sie bezeichnet sich deshalb selbst
formal nicht als Vollmitglied, sondern nur als teilnehmendes Mitglied. Obwohl Belarus
und Russland gelegentlich einen Unionsstaat miteinander beschlossen haben, befinden sie sich im Streit über die Verrechnung von Gastransporten und Gaslieferungen.Russland und Ukraine haben sich aus dem gleichen Grund ebenfalls gerieben. Auch gelang der Europäischen GUS bis heute kein gemeinsamer Auftritt gegenüber der Europäischen Union. Die Länder Russland, Ukraine und Belarus sind historisch gesehen ohne Zweifel Geschwisterländer, vor allem wenn man die 200 Jahre vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1991 zu Grunde legt. Es waren zwei Jahrhunderte voller kultureller und technischer Entwicklung und unendlichen, gemeinsam ertragenen Leids. Während dieser Zeit waren die Länder verbunden im Russischen Kaiserreich und in der Sowjetunion, abgesehen von kleinen Unterbrechungen nach dem ersten Weltkrieg.Aber während der etwa 450 Jahre davor waren Ukraine und Belarus zu großen Teilen
von der Adelsrepublik Polen-Litauen okkupiert. Polen hielt zu Beginn des 17.
Jahrhunderts sogar den Kreml in Moskau besetzt, wo es einen katholischen Zaren
einzusetzen versuchte. Polen galt als der Erzfeind der Russen. Das damals abwehrende Wort „Europäisierung Russlands“, was im Grunde die Ausdehnung des lateinischen Westeuropa nach Osten meinte, vergiftet noch heute – falsch verstanden -
das historische Gedächtnis der Russen. Es stimmt schon nachdenklich, wenn die DUMA, das Parlament der Russischen Föderation, in 2005 für den neuen Feiertag
„Tag der Einheit des Volkes“ den 4. November wählte. Es ist der Tag der Befreiung
Moskaus von den polnischen Besatzern in 1612.Vor der polnischen Beherrschung waren wesentliche Teile Russlands diesseits des
Urals, der Ukraine und von Belarus vereint in der Kiew Rus, einem riesigen Vielvölkerstaat in Osteuropa, den die schwedischen Wikinger in der Mitte des 9. Jahrhunderts gegründet hatten. Schweden und die Ukraine führen noch heute dieselben Staatsfarben: Blau und Gelb. Dieses Reich war dem Ansturm der mongolischtürkischen Horden im 13. Jahrhundert nicht gewachsen und zerfiel.
Viele Differenzen zwischen den osteuropäischen Geschwisterländern Russland,
Ukraine und Belarus sind aber auch in ihren sehr verschiedenen Grundausstattungen
begründet. Russland ist mit 140 Millionen Einwohnern übermächtig. Die Ukraine ist mit ihren 46 Millionen Einwohnern ein Staat im oberen Bereich der mittelgroßen Staaten Europas. Belarus ist mit seinen knapp 10 Millionen Einwohnern dagegen vergleichsweise klein. Russland ist ein Rohstoff- und Energieland und sehr reich. Die Ukraine ist ein Technologieland mit einigen Rohstoffen und relativ lebensfähig. Belarus ist ein Land der Wertschöpfung und hat den höchsten Lebensstandard der Länder im GUS. Der Russe ist Händler. Der Ukrainer ist Produzent. Der Belarusse ist Dienender.Alle drei Länder haben einen Präsidenten, den die Führungseliten des jeweiligen Landes vorschlagen und der vom Bürger durch Wahlen bestätigt wird, wobei es in
den Ländern Unterschiede im Findungsprozess gibt. Man muss objektiv feststellen,
dass im Großen und Ganzen die Bürger in den drei Ländern mit ihrem jeweiligen
System zufrieden sind.In Russland und Belarus gibt es Dessidenten, keine wirkliche Opposition. Opposition
ensteht in postdiktatorischen üblicherweise in der herrschen Klasse. Fairerweise muss festgestellt werden, dass die Länder der Europäischen GUS auch von außen darin gestört werden, sich zu finden, warum auch immer.Die von den USA gesteuerte Diskussion um die Aufnahme der Ukraine in die NATO
hat das Verhältnis Russlands zur Ukraine sehr gestört. Glücklicherweise hat der neu gewählte Präsident der Ukraine Viktor Janukowitsch dieses Thema zu den Akten
gelegt.Auch haben die Angebote der USA, in Polen und Tschechien Abwehrraketen zu
stationieren, Angebote, die dort angenommen wurden, das Verhältnis zu Russland
und damit unser EUROPA gestört.Die mit ausdrücklicher Unterstützung der USA gegründete GUAM der Länder Georgien,
Ukraine, Aserbaidschan und Moldawien trägt nicht zur Verständigung in der
Europäischen GUS bei.Aber auch die Europäische Union behindert einen Gleichschritt in der Europäischen
GUS. Ihre so genannte „Östliche Partnerschaft“ betreibt ohne Einbindung Russlands
eine Gleichbehandlung der europäischen Staaten Belarus, Ukraine, Moldawien und der asiatischen Staaten des Südkaukasus Georgien, Armenien und Aserbaidschan im Hinblick auf zukünftige Assoziierungsabkommen. Das ist gegenüber Russland aus einigen Gründen wenig einfühlsam, zumal die EU allen sechs, auch Georgien, gleichermaßen die Mitgliedschaft in der Europäischen Union in Aussicht stellt - bisher allerdings offenbar nur mündlich. Russland fühlt sich isoliert, zumindest düpiert.Auch ist es nicht nachvollziehbar, dass den Ukrainern die Einreise in die Länder der
Europäischen Union ohne Visum verwehrt wird. Die Ukraine hat den Visumzwang für die Bürger der Mitgliedstaaten der EU bei einer Reise in die Ukraine einseitig bereits vor vier Jahren abgeschafft.Und wenn ein ehemaliges Mitglied der Kommission der Europäischen Union vor
wenigen Wochen in Berlin den russischen Ministerpräsidenten Putin als einen sehr gefährlichen Mann bezeichnete, dann zeugt das weder von Kenntnis noch Stil und ist das eine Intrige. Solche Politik ist wenig förderlich für den Aufbau eines gemeinsamen
EUROPAS als Bollwerk im Wettbewerb mit China, Indien und Amerika.Und die russischen Truppen auf dem Boden Moldawiens in Transnistrien fördern
kaum das Verständnis zwischen Moldawien, Russland und der benachbarten Ukraine.
Jeder, der Sand ins Getriebe EUROPAS schüttet, versündigt sich an EUROPA,
somit an Ihrer Zukunft, liebe Studierende.Die Jugend ist gefordert. Befassen Sie sich mit den vier Ländern der Europäischen
GUS, besonders allerdings mit Russland und der Ukraine, die jedes für sich eine
große Bedeutung für unser EUROPA der Zukunft haben, Russland wegen seiner
Roh- und Brennstoffe und die Ukraine wegen ihrer Bedeutung als Transferland
nach Zentralasien und in die Türkei, beide auch wegen des Reichtums an Bio12
masse.Für unser großes EUROPA ist es zentral wichtig, dass sich Russland, Ukraine, Belarus und Moldawien sehr bald als ein von ihren Bürgern getragener Kultur- und
Wirtschaftsraum aufstellen und ein gemeinsames Auftreten finden.
Die Führungen von Russland, Ukraine, Belarus und Moldawien sind deutlich gefordert.
In West- und Mitteleuropa ist die Europäische Union entstanden. Es ist ein funktionierende Kultur- und Wirtschaftsraum, leider allerdings ohne die gewünschte
Bürgernähe.In der Europäischen Union sind derzeit immerhin 27 Ländern mit insgesamt 500
Millionen Einwohnern organisiert. Aufgabe der Europäischen Union ist es gemäß des EU-Vertrages von Maastricht von 1992, die Europäische Integration zu fördern. Dazu sollen die Stärkung und die Konvergenz der Volkswirtschaften der Länder in Europa herbeigeführt werden. Grundlagen allen Handelns der Europäischen Union ist die Charta der Grundrechte der Europäischen Union vom 7. Dezember 2000, welche die Grund- und Menschenrechte für die Europäische Union kodifiziert.Die Europäische Union ist inzwischen der größte Binnenmarkt der Welt und die
weltgrößte Handelsmacht. Auch ist sie ein großer Geber von finanzieller und technischer Unterstützung für ärmere Länder. Wir sind alle direkt und indirekt von der
Politik und den Aktionen der Europäischen Union betroffen.
Die Europäische Union beschäftigt zur Erledigung der ihr gestellten Aufgabe insgesamt
etwa 45 000 Beamte und Angestellte. Sie hat ein Budget von etwa 120 Milliarden
Euro. Leider befindet sich unser großes EUROPA nicht auf der Tagesordnung der Europäischen Union.National



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