Kommentar zum Tagesspiegel (5.3.2012): Ostdeutschlands Mief darf nicht auf den Westen abfärben


Mehr als 170 Leserkommentare provozierte der Beitrag des in Berlin lebenden türkischen Publizisten Zafer Şenocak Ostdeutschlands Mief darf nicht auf den Westen abfärbenDer Leser beinta fragt: "Warum muss Osthetze sein? Warum muss eigentlich bei jeder Gelegenheit, bei der die Alt-BRD merkt, dass bei ihr was nicht optimal läuft, der Osten schlechtgemacht werden? Meint jemand, dass Ost-Bashing die deutsch-deutsche Integration befördert?"Und die Leserin julia46 antwortet: "ich glaube: 1.weil der mensch als solcher immer einen sündenbock braucht, 2. weil manch einer sich dadurch selbst erhöhen kann und 3. weil die probleme komplex sind und manch einer dann eben nach der anscheinend einfachsten lösung greift. den text von herrn senocak halte ich für eine verklärende "westalgie", die sich mit den wirklichen ursachen für die gesellschaftlichen veränderungen kaum auseinadersetzt.solche beiträge machen mir immer angst, weil sie erkennen lassen, wie dünn die soziale tünche oft ist udn wie schnell menschen dazu bereit sind andere zu diffamieren, auszugrenzen udn wahrscheinlich auch schlimmeres...."Der Leser ralffrh merkt an: "Sehr geehrter Autor, Als ich Ihren Artikel gelesen habe und Ihre Glorifizierung der "guten" westdeutschen Zeit ist mir sofort Günter Wallraff " Ganz Unten " eingefallen. So rosig scheinen die Zeiten ja wohl doch nicht gewesen zu sein. Noch zwei Sätze: Alle Ostdeutschen über einen Kamm scheren ist wie alle Migranten über einen kamm scheren. Zur Integration gehören immer zwei, einer der integrieren will und einer der sich integrieren lassen will."Ich habe dort folgenden Kommentar hinterlassen:

Es gibt viele Arten des Unrechts

Der Autor spricht abfällig vom Mief im Osten, der auf den Westen abfärben würde. Das ist weder sachlich noch menschlich okay:
  1. Den 68er Aufbruch gab es nicht nur im Westen, sondern auch im Osten. Im Gegensatz zum demokratischen Westen konnte der "Prager Frühling" niedergewalzt werden. Erst 20 Jahre später konnten die freiheitlichen Kräfte des Ostens, in Leipzig, Plauen, Berlin, Rostock usw. den Kalten Krieg beenden und damit die Gefahr bannen, dass sich Deutsche irgendwann gegenseitig mit Waffengewalt massakrieren würden.
     
  2. Mit der Wiedervereinigung gab es gerade im Westen aus einer Erstarrung Ende der 80er Jahre heraus die Chance auf einen plötzlichen Neustart. Die Wiedervereinigung war eine Sonderkonjunktur für die politische Klasse ebenso wie für die Wirtschaft, die ca. 20 Prozent Produktionsreserven ausschöpfen konnte.
     
  3. Die Wiedervereinigung bot die Chance, das bundesdeutsche Rechts- und Gesellschaftssystem komplett zu erneuern. Dass dies unterblieb, ist nicht Schuld des beigetretenen Ostens, sondern allenfalls des Beitritt gestattenden Westens.
     
  4. Auch in der DDR gab es eine Fremdarbeitervergangenheit. Vertragsarbeitnehmer nahmen eine ähnliche Rolle ein wie die Türken in der BRD. 1989 waren >60.000 Vertragsarbeitnehmer vietnamesischer Herkunft und >30.000 aus Kuba, Mosambik, Polen und Angola in der DDR ansässig. Sie wurden zeitlich befristet bis zu fünf Jahren in DDR-Betrieben beschäftigt, teilweise auch ausgebildet.
     
  5. Dass die Menschen in der DDR nach 1990 über Nacht radikale soziale Verwerfungen mit zwei Millionen Arbeitslosen und jahrelanger extremer Einkommensschwäche verarbeiteten, ohne an der Demokratie zu verzweifeln, verdient Hochachtung und nicht etwa Geringschätzung.
     
  6. So gesehen, entstammt der Mief, den der Autor im Osten wahrzunehmen glaubt, vielleicht den Kleidern, mit denen er selbst auf diese Reise gegangen ist.
     




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