Blogs / 2012 / Mai

Das Leben ist einfach zu kompliziert - Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Nr. 8/11


4. Wieso machen Menschen „Fehler“?For once in my life I’m confused oder das Leben ist einfach zu kompliziertDer Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker Rupert Riedl beklagt, dass der Mensch letzten Endes mit dem Gehirn der prähistorischen Zeit auf das Industriezeitalter losgelassen worden ist. Seine geistigen Kapazitäten sind begrenzt. Er kann bei vielen Problemen nicht alle möglichen Alternativen „durchrechnen“ und dann nach dem Erwartungswert entscheiden, sondern ist häufig darauf angewiesen, Heuristiken zu verwenden. Das sind Näherungsverfahren, die meist recht gute Ergebnisse liefern, aber in bestimmten Situationen zu systematischen Fehlern führen.

Abkürzungen, die das Leben und das Einschleichen von Fehlern erleichternDiese Heuristiken sind zumeist einfache Regeln mit geringem Informations- und Rechenaufwand, die in der Regel brauchbare Lösungen liefern. Dabei werden Erfahrungen aus der Vergangenheit und Kontextinformationen genutzt, um Entscheidungsprobleme zu lösen. Dieses Erfahrungswissen speist sich häufig aus dem Bauchgefühl, emotionale Erfahrungen (Schemata) oder bookmarks, die im limbischen Teil des Gehirns abgespeichert sind und wesentlich schneller zur Verfügung stehen als rationale Überlegungen des Großhirns. Besonders in Stresssituationen können diese emotionalen bookmarks rationale Überlegungen verdrängen. In entsprechenden Experimenten zeigte sich auch, dass unter Stress selbst offensichtliche Signale (Objekte, Geräusche etc.) nicht wahrgenommen werden. Im Folgenden wird dargestellt, wie die diesen Heuristiken zu Grunde liegenden Vereinfachungen zu systematischen Fehlern führen.

1. Repräsentativität – verführerisches SchubladendenkenMenschen müssen kategorisieren. Kann ein Objekt aufgrund einiger Merkmale (beispielsweise: hat Federn) einer Kategorie (Vögel) zugeordnet werden, können durch Analogieschlüsse weitere Aussagen gemacht werden (legt Eier). Allerdings ordnen Menschen häufig vorschnell ein Objekt einer Kategorie zu, wenn sie bei einigen Aspekten Übereinstimmungen erkennen. So wird eine Folge von Münzwürfen, die viermal in Folge Zahl ergibt, von vielen als nicht zufallsverteilt interpretiert, obwohl dieses Ergebnis bei einer derart niedrigen Zahl von Beobachtungen durchaus  vorkommen kann. Ähnlich der sogenannte Trugschluss des Spielers (gambler’s fallacy), der glaubt, dass eine Zahl oder Karte, die lange nicht gespielt wurde, „an der Reihe sei“.

2. Verfügbarkeit – trügerisches Gedächtnis …Es bereitet Menschen große Probleme, mit Wahrscheinlichkeiten zu rechnen. In Untersuchungen zeigte sich, dass Probanden mit einer Aussage wie, dieses Ereignis tritt im Schnitt alle 5 Jahre ein, deutlich mehr anfangen können als mit der inhaltlich gleichen Aussage, „die jährliche Eintrittswahrscheinlichkeit liegt bei 20%“. Auch bei
Experimenten, in denen logische Schlussfolgerungen gezogen werden sollen, zeigt sich, dass die Ergebnisse deutlich besser werden, wenn das Problem in einem geläufigen Kontext geschildert wird. Müssen Menschen Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen einschätzen, so suchen sie in ihrem Gedächtnis nach entsprechenden Beispielen.Je präsenter die Erinnerung ist, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit eingeschätzt. So kann häufig ein Nachfrageanstieg nach Schadensversicherungen festgestellt werden, wenn in den Medien über ein Hochwasser, Sturmschäden oder eine Massenkarambolage auf der Autobahn berichtet wurde. Für die USA wurde sogar ein Zusammenhang zwischen ereigneten Katastrophen und einem Anstieg der abgeschlossenen Lebensversicherungen in einer vergleichenden Studie zwischen verschiedenen Bundesstaaten nachgewiesen.35 Der Verfügbarkeits-Bias könnte auch die Prozyklität des Anlegerverhaltens erklären. Wenn die Aktienkurse schon seit längerer Zeit gestiegen sind und darüber im Freundeskreis und in den Medien berichtet wird, steigt die Bereitschaft, in Aktien zu investieren. Sind die Aktien dagegen deutlich gefallen, möchten Anleger nichts von Aktien wissen, auch wenn sie persönlich gar keine Kursverluste erlitten haben und die niedrigeren Kurse die bessere Kaufgelegenheit wären. Eine Untersuchung zu den Inflationserwartungen im Vereinigten Königreich hat gezeigt, dass ein Anstieg der aktuellen Inflationsrate um einen Prozentpunkt zu einem Anstieg der Inflationserwartungen um rund einen 3/4 Prozentpunkt führt.36 Während eine derartige Anpassung der Prognose an die Entwicklung der unmittelbaren Vergangenheit bei Inflationsprozessen aufgrund der Pfadabhängigkeit durchaus sinnvoll sein könnte, sind ähnliche Phänomene,  beispielsweise bei den Konsensus- Schätzungen der USD/EUR-Wechselkursentwicklung oder des S&P 500, schwieriger zu erklären.

… und trügerische PlausibilitätDer Verfügbarkeits-Bias beeinflusst nicht nur unsere Schätzung von Eintrittswahrscheinlichkeiten auf Basis unserer Erinnerung. Wie die Verfügbarkeit entsprechender Ereignisse im Gedächtnis, so kann auch die scheinbar durch die erzählte „Geschichte“ vermittelte Plausibilität eines Ereignisses unsere Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit beeinflussen.

Beispiel 10: Plausibilitäts-BiasEs wurden zwei Szenarien vorgestellt, für die Wahrscheinlichkeiten geschätzt werden sollten:

A: Eine schwerwiegende Überschwemmung irgendwo in Amerika mit mehr als tausend Toten.
B: Ein Erbeben in Kalifornien, das zu Überschwemmungen mit mehr als tausend Toten führt.Die Befragten schätzten das Szenario A als weniger wahrscheinlich als B ein. Obwohl B nur eine Teilmenge von A ist – es könnten sicherlich folgenschwere  Überschwemmung durch andere Ursachen oder anderswo in Amerika entstehen –, erschien ihnen das Szenario B durch die mitgelieferte Begründung plausibler und damit wahrscheinlicher.

3. Anker und Anpassung – gib mir eine ZahlWenn Menschen quantitative Einschätzungen machen, z.B. die Einwohnerzahl einer unbekannten Stadt oder den Wert einer Immobilie schätzen müssen, suchen sie zunächst einen Anker. Im ersten Beispiel etwa die Einwohnerzahl einer Stadt, die sie kennen. Diesen Anker setzen sie dann ins Verhältnis zu der zu schätzenden Größe
und nehmen entsprechende Auf- oder Abschläge vor. In Experimenten wurde nachgewiesen, dass diese Anpassungen systematisch zu gering ausfallen. Außerdem zeigte sich, dass die Wahl des Ankers, z.B. bei der Abschätzung von Preisen unbekannter Produkte, sehr zufällig ist. In einem Experiment mussten Studenten zunächst die letzten drei Stellen ihrer Sozialversicherungsnummer niederschreiben und dann ein Preisgebot abgeben. Teilnehmer, deren letzten drei Ziffern eine hohe Zahl ergaben, gaben dabei signifikant höhere Gebote ab. Generell zeigt sich in derartigen Experimenten, dass die Zahlungsbereitschaft sehr einfach manipuliert werden kann, da sich Menschen häufig über ihre eigenen Präferenzen nicht im Klaren sind. Dies gilt auch für Preisverhandlungen, bei denen es immer von Vorteil ist, als erster einen Preis zu nennen, der dann als Anker für den Verhandlungsprozess dient.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 7Vor zu Teil 9



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