Blogs / 2012 / Mai

Der Homo Oeconomicus weiß, was er will - Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Nr. 3/11


4. Auf Restriktionen reagierend
Der Homo Oeconomicus reagiert in systematischer Art und Weise auf eine Veränderung der Restriktionen und/oder seiner Präferenzen. Beispielsweise führt bei einem aus zwei Gütern bestehenden Güterbündel ein höherer Preis für eines der beiden Güter dazu, dass dieses weniger nachgefragt wird. Allerdings hat Gary S. Becker gezeigt, dass ein durch einen Preisanstieg verursachter Nachfragerückgang (d.h., die negative Steigung der Nachfragekurve) nicht notwendigerweise auf rationale Entscheidungsregeln der einzelnen Konsumenten zurückzuführen ist, sondern sich im Aggregat notwendigerweise aus der Budgetrestriktion ergibt. Mit anderen Worten, durch die durch den Preisanstieg gesunkene Möglichkeit, das entsprechende Produkt zu kaufen.

5. Der Homo Oeconomicus weiß, was er willDa die individuellen Präferenzen des Menschen nicht beobachtet werden können, geht man im Modell des Homo Oeconomicus davon aus, dass sie stabil sind. Gesamtwirtschaftlich können sich allerdings Präferenzen zum Beispiel durch demographische Entwicklungen verändern, selbst wenn unterstellt wird, dass die Präferenzen in den einzelnen Kohorten stabil bleiben. Handelt das Individuum gemäß seiner Präferenzen, maximiert es seinen Gesamtnutzen. Die Nutzentheorie versucht den Einfluss von Mengen, Preisen und Einkommen auf die Nachfrage zu analysieren. Ansätze dafür sind die Grenznutzen-, die Indifferenzkurven- und die Revealed Preference-Analyse. In der Grenznutzen- und Indifferenzkurvenanalyse wird quasi tautologisch unterstellt, dass der Nachfrager unter allen Umständen seinen Nutzen maximiert. Dieses Problem versucht die Revealed Preference-Analyse durch ihren Rekurs auf tatsächlich beobachtbares Verhalten zu umgehen. Allerdings sind die Prämissen dieser Theorie derart restriktiv, dass daraus kaum gehaltvolle Hypothesen abgeleitet werden können. Bei einer beobachteten Verhaltensänderung ist es häufig schwierig zu unterscheiden, ob es sich um eine Veränderung der Präferenzen oder lediglich um eine Reaktion auf veränderte Restriktionen handelt. So könnte zum Beispiel der Rückgang des Kraftstoffverbrauchs im Personenverkehr seit 1999 angesichts der intensiveren Diskussionen um die globale Erderwärmung auf eine Veränderung der Präferenzen zurückgeführt werden. Er könnte aber auch angesichts der gestiegenen Kraftstoffpreise lediglich eine Anpassung an veränderte Restriktionen darstellen. Gary S. Becker mokiert sich sogar darüber, dass in der ökonomischen Literatur häufig eine Veränderung der Präferenzen bemüht wird, um anscheinend rätselhaftes Verhalten zu erklären.Angesichts des sich ständig ausweitenden Angebots an Gütern und Dienstleistungen, das zum Teil neue Bedürfnisse schafft oder aber erstmals die Befriedigung eines latenten Bedürfnisses ermöglicht, wie zum Beispiel iPhone, Blackberry oder Ziploc-Bags (wiederverschließbare Plastikbeutel), dürften allerdings auch die Präferenzen einer stetigen Modifikation unterliegen. Überdies spielen gesellschaftliche Prozesse am Zustandekommen der individuellen Präferenzen eine erhebliche Rolle. Dies wird zum Beispiel an Mitläuferund Snobeffekten deutlich. Beim Mitläufereffekt wird die Nachfrage nach einem Gut dadurch gesteigert, dass andere Leute dieses ebenfalls nachfragen. Der Snobeffekt beschreibt das gegenteilige Verhalten.

6. Mr. Know it allIn seiner „reinen“ Form unterstellt das Modell, dass der Homo Oeconomicus jederzeit vollständig informiert ist, womit von der Existenz von Unsicherheit und Informationskosten abstrahiert wird. Nicht zuletzt diese offensichtlich extrem vereinfachende „Charaktereigenschaft“ ist dem Ruf des Homo Oeconomicus extrem abträglich. Allerdings bedeutet diese Annahme nicht, dass die Zukunft tatsächlich bekannt ist. Der Agent ist lediglich über seine Handlungsalternativen vollständig informiert und kann deren Auswirkungen und Folgen mit Eintrittswahrscheinlichkeiten gewichtet abschätzen. Aber auch unvollständige Informationen sowie das Anfallen von Informationskosten können in das Konzept des Homo Oeconomicus integriert werden, wobei das Ausmaß der kostenverursachenden Informationsbeschaffung ebenfalls einem rationalen Kosten-Nutzen-Kalkül unterliegt.Dementsprechend muss das Individuum bedingte Erwartungen bilden bzw. Prognosen für die Zukunft erstellen. Insgesamt stellen die Charaktereigenschaften des Homo Oeconomicus diesen – zumindest in ihren extremen Ausprägungen – als ziemlich merkwürdigen Gesellen dar. So schreibt zum Beispiel Ralf Dahrendorf: „Die Sozialwissenschaft hat uns bisher zwei neue, höchst problematische Menschen beschert, denen wir in der Wirklichkeit unserer Alltagserfahrung kaum je begegnen dürften. Der eine ist der viel umstrittene Homo Oeconomicus der neueren Wirtschaftswissenschaft, der Verbraucher, der vor jedem Einkauf Nutzen und Kosten sorgsam abwägt und Hunderte von Preisen vergleicht, bevor er seine Entscheidung trifft… Für unser naives Erleben ist dies eine seltsame Kreatur“. Allerdings konzediert Dahrendorf, dass die wirtschaftlichen Tatsachen im Allgemeinen diese Theorie bestätigen und sie, trotz der fremd und unglaublich anmutenden Voraussetzungen, den Wirtschaftswissenschaftlern richtige Prognosen erlaubt.20 In dieser Einschätzung wird die Rolle des Homo Oeconomicus in der Wirtschaftswissenschaft deutlich: Es geht nicht darum, individuelles Verhalten zu erklären, sondern fundierte Prognosen für volkswirtschaftliche Größen, wie beispielsweise den Konsum, der eine Aggregation von Einzelentscheidungen ist, zu ermöglichen.Spätestens durch den Ökonomen Thorstein Veblen wurde das theoretische Konstrukt des Homo Oeconomicus Ende des vorletzten Jahrhunderts einer fundamentalen Kritik unterzogen. Seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind die Annahmen der Ökonomen zum menschlichen Verhalten durch die Psychologie systematisch überprüft worden. Experimente zu menschlichen Denk- und Entscheidungsprozessen und in jüngster Zeit auch funktionale MRIs21, mit deren Hilfe Prozesse im menschlichen Gehirn sichtbar gemacht werden, bestätigen den Verdacht, dass der Mensch in der realen Welt deutlich anders funktioniert.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 2Vor zu Teil 4



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