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Der Isolationseffekt - Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Nr. 9/11


4. Falscher Umgang mit InformationenIn Entscheidungssituationen machen Menschen häufig Fehler, indem sie relevante Informationen ignorieren, irrelevante Informationen berücksichtigen oder verschiedene Informationen nicht ins richtige Verhältnis zueinander setzen. Noch schlimmer, wurde erst einmal ein Erklärungsmodell formuliert oder gar eine Entscheidung getroffen, so wird bei der Verarbeitung neuer Informationen konfirmatorische Information systematisch gegenüber dem Modell oder der Entscheidung widersprechender bevorzugt.

Außerachtlassen von InformationenZu Informationen, die systematisch ignoriert werden, gehören die Größe der Grundgesamtheit und die Häufigkeit eines Ereignisses. So ist zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, dass große Grundgesamtheiten eine deutliche Abweichung von der Normalverteilung aufweisen, deutlich geringer als bei einer kleineren Grundgesamtheit.

Beispiel 11: Vernachlässigung der Größe der GrundgesamtheitGefragt wurde, ob Tage mit einem Jungenanteil von 60% oder mehr in einem großen Krankenhaus mit 45 Geburten pro Tag (A) oder in einem kleinen mit nur 15 Geburten (B) wahrscheinlicher seien, oder ob die Wahrscheinlichkeiten in etwa gleich seien (C). Jeweils 22% entschieden sich für A bzw. B während 56% die Wahrscheinlichkeiten als in etwa gleich erachteten (C).

Die Antwort C basierte wohl auf dem Wissen, dass bei der einzelnen Geburt die Wahrscheinlichkeiten bezüglich des Geschlechts in der Tat in etwa 50:50 sind. Allerdings ist die Chance, dass sich eine abweichende Verteilung einstellt, bei einer geringen Zahl von Beobachtungen deutlich höher.

Im Beispiel 11 ging es lediglich um die Abschätzung der Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Ereignisses. Häufig sind Menschen aber mit Situationen konfrontiert, bei denen die Wahrscheinlichkeiten verschiedener Aspekte des Problems miteinander verknüpft werden müssen, um die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Ereignisses zu bestimmen. Dieses Problem tritt häufig bei diagnostischen Fragestellungen auf, wenn es beispielsweise darum geht, die Wahrscheinlichkeit eines positiven Befunds zu bewerten. Dabei spielt neben der Treffsicherheit des Tests für eine bestimmte Krankheit die Häufigkeit, mit der diese Krankheit tatsächlich auftritt, eine entscheidende Rolle. Angenommen unter 100 positiven Testergebnissen befindet sich ein „falsch-positives“ Ergebnis, dann spielt es für die Bewertung des Testes eine entscheidende Rolle, ob die Auftrittswahrscheinlichkeit der Krankheit 1:1.000 oder 1:100.000 ist. Das folgende, klassische Beispiel zeigt dies.

Beispiel 12: Vernachlässigung der HäufigkeitIn einer Stadt sind 85% der Taxen blau und 15% grün. Bei einem Unfall mit Fahrerflucht sagte ein Zeuge aus, dass er glaubt, ein grünes Taxi erkannt zu haben. Ein Sehtest zeigt, dass der Zeuge bei ähnlichen Sichtverhältnissen mit einer Wahrscheinlichkeit von 80% die Farbe Grün richtig identifizierte. Die Chance, dass es sich tatsächlich um ein grünes Taxi gehandelt hat, liegt nicht, wie man meinen könnte, bei 80%, sondern lediglich bei rund 40%. Dieses Beispiel lässt sich auch in eine finanzmarktbezogene Fragestellung transformieren:Ein Aktienindex setzt sich aus 100 Einzeltiteln zusammen. Davon zeigen in einem Jahr 85 eine eher schwache Performance, während 15 Titel sich jeweils mehr als verdoppeln. Ein Anlageberater behauptet, dass er mit 80 prozentiger Wahrscheinlichkeit einen „Verdoppler“ identifiziert. Er empfiehlt eine bestimmte Aktie. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Wert dieser Aktie tatsächlich verdoppelt?

Sich auf einzelne Aspekte konzentrierenBei einer Auswahl zwischen Alternativen besteht die Neigung, sich auf einen anscheinend wichtigen Unterschied zu fokussieren und dabei weitere Unterschiede oder Gemeinsamkeiten außer Acht zu lassen. Dieses Phänomen wird Isolationseffekt (isolation effect40) genannt.

Beispiel 13: IsolationseffektIn einem zweistufigen Spiel besteht eine 25% Chance, die zweite Runde zu erreichen. In der zweiten Runde besteht die Auswahl zwischen einer Auszahlung von 4.000 mit 80% Wahrscheinlichkeit und einer sicheren Auszahlung von 3.000. Die Entscheidung darüber muss aber schon vor der ersten Runde getroffen werden! Die Erwartungswerte dieser beiden Optionen sind:A: 0,25 * 0,8 = 20% Chance 4.000 zu gewinnen (Erwartungswert: 800)
B: 0,25 * 1 = 25% Chance 3.000 zu gewinnen (Erwartungswert: 750)

Dies entspricht letztlich der Frage 2 des Beispiels 2 zum Sicherheitseffekt (Seite 9/10). Während sich dort 65% für die Alternative A (20% Chance 4.000 zu gewinnen) entschieden haben, wählten in der hier vorgestellten zweistufigen Formulierung 78% die Alternative B (25% Chance 3.000 zu gewinnen). Der Unterschied liegt darin, dass auf Seite 10 zwischen zwei wahrscheinlichen Ereignissen gewählt wird. Im zweistufigen Beispiel erachten die Probanden, unter der impliziten Annahme, die Stufe zwei zu erreichen, den Gewinn der 3.000 als sicheres Ereignis, dem sie aufgrund des Sicherheitseffektes den Vorzug geben, obwohl der Erwartungswert niedriger ist, wenn die 25% Wahrscheinlichkeit die Stufe 2 zu erreichen mit in Betracht gezogen wird.

Informationen in falsche Beziehungen setzen

Häufig werden zwei Informationen miteinander in Bezug gesetzt, obwohl sie eigentlich unabhängig voneinander zu bewerten sind. Dieses Phänomen wird „Relativität“ genannt. Beispielsweise wären beim Kauf eines Füllhalters im Wert von USD 25 die meisten Befragten zu einer fünfzehnminütigen Fahrt in ein anders Geschäft der Stadt bereit, wenn sie dadurch USD 7 sparen können. Beim Kauf eines Anzuges für USD 455 würde kaum jemand eine fünfzehnminütige Fahrt auf sich nehmen, um die gleiche Ersparnis von USD 7 zu erzielen. Hier wird die Ersparnis in Relation zur Ausgabe betrachtet, eigentlich müsste sie aber relativ zu der jeweils fünfzehnminütigen Fahrt durch die Stadt gesehen werden. Ein weiteres Beispiel für Relativität, die dem Homo Oeconomicus vollkommen fremd ist, basiert auf der Kategorisierung von Geld, die Menschen für getätigte oder geplante Ausgaben vornehmen, so genannte mentale Kosten. So kann zum Beispiel ein bestimmtes Kleidungsstück als zu teuer bzw. als Luxus erachtet werden, wenn es darum geht, es sich selbst zu kaufen. Schenkt dagegen der Ehepartner, mit dem man ein gemeinsames Konto hat, das Kleidungsstück, so wird es nicht mehr als „Luxus“, sondern als „Geschenk“ kategorisiert und erscheint gar nicht mehr so teuer.Einbeziehen von irrelevanter Information

Häufig beeinflussen uneinholbare Ausgaben der Vergangenheit, so genannte „sunk cost“, – zumeist für Investitionen, die sich nicht ausgezahlt haben – Entscheidungen, obwohl sie eigentlich keine Rolle spielen sollten. Es zeigt sich, dass beispielsweise mit der Höhe des Preises, der für eine Konzertkarte, ein Menü oder eine andere Dienstleistung bezahlt wurde, die Bereitschaft steigt, diese vollständig in Anspruch zu nehmen, obwohl einem das Angebot eigentlich nicht zusagt und man seinen persönlichen Nutzen dadurch erhöhen könnte, wenn man das Konzert vorzeitig verlässt bzw. das Essen stehen lässt. Ähnliches lässt sich in der Politik oder bei Unternehmen beobachten, wo häufig der Unwille, ein nicht mehr sinnvolles Projekt zu beenden, mit der Höhe der bereits getätigten Ausgaben zunimmt.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 8Vor zu Teil 10



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