Blogs / 2012 / Mai

Der Mensch ist keine Insel - Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Nr. 7/11


8. Nutzenmaximierung – es muss nicht immer das Beste seinUm bei einer komplexen Entscheidung, wie zum Beispiel dem Kauf eines Autos, seinen Nutzen zu maximieren, müsste man den Nutzen der verschiedenen Aspekte des Autos normieren, d.h., in einer gemeinsamen Einheit, zum Beispiel Geld, bewerten. Damit wäre man in der Lage, den Nutzen unterschiedlicher Ausstattungen, wie zum Beispiel Ledersitze, Airbags oder eine Sonderlackierung, zu vergleichen. Dies müsste dann für alle am Markt erhältlichen Fahrzeuge erfolgen; offensichtlich ein unmögliches Unterfangen, dessen Kosten den zu erzielenden Nutzenzuwachs bei weitem übertreffen würden. Herbert Simon hat 1957 die These aufgestellt, dass Menschen anstatt ihren Nutzen zu maximieren eher ein bestimmtes Maß an Zufriedenheit erreichen wollen. Er nannte dies „satisficing“. Am Beispiel des Autokaufs bedeutet dies, dass der Käufer wichtige Kriterien definiert und nur so lange sucht, bis er ein Fahrzeug gefunden hat, das diese Kriterien erfüllt. Diese Heuristik wird auch als „eingeschränkte Rationalität“ bezeichnet.

9. Eigennutz – der Mensch ist keine InselDer eingangs erwähnte Snob- bzw. Vebleneffekt hat schon gezeigt, dass der Mensch sich bei seinem Verhalten durch das Verhalten der Anderen beeinflussen lässt. George Ackerlof und Robert Shiller führen in ihrem Buch Animal Spirits sogar ganze Konjunkturzyklen und Boom-Bust Zyklen an den Finanzmärkten auf die pandemische Ansteckung durch Optimismus, Einschätzungen zu Fairness und die Verbreitung illegalen Verhaltens zurück. Bei der Überprüfung der Eigennutzhypothese stellt sich ähnlich wie bei der Nutzenmaximierungshypothese das Problem, dass nur die Handlungen zu beobachten sind, die Motive aber im Dunklen bleiben. Die Evolutionspsychologie argumentiert, dass Menschen durchaus rational handeln, wenn sie individuellen Nutzen für einen Nutzengewinn anderer aufgeben, also altruistisch handeln.

In ihrer Grundidee zeigen das neo-klassische Modell des eigennützigen Homo Oeconomicus und die These der Evolutionspsychologie mit ihrer Annahme, das einzige Interesse der Gene sei ihre eigene Reproduktion, gewisse Parallelen. So haben nach der theory of kin selection Menschen eine hohe Präferenz, für nahe Angehörige Opfer zu bringen. Es zeigt sich aber auch, dass Personen sich bei Experimenten, in denen es um den Tausch geht, sich – auch gegenüber Nichtverwandten – wesentlich kooperativer verhalten, als es die Prämissen des Homo Oeconomicus erwarten lassen.Diesen sollte beim Tausch nur die Maximierung des eigenen Nutzens interessieren und nicht, ob der Tauschpartner eventuell übervorteilt wird. Ein wichtiger Grund für das Verhalten gegenüber Mitmenschen dürfte der persönliche Kontakt der Akteure sein, der sie dazu veranlasst, sich anders als in einer anonymen Situation zu verhalten.  Insbesondere da derartige Interaktionen im richtigen Leben nicht ohne eine Vergangenheit und eine Zukunft stattfinden. Außerdem wären ohne ein gewisses Grundvertrauen in die Ehrlichkeit und Fairness des Gegenübers die komplexen Interaktionen einer modernen Gesellschaft nicht möglich. Die hohen Kontrollkosten würden viele Aktivitäten, wie z.B. Verträge, bei denen die Gegenleistung nicht zeitgleich erfolgt, erheblich erschweren.In Befragungen auch im Rahmen der Glücksforschung zeigen Menschen ein starkes Interesse an Fairness. Dies wird auch in entsprechenden Experimenten deutlich, die auf der Wirkung des Besitzeffekts basieren.Beispiel 9: FairnessBei einem populären Automodell ist es zu Produktionsengpässen gekommen, es entstehen Wartezeiten von 2 bis 3 Monaten. Einem Teil der Probanden wurde erzählt, dass der Händler als Reaktion den Preis um USD 200 über den Listenpreis angehoben hat. Dies wurde von 71% als unfair bewertet. Einer zweiten Gruppe wurde erzählt, dass der Händler einen bis dato gegebenen Rabatt von USD 200 nicht mehr gibt. Dieses Verhalten war für 58% akzeptabel. Der Preisaufschlag, der als Verlust interpretiert wird, wird als schlimmer erachtet als die Abschaffung des Preisnachlasses, was als Verringerung des Gewinns erachtet wird. Hierbei spielt natürlich auch wieder der Framing-Effekt eine Rolle.Dieses Beispiel könnte erklären, warum Reallohnkürzungen, die bei hoher Inflation mit einem Nominallohnanstieg einhergehen können, leichter durchzusetzen sind als eine unmittelbare Kürzung des Nominallohns. In einem Experiment erachteten 78% der Befragten einen Lohnanstieg von 5% trotz einer Inflationsrate von 12% als fair, während in einem Szenario ohne Inflation eine Lohnkürzung von 7% als unfair betrachtet wurde. Während Ökonomen gewöhnlich „Geldillusion“, also das Außerachtlassen der Kaufkraftreduktion durch Inflation, als Erklärung für dieses widersprüchliche Verhalten anführen, könnte man dies auch durch den psychologischen Besitzeffekt (mentale Kosten) und den Framing-Effekt erklären.Insgesamt machen die in diesem Abschnitt vorgestellten Experimente deutlich, dass das Verhalten des einzelnen Menschen häufig nicht dem des Homo Oeconomicus entspricht. Seine Entscheidungen und Bewertungen genügen nur selten formalen Rationalitätskriterien, häufig begeht er sogar systematische Fehler. Bevor im fünften
Abschnitt untersucht wird, wie diese Erkenntnisse bei Investitionsentscheidungen berücksichtigt werden können, werden zunächst mögliche Ursachen dieser systematischen Fehler dargestellt.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 6Vor zu Teil 8



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