Blogs / 2012 / Mai

Der Mensch weiß nicht immer was er will - Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Nr. 5/11


2. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem DachDer rationale Homo Oeconomicus würde bei seinen Entscheidungen immer den Erwartungswert – also das Produkt aus Gewinnen und Eintrittswahrscheinlichkeit – optimieren. Dabei spielt die Höhe der Eintrittswahrscheinlichkeit für sich genommen keine Rolle für die Entscheidung. In entsprechenden Experimenten konnte allerdings gezeigt werden, dass bei der Auswahl zwischen unterschiedlich sicheren Optionen, die Teilnehmer systematisch die sicherere Option gegenüber der unsichereren bevorzugen, auch wenn diese einen niedrigeren Erwartungswert besitzt. Dieses Phänomen wird Sicherheitseffekt (certainty effect) genannt und wird anhand des folgenden Experiments deutlich.

Beispiel 2: SicherheitseffektDie Teilnehmer haben bei zwei Fragen folgende Optionen zur Auswahl: (die Zahlen in Klammern geben wiederum den Anteil derer an, die diese Option gewählt haben).
Frage 1:
A: eine Auszahlung von 4.000 mit einer Wahrscheinlichkeit von 80% (20%) oder
B: eine Auszahlung von 3.000 mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% (80%)
Frage 2:
C: eine Auszahlung von 4.000 mit einer Wahrscheinlichkeit von 20% (65%) oder
D: eine Auszahlung von 3.000 mit einer Wahrscheinlichkeit von 25% (35%)Man beachte, dass die Erwartungswerte der Optionen C und D jeweils ein Viertel der Erwartungswerte der Optionen A und B sind, die relativen Erwartungswerte der in den beiden Fragen angebotenen Optionen also identisch sind.24 Der Homo Oeconomicus würde also nicht nur bei der Frage 2 die Option C (Erwartungswert 4.000 * 0,2 = 800), sondern auch bei der ersten Frage die Option A wählen, deren Erwartungswerten mit 4.000 * 0,8 = 3200 über dem der Option B (3.000) liegt. Tatsächlich bevorzugen die Teilnehmer der Frage 1 aber die sichere Option B.Dieser Sicherheitseffekt oder anders formuliert die Risikoaversion konnte auch in einem anderen Experiment nachgewiesen werden. Zusätzlich zeigte sich in diesem Experiment, dass sich die Teilnehmer bei der Auswahl zwischen Gewinnen risikoavers verhalten, während sie bei der Auswahl zwischen Verlusten risikofreudiger sind.Beispiel 3: Sicherheitseffekt bei Gewinnen und VerlustenZur Auswahl stehen unterschiedliche Programme zur Bekämpfung einer ansteckenden Krankheit, die ohne Gegenmaßnahmen wahrscheinlich 600 Todesopfer fordern würde.
Gruppe 1 konnte zwischen folgenden Programmen wählen:A: Würde 200 Leben retten (72%)
B: Würde mit einer Wahrscheinlichkeit von ⅓ 600 Leben retten und mit einer Wahrscheinlichkeit ⅔ keinerlei Leben retten (28%)Gruppe 2 hatte folgende Alternativen:
C: Würde zum Tod von 400 Menschen führen (22%)
D: Würde mit einer Wahrscheinlichkeit von ⅓ alle 600 Menschen retten und mit einer Wahrscheinlichkeit von ⅔ zum Tode aller 600 Menschen führen (78%)Die Gruppe 1 hatte die Auswahl zwischen Gewinnen (200 Leben mit 100% Wahrscheinlichkeit, bzw. 600 mit ⅓ Wahrscheinlichkeit). Die Sicherheit, 200 Leben zu retten, erschien 72% der Befragten attraktiver als die riskantere Variante mit dem gleichen Erwartungswert (d.h. 200 Leben zu retten). Die Gruppe 2 hatte die Auswahl zwischen den gleichen Alternativen, allerdings war die Option C im Gegensatz zur Option A der Gruppe 1 als „Verlust“ formuliert. Dies führte dazu, dass sich 78% für das risikobehaftete Programm D entschieden, da ihnen der sichere Tod (Verlust) von 400 Menschen (Option C) weniger akzeptabel schien als die Wahrscheinlichkeit von ⅔, dass 600 Menschen sterben.

Das unterschiedliche Verhalten der beiden Gruppen kann durch ihre widersprüchliche Einstellung zum Risiko, je nachdem ob es sich um Gewinne oder Verluste handelt, erklärt werden. Handelt es sich bei der Auswahl um Gewinne, fallen die Entscheidungen generell risikoavers aus, geht es um Verluste, wird häufiger die risikoreichere Option gewählt.In weiteren Experimenten zeigte sich, dass Wahrscheinlichkeiten nicht nur unterschiedlich bewertet werden je nachdem, ob es um mögliche Gewinne oder Verluste geht, sondern dass, kleinere Wahrscheinlichkeiten im Verhältnis zu großen Wahrscheinlichkeiten systematisch überbewertet werden. Der Unterschied zwischen einer 97%- und 98%-Chance wird also geringer erachtet als der Unterschied zwischen einer 3%- und 4%-Chance, was allerdings zumindest bei relativer Betrachtung auch der Fall ist.

3. Der Mensch weiß nicht immer was er will (stabile Präferenzen?)

In der mikroökonomischen Theorie werden Präferenzen anhand von Indifferenzkurven in einem vereinfachenden Zwei-Gütermodell dargestellt. Indifferenzkurven, die konvex zum Ursprung sind, beschreiben Kombinationen von Gütern x und y, die für die betreffende Person den gleichen Nutzen stiften, mit anderen Worten, die Person ist indifferent.Dahinter liegt die Annahme, dass die Bewegungen auf  der Indifferenzkurve ohne Nutzeneinbußen reversibel sind. Der Homo Oeconomicus hat klar definierte Präferenzen, die in Form dieser Indifferenzkurven dargestellt werden können. D.h., wenn beispielsweise die Güterkombinationen 5x,3y und 3x,5y auf einer Indifferenzkurve des Homo Oeconomicus liegen, so wird er – ausgehend von der Position 5x, 3y – für die Aufgabe von 2x entsprechend 2y verlangen, da die daraus resultierende neue Position 3x, 5y auf der gleichen Indifferenzkurven liegt und ihm damit den gleichen Nutzen stiftet. Würde er beispielsweise 3y verlangen, bedeutet das, dass sich die Indifferenzkurven schneiden, was eine massive Verletzung des Indifferenzkurvenkonzepts wäre.Experimente haben allerdings gezeigt, dass die Bewegungen auf Indifferenzkurven im richtigen Leben nicht immer reversibel sind und, dass sich Indifferenzkurven mitunter schneiden können. Die wichtigsten Phänomene in diesem Zusammenhang sind der Besitzeffekt (endowment effect), die Verlustaversion (loss aversion) sowie der status quo bias. Zudem lassen die Ergebnisse von Experimenten vermuten, dass  Entscheidungen erheblich von der Wahrnehmung der Entscheidungssituation abhängen, die wiederum von der Fragestellung bestimmt wird (framing, siehe vorne).Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 4Vor zu Teil 6



Ihre Sicherheit und Privatsphäre im Internet sind uns wichtig! Es werden mittels des Einsatzes von Cookies keinerlei persönliche Daten gespeichert oder mit Dritten getauscht. Dennoch verwendet diese Website Cookies zur Steigerung von Funktionalität und Leistungsfähigkeit. Falls Sie weiter lesen und unsere Website verwenden, stimmen Sie dem Gebrauch von Cookies zu.

Schließen