Blogs / 2012 / Mai

Die Illusion von Mustern und das Muster von Illusionen - Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Nr. 10/11


Zwanghafte Suche nach konfirmatorischer Information

Überdies unterliegen die Menschen bei der Verarbeitung von Informationen für ihre Entscheidungsfindung einem noch viel fundamentaleren Problem: dem Bestätigungs- oder confirmation bias. Ist erst einmal eine erfolgversprechende Heuristik entwickelt oder eine Entscheidung getroffen worden, werden neue Informationen asymmetrisch bewertet: die hypothesenbestätigende Information wird systematisch überbewertet, während widersprechende Informationen tendenziell ignoriert werden, oder als eine Ausnahme zur Seite gewischt werden, auf die die Hypothese nicht angewandt werden kann. Dietrich Dörner spricht hier von einer „progressiven Konditionalisierung“, mit der die Hypothese gegen kontradiktorische Evidenz immunisiert werden kann.

5. Logische Fehler bei der Inversion von AussagenDieser klassische Fehler wird häufig als der „Trugschluss des Staatsanwalts“ (prosecutor‘s fallacy) bezeichnet und wurde – allerdings vom Verteidiger – sogar in einem der publikumswirksamsten Strafverfahren der letzten Dekade begangen, in dem der berühmte amerikanische Footballstar O. J. Simpson des Mordes an seiner Exfrau Nicole angeklagt war. Der Behauptung des Staatsanwaltes, dass die früheren Beispiele von Gewalt gegenüber seiner Exfrau Nicole die Schuld O.J.‘s offensichtlich machten, entgegnete die Verteidigung, dass in den USA jährlich etwa 4 Millionen Frauen von ihren Lebenspartnern geschlagen werden. Allerdings gab es im Jahre 1992 lediglich 1.432 Mordfälle, in denen die Frauen von ihren Lebenspartnern getötet wurden. Dies ergebe eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 2.500. Im Gegensatz zur Argumentation der Verteidigung wäre die richtige Frage gewesen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine ermordete Frau, die geschlagen wurde, von ihren Lebenspartnern geschlagen wurde. Diese Wahrscheinlichkeit lag in den USA im Jahr 1993 bei rund 90%.

6. Die Illusion von Mustern und das Muster von IllusionenEin grundlegendes Problem bei der Verarbeitung von Informationen ist die Frage, ob es sich bei der Information um ein zufallverteiltes Phänomen handelt, oder ob die Ereignisse einem bestimmten Muster in Abhängigkeit von ihrer Vergangenheit und/oder des Umfelds folgen und damit beispielweise mit Methoden der Zeitreihenanalyse untersucht werden können. Menschen sind notorisch schlecht wenn es darum geht, zufallsbedingte Entwicklungen als solche zu erkennen. Entwicklungspsychologen erklären dies durch den Selektionsmechanismus.Die Fähigkeit, beispielsweise den Zusammenhang zwischen der Bauchfülle eines Säbelzahntigers und seiner Angriffslust zu erkennen, dürfte sich in der Evolution als Vorteil erwiesen haben, der gegebenenfalls weiter vererbt werden konnte. Unser Wahrnehmungsmechanismus ist darauf getrimmt, Zusammenhänge und Muster zu identifizieren. Überdies zeigen Experimente und Beispiele von Menschen, die sich längere Zeit in einer extremen Situation befanden (Gefangene, Verschollene), dass der Mensch ein gewisses Maß an Ordnung in seiner Umwelt braucht, das ihm das Gefühl einer zumindest passiven Kontrolle bzw. Prognostizierbarkeit vermittelt. Haben Menschen das Gefühl keinerlei Einfluss auf ihre chaotische Umwelt zu haben, verzweifeln sie. Muster und erkannte kausale Beziehungen zwischen Elementen und Ereignissen dagegen reduzieren Komplexität, Informationen können leichter verarbeitet, abgespeichert und erinnert werden.

7. Schwierigkeiten mit nicht-linearen ProzessenEin klassisches Beispiel für nicht-lineare Prozesse ist das Kinderrätsel zum Wachstum eine Seerose, die innerhalb einer Woche ihre Blütenzahl verdoppelt und nach 16 Wochen den halben Teich bedeckt und mit der Frage abschließt, wie lange es noch dauert bis der Teich vollständig bedeckt ist. Die Tendenz exponentiell Wachstumsverläufe zu unterschätzen konnte auch in Experimenten nachgewiesen werden.45 Dietrich Dörner stellte Probanden vor die Aufgabe abzuschätzen, wie viele Traktoren ein Werk, das zu Beginn 1.000 Stück produziert, und dessen Produktion jährlich um 6% steigt, in 25, 50 und 100 Jahren produzieren würde. Dabei entsprach die durchschnittliche Schätzung für die Produktion in 100 Jahren weniger als einem Siebtel des tatsächlichen Wertes. Diese Art von Prozessen, die der Zinseszinsformel entsprechen, spielen bei fast allen Investitionsentscheidungen eine Rolle und werden im abschließenden Kapitel wieder aufgegriffen.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 9Vor zu Teil 11



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