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Die Verlustaversion des Homo Oeconomicus - Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Nr. 6/11


4. Präferenzen: Entscheidend ist, wie man misst!Der Homo Oeconomicus versucht bei seinen Entscheidungen die Erreichung seiner Ziele bzw. die Erfüllung seiner Präferenzen zu maximieren und zwar unabhängig davon, wie seine Präferenzen gemessen werden. Diese „prozedurale Invarianz“, Ausdruck der Rationalität der Entscheidung, stellt sich dagegen im richtigen Leben häufig nicht ein. So unterscheidet sich häufig die offenbarte Rangfolge der Präferenzen, je nachdem, ob die Person sie durch Auswahl zwischen den Alternativen oder durch „Bepreisung“ der unterschiedlichen Alternativen zum Ausdruck bringt. Damit ist das Präferenzsystem nicht widerspruchsfrei.

Beispiel 4: Messung von Präferenzen (I)In einem Experiment konnten die Teilnehmer zwischen folgenden
Optionen wählen:A: 89% Wahrscheinlichkeit USD 4 zu gewinnen oder
B: 11% Wahrscheinlichkeit USD 40 zu gewinnen
Dabei wählen 71% die Option A, obwohl sie einen geringeren Erwartungswert als B besitzt. Werden die Teilnehmer dagegen aufgefordert, einen Mindestpreis anzugeben, für den Sie diese Optionen verkaufen würden, verlangen 67% einen höheren Preis für die Option B.

In einem anderen Beispiel zeigt sich ebenfalls, dass die Teilnehmer bei der gleichen Fragestellung zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, wenn andere Bewertungskriterien abgefragt werden.Beispiel 5: Messung von Präferenzen (II)Die Teilnehmer sollen sich zwischen zwei Programmen zur Reduktion von Verkehrsunfällen entscheiden. Programm A kostet USD 55 Millionen und würde die Zahl der Unfälle in einem bestimmten Zeitraum auf schätzungsweise 500 begrenzen. Programm B kostet USD 12 Millionen, würde aber eine höhere Unfallzahl von schätzungsweise 570 zur Folge haben.

Die meisten Probanden entschieden sich für die wesentlich teurere Option A. In einer anderen Formulierung des Problems wurde den Probanden lediglich die Anzahl der Unfälle dargestellt und sie wurden nach dem Preisaufschlag gefragt, der ein Programm zur Vermeidung weiterer 70 Unfälle rechtfertigen würde. Nahezu alle Teilnehmer erachteten die zusätzlichen USD 43 Millionen als zu hoch für die Vermeidung von „lediglich“ 70 Unfällen.

5. Drei, zwei, eins, meins!Der Homo Oeconomicus beurteilt den Wert eines Gutes unabhängig davon, ob er es besitzt oder nicht. Im richtigen Leben dagegen wird der Wert eines Gutes systematisch höher eingeschätzt, wenn der Befragte im Besitz dieses Gutes ist.Beispiel 6: Besitztumeffekt (I)In einem Experiment erhält die Hälfte der Teilnehmer einen Stift, die andere Hälfte einen Geschenkgutschein. Am Ende des Experimentes konnten alle Teilnehmer zwischen einem Stift und zwei Schokoladenriegeln wählen. 56% derjenigen, die zu Beginn einen Stift bekommen hatten, entschieden sich für den Stift, bei den übrigen Teilnehmern waren es dagegen nur 24%.

Beispiel 7: Besitztumeffekt (II)In einem anderen Experiment wurde den Teilnehmern eine Kaffeetasse präsentiert und der einen Hälfte gesagt, dass sie diese am Ende des Experiments behalten können. Dann mussten alle Teilnehmer den Wert der Tasse schätzen. Lag dieser über dem Marktwert der Tasse, der am Ende des Experiments bekannt gegeben wurde, erhielt der Teilnehmer die Tasse, lag seine Schätzung unter dem Marktwert, bekam er das Geld. Interessanterweise haben die Teilnehmer, denen die Tasse am Anfang des Experiments versprochen wurde, ihr einen deutlich höheren Wert (USD 7,12) zugeordnet als diejenigen, denen sie lediglich gezeigt wurde (USD 3,12). Offensichtlich
haben beide Gruppen die Transaktionen unterschiedlich gesehen. Die Gruppe, der die Tasse nur gezeigt wurde, hatte die Erwartung entweder eine Tasse oder Geld zu bekommen. Die andere Gruppe fühlte, dass sie die Tasse „hergeben“ musste, um Geld zu bekommen. Aufgrund ihrer Verlustaversion verlangte sie dafür einen höheren Preis.

6. Der Verlust schmerzt doppelt!Generell stellte sich bei Experimenten zur Verlustaversion heraus, dass Personen ihren Nutzen nicht an der Veränderung von Reichtum und Wohlstand festmachen, sondern relativ zu einer neutralen Referenzsituation. Außerdem wird für kleine bis mittlere Geldbeträge ein Verlust als etwa doppelt so hoch empfunden wie ein Gewinn.

Beispiel 8: VerlustaversionEine Person muss ihren derzeitigen Arbeitsplatz aufgeben und hat die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Jobangeboten, bei denen sich die Person jeweils bezüglich eines Aspektes verbessern konnte, dafür aber eine Verschlechterung beim zweiten Aspekt in Kauf nehmen musste. Das Experiment wurde in 2 Varianten durchgeführt,
bei denen jeweils die beiden gleichen neuen Arbeitsplatzvarianten zur Wahl standen, die sich aber hinsichtlich der Charakteristika des aufzugebenden Jobs unterschieden.

Job                    Kontakt mit anderen                    Anfahrtszeit
Derzeitiger Arbeitsplatz:
Variante 1          Weitgehend isoliert                      10 min
Variante 2          Viele soziale Kontakte                  80 min
Neuer Arbeitsplatz:
Job A                Geringer Kontakt mit anderen         20 min
Job B                Moderater Kontakt mit anderen      60 min

In der ersten Variante wählten 70% den Job A, in der zweiten Variante dagegen nur 33%. Entscheidend in der Variante 1 war offensichtlich die Verschlechterung bei der Anfahrtszeit relativ zum aktuellen Arbeitsplatz (dem Referenzpunkt), die die  Verbesserung der sozialen Kontakte überwog. In der Variante 2 beinhaltete das Jobangebot B aufgrund der „moderaten Kontakte mit anderen“ die geringere relative Verschlechterung zum derzeitigen Arbeitsplatz und wurde deshalb präferiert. Die mögliche deutliche Reduktion der Anfahrtszeit, die bei der Wahl des Jobs A möglich wäre, wurde hingegen als weniger wichtig bewertet. Dies zeigt, dass die Probanden
sensitiver bezüglich des Aspektes reagieren, bei dem sie sich relativ zum Referenzpunkt verschlechtern.

7. Im Zweifel alles beim Alten lassen (Status quo Effekt)Die Verlustaversion spielt auch eine große Rolle beim sogenannten Status quo Effekt, da die Nachteile einer Veränderung größer als die möglichen Vorteile erscheinen. In einem Experiment hatten Probanden die Aufgabe, ein geerbtes Portfolio zu verwalten, das in unterschiedlich riskanten Vermögensklassen angelegt werden konnte. Dabei zeigte sich eine starke Neigung, die ursprüngliche Struktur des Portfolios nicht zu verändern und zwar unabhängig davon, ob es eher konservativ oder risikofreudig ausgerichtet war.29 Es stellte sich sogar heraus, dass die Attraktivität des Status quo mit der Anzahl der verfügbaren Alternativen stieg.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 5Vor zu Teil 7



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