Blogs / 2012 / Mai

Homo Oeconomicus auf dem Prüfstand - Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Nr. 4/11


3. Homo Oeconomicus trifft Homer Simpson – die Erkenntnisse der PsychologieNachdem im vorherigen Abschnitt der Homo Oeconomicus mit seinen Charaktereigenschaften vorgestellt wurde, werden nun diese Modellannahmen anhand von Ergebnissen von Experimenten überprüft. Diese Experimente wurden zunächst hauptsächlich von Psychologen durchgeführt. Mittlerweile beschäftigen sich aber auch viele Ökonomen mit derartigen Fragestellungen. Daraus ist die neue Transdisziplin behavioral economics entstanden. Die Experimente basieren häufig auf Fragestellungen aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die in Form von Spielen, wie zum Beispiel dem Münzwurf oder einer Lotterie, dargestellt werden. Die in den Experimenten untersuchten Entscheidungen können aber auch in ganz unterschiedliche narrative Kontexte eingebettet sein. Hierbei lassen sich mithilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie, zum Beispiel über die Berechnung von Erwartungswerten, optimale Lösungen finden, für die sich der Homo Oeconomicus entscheiden würde. Der Vergleich dieser Lösungen mit den Resultaten der Experimente, ermöglicht dann Aussagen über die Rationalität des beobachteten Verhaltens.Den ersten Frontalangriff auf die Theorie des erwarteten Nutzens und damit auch auf den Homo Oeconomicus lieferten die beiden Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky, von denen Daniel Kahneman später den Nobelpreis bekam, in einem Aufsatz in dem Journal Econometrica bereits im Jahre 1979. Darin stellten sie ein alternatives Entscheidungsmodell vor, das sie prospect theory nannten. Dabei zeigen Menschen eine Präferenz für eine sichere Alternative gegenüber einer nur wahrscheinlichen, auch wenn diese einen höheren Erwartungswert besitzt. Menschen ignorieren Eigenschaften, die allen Entscheidungsalternativen gemein sind und basieren ihre Entscheidungen nicht auf dem erwarteten Nutzenniveau, sondern auf den erwarteten Gewinnen bzw. Verlusten. Insbesondere der letzte Punkt und die nicht-linearen Eigenschaften der verwandten Entscheidungsmodelle stehen in krassem Gegensatz zur Nutzentheorie. Im Folgenden werden die Ergebnisse von Experimenten dargestellt, die vermuten lassen, dass menschliches Handeln keineswegs rational im Sinne des Homo Oeconomicus ist. Es zeigt sich, dass1. Entscheidungen abhängig von der Darstellung bzw. der Formulierung
des Problems sind
2. Menschen häufig risikoavers handeln
3. Präferenzen nicht stabil sind
4. Präferenzen von der Art der Messung beeinflusst werden
5. Der Besitz eines Gutes dessen Wertschätzung erhöht
6. Ein Verlust absolut schwerer wiegt als ein gleichhoher Gewinn
7. Menschen die Tendenz haben, den Status quo zu präferieren
8. Menschen nicht immer ihren Nutzen maximieren
9. Menschen häufig uneigennützig handeln

Die „Messung“ von RationalitätDer Homo Oeconomicus handelt immer rational. Er wählt systematisch innerhalb seiner Handlungsalternativen aus und entscheidet sich für die Alternative, die mit dem geringsten Aufwand den größten Nutzen ermöglicht. In psychologischen Experimenten zeigt sich allerdings, dass der Mensch häufig nicht die für ihn günstigste Alternative
wählt.Ob eine Person rational handelt, kann anhand zweier Kriterien überprüft werden. Zum einen kann die interne Konsistenz der Handlungen anhand ihrer Transitivität überprüft werden. Wenn eine Person die Alternative A gegenüber B und B gegenüber C vorzieht, so muss sie auch A gegenüber C präferieren. Zum anderen kann die Rationalität anhand normativer Theorien überprüft werden. Diese Theorien ermöglichen anhand unterschiedlicher Kriterien eine Bewertung der verschiedenen Optionen sowie die Bestimmung der optimalen Lösung. Ein häufig verwandtes Kriterium aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung ist die Maximierung des Erwartungswertes.Der Erwartungswert ergibt sich – zum Beispiel bei einer Lotterie – indem die Eintrittswahrscheinlichkeit mit dem erwarteten Gewinn multipliziert wird. Hat eine Person beispielsweise zwei Optionen:A eine 50% Chance USD 50 zu gewinnen und
B: eine 25% Chance USD 110 zu gewinnen,so würde sie mit der Option B den Erwartungswert maximieren. Denn der Erwartungswert der Option B ist USD 27,50 (0,25 * USD 110) während der Erwartungswert der Option A nur USD 25 (0,5 * USD 50) beträgt.
Optionen können auch anstatt ihres rein monetären Wertes mit dem persönlichen Nutzen bewertet werden, was zu einer anderen Entscheidung führen kann. So kann ein Individuum im folgenden Beispiel mit zwei Optionen

A: 0,85 Wahrscheinlichkeit eines Gewinns von USD 10 (Erwartungswert = USD 8,50)

B: 0,25 Wahrscheinlichkeit eines Gewinns von USD 45 (Erwartungswert = USD 11,25)die Option A trotz ihres geringeren Erwartungswertes vorziehen, wenn es auf die USD 10 angewiesen ist, um sich etwas zu essen zu kaufen. Somit stiftet A mit seiner höheren Eintrittswahrscheinlichkeit einen höheren Nutzen.

1. Heute so, morgen so – die Darstellung kann entscheiden!
Ob ein Mensch rational entscheidet kann also – wie gerade dargestellt – anhand des Kriteriums Erwartungswertmaximierung beurteilt werden. Die Rationalität einer Entscheidung kann aber auch anhand ihrer Konsistenz überprüft werden. Dazu können neben der Transitivität folgende Kriterien genutzt werden:

1. Beschreibungsinvarianz, d.h. es wird immer die gleiche Entscheidung getroffen, unabhängig von der Darstellung des Problems;

2. Prozeduralen Invarianz, d.h. die Entscheidung ist unabhängig von der Art und Weise, wie die Präferenzen gemessen werden. In einer Vielzahl von Studien konnte gezeigt werden, dass das menschliche Verhalten häufig diese beiden Kriterien nicht erfüllt.

Das Prinzip der Beschreibungsinvarianz untersuchten die Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky in einem Experiment, in dem sie die Teilnehmer in zwei Gruppen unterteilten und mit folgenden Problemen konfrontierten (die Zahl in Klammern gibt den Prozentsatz der Teilnehmer an, die die Option gewählt haben).Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson?

Beispiel 1: Präsentationseffekt und Verlustaversion
Gruppe 1: Sie bekommen USD 300, müssen aber zusätzlich eine der beiden folgenden Optionen wählen:
A: 100% Wahrscheinlichkeit USD 100 zu bekommen (72%)
B: 50% Wahrscheinlichkeit USD 200 zu gewinnen bzw. 50% Wahrscheinlichkeit nichts zusätzlich zu bekommen (28%)Gruppe 2: Sie bekommen USD 500, müssen aber zusätzlich eine der beiden folgenden Optionen wählen:
A: 100% Wahrscheinlichkeit USD 100 zu verlieren (36%)
B: 50% Wahrscheinlichkeit nichts zu verlieren bzw. 50% Wahrscheinlichkeit USD 200 zu verlieren (64%)Dabei ergibt sich für beide Gruppen für die beiden Varianten A und B jeweils ein identischer Erwartungswert von USD 400. Allerdings präferierte Gruppe 1 die sichere Variante, die zu einer Auszahlung von USD 400 führt, während Gruppe 2 die riskantere Variante B bevorzugte. Das Ergebnis legt die Vermutung nahe, dass die Art der Darstellung bzw. die Fragestellung einen Einfluss auf die Entscheidung hat, das Prinzip der Beschreibungsinvarianz also nicht erfüllt ist. Dieses Phänomen wird Framing (Präsentationseffekt) genannt.Erklärt werden kann das unterschiedliche Verhalten der beiden Gruppen dadurch, dass die Teilnehmer beider Gruppen jeweils versuchen, einen Verlust zu vermeiden. In der Gruppe 1 durch die Wahl der sicheren Option A. In der Gruppe 2 durch die Option B, bei der die Wahrscheinlichkeit eines Verlust mit 50% nur halb so hoch ist wie bei der Option A (100%). Dies kann auf die in vielen Experimenten nachgewiesene Verlustaversion zurückgeführt werden. Personen empfinden den Verlust von Etwas doppelt so schmerzhaft, wie die Freude, dieses Etwas zu gewinnen.23 (Dazu mehr im Abschnitt über Präferenzen.)Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 3Vor zu Teil 5



Ihre Sicherheit und Privatsphäre im Internet sind uns wichtig! Es werden mittels des Einsatzes von Cookies keinerlei persönliche Daten gespeichert oder mit Dritten getauscht. Dennoch verwendet diese Website Cookies zur Steigerung von Funktionalität und Leistungsfähigkeit. Falls Sie weiter lesen und unsere Website verwenden, stimmen Sie dem Gebrauch von Cookies zu.

Schließen