Blogs / 2012 / Mai

Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Homo Oeconomicus oder doch eher Homer Simpson? Nr. 1/11


Noch gibt es keine abschließende Ursachenanalyse der jüngsten Finanzmarktkrise.
Angeführt werden die lockere Geldpolitik der Fed, Mängel bei Regulierung und Aufsicht, das ungehemmte Gewinnstreben der Banken, systemische Komplexität aber auch das nichtrationale Verhalten ökonomischer Agenten. Entsprechend ist insbesondere das in der ökonomischen Theorie nach wie vor gängige Modell des Homo Oeconomicus, das quasi die mikroökonomische Grundlage für die Effizienz von Märkten darstellt, wieder einmal in die Kritik geraten.

In dieser Studie werden die Annahmen des Modells des Homo Oeconomicus mit den Ergebnissen psychologischer Experimente verglichen. Dabei wird klar, dass Menschen im richtigen Leben nicht immer rationale Entscheidungen auf Basis feststehender Präferenzen und vollständiger Information treffen. Ihr Verhalten widerspricht damit in vielfältiger Weise dem Modell des Homo Oeconomicus. Viele der zu beobachtenden Verhaltensweisen liegen darin begründet, dass der Mensch versucht, die Komplexität seiner Umwelt durch Näherungsverfahren in den Griff zu bekommen, da eine vollständige Sammlung und Bewertung der für eine Entscheidung relevanten Faktoren die Verarbeitungskapazität seines Gehirns überfordert. Diese Verfahren liefern in der Regel brauchbare Ergebnisse, führen aber auch häufig zu verzerrten Wahrnehmungen und systematischen Fehlern.

Diese psychologisch begründeten Unzulänglichkeiten treten auch bei Anlageentscheidungen auf. Verzerrungen entstehen durch die Verfügbarkeit von Informationen, falsche Einschätzungen bezüglich deren Repräsentativität, Verlustaversion, die Suche nach Bestätigung, Isolations- und Besitzeffekte, den Status-quo bias und – insbesondere in den Finanzmärkten – durch die Fehlinterpretation von Mustern.

Investoren und Anlageberater sollten sich dieser Effekte bei der Beurteilung von Finanzprodukten, bei ihren Einschätzungen zukünftiger für den Erfolg der Anlageentscheidung relevanter Faktoren, der eigenen Risikobereitschaft sowie bei der Reflexion über das eigene Anlageverhalten bewusst sein. Das gilt insbesondere angesichts der typischerweise nicht-linearen Prozesse in Verbindung mit den teilweise langen Laufzeiten von Finanzanlagen. Die Berücksichtigung dieser Effekte bei der Investitionsentscheidung kann helfen, Fehlentscheidungen zu verhindern, ist aber keine Garantie für überdurchschnittliche Performance.

1. Einleitung und Aufbau der Studie
Bei einer Anhörung im amerikanischen Kongress zu den Ursachen der Finanzmarktkrise brachte der ehemalige Fed-Präsident Alan Greenspan einen Grundpfeiler der neoklassischen Ökonomie ins Wanken. Mit seiner Aussage: „Diejenigen von uns, die geglaubt haben, dass das Eigeninteresse von Banken das Kapital ihrer Aktionäre schützen würde, sind – einschließlich mir selbst – in einem Stadium schockierten Unglaubens“. Mit Blick auf den Markt für credit default swaps und seiner Rolle für modernes Risikomanagement konzedierte er: „Das gesamte intellektuelle Bauwerk kollabierte im Sommer letzten Jahres“.

In ihrem Buch Animal Spirits gehen die Ökonomen George Akerlof und Robert Shiller noch einen Schritt weiter. Sie behaupten, dass zu viele Makroökonomen und Finanztheoretiker sich fast ausschließlich auf die Annahme rationaler Erwartungen und effizienter Märkte gestützt haben, mit dem Ergebnis, dass sie die grundlegende Dynamik von Wirtschaftskrisen aus dem Blick verloren hätten.2 Nach der Theorie der rationalen Erwartungen, die von John F. Muth und Robert E. Lucas entwickelt wurde, sind die Erwartungen rational, wenn sie sich bezüglich eines Ereignisses, z.B. des Preises für ein Fass Öl in einem Monat, nicht systematisch von dem aus dem Marktmechanismus resultierenden Preis unterscheiden. In ihrer strengen Interpretation bedeutet die Theorie der rationalen Erwartungen, dass die Agenten die Struktur des Modells, welches die Welt richtig beschreibt, kennen und diese für ihre Erwartungsbildung nutzen. In ihrer schwachen Form besagt die Theorie, dass Agenten keine systematischen Fehler machen, mit anderen Worten, aus ihren Fehlern lernen.

Wären Wirtschaftssubjekte im Sinne dieser Theorie rational, dann könnten die Märkte sich selbst überlassen werden, ohne dass es zu schwerwiegenden Ungleichgewichten oder Blasenbildung käme. Vor dem Hintergrund der Finanzmarktkrise ist aber die Frage, ob die Theorie der rationalen Erwartungen selbst in ihrer schwachen Form
die ökonomische Realität adäquat beschreibt, mehr als gerechtfertigt. Insbesondere das ihr zugrunde liegende Modell des Homo Oeconomicus, in dem der Mensch uneingeschränkt rational und nutzenmaximierend handelt und dabei über lückenlose Information verfügt, wird unter Ökonomen zunehmend kritisch diskutiert und von
Fachfremden mit offener Häme überschüttet.Aufbau der Studie
Im folgenden Abschnitt wird das Konzept des Homo Oeconomicus mit seinen einzelnen Annahmen vorgestellt. Im zweiten Abschnitt wird anhand der Ergebnisse psychologischer Experimente untersucht, inwieweit das menschliche Verhalten tatsächlich diesen Annahmen entspricht. Da sich Menschen häufig anders verhalten und dabei vielfach systematische Fehler machen, werden im dritten Abschnitt mögliche Ursachen dieser systematischen Fehler analysiert. Im abschließenden vierten Kapitel steht die Frage im Mittelpunkt, inwieweit diese Erkenntnisse dem einzelnen Investor helfen können, Fehler bei seinen Anlageentscheidungen zu vermeiden.Vorwärts zu Teil 2



Ihre Sicherheit und Privatsphäre im Internet sind uns wichtig! Es werden mittels des Einsatzes von Cookies keinerlei persönliche Daten gespeichert oder mit Dritten getauscht. Dennoch verwendet diese Website Cookies zur Steigerung von Funktionalität und Leistungsfähigkeit. Falls Sie weiter lesen und unsere Website verwenden, stimmen Sie dem Gebrauch von Cookies zu.

Schließen