Kapitel 1: Verhaftet! - Und immer wieder aufstehen! Teil 2


1 Verhaftet!Je größer der Schmerz, desto größer die Chance zu wachsen!Donnerstag, 31. Oktober 2002 Am kommenden Sonntag wollte ich für elf Tage nach Österreich fahren, um dort mehrere Seminare zu halten. Alexander, mein älterer Sohn, hatte in dieser Woche Schulferien. Um diese Zeit mit ihm zu nutzen, hatte ich mich entschlossen bis zum Sonntag zu Hause zu bleiben. So konnte ich auch für die harten Seminartage, die vor mir lagen, Energie tanken. Nach einem gemütlichen Frühstück mit der ganzen Familie brach Kerstin auf, um Besorgungen zu machen. Ich rief Alexander und fragte, ob er Lust hätte mit mir zu spielen.»Au ja, Mikado«, strahlte er übers ganze Gesicht und rannte los, um das Spiel zu holen. Und dann spielten wir mehrere Spiele. Er war an diesem Tag sehr gut und gewann zum ersten Mal gegen mich. Voller Stolz glühte sein Gesicht. Plötzlich klingelte es an der Haustür. Es war Punkt 12 Uhr. Janka, unser Au-pair-Mädchen, öffnete und kam ins Wohnzimmer. »Da sind wieder diese zwei Herren, die schon einmal da waren!« Ich war überrascht und ging zur Eingangstür. Dort standen zwei Polizeibeamte von der Kripo »Wirtschaft« in Schweinfurt.»Herr Höller, können wir Sie bitte mal sprechen?« »Natürlich«, antwortete ich und dachte mir: Was wollen die schon wieder von mir? Ich ging mit ihnen in mein Büro ins Obergeschoss und wir setzten uns. Der Kriminalkommissar schaute mich mit einem mitfühlenden Gesicht an – war das echt oder nur Fassade? »Herr Höller, es ist so weit, wir haben einen Haftbefehl, wir müssen Sie mitnehmen!«Ich blickte ihn fassungslos an und fühlte mich so, als sei ich eben mit Tempo 250 frontal gegen eine Betonmauer gefahren. Verhaftet, ich? Ja, aber warum denn? Ich bin doch kein Verbrecher, schoss es mir durch den Kopf. Was mir vorgeworfen wurde, war kein Geheimnis und schon lange bekannt. Dazu werde ich später noch Stellung nehmen. Um mich drehte sich alles und mir gingen – ähnlich wie bei einem Unfall – unzählige Bilder durch den Kopf. Ich sah meine Frau, wie sie weint, die traurigen Augen meiner Kinder, die entsetzten Blicke meiner Familie, meiner Mitarbeiter, Freunde und Kunden. Diese Vorstellungen wechselten sich ab mit Fragmenten meiner Kritiker, Gegner, Konkurrenten und Feinde. Nach fünf Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, hörte ich wieder die Stimme des Polizeibeamten: »Herr Höller, packen Sie jetzt bitte einige Dinge zusammen, wir müssen Sie mitnehmen.«Wie in Trance packte ich einen Kulturbeutel und etwas Wäsche in eine Sporttasche und zog mir einen Anzug an. Dabei gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Gleich würde Kerstin heimkommen. »Bitte beeile dich, ich will dich doch noch einmal sehen! Du sollst es von mir erfahren.« Meine Kinder spielten noch und warteten ungeduldig darauf, dass ihr Papa zurückkommen würde. Oh Gott, das ist nur ein Alptraum. Ja, das war’s. Gleich würde ich aufwachen und mich an den warmen, liebevollen Körper von Kerstin kuscheln.Ich ging mit den Polizisten zu deren Auto, als Kerstin, die eingekauft hatte, vor unserem Haus vorfuhr. Sie sah sich um, riss die Autotür auf und fragte, was denn los sei. Ich sagte zu ihr: »Schatz, du musst jetzt stark sein. Ich bin verhaftet!« Sie blickte mich fassungslos an und ich konnte erkennen, wie sich die Pupillen in ihren wunderschönen und zärtlichen Augen schockiert weiteten. »Nein, das können sie doch nicht tun«, schluchzte sie und warf sich in meine Arme. »Er ist doch kein Verbrecher, warum wird er denn verhaftet?«»Es besteht Fluchtgefahr.« »Fluchtgefahr? Ja, warum das denn?« Auch Kerstin begriff es nicht, da ich jeden beruflichen Auslandsaufenthalt zwei Wochen vorher angemeldet hatte. Auf private Auslandsreisen hatten wir verzichtet. Und nun Inhaftierung wegen Fluchtgefahr? Man ließ uns noch zwei Minuten. Ich drückte erst Gino, unseren Hund, der instinktiv spürte, dass hier etwas nicht stimmte. Dann den zweijährigen Maximilian, der müde war und noch gar nicht verstand, was hier Schreckliches vor sich ging. Ich nahm meinen geliebten großen Sohn, Alexander, in den Arm. Ich wollte stark sein, ihn nicht belasten. Doch als ich ihm in die Augen schaute, konnte ich nur noch  schluchzen: »Papa muss beruflich dringend weg, es wird vielleicht etwas länger dauern. Du bist ein starker, kluger und hübscher Junge. Ich liebe dich sehr!« Dann umarmten sich Kerstin und ich, ehe der eine Polizist uns trennte. Ich stieg ins Auto, legte meine Hand von innen an die Scheibe, Kerstin ihre von außen. Wir sahen uns tränenüberströmt an, dann fuhr das Auto los. Ich sah durch die Heckscheibe nur noch wie Kerstin vor unserem Haus zusammen - brach.Die Fahrt ins Polizeipräsidium erlebte ich wie in Trance. Ich kam zunächst in eine Zelle, oder, im Gefängnisjargon, »in den Keller«. Die Verhandlung würde erst am nächsten Tag um 10 Uhr in Würzburg stattfinden. Nach einem kurzen Tele - fonat mit meinem Anwalt Sven Oberhof, dem ehemaligen »Club-Präsident« des 1. FC Nürnberg, hatte ich wenig Hoffnung auf eine schnelle Entlassung. Am nächsten Tag war Feiertag, sodass nur ein »Jourrichter« da sein würde, der mich auf keinen Fall auf seine Verantwortung freilassen könnte. Mit einigen Tagen musste ich also mindestens rechnen.Als wir »im Keller« ankamen, musste ich alles abgeben, was ich bei mir hatte, auch Gürtel, Schuhe, Zahnbürste … Ich durfte nur die Kleider am Leib behalten und meine kleine Bibel, die ich noch instinktiv von zu Hause mitgenommen hatte. »Wenn Sie heute Abend etwas essen wollen, sagen Sie den Beamten Bescheid, sie holen Ihnen etwas. Bezahlen müssen Sie es selbst. Wir sehen uns morgen gegen halb acht.« Mit diesen Worten verließ mich der Polizeibeamte – natürlich, der Feierabend rief, schließlich ist er ja Beamter und muss seine 37,5-Stunden-Woche genau einhalten. Meine Zelle war zirka 1,5 Meter breit und zirka 2,5 Meter lang. An der einen Seite stand ein »Bett«, das »Gestell« gemauert, eine zwei Zentimeter dicke Hartgummimatte als Matratze und eine Decke. Kein Kissen. Auf der anderen Seite war ein Edelstahl-Klosett ohne Deckel an der Wand befestigt. An der Wand rauschten zwei winzige Ventilatoren, um die verbrauchte Luft abzusaugen. Ich wusste gar nicht, dass solche Mini-Dinger so viel Krach bei so wenig Effektivität erzeugen können. Fenster gab es keins.Außerhalb dieser Zelle, durch Gitter getrennt, befanden sich ein Waschbecken, eine Heizung und ein Flutstrahler, der meine Zelle beleuchtete. Leider konnte ich weder an das Waschbecken noch an die Heizung, in der Zelle hatte es zirka 28 Grad.
Ich bekam einen Becher Leitungswasser, das abgestanden, warm und modrig schmeckte, und war alleine. Allein mit mir, meinen Ängsten, Sorgen, Problemen, Fragen, meiner Panik, meiner Trauer, Wut, Verzweiflung. Allein in einem großen Wirrwarr an Gefühlen. Alles drehte sich in meinem Kopf.Fast 17 Stunden verbrachte ich nun in diesem Raum. Alleine und ohne alles. Es wurde eine Nacht des Grauens, mein schlimmster Alptraum. Die einzige Abwechslung war eine Pizza, die ich am Stück, ohne Teller oder Besteck, verspeisen durfte. Die Tomatensauce, mit Olivenöl und Käse vermischt, tropfte über mein Gesicht, meine Hände, meine Kleidung – es war mir egal. Ich verschlang diese Mahlzeit und wunderte mich selbst, dass ich überhaupt etwas essen konnte. Diese 17 Stunden haben sich tief und fest – unauslöschbar – in mein Unterbewusstsein eingegraben.Wie erlebte ich die 17 Stunden, diese 17 Stunden der Hölle? Ich las in der Bibel. Wenn ich nicht mehr konnte, stand ich auf und ging auf und ab. Fünf Schritte hin und wieder fünf Schritte zurück, wie ein gefangenes Raubtier im Käfig. Raubtiere werden dabei verrückt, neurotisch – ich weiß jetzt, warum. Ich zog mich aus, denn die 28 Grad  waren unerträglich. In der Zelle gab es noch einen Notknopf. Ein paar Mal bestellte ich Wasser. Meine höfliche Bitte, ob die Heizung vielleicht etwas heruntergedreht werden könne, erzeugte nur ein höhnisches Lachen – und so schmorte ich weiter in diesem »Zimmer des Fege - feuers«, wie ich es schließlich taufte. Doch in meinem Bauch drückte, rumorte und drehte sich alles. Die Toilette wurde mein bester Freund.Immer wieder las ich die Bibel, meinen Halt, meinen Trost. In der Nacht musste der Flutstrahler angelassen werden – ich hätte mir ja etwas antun können, lautete die Begründung dafür. Ich las in der Bibel, machte die Augen zu, hatte kurz Alpträume, wachte schweißgebadet auf, las wieder in der Bibel, betete. Die Gedanken drehten sich im Kreis. Wie sollte es jetzt weitergehen? Was würde passieren? Wovon sollte meine Familie leben? Wie sollte die Firma, ohne mich, weiterlaufen? Welcher Sturm würde in der Presse über mich ergehen? Wann würde ich meine Kinder wieder sehen?  Ich fühlte mich am Ende. Ich war wütend auf Gott und machte ihm Vorwürfe.Um keine Missverständnisse entstehen zu lassen: Ich glaube, dass Gott für jeden von uns eine bestimmte Aufgabe vorgesehen hat. Und ich glaube, dass alles, was passiert – auch wenn es uns schmerzt und wir das oft nicht verstehen können –, einen Sinn hat, einen höheren Sinn, den nur Gott kennt. Er wird sich deshalb etwas dabei gedacht haben, dass er mich vom Gipfel, ganz oben vom Gipfel stieß und ich in diesem Loch landete.Ich ließ meinen Gefühlen freien Lauf und weinte hemmungslos – es war ja auch niemand da, den es hätte stören können. Im Lauf der Nacht wurden weitere »Kandidaten« aufgelesen und in den leeren Zellen nebenan eingesperrt. Meist waren sie stark alkoholisiert, brüllten und randalierten. Ich hörte ausländische Stimmen, brüllende Polizisten und einer der Inhaftierten schlug immer wieder gegen die  Zellengitter. Ein einziger Alptraum – wie würde er wohl weitergehen?Zurück zu Teil 1Vor zu Teil 3



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