Dann ging es in den Gerichtssaal - Und immer wieder aufstehen! Teil 3


Freitag, 1. November 2002 (Allerheiligen). Kurz vor halb acht kam der Polizeibeamte. Mitfühlend erkundigte er sich nach meinem Befinden – warum hielt ich es nur für gespielt? Ich hatte zehn Minuten Zeit, mich am Waschbecken frisch zu machen. Da es keinen Spiegel gab, beschränkte sich meine Hygiene darauf, mich »blind« zu rasieren, die Zähne zu putzen und Gesicht und Oberkörper mit etwas Wasser zu bespritzen.Ich fühlte mich so, als ob ich jeden Moment in Ohnmacht fallen würde. Alles drehte sich, als ob ich mal wieder mit Alexander, meinem »Oggi«, wie mein Kosename für ihn lautet, im sich immer schneller drehenden Karussell des Freizeitparks säße, den wir jedes Jahr einmal besuchten. Die Stimme des Beamten riss mich unsanft aus diesem angenehmen Strudel, der versprach, alles, was mich belastete, meine Ängste, meine Wut und meine Trauer, zu verschlingen. Im Büro erhielt ich eine Tasse Kaffee – im Plastikbecher. Das passte dem anderen Beamten, der mittlerweile hinzugekommen war, gar nicht und er kramte eine Porzellantasse aus seinem Schrank: »Ein bisschen Niveau haben wir ja doch …« Um neun Uhr fuhren wir nach Würzburg zum Gericht. Auf der Fahrt redete der eine Beamte pausenlos auf mich ein – obwohl ich meine Gedanken eigentlich sammeln wollte.Warum ich überhaupt an die Börse wollte, ich hätte doch einfach wie bis 1999 weitermachen und gutes Geld verdienen können. Er kannte alle Zahlen und
wusste, dass die INLINE AG bis einschließlich 1999 immer Gewinne erzielt hatte. Tolle Erkenntnis – die war mir mittlerweile auch gekommen. Nachher ist man immer schlauer. Aber der »Herr Hätt-ich-doch« und die »Frau Wenn-ich-doch« brachten mich jetzt auch nicht weiter. Ich hatte an den Erfolg des Börsengangs geglaubt und alles riskiert – zu viel, wie ich heute weiß. Aber ein 37,5-Stunden-Beamter würde nie verstehen, welchen Traum ich hatte. Um viertel vor zehn waren wir da. Das Gericht, heute war Feiertag (Allerheiligen), war noch verschlossen. Ich vertrat mir die Beine, die beiden Beamten immer ein paar Meter hinter mir – ich könnte ja flüchten.Als mein Anwalt Oberhof kam, durfte ich ein paar Minuten mit ihm sprechen. Schließlich kam auch Kerstin. Wir fielen uns um den Hals, weinten, küssten uns und drückten uns ganz fest aneinander, spürten die Angst und die Anspannung im anderen.Dann ging es auch schon in den Gerichtssaal. Diese erste Verhandlung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt – auch Kerstin durfte nicht dabei sein. Es dauerte nur Minuten: Mir wurde der Haftbefehl ausgehändigt, ich musste unterschreiben und war dazu verurteilt, in den »Bau« einzurücken.

Gott sei Dank durfte ich mich noch von Kerstin verabschieden, die wie ein Häufchen Elend vor der Tür im Gang saß. Sie fiel mir um den Hals. Wir hatten nur noch wenige Minuten Zeit, um uns wichtige, schöne Dinge zu sagen, nicht wissend, wie lange es dauern würde, bis wir uns wieder in Freiheit sehen durften. Uns schossen tausend Dinge durch den Kopf, die wir sagen wollten. Doch wir klammerten uns nur aneinander, so fest es ging. Unsere Gesichter waren nass von unseren Tränen, Kerstins Gesicht von ihrer Wimperntusche verschmiert. – Doch nie habe ich sie hübscher empfunden als in diesem Augenblick. Unsere Körper waren fest aneinander gepresst. »Ich liebe dich«, hörte ich Kerstin unter Schluchzen sagen. »Ich stehe immer zu dir, wir schaffen das, hörst du, wir schaffen das.Ich mache alles hier draußen, was notwendig ist, aber du musst es auch schaffen, versprich es mir, hast du verstanden? Mach keine Dummheiten, deine Kinder, deine Mitarbeiter, deine Kunden und vor allem ich, wir brauchen dich! Ich liebe dich, jetzt noch mehr, ich brauche dich! Und versprich mir, schwöre mir, dass du keine Dummheiten machst!«Ihren Worten entnahm ich ihre Angst, ich könnte mir etwas antun. »Oh, mein Liebling, keine Sekunde denke ich an so etwas. Ich komme wieder zu euch. Ich lass mich nicht unterkriegen. Mich schaffen die nicht, auch wenn sie es wollen. Ich gebe nicht auf, niemals!« »Lassen Sie es jetzt gut sein, kommen Sie mit, Herr Höller, Sie machen es nur noch schlimmer«, versuchte uns der Polizeibeamte zu trennen. Komisch, ich hätte ihn und seinen Kollegen jetzt hassen müssen – aber da war kein Hass, keine Wut oder Zorn. Sie taten mir plötzlich einfach Leid. Als wir in der Justizvollzugsanstalt Würzburg ankamen, verabschiedeten sie sich von mir. Ich gab ihnen die Hand und verspürte keinen Groll mehr – ich hatte losgelassen, hatte ihnen verziehen.Zuerst musste ich mich ausziehen und splitterfasernackt meine Fußsohlen zeigen, den Mund öffnen, die Zunge herausstrecken und mich schließlich bücken, damit mein After inspiziert werden konnte. Dann durfte ich kurz duschen. Als ich nach fünf Minuten wieder herauskam, waren meine Sachen, die ich dabeihatte, schon komplett durchsucht. Meinen Kulturbeutel musste ich mitsamt Inhalt abgeben. Ebenso meine Turnschuhe. Die Sohlen hatten sichtbare »Gel-Depots«, zur besseren Dämpfung. Diese könnten sich lösen und ich könnte dort etwas »deponiert« haben – verboten. Fön – verboten. Bücher – verboten. Zeitung – verboten. Bonbon oder Kaugummi – verboten.

Von meinen Sachen durfte ich behalten:
eine Unterhose
ein paar Socken
ein Unterhemd
und meine Bibel!Das war alles. Dazu bekam ich von der Justizvollzugsanstalt eine Plastikwanne,
gefüllt mit:
einer Kernseife
einem Rasierpinsel
einer Rasierseife
einem Plastikkamm
einer Zahnbürste
einer Zahncreme
und einen Einwegrasierer (der eine Woche halten muss …).Dazu an Geschirr:
ein zerkratztes Brotzeit-Brettchen
ein Messer (stumpf)
eine Gabel
einen Esslöffel
einen Teelöffel
eine Tasse
ein Blechkännchen
eine Brotdose
zwei »Näpfe« (im wahrsten Sinn des Wortes. Sie sahen genau so aus wie die Blechnäpfe für einen Hund. Der kleine Napf war zum Beispiel für Salat oder Gemüse, der große für Fleisch, Soße und Beilagen).Außerdem:
eine Decke
einen Bettbezug
ein Bettlaken
einen Kopfkissenbezug
ein kleines Geschirrtuch (30 x 30 cm)
und ein Handtuch.

Die Essens-Grundausstattung bestand aus:
einem Glas Marmelade (für 14 Tage)
einem Plastikschälchen Zucker (für eine Woche)
einer Packung Früchtetee (25 Beutel für 14 Tage)
und einer 250-g-Packung Margarine. (Die war seit zwei Monaten abgelaufen, wie ich erst etwas später entdeckte.)Der tägliche Verpflegungssatz der für jeden Insassen zur Verfügung stand, lag
damals übrigens bei ca. 2,30 Euro pro Tag …
Dann wurde ich gefragt, ob ich vielleicht aus religiösen oder gesundheitlichen Gründen eine spezielle Ernährung benötigen würde, was ich verneinte (ein Fehler wie ich später erfuhr, denn Moslems und »Magennervöse« Insassen bekamen wesentlich besseres, hochwertigeres Rindfleisch im Vergleich zu uns »normalen« Insassen, bei denen es praktisch fünf Mal die Woche billigstes Schweinefleisch gab …).

Anschließend schob mir der Beamte zwei Formulare hin, die ich doch bitte lesen und unterschreiben sollte. Das erste Formular bestand aus einer Erklärung, in der ich mich damit einverstanden erkläre, eine Einzelzelle (auf ca. 2 x 4 Meter) mit einem weiteren Insassen zu bewohnen, also zwei Personen auf acht Quadratmetern. Das zweite Formular bestand darin, dass ich mich damit einverstanden erkläre, dass bei einem evtl. Fluchtversuch auf mich geschossen werden darf …Auf meine Frage, ob ich diese beiden Formulare unterschreiben müsse, antwortete der Beamte nur ausweichend, dass dies ganz normal sei und jeder neue Gefangene so tätigen würde. Ich weigerte mich darauf hin mit dem Hinweis, dass ich erst mit meinem Anwalt sprechen wollte. Später wurde mir klar, dass ich einer der ganz großen Ausnahmen war, denn die allermeisten neuen Gefangenen unterschreiben in ihrem Schockzustand so alles, was man ihnen mit einer entsprechend dominanten Körpersprache und Stimme hinlegt – sogar das Einverständnis, dass man auf sie bei einem Fluchtversuch schießen darf (zur Information: ein Fluchtversuch, bei dem nichts beschädigt und niemand verletzt wird, ist in Deutschland nicht strafbar!).Auf meine Frage, ob ich vielleicht aus meinem Kulturbeutel den kleinen Nagelzwicker haben könnte, antwortete der Beamte: »Der Kleidersack ist jetzt schon zu. Dafür habe ich jetzt auch keine Zeit mehr, der nächste wartet schon. Unterschreiben Sie hier und bestätigen Sie, alles erhalten zu haben.« Damit schob er mich zur Tür raus, in ein Zimmer rein und schloss mit den Worten zu:»Bis Montag bleiben Sie jetzt hier im Zugang, dann sehen wir weiter.« Ich befand mich also in einem der so genannten »Zugangs-Zimmer«. Dorthin wurden neue Häftlinge verfrachtet, bis man wusste, wohin genau man sie legen würde.

Ich stand also mit meinen ganzen Habseligkeiten da und betrachtete das Zimmer, das für die nächsten Tage mein »Heim« sein sollte. Ich war allein. Das Zimmer war etwa 18 qm groß, und in ihm befanden sich Klo und Waschbecken, Esstisch und drei Etagenbetten für insgesamt sechs Personen. Der Raum hatte zwei Fenster. Diese waren doppelt vergittert. Ein robustes Gitter, wie man es aus Filmen kennt, und ein »Fliegengitter« (1 x 1 cm). Dadurch sieht man, ähnlich wie die Stubenfliegen, den Himmel nicht mehr blau, sondern violett-grau. Im Zimmer hatte es bestimmt wieder 25 Grad – aber die Temperaturregler an den Heizungen waren abgeschraubt.Die Betten und Wände waren über und über verschmiert mit Liebesbezeugungen (Angelo + Angela love forever), Verewigungen (Sven war hier, 3.6.2002), Beschimpfungen (FUCK alle Bullen und Beamten, Scheiß Bayern) und vielen Sprüchen, teils witzig, teils vulgär oder einfach doof.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 2Vor zu Teil 4



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