Der »schönste« Tag seit meiner Inhaftierung - Und immer wieder aufstehen! Teil 17


Mittwoch, 13. November 2002 Der »schönste« Tag seit meiner Inhaftierung: Nach 14 Tagen endlich EINKAUF. Für ca. 25– 50 Euro können die meisten Gefangenen zweimal im Monat Persönliches einkaufen. Zwei Tage vorher besorgte ich mir die Einkaufsliste der Artikel, die erworben werden konnten, und die entsprechenden Preise. Und dann nahm ich mir zwei Stunden Zeit und kalkulierte und plante meinen Einkauf – so wie ich früher Business-Pläne erstellte…

»Spezial-Produkte« wie alle Arten von Elektroartikeln (Fernseher, Tauchsieder, Leselampen, Dreierstecker) müssen zwei Tage vor dem Einkauf genehmigt sein. Sportartikel jeglicher Art können nur einmal pro Monat gekauft bzw. bestellt werden, Lieferdauer: zwei bis vier Wochen, natürlich nur mit Genehmigung. Wer keine Sportsachen hat, darf auch keinen Sport treiben. Uhren (meine eigene durfte ich nicht haben) müssen ebenfalls vorher beantragt und genehmigt werden. Es gibt nur eine Einheitsuhr für 4,99 Euro ohne Garantie, wie mir die Verkäuferin gleich erläuterte. Später wusste ich, warum, denn meine Uhr war nach dem Auspacken gleich defekt. Dann war es endlich so weit: Die ganze Etage H3 durfte zum Einkauf. Ich schnappte mir also meine Einkaufsliste und meinen Kugelschreiber und los ging es Richtung Einkaufsladen. Jeder Weg, den man in der Justizvollzugsanstalt zurückzulegen hatte, dauerte lange, denn etwa alle 10 bis 25 Meter ist eine Tür vom »Schließer« auf- und zuzuschließen. Diese Verzögerung steigerte noch meine Spannung. Es war wieder wie damals, als ich ein Kind war und das Weihnachtsfest vor der Tür stand. Mein Puls beschleunigte sich mehr und mehr, mein Blutdruck stieg und in meinem Bauch hatte ich ein freudig angespanntes, erwartungsfrohes Gefühl. Dann steigerte sich die Spannung fast ins Unermessliche, denn es durften nur immer fünf Häftlinge gleichzeitig einkaufen. Endlich war es so weit – ich durfte eintreten. Der Laden war eher klein, ohne Fenster, vielleicht 80 qm groß und unglaublich zugestopft, eng, warm und stickig – aber wie das Paradies, zumindest der materielle Teil des Gartens Eden.Ich habe mich an diesem Tag wohl ähnlich gefühlt wie die damaligen DDRBürger 1989, als sie zum ersten Mal in den Westen kamen und freie Auswahl beim Einkaufen hatten – und alles kaufen konnten, was das Herz begehrte –, natürlich nur im Rahmen des zur Verfügung gestellten Begrüßungsgeldes. Ich war wie im Rausch, mein Einkaufswagen füllte sich mit lauter tollen Sachen – Dingen, die noch vor zwei Wochen bedeutungslos gewesen waren, da normal, alltäglich, keiner Rede geschweige denn des Nachdenkens wert. Wer, der jetzt diese Zeilen liest und in Freiheit ist, gerät beim Gedanken an Reißzwecken oder Tesafilm in einen freudigen Erregungszustand? Jetzt konnte ich endlich die Bilder meiner Lieblinge an die Wand heften! Wer kennt die Freude beim Kauf einer »4,99 Euro-Uhr«? Ich lebte nun schon 14 Tage ohne Zeit und wusste beim Aufwachen nachts nicht, ob es 2 Uhr oder schon 5 Uhr war, ob das Essen in 30 Minuten oder erst in zwei Stunden kommen würde. Ich entschied mich als Erstes für ein Pfund Jacobs Kaffee, Plastikfilter und 100 Filtertüten. Täglich eine oder zwei Tassen frisch gebrühter Kaffee, nicht unbedingt gesund, aber hier »drinnen« verhieß der Gedanke daran: Erinnerungen, Gefühle des Heims, der sonntäglichen Kaffeerunde mit der Familie, der Behaglichkeit, ja der Geborgenheit. Oder der Deoroller – in den letzten Tagen hasste ich meinen eigenen Geruch. Jetzt würde ich zumindest ein Mindestmaß an körperlicher Hygiene tätigen können. Deshalb noch ein »richtiges« Shampoo von Schwarzkopf und nicht dieses »Klebemittel« der Justizvollzugsanstalt, das noch dazu seit fünf Tagen »aus« war, also fünf Tage keine Haarpflege außer mit Wasser. Und dann Schokolade, nach 14 Tagen! Au ja, ich entschied mich für ein Mars, ein Snickers, ein Hanuta – egal, hinein damit. Das vielleicht Schönste überhaupt, genauso fantastisch wie beim Mauerfall: frisches Obst! In den letzten 14 Tagen bestand meine Obstration aus genau einem Apfel und einer Birne. Jetzt kaufte ich Kiwis, Mandarinen, Bananen…Der Einkaufswagen füllte sich: Joghurt, Müsli (statt dem beschissenen vertrockneten Marmeladenweißbrot zum Frühstück), Rasierklingen, Hautcreme, Pinzette, Büromaterial (Es tut weh, dafür die Euros teilweise auszugeben, aber ich musste Ordnung schaffen und von außen durfte nichts in die Justizvollzugsanstalt herein – also Ordner, Locher, Tesa-Film, Schere, Kuverts, Briefmarken). Milch fürs Müsli, Nutella (man gönnt sich ja sonst nichts), ein Tischtennisschläger mit Bällen und aktuelle neue Zeitschriften: Focus, Stern, Spiegel – egal, hinein, Hauptsache lesen! Endlich stand ich an der Kasse, die Verkäuferin tippte die Warenpreise in ihre Kasse ein.Schock – ich hatte zu viel eingekauft! O nein, jetzt musste ich wieder etwas herausnehmen, da gibt’s keine Ausnahmen! Trotzdem, ich hatte einen großen Kasten voll – was für ein wunderbarer Tag heute, mir lief schon das Wasser im Munde zusammen. An diesem Abend aß ich dann ein »Festmahl«. Herrlich! Mann, was geht es mir gut. Erst am nächsten Morgen bekam ich mit, dass es auch Gefangene gibt, die nichts einkaufen können, weil sie kein Geld – Eigengeld, wie es hier hieß – eingezahlt haben, teils gar nicht einzahlen konnten. Auch Iwan gehörte zu ihnen. Eine Woge des Mitgefühls durchflutete mich. Was musste es für diese Menschen bedeuten, ansehen zu müssen, wie (fast) alle anderen einkauften, glücklich waren, genießen konnten – und sie waren ausgeschlossen, mussten zusehen, vielleicht rochen sie an diesem Abend sogar etwas, sahen vielleicht sogar ihre Zellenkollegen schwelgen – und sie blieben außen vor. Es ist schon grausam, nichts oder wenig zu haben. Und noch viel grausamer ist es, diese Dinge vor Augen zu haben und zusehen zu müssen, dass die anderen »es« haben können, nur man selbst nicht.Ich beschloss, etwas abzugeben. Ich packte für Iwan ein Paket mit Obst, Schokolade, einer Rasierklinge, Multi-Vitamin-Tabletten. Als ich das Paket fertig hatte, nahm ich – ich schäme mich dafür – wieder ein paar Sachen raus. Der Egoismus lässt sich nicht so einfach vollständig besiegen. In den nächsten Tagen schenkte ich mal diesem, mal jenem etwas, meist etwas Süßes. Ich werde nie die Augen derjenigen vergessen, wie sie mich anschauten: ungläubig, erstaunt, freudig, dankbar, alles nur wegen etwas Schokolade. Die Beamten der Justizvollzugsanstalt waren, zum größten Teil, in Ordnung, das heißt nicht nur korrekt, sondern höflich, ja im Rahmen ihrer Dienstordnung, ihrer Regeln und Vorgaben bemüht zu helfen. Ein ganz besonderes Dankeschön an dieser Stelle an die Hausdienstleiter. Natürlich gibt es immer solche und solche – aber die gibt es überall, auch in allen anderen Berufen. Leicht hatten es die Beamten auch nicht: schlecht bezahlt, Wechselschichten, selber die Hälfte ihres wachen Lebens hinter Gittern, eingesperrt in ein System, das unter anderem das Ziel hat, zu strafen, »Härtesignale« an alle potenziellen Straftäter »draußen« auszusenden.Die Regelbesuchszeit ist eine Stunde im Monat, durch Mikrofone abgehört und von mehreren Beamten durch Glasscheiben beobachtet. Auf Antrag erhielt ich eine zweite Stunde per Sonderbesuchserlaubnis. Wie viele Beziehungen halten es aus, sich nur kurz zu sehen, kaum zu reden, geschweige denn Probleme klären zu können oder sich gar körperlich nahe zu sein, sich Zärtlichkeiten geben zu können? Ich habe hier Häftlinge erlebt, Hünen von Männern, die heulend wie Schlosshunde aus dem Besucherraum kamen, weil ihre zweijährige Tochter nicht auf Papas Schoß wollte: »Mami, ich habe Angst vor dem Mann.« Häftlinge, die wegen Drogendelikten einsitzen, haben bei Besuchen sogar noch eine Trennscheibe zwischen sich und ihren Liebsten – sie könnten ja, trotz genauer Untersuchungen, Drogen zugesteckt bekommen. Das ist natürlich alles richtig – aber wie lange kann der Partner draußen auf selbst minimalsten körperlichen Kontakt verzichten? Ein Jahr, zwei Jahre, fünf Jahre? Bei solch engen Vorgaben ist es für die Beamten schwierig, den Häftlingen etwas entgegenzukommen. Und so passieren Dinge wie diese: Ein Häftling russischer Abstammung rastete eines Tages vollkommen aus, ging auf einen der Beamten los und schlug ihn krankenhausreif, sodass er erst Wochen später wieder diensttauglich war. Menschlich verständlich, dass solche Vorfälle nicht dazu dienen, ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen.Montag, 18. November 2002 Iwan teilte mir mit, dass das von seiner Ehefrau (bald Ex-Ehefrau) einbezahlte Eigengeld »aufgetaucht« sei und er beim nächsten Einkauf wohl darüber verfügen könne. Pech nur, oder besser: Glück, dass er an diesem Tag um 13.30 Uhr Verhandlungstermin hatte und freigesprochen wurde. Freudestrahlend teilte er mir das Ergebnis nachmittags mit, ehe er die verhasste Zelle sofort verließ. Er war also wieder frei, seine Inhaftierung dementsprechend falsch – doch welchen Preis hat diese wiedergewonnene Freiheit gefordert? Seine Beziehung war mittlerweile zerbrochen, dadurch wurde seine Aufenthaltserlaubnis ungültig und dementsprechend würde die Abschiebung zurück nach Moskau nicht mehr lange dauern. Der Job im Hotel war weg, viele tausend Mark Anwaltsgebühren verpulvert und 8 1/2 Monate Untersuchungshaft lagen hinter ihm. »Mach’s gut, Iwan. Danke, du warst der Erste, der sich um mich kümmerte, als ich eingeliefert wurde. Alles Gute für dich und deine Zukunft!«

Die härteste Zeit im Knast ist die Weihnachtszeit. Weihnachten, das Fest der Liebe, Zeit für Besinnlichkeit, Familie, Zärtlichkeit, Ferien. Im Knast Zeit des Schmerzes, der Depression, höchster Suizidgefährdung. Einer hängte sich kurz vor Weihnachten auf, nachts um 2 Uhr. Er ertrug wohl alles nicht mehr. Andere wiederum flippen aus, schreien, klopfen gegen die Türe. Selbstmordgefährdet Erscheinende werden tagelang mittels Psychopharmaka ruhiggestellt. Dieses Weihnachtsfest und Silvester haben sich in meinem Gedächtnis unauslöschlich eingebrannt. Ich glaubte immer, ich hätte bereits den Grad des zu ertragenden Schmerzes erreicht, doch ich musste erleben, dass es immer noch eine Steigerung gibt. Auch an Weihnachten ganz normaler Knastablauf, nur dreimal die Woche Aufschluss der Zelle. Heiligabend: Kein Besuch. 23 Stunden Einzelhaft. Erster Weihnachtsfeiertag: Kein Besuch. 23 Stunden Einzelhaft. Silvester: Kein Besuch. 23 Stunden Einzelhaft. Neujahr: Kein Besuch. 23 Stunden Einzelhaft. Und weil an den Feiertagen weniger Beamte arbeiteten, fiel schon mal vier Tage das Duschen aus, der Sport zwei Wochen.Ich schaffte es trotzdem, auch diese Zeit zu überstehen, indem ich betete, in der Bibel las, und fast pausenlos schrieb: Briefe an die Familie, an Freunde und Fans. Ich schrieb so lange, bis mir die Augen zufielen. Und wenn ich verzweifelt war, betete ich und weinte dabei meist hemmungslos. Zu wissen, dass zu Hause meine Frau und die Kinder sitzen, traurig Weihnachten feiern, ist fast nicht zu ertragen. Für viele schwer vorstellbar, aber wohl nirgends wird so viel gebetet und geweint wie im Knast. Der Sonntagsgottesdienst wird von bis zu 150 Häftlingen besucht, bei 600 Inhaftierten. Auch die wöchentlichen Bibelstunden sind ausgebucht. Ich nutze darüber hinaus die Möglichkeit, mit Pfarrer Erhard spirituelle, aber auch weltliche Gespräche zu führen, die mir ebenfalls sehr helfen. Was die Inhaftierung so schwer macht, ist das Wissen um die Familie draußen, besonders, wenn man wie ich kleine Kinder hat. Die ganze Familie wird mit bestraft. Alexander bekam große psychische Probleme: Angstzustände, die sich so ausweiteten, dass er nicht mehr allein sein konnte, den Fechtunterricht nicht mehr besuchen wollte, sein geliebtes Schlagzeugspiel aufgab, Alpträume hatte und aggressiv wurde. Schließlich mussten wir ihm sogar psychologisch helfen lassen.Maximilian brauchte fast drei Monate, ehe er beim Besuch bei mir auf meinen Schoß kletterte und sich von mir drücken und umarmen ließ. Und meine Frau musste zu Hause, sobald sie das Haus verließ, Spießruten laufen, da natürlich fast jeder sie erkannte und anstarrte. Die Freunde, die wir hatten, noch hatten, hielten hundertprozentig zu uns, wie auch die gesamte Familie. Sie fingen auch Kerstin auf, damit sie nicht in ein allzu großes Loch fiel. Am Allerbesten aber verhielten sich meine Fans, die mir die Treue hielten und mir damit sehr viel Trost, Kraft und Mut schenkten.

Natürlich gibt es selbst im Knast Hierarchien und Gruppenbildung. Auch Gewalt, physisch und psychisch, ist eine latente Gefahr. Für die JVA ist es natürlich sehr schwierig, dies zu unterbinden, wenngleich sie sich hier sehr bemüht. Ich wollte weder »Sklave« eines anderen Häftlings sein, noch auf andere Weise fertig gemacht werden. Also trainierte ich in jeder Minute Freizeit wie ein Besessener, um körperlich topfit zu sein. In dieser Welt zählte nicht mehr das geistige Vermögen, sondern die körperliche, animalische Stärke. Und es gelang mir, mich durchzusetzen. Auch in diesem Bereich schor ich mir, nicht aufzugeben. Niemand, kein Häftling, kein Wärter, sollte mich brechen können. Wenn hunderte von Männern, viele davon mit hohem Aggressionspotential, Tag und Nacht auf engstem Raum zusammengepfercht sind und sich permanent auf den Geist gehen, ist es wohl auch gut nachvollziehbar, wenn es immer wieder zu Aggressionsausbrüchen kommt. Es gab sogar Inhaftierte, die ihre normalen Brotmesser solange an den Wänden schleiften, bis sie eine gefährliche Waffe wurden. Ich lernte sogar, einen Kugelschreiber zu einer gefährlichen Selbstverteidigungswaffe umzubasteln.Ganz unten auf der Hierarchieleiter standen die wegen Sexualdelikte Verurteilten, die auch in einem eigenen Bereich, von den anderen Gefangen abgetrennt, untergebracht waren. Doch wenn sie dann einmal unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen durch das Gebäude geführt wurden (auch diese Inhaftierten hatten das Anrecht auf Hofgang, Sport, Einkaufen, Büchereibesuch, Gottesdienst usw.) wurden sie aggressiv auf das Übelste von den anderen Gefangenen angegangen. Wenn man längere Zeit in einem solchen »Etablissement« zu Gast ist, kann man sich entweder in der Hierarchie ganz unten einreihen, was bedeutet, bestimmten Restriktionen der anderen Gefangenen ausgesetzt zu sein – oder sich durchsetzen. Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit! In meiner schlimmsten Zeit las ich die Autobiographie von Nelson Mandela »Der lange Weg zur Freiheit«. Er beschreibt dort, wie er 27 Jahre inhaftiert war, unter unmenschlichen, entwürdigendsten Umständen: Ganzjährig kurze Hose, kurzes Hemd, (auch bei nur 5 Grad), schlafen auf dünner Sisalmatte auf dem Boden. Dreimal am Tag dünne Maissuppe, kein Fleisch, kein Obst, harte körperliche Schwerstarbeit im Steinbruch, Redeverbot während der Arbeit, erster Besuch seiner Frau nach sechs Monaten, der zweite nach zweieinhalb Jahren. Seine Tochter, die bei seiner Verhaftung eineinhalb Jahre alt war, sah er erst nach vierzehn Jahren wieder. Aber: er hat es geschafft! Er hat nie aufgegeben! Er hat durchgehalten! Er hatte ein Ziel – ich auch!Dieses Buch rettete mich. Es gab mir Kraft: Wenn Nelson Mandela 27 Jahre harte Haft überstand, dann würde ich meine Zeit, die viel kürzer ist, auch schaffen. Ich bekam wieder Kraft und Mut. Ich setzte mir neue Ziele: Voller Energie und Gesundheit werde ich diesen Knast verlassen. Das bin ich meiner Frau, meiner Familie, meinen Freunden und Fans einfach schuldig.

Hatte ich eigentlich als halbwegs Prominenter einen Promi-Bonus in dieser Zeit? Nein, keineswegs, im Gegenteil: Alles wurde bei mir extrem hinterfragt, stärker geprüft, um nur ja keinen Anlass zu geben, man hätte mich bevorzugt behandelt. Auch das Verhalten der »Wärter« (dieser Ausdruck wird nicht gerne gehört, ist aber sehr zutreffend …) war mir gegenüber in den ersten Wochen und Monaten sehr zurückhaltend und unterkühlt. Allerdings änderte sich dieses Verhalten im Laufe der Zeit, als sie mich näher kennenlernten. Hier ein paar Informationen für normale Menschen zu ansonsten alltäglichen Dingen:Frisör: Einmal im Monat kam ein Frisör, der dann an einem Tag ein paar hundert Insassen die Haare schneidet. Pro Haarschnitt gibt es dabei ca. 3 Euro – was dafür sorgt, dass die durchschnittliche Dauer eines Haarschnittes maximal 3 bis 5 Minuten beträgt (ritsch ratsch, mit dem Elektrohaarschneider, einfach die Haare kürzen …).Arztbesuch: Hierfür muss natürlich wieder, wie für alles, ein Antragsformular ausgefüllt und abgegeben werden. Dann wird man am nächsten Tag um 6:30 Uhr in seiner Zelle abgeholt und in den Warteraum der Arztpraxis geführt. Dort warten dann auf 10 qm bis zu 15 weitere Häftlinge, ehe nach ca. 1,5 Stunden dann der Arzt den ersten Patienten zu sich herein bittet. Wenn dann alle Patienten behandelt wurden, wird man nach ca. 4 Stunden wieder zurück in seine Zelle geführt.Zuckerbrot und Peitsche: Das alte Motivationsprinzip von »Schmerz und Freude« wird auch in den JVAs praktiziert: Wer sich lange und ausdauernd genug so fügt, wie es die Anstaltsleitung erwartet, erhält z. B. dann nach und nach, sich steigernde Belohnungen: Die Möglichkeit an der Sportgruppe teilzunehmen, ein Job mit der Möglichkeit ein paar Euro zu verdienen (und für Kaffee, Zigaretten etc. eintauschen zu können), eine halbe Stunde Sonderbesuchsrecht pro Monat, später dann der erste Ausgang, irgendwann der erste Urlaub, am Ende die Verlegung in den offenen Vollzug.Eines Tages wollte man mir dann sämtliche Lockerungen wieder streichen, weil ein Artikel von mir, während meiner Haftzeit, im Playboy erschienen war. Und zwar ein Artikel persönlich von mir erstellt, in dem ich den Knastalltag beschrieb. Ein ungeheuerlicher Vorgang, meinte die Anstaltsleitung und wollte mich entsprechend bestrafen. Nicht nur, dass ich mir die Genehmigung für die Veröffentlichung vom Staatsanwalt persönlich geholt hatte … Moniert wurde, dass ich in dem Artikel schrieb, ich hätte die Zellenmaße 2 Mal 4 Meter angegeben, also 8 qm – während es in Wirklichkeit doch ca. 9 qm seien. Außerdem beschrieb ich im Artikel, dass bei allen Hofgängen weltweit immer linksherum gegangen wird – während dessen doch jeder Gefangene gehen kann, wie er möchte. Das waren die beiden Punkte, wegen der ich bestraft werden sollte (aber dann doch nicht wurde, weil der Artikel vom Staatsanwalt genehmigt wurde).

Arbeit: Es gab die Möglichkeit der Arbeit. In der JVA Würzburg z. B. wurden Airbags in Hand-Akkordarbeit in kleinen Gruppen zusammengebaut. Nach meiner Verurteilung wurde ich als erstes dorthin eingeteilt. Ein Knochenjob. Abends hatte ich die Hände voller Blasen, mir taten alle Knochen weh und ich erlebte in der Praxis, wie hart viele Menschen als Arbeiter sich ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Mein Respekt und meine Achtung vor diesen Menschen, die ihr Leben lang solche Arbeiten durchführen, wuchs damit enorm. Für 8 Stunden harte Arbeit, hatte man dann im Durchschnitt am Monatsende ca. 40 bis 50 Euro Taschengeld. Die Allermeisten kauften sich dafür etwas Kaffee und Zigaretten – während ich mir endlich frisches Obst, Quark und Joghurt und ein paar Vitamine erlauben konnte. Später wurde ich dann Leiter der Bibliothek mit 10000 Exemplaren – es gibt ja keine Zufälle … und verdiente den Rekordlohn in der JVA in Höhe von fast 90 Euro pro Monat.

Ein ganz normaler Arbeitstag …2003 war ein Jahr mit täglich 35 Grad Hitze. Meine »Arbeitskleidung« in der Bibliothek bestand aus einer blauen langen Hose, sowie einem langärmeligen, grünen Hemd (dieses wurde im Sommer und Winter gleich getragen). Da die Bibliothek über große Scheibenflächen und ein Zwischenstockwerk direkt unter der Decke verfügte, staute sich dort die Hitze, so dass es mit Sicherheit 40 oder mehr Grad dort heiß war. Ich beantragte schließlich mündlich, ob ich nicht ein kurzärmeliges weißes T-Shirt tragen dürfte. Dies wurde mir jedoch verweigert. Als die Hitze immer unerträglicher wurde, erlaubte ich mir einen schriftlichen Antrag auf ein T-Shirt zu stellen, mit dem Hinweis, die Arbeit sei ansonsten, bei mittlerweile sicherlich 45 Grad in der Bibliothek, kaum 8 Stunden täglich auszuführen. Dies wurde dann so interpretiert, als ob ich mit meiner Arbeit in der Bibliothek unzufrieden sei – und wurde kurzerhand von der Arbeit entbunden. Kritik ist an diesem Ort nicht erlaubt…Mein Buch: Während meiner Tätigkeit in der Bibliothek erschien ja dieses Buch in der Öffentlichkeit. Herr Meier (Name geändert), der zuständige Beamte für die Bibliothek (ursprünglich von Beruf Lehrer) kaufte dieses Buch und lies es in der Bibliothek zum Ausleihen präparieren. Das hatte es noch nie in einer JVA gegeben: Da sitzt ein Insasse noch ein – aber schreibt während seiner Inhaftierung ein Buch, veröffentlicht es und es ist Teil der JVA-Bibliothek … Kein Wunder, das die Anstaltsleitung, als sie diesen Umstand bemerkte, sofort ihr Veto einlegte und das Buch entfernen ließ. Doch da kannten sie Herrn Meier schlecht – er kämpfte bei der Anstaltsleitung und wenige Tage später durfte das Buch von den anderen Insassen wieder ausgeliehen werden! Probleme durch das Buch: Als das Buch in der Bibliothek ausgeliehen werden konnte, waren das Buch und ich für zwei Wochen Tagesgespräch. Einige »Kollegen« fanden es toll – andere ließen mich ihre Abneigung spüren. Nun ja, ich polarisierte bald auch an diesem Ort, genauso wie in der »freien Wildbahn« … Doch schließlich verursachte das Buch gewaltigen Ärger: Ich erhielt eine Nachricht von einem Mitgefangenen, in dem er nicht nur mir, sondern vor allem meiner Familie Gewalt androhte. Folgendes war geschehen: Ich schrieb in diesem Buch, dass 86 Prozent der Sexualstraftäter selber als Kind sexuell missbraucht wurden, was ihre späteren Taten nicht entschuldigen, aber erklären kann. Dies nahm mir einer der Insassen so übel, dass er zu diesem drastischen Mittel griff. Wie sollte ich reagieren? Er würde vor mir entlassen werden und mich erfasste kalte Panik. Mir waren einfach die Hände gebunden. Daraufhin führte ich eine unangenehme Maßnahme durch, die aber absolut sein musste – wenn es um die Unversehrtheit meiner Kinder und Frau geht, verstand und verstehe ich absolut keinen Spaß. Der »Kollege« hatte noch eine lange Zeit die Folgen zu spüren…Ausgang und Urlaub: 9 Monate nach meiner Inhaftierung erhielt ich die Erlaubnis zu einem ersten Ausgang: Sonntag von 10 bis 18 Uhr durfte ich die JVA verlassen und endlich wieder meine Familie für 8 Stunden sehen. Kerstin und ich bereiteten alles minutiös vor: Sie holte mich um Punkt 10 Uhr mit unserem Hund Gino an der Ausgangstüre ab – und als mein Hund mich sah, erkannte er mich augenblicklich wieder und die Freude wollte gar kein Ende nehmen. Kerstin und ich fielen uns überglücklich in die Arme und genossen einen langen, liebevollen Kuss. Im Auto hatte sie dann bereits eine frische Ananas in Stückchen geschnitten, denn bei einem Teil Obst pro Woche in der JVA (abwechselnd eine Woche einen Apfel, die nächste Woche eine Birne) gierte ich geradezu auf frisches Obst.Zu Hause dann tranken wir ein Schlückchen Sekt (Alkohol beim Ausgang war eigentlich strengstens verboten, aber jetzt, 10 Jahre später kann ich es ja zugeben …) und dann vergaßen wir für einige Augenblicke alles um uns herum und es existieren nur noch wir beide…Was ich alles in diese acht Stunden hineinpackte ist unglaublich: Ich spielte mit meinen Kindern, tobte mit meinem Hund, unterbrochen immer wieder um irgendetwas leckeres zu essen, zu trinken, Freunde und Familienangehörige zu grüßen und sie in den Arm zu nehmen, die zu Besuch waren, zwischendurch die ein oder andere Träne zu verdrücken und immer und immer wieder der Blick auf die Uhr: Nach 9 langen Monaten endlich wieder »normale« Menschen um mich herum. Endlich wieder Bäume, Rasen – ich hatte ja nur Backsteinbauten und Mauern gesehen. Unaufhörlich rennt der Uhrzeiger weiter, nimmt die Zeit ab, in der ich endlich wieder an der Freiheit schnuppern darf. Wie kann ich die Zeit anhalten, wie kann ich sie verlängern, wie kann ich noch mehr in diese wenigen Stunden hineinpacken?

Und ehe ich mich versah, war es bereits 17.15 Uhr und wir mussten mit dem Auto zurück nach Würzburg – eine Verspätung hätte bedeutet, dass ich eine Ausgangssperre für die nächsten Monate riskierte. Und nach diesem Tag höchsten Glückes, spürte ich abends dann wieder größten Schmerz.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 16Vor zu Teil 18



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