Die Staatsanwaltschaft und hat einen Durchsuchungsbeschluss - Und immer wieder aufstehen! Teil 14


Donnerstag, 29. November 2001 Den ganzen Tag über war ich äußerst angespannt. Heute sollte die Entscheidung über die Finanzierung der INLINE AG endgültig fallen. Die Hälfte des notwendigen Kapitals war von einem der zwei Risikokapitalgeber bereits genehmigt und auf einem separaten Konto »geparkt« worden. Der zweite VC hatte heute Ausschuss-Sitzung, in dem die Entscheidung fallen sollte. Bei Zustimmung war INLINE gerettet – bei Ablehnung insolvent. Zu Beginn des Seminars, wie stets seit Mitte Oktober 2001, erläuterte ich offen die jetzige Situation und deren Ursachen. Beim allerersten Eingeständnis dieser Art hatte ich Lampenfieber gehabt wie bei meinem ersten Vortrag. Ich hatte nicht gewusst, wie die Seminarteilnehmer reagieren würden. Doch sie hatten fantastisch reagiert: Viele waren in der Pause zu mir gekommen, teilweise mit Tränen in den Augen (denn ich hatte auch offen und ehrlich über den nahenden Zusammenbruch und meine Depressionen berichtet), und hatten mir Mut zugesprochen. Die Seminarteilnehmer lehrten mich, dass ich durch die ganze Geschichte letztendlich nur noch glaubwürdiger sein würde, noch menschlicher. Vorher war ich teils sehr weit entfernt von meinen Kunden gewesen, wie auf einem Podest, weil ich seit vielen Jahren so erfolgreich war. Jetzt war ich wieder für sie anfassbar. An diesem 29. November wurde mein Vortrag wieder hervorragend von den Teilnehmern aufgenommen.16.30 Uhr: In der nachmittäglichen Pause hetzte ich auf mein Zimmer und rief den zuständigen Sachbearbeiter des Kapitalgebers an. Er meldete sich, aber seine Stimme klang absolut neutral. Mein Puls raste und mein Blutdruck lag wahrscheinlich bei 220 … Ich fragte ihn, wie es denn aussehe, ob die Entscheidung im Ausschuss bereits gefallen sei. »Ja«, hörte ich ihn völlig emotionslos sagen, »der Ausschuss hat getagt und es hat auch gar nicht lange gedauert, bis man zu einem Ergebnis kam. Es war leichter, als ich vorher gedacht hatte: Die INLINE AG erhält die Finanzierung!« In diesem Moment schössen mir Tränen in die Augen und meine Stimme drohte zu versagen. Mit letzter Kraftanstrengung gelang es mir, mich zu bedanken und den Hörer aufzulegen. Anschließend ließ ich meinen Freudentränen kurz freien Lauf, sammelte mich wieder, ging auf die Bühne und verkündete den Teilnehmern voller Freude, dass die Entscheidung soeben gefallen und die INLINE AG jetzt gerettet sei. Es gab tosenden Applaus. Überglücklich beendete ich wenig später den Seminartag. Natürlich rief ich sofort bei Kerstin an: »Ich bin es, Schatz, ich wollte dir nur sagen, wir haben es geschafft. Wir erhalten das Geld. Die VCs haben zugesagt, in wenigen Tagen bekommt die INLINE AG das Geld und wir sind gerettet.« »Wirklich? Das ist ja fantastisch!«, stammelte Kerstin und ich hörte, wie sie am Telefon vor Freude weinte. Die Anspannung der  zurückliegenden Zeit löste sich mit einem Schlag auf. Wir konnten kaum noch miteinander telefonieren, so glücklich waren wir und so viel mussten wir schluchzen. Abends goss ich mir zusammen mit Axel noch ein paar Cocktails hinter die Binde und wachte am nächsten Tag mit einem Brummschädel, aber voller Optimismus, Power und Enthusiasmus auf.Freitag, 30. November 2001 In der Mittagspause rief ich kurz bei Frank Gerbert an, einem Redakteur des Focus, der einen Artikel über die Situation bei der INLINE AG schreiben wollte, um ihm mitzuteilen, dass die Finanzierung nun gesichert sei. Kerstin telefonierte zum gleichen Zeitpunkt mit einem Reisebüro, um für uns beide einen Urlaub auf Teneriffa zu buchen. In den letzten Monaten hatten wir extrem viel Energie verbraucht und waren nun völlig ausgelaugt. Ein Urlaub war dringend nötig. Ich fühlte mich zwar großartig, weil die positive Entscheidung gefallen war, gleichzeitig aber vollkommen leer. Schon seit Mitte September litt ich ununterbrochen an fiebrigen Erkältungskrankheiten und Kerstin machte sich mittlerweile große Sorgen um meine Gesundheit. Solange sie mich kannte, war ich – abgesehen von einigen Rückenbeschwerden – nie ernstlich krank. Und auch von Schnupfen und Husten blieb ich meist verschont. Und nun gab es schon seit Wochen kaum noch einen Tag, an dem ich mich gesund fühlte. Die Krise und der damit verbundene Energieeinsatz forderten ihren Tribut. Ich hatte ja keine andere Wahl gehabt: Hätte ich mich etwa ausruhen und zusehen sollen, wie mein Unternehmen den Bach hinunterging? Doch nun waren wir ja gerettet und konnten etwas ausspannen. Kerstin buchte den Urlaub nur für uns zwei, mein Schwager Axel hatte sich nämlich bereit erklärt, sich mit seiner gesamten Familie für die Dauer unseres Kurzurlaubes bei uns einzuquartieren und für unsere beiden Söhne zu sorgen.Freitag, 6. Dezember 2000 An diesem Tag gaben die Venture-Capital-Firmen, die die Finanzierung zugesagt hatten, bei der Wirtschaftskanzlei Rödl & Partner ein Vertragswerk in Auftrag, dessen Kosten bei 20 000 Euro lagen. Hintergrund war der, dass man nicht einen kleinen Vertrag aufsetzen kann, mit dessen Hilfe dann die Investoren ihr Geld bei der INLINE AG einlegen können, sondern es waren eine Stichtagsbilanz, eine  Firmenbewertung und viele andere Dinge notwendig.Es musste nun schnell gehen, denn die INLINE benötigte dringend die Auszahlung, um die Gläubiger, wie vereinbart, kurzfristig bedienen zu können. Deshalb wurden noch am gleichen Tag die 20000 Euro per Blitzüberweisung an Rödl & Partner überwiesen. Im Gegenzug erklärten sich diese bereit, das Vertragswerk kurzfristig nach den Wünschen der Venture Capitalists zu gestalten.Dienstag, 11. Dezember 2001 Endlich Urlaub! Kerstin und ich bezogen auf Teneriffa Quartier in unserem Lieblingshotel. Bereits zum achten Mal machten wir dort Urlaub und wurden mittlerweile wie gute alte Bekannte behandelt. Wir genossen unsere Urlaubstage. Ich schlief jeden Tag stundenlang und lud meine Batterien wieder auf. Die Teneriffa-Sonne wärmte uns und gab uns neue Energie. Fast jeden Abend joggten wir an der Uferpromenade entlang und ich spürte, wie ich von Tag zu Tag energiegeladener und vitaler wurde. Meine Dauer-Erkältung war bereits nach zwei Tagen verschwunden. Wir genossen es, nach all den Sorgen und Strapazen endlich wieder einmal Zeit für uns selbst zu haben.Sonntag, 9. Dezember 2001 22 Uhr Ortszeit Teneriffa: Kerstin und ich saßen nach einem leckeren Fischessen noch bei milden 20 Grad bei einem Gläschen Wein zusammen. Wir hielten uns an den Händen und waren unglaublich glücklich. So glücklich, dass sich all unsere Anstrengungen doch noch gelohnt hatten. Denn was hatte ich nicht alles investiert: Ich haftete persönlich für zirka drei Millionen Euro. Ich hatte noch im Oktober kurzfristig Mittel an die INLINE gezahlt, ja, ich hatte auch meinen geliebten Ferrari verkauft, um liquide Mittel zu schaffen. All diese Entscheidungen hatten sich letztendlich gelohnt: Wir waren gerettet! Wir träumten von unserer Zukunft. Ich sagte Kerstin, dass ich alles nur Mögliche tun würde, damit die vorbörslichen Zeichner und die Lieferanten es nicht bereuen müssten, mitgezogen zu haben. Glücklich und friedlich schliefen wir Händchen haltend ein, träumten süß von unserer herrlichen Zukunft…Montag, 10. Dezember 2001 8.12 Uhr Ortszeit Teneriffa: Ich lag noch dösend im Bett und hörte irgendwo das Klingeln meines Handys. Hatte ich es gestern Nachmittag vergessen auszuschalten? Kerstin war schon wach und kramte mein Handy aus der Strandtasche heraus. Ich hörte, wie sie sich meldete und mit dem Anrufer sprach, und an ihrem Tonfall erkannte ich, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Schlagartig wurde ich hellwach und richtete mich im Bett auf. Ich sah Kerstins entsetztes Gesicht, ich hörte, wie sich ihre Stimme komplett verändert hatte. Was war los? Sie schien mit Axel zu sprechen, Axel Weinberger, ihrem Bruder und einem meiner wichtigsten Mitarbeiter und bestem Freund. Wenn Axel in aller Herrgottsfrüh bei uns anrief, musste etwas Schlimmes, etwas Erschütterndes passiert sein. Alle möglichen Gedanken und Bilder schössen mir durch den Kopf. Axel wohnte ja zu Hause bei unseren Kindern. Mein Gott, es wird denen doch nichts passiert sein? »Sag schon, Kerstin, was ist denn los?« Kerstin war leichenblass, als sie mir das Handy gab, und sagte: »Axel ist dran, bei uns im Geschäft ist die Staatsanwaltschaft und hat einen Durchsuchungsbeschluss.«  Durchsuchungsbeschluss?, schoss es mir durch den Kopf. Was für einen Durchsuchungsbeschluss? Was war überhaupt los? Ich glaubte zu träumen. »Hallo Axel, hier ist Jürgen, was ist denn los?« »Hallo Jürgen«, hörte ich Axel mit belegter Stimme sagen, »du, hier im Haus ist die Staatsanwaltschaft mit 15 Mitarbeitern. Sie haben einen Durchsuchungsbeschluss. Sie schleppen gerade eben Aktenordner raus. Der zuständige Staatsanwalt Dr. Emmert will dich gleich mal sprechen.« »Hallo Herr Höller, hier ist Staatsanwalt Emmert«, meldete sich eine nicht unsympathische Stimme. »Wir haben hier einen Durchsuchungsbeschluss. Wir ermitteln unter anderem wegen Verdachts auf Verschleppung des Insolvenzantrages.« Mein Puls hämmerte in meinem Schädel. Wie bitte, was war los? Durchsuchungsbeschluss? Es kam mir vor, als befände ich mich in einem schrecklichen Alptraum. Ja, natürlich, das war die Lösung: Ich träumte! Ich hatte ein Gläschen Rioja zu viel getrunken und nun entlud sich die ganze Anspannung der letzten Monate in einem schrecklichen Alptraum. Gleich würde ich aufwachen, meine geliebte Kerstin in die Arme nehmen und gemeinsam mit ihr auf der sonnigen Terrasse unseres Hotelzimmers frühstücken. Doch wieso wachte ich nicht auf? Immer noch hörte ich die Stimme des Staatsanwaltes: »Herr Höller, wir werden hier erst einmal alles sicherstellen und uns dann später noch einmal melden, bitte lassen Sie das Telefon an.« »Jürgen, hier ist wieder Axel. Werde zunächst erst einmal richtig wach und lass uns in ein paar Minuten noch einmal telefonieren.«Fassungslos legte ich den Hörer beiseite und sah Kerstin an. Sie weinte. Und auch ich hatte einen dicken Kloß im Magen. War denn die ganze Welt verrückt geworden? Noch nicht einmal acht Stunden war es her, dass wir auf unsere »neu gewonnene« Zukunft, auf das Ende der großen Krise angestoßen hatten. Und nun war die Krise wieder da, doch weitaus verheerender als zuvor. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf: Was werden die Investoren machen, wenn sie von der Sache Wind bekommen? Wie hatten die Mitarbeiter angesichts der Staatsanwaltschaft reagiert? Was werden die Kunden dazu sagen? Und die Presse erst!Ich sah die Schlagzeilen in den Tageszeitungen bereits vor mir: »Razzia bei Mister Motivation!« Das konnte doch alles nicht wahr sein! Die nächsten Stunden verbrachte ich ununterbrochen am Telefon. Kerstin hatte ich gebeten, sich sofort um einen Rückflug zu kümmern. Ich musste sofort zurück in mein Unternehmen! Doch an diesem Tag waren alle Flüge ausgebucht, wir mussten bis zum nächsten Morgen warten. Mittlerweile erreichte ich den Aufsichtsratsvorsitzenden Eberhard Wagemann. Dieser erklärte mir, dass der Aufsichtsrat nunmehr beschlossen habe, dem Vorstand, mir und meinem Kollegen Norbert Beck, anzuraten, Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu stellen. Vorsorglich wies Herr Wagemann darauf hin, dass im Falle, dass wir den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens stellen würden, der gesamte Aufsichtsrat sofort zurücktreten würde. Wie heißt es doch so schön: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff! Die nächste Hiobsbotschaft folgte auf dem Fuße: Die VCs, die investieren wollten, hatte die Information ebenfalls schon erreicht. Natürlich sagten die »ehrenwerten Herren« nicht einfach ab, das ist schließlich nicht ihr Stil, und außerdem fürchteten sie vielleicht, es könne ihnen irgendwann von der Presse negativ ausgelegt werden, uns im Stich gelassen zu haben. Also wurde mir verklausuliert deutlich gemacht, dass die Finanzierung zwar noch möglich wäre, aber … Was so viel heißen sollte wie: Die Finanzierung war geplatzt, es gab kein Geld, solange die Untersuchung der Staatsanwaltschaft lief.Das konnte doch alles nicht wahr sein! Da hatte ich acht Monate lang gekämpft, gemeinsam mit meinem Team alles gegeben, war nach dem 11. September am Boden gewesen, hatte es aber noch einmal geschafft – und nun das! Wir hatten über 90 Prozent der vorbörslichen Zeichner und die Gläubiger überzeugt mitzuziehen. Was lief hier eigentlich ab? Doch dann erwachte wieder mein Kampfeswille. Jetzt erst recht! Ich würde nicht einfach aufgeben! Niemals, ich nicht, niemals! Von Teneriffa aus telefonierte ich mit anderen potenziellen Investoren, mit denen ich seit Wochen in Verhandlungen stand. Ich erklärte ihnen offen die Situation: Innerhalb von 72 Stunden müsse die Finanzierung des Unternehmens gesichert sein, ansonsten sei der Insolvenzantrag unumgänglich. Die Investoren bezeugten trotz allem weiteres Interesse und wir verabredeten uns für Mittwoch, den 19. Dezember, in Schweinfurt. Wenigstens noch ein klitzekleiner Hoffnungsschimmer! Ich würde nach jedem Strohhalm greifen. Ein Jürgen Höller gibt nicht auf, egal, wie schlimm es stehen mag.Versagen darfst du, aber nie aufgeben!
MARY CROWLEYDienstag, 18. Dezember 2001 Abends waren wir wieder zurück in Schweinfurt. Die örtliche Tageszeitung hatte natürlich bereits über den Vorfall berichtet, mitsamt Foto von der Staatsanwaltschaft vor unserem Haus. Erst jetzt erkannte ich das wahre Ausmaß der Katastrophe: Nicht nur im Unternehmen, sondern auch in unserem Wohnhaus hatte die Staatsanwaltschaft alles durchsucht und sämtliche schriftlichen Unterlagen, die relevant waren, mitgenommen. Unsere armen Kinder, unsere arme Familie! Schweinfurt ist ein Ort in der tiefsten fränkischen Provinz mit 50 000 Einwohnern und es gibt hier nicht sehr viele prominente Persönlichkeiten. Natürlich waren wir längst Tagesgespräch und der örtliche Fernsehsender, vor allem jedoch die örtliche Presse, überboten sich gegenseitig in Häme, Spott und Angriffen. Doch ich hatte keine Zeit, mich darum zu kümmern, denn noch war nicht alles verloren, noch gab es eine Möglichkeit zur Rettung.

Mittwoch, 19. Dezember 2001 Um 7 Uhr saß ich bereits wieder im Büro und ließ mich von meinen Mitarbeitern informieren. Später fand das Treffen mit den potenziellen Investoren statt. Wir verhandelten bis tief in die Nacht und hatten sehr schnell eine grundlegende Einigung erzielt. 1,5 bis 1,75 Millionen Euro sollten in die INLINE AG gepumpt und damit unsere Probleme endgültig beseitigt werden. Noch abends gelang es mir, sämtliche Altinvestoren für tags darauf an einen Tisch zu bekommen. Gleichzeitig hatte ich einen Insolvenz-Fachanwalt, die Vertreter der Wirtschafts- und Rechtsberatungskanzlei Rödl & Partner sowie die potenziellen neuen Investoren zum Termin gebeten. Nachts um 2 Uhr sank ich in einen kurzen, unruhigen Schlaf. In meinem Kopf drehte sich immer noch alles.Donnerstag, 20. Dezember 2001 Schweißgebadet wachte ich gegen 5 Uhr auf und konnte dann nicht mehr einschlafen. Ich duschte eiskalt, zog mich an und war bereits um  sieben Uhr wieder im Unternehmen. Um 10 Uhr sollte die große Verhandlungsrunde beginnen, ich hatte also noch etwas Zeit, mich vorzubereiten. Um 9 Uhr kam die nächste Hiobsbotschaft: Vor meinem Privathaus hatten sich mittlerweile drei Kamerateams vom Fernsehen und zehn bis zwölf Reporter versammelt, um darauf zu warten, dass ich aus dem Haus käme. Ich schickte sofort zwei Mitarbeiter hin, um mit den Reportern zu sprechen. Als sie erfuhren, dass ich in Schweinfurt verhandelte, fuhren sie die paar Kilometer zu unserem Bürogebäude. Doch mittlerweile saß ich bereits in der Verhandlung, die wieder bis spät in der Nacht dauern sollte. Deshalb fand ich noch nicht einmal die Zeit, zumindest ein kurzes Statement abzugeben. Da ich nicht zu greifen war, wurde kolportiert, dass ich mich immer noch im Ausland befinde, mich nicht stellen wolle, sondern untergetaucht sei. Unglaublich, ich kannte so etwas bislang nur aus dem Fernsehen. Jetzt ahnte ich, wie sich zum Beispiel Boris Becker gefühlt haben musste, als die Staatsanwaltschaft vor einigen Jahren bei ihm eine Hausdurchsuchung wegen möglicher Steuervergehen durchführte. Man fühlt sich hilflos, man fühlt sich bloßgestellt, man fühlt sich gejagt.Es ist schon merkwürdig: Wer als Unternehmer im deutschsprachigen Raum einen geschäftlichen Misserfolg landet, erleidet nicht nur materiellen Schaden, sondern ist zusätzlich Spott, Häme und oft sogar massiver sozialer Ausgrenzung aus der Gesellschaft ausgesetzt. Eine Unternehmenspleite ist (in der Regel!) jedoch nichts, wofür man sich schämen müsste. Nichts, wofür man in sozialer Hinsicht bestraft werden sollte. Der Schaden ist auch so groß genug: Die Gesellschaft verhält sich meiner Meinung nach unverantwortlich. Ja, ich bin sogar der Ansicht, dass diese Einstellung unseren Wirtschaftsstandort massivst schwächt. Denn diese undifferenzierte öffentliche Vorverurteilung sorgt letztendlich dafür, dass – im Vergleich zu anderen Ländern, insbesondere den USA – nur wenige Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Das Einkommen bleibt aufgrund der massiven steuerlichen Belastung oft über Jahre hinweg gering, während auf der anderen Seite das Risiko groß erscheint. Am Donnerstagabend dann schließlich der vermeintliche Durchbruch: Die Altinvestoren und die potenziellen Neuinvestoren einigten sich: Es sollten 1,75 Millionen Euro »frisches« Geld am Freitag, den 21. Dezember 2001, bis 14 Uhr in das Unternehmen einfließen. Die wesentlichen Bedingungen hielt ich auf einem Flipchart fest. Die Rödl & Partner-Truppe fuhr gegen 23 Uhr zurück nach Hof, nachdem sie sich bereit erklärt hatte, bis Freitagfrüh 8.30 Uhr ein Vertragswerk zu erstellen und dies allen Altinvestoren zuzufaxen. Diese hätten dann gut eine Stunde Zeit, den Vertrag durchzulesen. Geringfügige Fehler könnten danach umgehend von Rödl & Partner beseitigt werden. Um 10 Uhr sollten die neuen Investoren den Vertrag zugefaxt bekommen. Diese wollten sich dann selbst mit ihrer Hausbank kurzschließen und bis 14 Uhr per Blitzüberweisung das Kapital zur Rettung der INLINE AG zur Verfügung stellen.Als ich spätabends an diesem Tag nach Hause kam, war die Pressetruppe mittlerweile abgezogen. Im Kölner Express stand später sinngemäß: Reporter xy habe meine Frau angerufen, doch diese habe mich verleugnet, denn schließlich sei ich ja noch in Teneriffa…Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 13Vor zu Teil 15



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