Ich bewegte mich schnell, immer schneller - Und immer wieder aufstehen! Teil 8


Montag, 10. Januar 2000 Ich flog unmittelbar von Rom zurück nach Nürnberg, wo ich vom 10. bis 12. ein ausverkauftes Power-Management-Seminar in einem Hotel außerhalb von Nürnberg hielt. Irgendwie waren die drei Tage aber doch recht anstrengend gewesen, insbesondere, da ich zwischen dem 24. Dezember 1999 und dem 6. Januar 2000 »nebenbei« ein neues Buch geschrieben hatte. Die Folge: Ich bekam – was äußerst selten vorkommt – einen fiebrigen Infekt. Doch ein Seminar mit hundert Teilnehmern absagen? Das wollte ich den Menschen nicht zumuten, da sie teilweise 600 bis 800 Kilometer Anfahrt in Kauf genommen hatten. Und so hielt ich die drei Tage tapfer durch.Am Abend des 10. Januar hatte ich ein Gespräch mit den Brüdern Beck von der E-Learning-Firma Metatrain GmbH aus Neumarkt. E-Learning war ein vollkommen neuer Bereich in der Weiterbildung, dem alle Experten weltweit rasantes und stürmisches Wachstum voraussagten. Die Grundidee ist, mittels Computer die gleichen Lerninhalte wie in einem Seminar zum Interessenten zu transportieren. Die E-Learning-Programme können dabei interaktiv gestaltet werden: Man sieht auf dem Bildschirm, wie zum Beispiel ein Kunde an einen Tisch herantritt, um sich nach Produkten umzusehen. Der Verkäufer nähert sich, und es entsteht ein Verkaufsgespräch. Immer wieder wird dabei der Programmnutzer, der vor seinem Bildschirm sitzt, in das Geschehen mit einbezogen: Das Programm wird unterbrochen und der Lernende bekommt mehrere Möglichkeiten angeboten, wie der Verkäufer reagieren soll. Je nach gewählter Reaktion fährt daraufhin das Programm fort und zeigt, wie sich eine solche Reaktion positiv oder negativ auf das Verkaufsgespräch auswirkt. Zwischendurch erscheint immer wieder ein Trainer auf dem Bildschirm, der auf richtige oder falsche Antworten des Lernenden hinweist.

Der Hauptvorteil des E-Learnings besteht darin, dass die Lernenden zu Hause oder am Arbeitsplatz trainieren können, ohne den zeitlichen Verlust eines Seminars und ohne die Nebenkosten, die für An- und Abreise, Hotel, Verzehr und so fort anfallen (diese Nebenkosten betragen durchschnittlich 50 Prozent der gesamten Weiterbildungskosten). Außerdem bringt diese Methode eine immense Zeitersparnis für den Einzelnen. Und: Der Lernende kann lernen, wann, wo und so oft er will.Mir persönlich war im Laufe des Jahres 1999 durch viele Gespräche klar geworden, dass E-Learning eine große Zukunft haben könnte. In Amerika waren bereits einige E-Learning-Firmen an der NASDAQ gelistet, hatten also den Börsengang erfolgreich durchgeführt, und die Bewertungen waren astronomisch hoch, lagen teilweise im Milliarden-Dollar-Bereich. Aus diesem Grund hatte ich auch Kontakt zu den Brüdern Beck von Metatrain gesucht. Auf der einen Seite besprachen wir an diesem Abend Projekte, bei denen ich mein Wissen zur Verfügung stellen könnte, andererseits entstand dadurch die Idee, wie die Metatrain GmbH die INLINE Motivation AG beim Börsengang unterstützen könnte. Denn die Analysten, Banker und Börsenexperten hatten mir verdeutlicht, dass der Verbindung von Live-Learning (also Seminaren, wie die INLINE sie anbot) mit E-Learning die Zukunft gehörte. Ich persönlich war zwar nicht der Meinung, dass Live-Learning durch E-Learning komplett ersetzt werden könnte. Es ist nun einmal ein kolossaler Unterschied, ob ich etwas live erlebe oder lediglich auf dem Bildschirm sehe. Es macht einen großen Unterschied, ob ich ein Fußballspiel im Fernsehen anschaue oder live im Stadion dabei bin. Aber: Aus Zeit- und Kostengründen kann man nicht ununterbrochen Seminare besuchen, und so stellt das E-Learning eine sinnvolle Ergänzung und Erweiterung der konventionellen Weiterbildungsmöglichkeiten dar.Unsere Konzeption sah so aus, dass der Kunde ein Live-Seminar besucht und anschließend ein E-Learning-Programm über Wochen und Monate zu Hause oder im Büro anwendet, sodass die ständige Wiederholung der im Live-Seminar übermittelten Erkenntnisse sein Verhalten schließlich positiv verändert. Ein Beispiel: Ein Verkäufer besucht ein Verkaufstraining und erhält anschließend ein elektronisches Verkaufsprogramm. Dieses arbeitet er zu Hause so lange durch, bis er schließlich durch die ständige Wiederholung die unbewusste Kompetenz-Stufe erreicht hat, das heißt, in seinen Verkaufsgesprächen unbewusst richtig auf den Kunden reagiert und auf diese Weise die Effizienz seiner Verkaufsgespräche spürbar steigert.An jenem Abend, als ich die Brüder Beck das erste Mal traf, konnte ich nicht viel sprechen, denn aufgrund der fast 40 Grad Fieber, die mich plagten, war auch meine Stimme stark in Mitleidenschaft gezogen. Dennoch wollte ich den Termin unbedingt wahrnehmen, denn die Zeit drängte: Ich wollte endlich an die Börse!

Samstag, 29. Januar 2000 Über 1200 Teilnehmer waren beim ersten Marktauftritt der INLINE AG in der Schweiz mit Jürgen Höller als Referent in Zürich dabei. Der Schweizer Markt wurde mit dieser bei den Eidgenossen unüblichen Großveranstaltung schlagartig eröffnet. Man hatte mich vorher von vielen Seiten gewarnt, dass die Schweizer nicht so leicht zu motivieren und zu begeistern seien. »Die Schweizer sind steif, lassen einfach ihren Gefühlen keinen Raum«, so hieß es. Doch ich erlebte sie ganz anders: Sie ließen sich von mir begeistern und gerieten am Ende gar außer Rand und Band. Zahlreiche Fernseh- und Radiostationen sowie Presseleute wohnten diesem Ereignis in Zürich bei und konnten kaum glauben, was ich da mit den Schweizern »veranstaltete«. Die Sache war also ein voller Erfolg, und im Hinblick auf den Börsengang sollte die Schweiz nach Österreich die zweite Auslandsfiliale sein, die wir eröffneten.Sonntag, 30. Januar 2000 Wegen eines Fototermins flog ich direkt mit dem Flieger von Zürich nach Köln und hatte endlich einmal ein paar Stunden für mich allein! Ich quartierte mich nachmittags im Hyatt ein, aß zur Feier des Tages ein Stückchen Kuchen und genoss dazu eine Tasse Kaffee. Anschließend packte ich meine Sporttasche und ließ mich im Taxi zum neu eröffneten Fitnessstudio »Fitnesscompany« mitten in der Kölner Innenstadt fahren. Ich hoffte darauf, einen Nachmittag völlig für mich allein verbringen zu können, was sich jedoch gleich wieder zerschlug. Als ich nämlich auf dem Stepper stand, um eine halbe Stunde zu schwitzen, schaute mich mein rechter Nachbar permanent an, sodass ich ihn schließlich fragte, ob wir uns vielleicht kennen würden. Daraufhin strahlte er über das ganze Gesicht und meinte, ich sei doch der Herr Jürgen Höller und er habe schon zwei meiner Seminare besucht. In der nächsten halben Stunde erzählte er mir dann, was ich alles für sein Leben getan habe, wie dankbar er mir sei und so fort. In den letzten Monaten passierte mir so etwas immer häufiger.Kein Wunder, denn einige Hunderttausende Menschen hatten mich mittlerweile live erlebt und Millionen andere hatten mich durch etwa 3000 Fernseh- und Radiosendungen sowie Presseveröffentlichungen kennen gelernt. Und auch wenn die Privatsphäre etwas leidet, liebe ich solche Gespräche. Jeder Brief, jedes Gespräch, in denen ein Seminarteilnehmer oder Buchleser mir mitteilt, was sich für ihn an Positivem getan hat, ist für mich sowohl Dank, Anerkennung als auch Motivation dafür, immer weiterzumachen.

Dienstag, 1. Februar 2000 Letzte Besprechung vor dem großen Tag: Noch vier Tage, dann würde mein Traum, meine große Vision in Erfüllung gehen: Motivationstag in Dortmund! Die Veranstaltung war schon seit Wochen ausverkauft, bis auf den letzten Platz. Knapp 14000 Menschen würden dabei sein (15000 hatte ich geplant, aber so viele Sitzplätze gab es nicht). Ein riesiges Presseaufgebot hatte sich angekündigt: insgesamt 109 Journalisten, darunter sieben TV-Teams. Es begann ein zähes Gerangel um die besten Interviews. Ich besprach die letzten Einzelheiten mit meinem Team und alle waren guter Laune. Sie fieberten gemeinsam mit mir dem Tag entgegen, denn im Laufe der Zeit war mein großer Traum auch zu ihrem eigenen Traum geworden!Mittwoch, 2. Februar 2000 Noch drei Tage! In Gedanken stellte ich mir immer wieder vor, wie ich am Samstag auf der Bühne stehen und meinen Vortrag vor fast 14 000 Menschen halten würde. Wie bereits in den letzten zehn Tagen, gab ich weiterhin Interviews für Radiostationen und Pressejournalisten. Ich würde zwar nicht sagen, dass ich aufgeregt war, aber eine innere Anspannung spürte ich natürlich schon. Gott sei Dank spürte ich sie, selbst nach weit über tausend Seminartagen. Denn wenn ich diese Spannung nicht mehr fühlen würde, dann wären meine Auftritte nur noch Routine, und an diesen Punkt möchte ich nie gelangen. Es soll immer etwas Besonderes sein, dass ich das Privileg genieße, auf der Bühne stehen und zu den Menschen sprechen zu dürfen. An diesem Tag führte ich nochmals letzte Besprechungen mit meinen verantwortlichen  Führungsmitarbeitern, damit an unserem großen Tag wirklich alles wie am Schnürchen laufen konnte.Donnerstag, 3. Februar 2000 Ich stand relativ früh auf, um, wie immer, erst eine Stunde zu joggen, dann eiskalt zu duschen und gemütlich mit meiner Familie ein nahrhaftes Saft- und Obstfrühstück einzunehmen. Um 10 Uhr holte mich Axel Weinberger ab, um gen Osten aufzubrechen. Zwischen 19 und 24 Uhr stand ein Late-Night-Seminar in Hoyerswerda auf dem Programm, nachmittags hatten wir uns mit einem Fernsehteam verabredet, das mich drei Tage lang rund um die Uhr begleiten wollte, um ein ausführliches 30-Minuten-Porträt fürs Fernsehen zu drehen. Wir holten das Fernsehteam gegen 14 Uhr direkt am Dresdner Flughafen ab.Von diesem Zeitpunkt an stand ich für etwa 54 Stunden fast ununterbrochen vor laufender Kamera. Auch ein Gefühl, an das ich mich erst gewöhnen musste. Abends fand vor etwa 600 Teilnehmern der »Power Day« in Hoyerswerda statt. Hoyerswerda hatte damals die wohl höchste Arbeitslosenquote Deutschlands und miserable wirtschaftliche Bedingungen. Seit Jahren besuchte eine dort ansässige Unternehmerin regelmäßig meine Seminare. Aus kleinsten Anfängen heraus hat sie nach der Wende in Hoyerswerda ein Fitnessstudio aufgebaut, das mittlerweile zu den besten und erfolgreichsten Deutschlands gehört – trotz der immer noch negativen äußeren Umstände. Geschafft hat sie das vor allen Dingen durch ihre Philosophie »Ich liebe meine Mitarbeiter«. Da auch viele ihrer Mitarbeiter in meine Seminare kommen, weiß ich, dass sie diese Philosophie Tag und Nacht lebt und darauf ihren kompletten Erfolg aufgebaut hat. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, dass ein Unternehmen nicht etwa auf Kosten, sondern zum Nutzen und Wohle von Mitarbeitern und Kunden zum Erfolg finden kann.

Vor und sogar während der Veranstaltung standen immer wieder Telefontermine mit verschiedenen Radioanstalten auf meinem Programm. Und in der einzigen 30-minütigen Pause hatte ich ein Interview mit Eins-Live zugesagt. Als ich dazu fluchtartig die Bühne und den Kongresssaal verließ und voller Eile mein Hotelzimmer suchte, wo das Interview stattfinden sollte, kam, was kommen musste: Aufgrund des verwinkelten, weiten Weges verirrte ich mich schließlich, stets begleitet vom Kameramann, der mich nun schon seit gut zwei Tagen »verfolgte«. Bei einer abrupten Kehrtwendung prallten mein Gesicht und die Kamera unsanft aneinander. Es dauerte nicht lange, bis ich mit diesem »Missgeschick« ein willkommenes Opfer für Stefan Raabs »TV total« war. Ich liebe »TV total« und ich mag auch Stefan Raab. Manchmal geht er mir zwar etwas zu weit, wenn er Menschen so auf die Schippe nimmt, dass es sie verletzt aber insgesamt halte ich ihn für eine Bereicherung. Gerade wenn man prominent ist, sollte man auch in der Lage sein, über sich selbst zu lachen. Ich finde es teilweise äußerst befremdlich, wie säuerlich viele Promis reagieren, wenn sie bei Stefan Raab unfreiwillig zum Hauptdarsteller werden. Die teils vernichtende Kritik (nicht nur von Promis) an »TV total« rührt wahrscheinlich daher, dass Humor und Spaß in Deutschland geordnet und gesittet daherkommen und vor allen Dingen mit langer Historie ausgestattet sein müssen. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, Spaß und Optimismus gelten hierzulande als oberflächlich und banal, nur der Schwermut und die Melancholie haben Tiefgang. Ich jedoch glaube, dass Spaß, wenn er nicht auf Kosten anderer geht, ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist. Lachen ist weltweit ein Ausdruck von Glück. Über mein »Missgeschick« und seine Veröffentlichung bei Stefan Raab musste ich jedenfalls selbst lachen.Lachen und Spaß sind die Nahrung der Seele!Freitag, 4. Februar 2000 Um etwa 6 Uhr klingelte mich der Wecker ziemlich unsanft aus dem Schlaf. Nach einer kalten Dusche und einem schnellen Obstfrühstück fuhren meine Mitarbeiter, die TV-Leute und ich gemeinsam zum Dresdner Flughafen und flogen direkt nach Köln. Auch während des Aufenthaltes auf dem Flughafen und im Flugzeug lief die Kamera unentwegt mit und der Redakteur stellte mir permanent Fragen. Im Flughafengebäude in Köln wartete bereits meine geliebte Kerstin auf mich. Wir schlossen uns in die Arme und gaben uns einen dicken Kuss (natürlich schwirrten schon wieder die Kameras neben mir …).Danach ging es mit dem Leihwagen direkt weiter nach Essen zum Axel Springer Verlag. In den Räumlichkeiten der Bild-Redaktion Nordrhein-Westfalen sollte an diesem Tag um 15 Uhr eine große Bild-Leser-Telefonaktion mit Jürgen Höller stattfinden. Die Bild-Zeitung »trommelte« bereits Tage vorher und ernannte mich in ihren Schlagzeilen kurzerhand zu »Deutschlands Motivationspapst«. Derart geehrt und redaktionell aufgebaut, stand das Telefon dann zwei Stunden lang nicht mehr still. Ununterbrochen riefen die Leser an und suchten mit verschiedensten Fragen Rat und Hilfe: Wie kann ich beruflich erfolgreicher sein? Wie gelingt es mir, mehr Geld zu verdienen? Wie schaffe ich es, mich für die tägliche Arbeit zu motivieren? Wie kann ich mich motivieren, endlich mit dem Rauchen aufzuhören? Oder ein paar Pfunde abzunehmen, regelmäßig Sport zu betreiben und und und.Nach der Bild-Telefonaktion fuhr ich nach Dortmund, begleitet vom allgegenwärtigen TV-Team. In der Hotellobby warteten bereits einige weitere Reporter auf mich, um noch ein Interview vor dem großen Tag mit mir führen zu können. Ich verabredete mit den Reportern einen Interviewtermin eine Stunde später und begab mich zusammen mit Kerstin erst mal in unsere Suite, um mich ein wenig frisch zu machen. Nach den Interviews ging ich zu Fuß mit Kerstin die etwa 800 Meter vom Hotel zur Dortmunder Westfalenhalle, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Als wir dort ankamen und in die riesige Halle hineingingen, spürte ich, wie eine Gänsehaut meinen Rücken hinunterlief. Aber nicht, weil ich fror, sondern weil mir in diesem Moment die Dimension des Ganzen bewusst wurde. Als ich schließlich im weiten Rund stand, erkannte ich erst das Ausmaß der Halle, das man erst so richtig erfassen kann, wenn sie leer ist. Wow! In der Halle herrschte reges Treiben. Die Technikfirma musste mehrere Trucks einsetzen, um den Bühnenaufbau, die Musik und die Lichttechnik zu installieren. Meine Seminare sind in dieser Hinsicht durchaus mit Popkonzerten vergleichbar.Auch zwei TV-Teams und einige Journalisten waren schon vor Ort und machten bereits einige Aufnahmen. Als mich meine Mitarbeiter begrüßten und die Reporter und Journalisten realisierten, dass ich eingetroffen war, stürzten sie sich auf mich wie die Bienen auf eine duftende Blume. Es war schon komisch: Als kleiner Junge hatte ich immer davon geträumt, einmal eine berühmte Persönlichkeit zu sein. Ich hatte auch viele Jahre die Nähe der Presse gesucht und mich darin gesonnt, wenn sie mich als den Star der europäischen Motivationsszene beschrieben. Doch nun, da ich es geschafft hatte, prominent zu sein, wünschte ich mir immer öfter, das ganze Brimborium loszuwerden. Allein die letzten Tage waren äußerst unangenehm, denn stets war das TV-Team um mich herum und nahm jede Silbe, jede Gemütsregung von mir auf. Nun ja, Kerstin sagte immer: »Du hast das so gewollt, mein lieber Jürgen, du hast die Nähe der Presse und der Öffentlichkeit gesucht, nun hast du sie, also musst du auch damit leben.« Die Geister, die ich rief … Noch bis etwa 23 Uhr hielten Kerstin und ich uns in der Halle auf und machten Tonproben.Kerstin und Axel Weinberger, mein Schwager, Freund und einer meiner engsten Mitarbeiter, sollten am kommenden Tag einige Lieder singen. Für die Gesangseinlagen mussten die Mikros natürlich optimal funktionieren. In unserer Hotelsuite tranken wir anschließend noch ein Fläschchen Bier (mittlerweile spürte ich doch eine recht große Aufregung, und Bier, hatte ich einmal gelesen, sollte eine einschläfernde Wirkung haben …). Gegen Mitternacht legten wir uns schlafen. Aber es wurde mindestens 3 Uhr, bevor ich schließlich einschlafen konnte.Niemals wird dir ein Wunsch gegeben, ohne den dir auch die Kraft verliehen wurde, ihn zu verwirklichen. Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.
AUS: ILLUSIONEN VON RICHARD BACHSamstag, 5. Februar 2000: der große Tag! Um 6.30 Uhr sollte der Wecker klingeln, doch wie immer funktionierte meine innere Uhr, und kurz vor halb sieben war ich wach. Nach einem kurzen Kuscheln und einem Guten-Morgen-Kuss für Kerstin stieg ich in die Dusche, um mich, ebenfalls wie jeden Tag, eiskalt zu duschen. Beim Zimmerservice hatten wir ein wenig Obst bestellt. Um 7.30 Uhr holte uns mein Fahrer am Hotel ab und fuhr uns direkt zum Hintereingang der Dortmunder Westfalenhalle – natürlich wiederum begleitet vom obligatorischen Reportage-Team. Dort warteten bereits zwei Bodyguards auf mich. Einige Leser werden sich jetzt vielleicht fragen, wofür ich denn Bodyguards benötigte. Es kam immer häufiger vor, dass die Seminarteilnehmer so begeistert waren, dass sie unbedingt zu mir auf die Bühne kommen wollten. Und ein Erlebnis in Italien, als ich es gerade noch schaffte, die Bühne zu verlassen, ließ doch ein paar Sicherheitsvorkehrungen sinnvoll erscheinen. Da ich mich außerdem quer durch die Halle von Termin zu Termin bewegen musste und bei 14 000 Menschen gerade in den Pausen ein Durchkommen nicht so einfach ist, halfen auch hier ein paar Sicherheitsleute enorm.Nach dem Einrichten unserer Garderoben begaben wir uns in den VIPBereich. Über 400 VIPs, die jeweils fast 1000 DM für eine Karte zahlten, hatten dort, ähnlich wie bei Tennisturnieren oder Boxveranstaltungen, den ganzen Tag freien Eintritt. Im VIP-Bereich gab es nicht nur eine Nonstop-Verköstigung, sondern auch die Möglichkeit zu hautnahem Kontakt zu den Referenten, prominenten Gästen und natürlich auch zu mir. Ich hatte außerdem schon von einigen VIP-Gästen gehört, dass sich dort sehr interessante  Gespräche mit anderen VIPGästen führen und sogar lukrative Geschäfte anbahnen lassen. Im VIP-Bereich begrüßte ich meine Eltern und Schwiegereltern, einige nahe Verwandte sowie Freunde und Kunden, die ich bereits seit Jahren kannte und die mir immer treu und loyal zur Seite standen. Die meisten VIPs waren Unternehmer mit eigenen Firmen, die vor Jahren einmal ein Buch von mir gelesen oder eines meiner Seminare besucht hatten. Da ich ihnen (und ihren Mitarbeitern) viele Anstöße für ein neues »Denken« hatte geben können und sich so ihre gesamte Lebensqualität (nicht nur beruflich oder finanziell!) verbessert hatte, waren sie immer wieder gern bei Anlässen wie dem heutigen dabei. Im VIP-Bereich traf ich auch Franklin, Deutschlands »jüngsten« Moderator, der mit der »100 000 Mark-Show« seine Karriere bei RTL begann. Franklin litt vor Jahren einmal an Klaustrophobie, das heißt, er konnte enge Räumlichkeiten nicht ertragen. Diese Phobie war bei ihm so stark ausgeprägt, dass er deswegen auch bei der Bundeswehr ausgemustert wurde.Er hatte sich danach in psychologische Behandlung begeben und seine Phobie immer weiter abgebaut. Im Oktober 1999 hatte er eine große Aktion geplant, um sich und aller Welt zu beweisen, dass er seine Phobie besiegt hatte (und sicher auch, um ein bisschen Werbung in eigener Sache betreiben …): Er wollte sich in einer etwa zwei Meter langen, 80 Zentimeter breiten und nur 40 Zentimeter hohen Metallröhre luftdicht einschließen und 24 Stunden lang sechs Meter tief auf dem Grunde des Rheins versenken lassen. Versorgt nur mit Zu- und Abluft, die ihm Sauerstoff und Wärme zuführen sollte, und mit ein bisschen Nahrung und Wasser, wollte er das schon für normale Menschen unglaubliche Experiment durchführen. Er bat mich um Unterstützung, und ich war gerne bereit, mich einzubringen.Meine Aufgabe bestand darin, ihn mental darauf vorzubereiten und ihm während der 24 Stunden permanent zur Seite zu stehen. Die ganze Aktion bekam ein riesiges Presseecho, rund um die Uhr berichteten RTL, die Bild-Zeitung und viele andere TV-, Rundfunk- und Pressestationen.Nun, Franklin schaffte es tatsächlich, die 24 Stunden durchzuhalten. Der »tote Punkt« kam jedoch abends um 20.30 Uhr, als es stockdunkel war und er durch die Bullaugen seines Metallgehäuses nur noch die undurchdringliche Schwärze des Rheins sah. Fast alle Reporter und die zahlreichen Zuschauer waren mittlerweile verschwunden und nun bekam er eine Panikattacke. Doch nach relativ kurzer Zeit hatten wir das Problem im Griff und später konnte er sogar ein paar Stunden schlafen. Am nächsten Tag um Punkt 12 Uhr wurde die Röhre wieder ans Land geholt, der Deckel von 30 langen Metallschrauben befreit (was allein 15 Minuten dauerte) und geöffnet, sodass Franklin herausklettern konnte. Im Notfall wäre es also unmöglich gewesen, ihn schnellstmöglich zu befreien. Franklin hatte mit seiner spektakulären Aktion wirklich allen bewiesen, dass er seine Phobie besiegt hatte. Ein paar Tage später startete auf RTL seine »100 000 Mark-Show« mit tollen Einschaltquoten!Das Wagnis fand in Köln in einem Nebenarm des Rheins statt, unmittelbar dort, wo die Kelly-Family früher ihr Hausboot hatte und zum damaligen Zeitpunkt immer noch ein Büro mit etwa zehn Mitarbeitern unterhielt. Ich lernte dort auch Joey Kelly kennen, der es sich nicht nehmen ließ, einmal vorbeizuschauen. Joey erwies sich als ausgesprochen bescheidener und äußerst liebenswürdiger Mensch. Ich schenkte und signierte ihm eines meiner Bücher. »Was bekommst du dafür?«, fragte er mich. »Natürlich nichts, es ist mir eine Ehre«, sagte ich. Doch Joey Kelly hakte nach: »Nein, das kann ich doch gar nicht annehmen.« »Doch, natürlich, es ist mir wirklich eine Ehre und ich freue mich, wenn du es liest und es dir etwas hilft.« Joey Kelly war nämlich mittlerweile nicht nur Musiker, sondern Extremausdauersportler, der nicht nur Marathon, sondern gleich Ultramarathons lief, Triathlon und so weiter. Ich war mir sicher, dass meine Strategien auch ihm, wie vielen anderen Spitzensportlern, helfen könnten. »Nun gut«, sagte Joey, »ich bedanke mich.«Am nächsten Tag kam er dann wieder und drückte mir zwei volle Plastiktüten in die Hand. »Was ist das?«, fragte ich. »Das ist ein Dankeschön dafür, dass du mir gestern ein Buch geschenkt hast. Unser Vater Dan hat uns immer gesagt: ›Nimm eins und dann gib zehn!‹«, sagte Joey. Die beiden Tüten enthielten Merchandising-Produkte der Kelly Familie, CDs, T-Shirts, Kaffeetassen, Videos etc. Gesamtwert vielleicht 500 DM. Ich war platt.Alles, was du weggibst, ob positiv oder negativ, kommt wie ein Bumerang wieder zu dir zurück.Genau das verstehe ich unter dem Gesetz vom Geben und Nehmen, das ich in meinen Seminaren immer propagierte. Im Unterschied zur Meinung vieler, erfolgreich könne nur der sein, der auf Kosten anderer lebt, propagiere ich stets, dass derjenige am glücklichsten ist, der seinen Erfolg zum Wohle und Nutzen der anderen anstrebt. Dieses Gesetz vom Geben und Nehmen ist uralt und jeder unternehmerische Erfolg baut darauf auf. Ein Unternehmen, das mehr Kunden gewinnen möchte, muss seinen Nutzen erhöhen. Eigentlich wieder ganz banal, doch die meisten Unternehmen verhalten sich konträr zu diesem Erfolgskonzept: Sie schränken den Nutzen ein, sie sparen Kosten, sie gewähren weniger Service und gehen weniger auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden ein. Viele Firmen arbeiten auch nach der Einstellung: »Wenn wir mehr Umsatz haben und Gewinne erzielen, dann können wir auch wieder mehr in den Kundennutzen investieren.« Doch so funktioniert das Spiel nun einmal nicht: Erst muss der Nutzen erhöht werden, dann bekommt man den Nutzen in Form von mehr Kunden und höheren Umsätzen zurück. Das Gesetz vom Geben und Nehmen funktioniert nicht nur bei Unternehmen und Organisationen, sondern auch bei Einzelpersonen.Es wird nun einmal nicht der Mitarbeiter befördert, der jahrelang immer ein bisschen weniger gegeben hat als alle anderen. Es wird derjenige befördert, der stets ein bisschen mehr gegeben hat. Es wird bei einer Krise nicht derjenige Mitarbeiter entlassen, der ein bisschen mehr gab als alle anderen, sondern der, der ein bisschen weniger gab. Ich habe vor vielen Jahren einmal von einem Lehrmeister einen Satz gehört, an den ich mich stets hielt und der immer funktioniert hat:Gib immer ein bisschen mehr, als man von dir erwartet (und als man dir bezahlt!).
VERFASSER UNBEKANNT

Oder, um noch einmal mit den Worten von Dan Kelly, dem Vater von Joey Kelly, zu sprechen: »Nimm eins, gib zehn!« Es mag zwar manchmal vorkommen, dass wir etwas in eine bestimmte Richtung geben und nichts von dort zurückbekommen. Aber dann erhalten wir es eben von ganz anderer Seite. Das Gesetz vom Geben und Nehmen funktioniert immer, es schafft stets einen Ausgleich. Wer immer nur nimmt und nie gibt, wird nach einiger Zeit nichts mehr nehmen können. Und wer gibt, wird vom Leben dafür belohnt werden, auch wenn es manchmal etwas längere Zeit dauern mag. Doch zurück zum großen Tag in meinem Leben: Den ganzen Tag über hetzte ich mit meinen Bodyguards und ein paar Assistenten quer durch die Halle von Termin zu Termin. Allein 17 Einzelinterviews und eine einstündige Pressekonferenz lagen hinter mir, als ich  schließlich um kurz vor 17 Uhr hinter der Bühne bereit stand, um den Schlussvortrag zu halten. Die über 100 TV-, Radio- und Presseleute warteten schon mit ihren Kameras und Mikros. Auch hinter der Bühne standen etliche Kameraleute und Fotografen, aber das störte mich nun nicht mehr. Ich schloss die Augen und während ich hörte, wie Franklin mich ansagte, stellte ich mir vor, dass sich nun tatsächlich mein Lebenstraum erfüllen würde.Gleichzeitig stellte ich mir vor, dass ich nun auf der Bühne für die Menschen dort draußen mein Bestes geben würde. Ich stellte mir vor, dass ich sie nicht nur begeistern, sondern ihnen wirklich dabei helfen würde, in Zukunft erfolgreicher und glücklicher zu leben. Nach dieser »Imaginationsrunde« ging ich auf die Bühne. Fast 14 000 Menschen erwarteten mich stehend und begeistert, noch ehe ich ein Wort gesagt hatte. Ein unglaubliches Gefühl der Zuneigung, ja, der Liebe zu meinen Kunden und Fans durchströmte mich und an diesem Tag gab ich mein Letztes. Ich erzählte an diesem Tag ein wenig aus meinem Leben, von meinen Höhen, aber auch von meinen Tiefen. Ich verriet, dass ich mit 21 Jahren eine tiefe Lebenskrise hatte, weil ich fast pleite war. Ich erzählte ihnen offen und schonungslos, dass ich damals drei meiner vier Geschäfte aufgeben musste und hohe private Schulden hatte. Ich teilte ganz offen mit, dass ich in dieser Zeit ein  Magengeschwür bekam, mehrere Bandscheibenvorfälle hatte, die meisten Freunde mich verließen und schließlich auch noch meine Beziehung kaputt ging. Ich verriet ihnen sogar, dass ich erste Anflüge von Suizidgedanken hatte. Aber ich erzählte ihnen auch, wie ich es schaffte, aus diesem Tief meines Lebens rauszukommen und schließlich heute hier auf der Bühne zu stehen und den vorläufigen Höhepunkt meines Lebens erleben zu können. Als ich meinen Vortrag beendet hatte, sprangen die 14 000 Menschen wie auf Kommando hoch, spendeten mir minutenlang Applaus. Ich nahm diese Energie in mir auf und hätte nun stundenlang weitermachen können.Kurze Zeit später ging ich mit einigen Mitarbeitern zum Essen und traf mich mit der kompletten Crew schließlich um Mitternacht in einer Dortmunder Diskothek, um bis nachts um 5 Uhr mal so richtig abzufeiern und gemeinsam den Erfolg zu genießen. Bei wilden Tanzeinlagen und etlichen Bierchen genoss ich einfach im Hier und Jetzt den großen Erfolg. Ja, ich war damals auf dem Gipfel meiner Karriere angelangt, und der nächste Gipfel, der geplante Börsengang, stand kurz bevor.Ich bewegte mich schnell, immer schneller, lebte ein Leben auf der Überholspur. Teuerste Hotels, First-Class-Flüge, öfters auch mal ein Privat-Jet, Ferrari, Rolex, Traumhaus, Designer-Klamotten. Heute weiß ich, dass ich damals etwas die Bodenhaftung verloren hatte, »abgehoben« war. VIPs drängelten sich darum, von mir privat gecoacht zu werden, die Presse riss sich um mich, der Börsengang sollte zig Millionen in die Kassen spülen. Ich bemerkte nicht, dass ich zu verhaftet im materiellen Erfolg war, genoss die  Anerkennung und Bewunderung, ohne zu merken, dass dies keine echte Liebe ist, ja, dieser Geltungstrieb letztendlich die Seele zerstört. Aber bald sollte ich es lernen, und zwar mit allergrößten Schmerzen, um was es wirklich im Leben geht.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 7Vor zu Teil 9



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