Ich durfte als Untersuchungshäftling meine Zivilkleidung tragen - Und immer wieder aufstehen! Teil 4


WOW! Welches Bett sollte ich nehmen? Ich entschied mich für das allein stehende Etagenbett und bezog dort das obere Bett. Es würde zwar etwas Mühe machen, ständig hoch und wieder herunter zu klettern, dafür aber konnte ich mich zurückziehen, falls noch mehr Insassen eingeliefert werden würden. Außerdem hatte ich die Zimmerlampe über mir und konnte lesen. Ich hatte zwar nur die Bibel, aber sie würde mir Kraft geben. Schränke gab es keine. Meine Sachen verstaute ich auf dem unteren Bett.Mittlerweile war es etwa 13 Uhr. Das Mittagessen kam. Es bestand aus einer Scheibe Gemüse-Bratling, etwas Soße und Salzkartoffeln, inzwischen nur noch lauwarm, da das Essen bereits um 10.45 Uhr ausgegeben wurde. Für den Abend noch sechs Scheiben Brot, eine 125-g-Dose Fisch und ein Häuflein Karottensalat. Das Brot musste allerdings auch noch fürs Frühstück am nächsten Morgen reichen. Fast hätte ich es vergessen. Kurz darauf kam mein erster Zimmerkollege herein: Wolfi. Zirka 195 cm groß, 110 kg schwer, lange Haare, Diesel-Jacke, Stiefel, Typ: »Riesen-Baby«. Ich stellte mich vor und gab ihm die Hand – das Eis war gebrochen.Wolfi (Name geändert), intellektuell eher einfachen Gemüts, war ein ganz umgänglicher Zeitgenosse. Er schimpfte: »Sie haben mich gefasst, die Schweine, wegen so einem Schwein bin ich wieder drin …« Später erfuhr ich, dass er – angeblich – schon zum fünfzehnten Mal in der »Kiste« sei. Er war erst im Februar diesen Jahres entlassen worden. Der Beamte hatte ihn bei der Einlieferung mit den Worten begrüßt: »Na, das hat ja nicht lange gedauert, seit dem letzten Mal!« Wolfi begann gleich, sein Essen mit großem Appetit zu verspeisen. Er hatte praktisch immer Hunger, wie ich noch bemerken würde.Von Wolfi wurde ich in die wichtigsten Abläufe des Knasts eingeweiht. Zunächst erfuhr ich, dass ohne »Antrag« praktisch nichts ging und auch nichts zu bekommen war. Es musste für alles ein Antrag gestellt werden. Von außen durfte man nichts außer Wäsche erhalten. Grund dafür war die Angst, dass auf diese Weise Dinge ins Gefängnis geschmuggelt werden könnten – in erster Linie Waffen und Drogen. Wie sich das mit dem Antrag in der Praxis auswirkte, erlebte ich am Beispiel eines Fernsehers, den ich gerne gehabt hätte.1. Antrag auf Fernseher stellen. Die Prüfung dauert – je nach Auslastung der Beamten – laut Wolfi sieben bis 14 Tage.2. Nicht vergessen: gleich ein Antennenkabel und einen Dreierstecker mit beantragen, sonst ist der ganze Fernseher wertlos (in jeder Einzelzelle gibt es nur eine Steckdose) und das Spiel geht von vorn los.3. Nach der Genehmigung kann man den Fernseher beim »Einkauf«, der zweimal pro Monat stattfindet, kaufen. Der »Einkauf« ist so eine Art Einkaufsladen. Es gibt bestimmte Lebensmittel, Büro-, Elektro- und Sportartikel – nach Genehmigung und Bestellung. Es kann aber durchaus sein, dass, wenn die TV-Genehmigung erteilt wurde, der nächste Einkauf erst in zwei oder sogar erst in drei Wochen stattfindet, so lange muss man sich dann eben gedulden. Man kann sich auch von »außen« einen Fernseher bringen lassen, sofern er keinen Videotext und ähnliche Dinge enthält – doch wo gibt es solche Fernseher eigentlich noch? Ein von außen gebrachter Fernseher wird von einem dafür bestimmten Beamten überprüft, ehe man ihn nutzen darf – für eine Gebühr von 8 Euro.Laut Wolfi war es besser, den Fernseher beim Einkauf zu erwerben, da die »Prüfung« bei von außen geschickten Fernsehern wesentlich länger dauern würde.Fazit: Drei bis sechs Wochen dauert es also, bis man endlich etwas Ablenkung in die trübselige Langeweile des Knast-Alltags erhält. Wolfi wusste aus seiner langjährigen »Erfahrung« heraus, dass es im Zuzug ein paar Bücher gab, die man sich ausleihen konnte. LESEN – ich war sofort Feuer und Flamme.Als eine Stunde später der zweite Zellengenosse, Thomas (Name geändert), ankam, fragte ich den Beamten nach den Büchern. Tatsächlich: Im Gang gab es einen Schrank mit ungefähr 50 bis 60 Büchern, alle »uralt« und äußerst banal: Readers-Digest-Sammelbücher, Groschenromane. Ich entschied mich für einen Simmel »Gott schützt die Liebenden«, im Jahr 1956 spielend. Ich hoffte sehr, es sei zumindest ein positiver Liebesroman – Pustekuchen! Am Ende starb die Frau und der Hauptdarsteller wanderte einsam und allein nach Brasilien aus – optimale Lektüre für jemanden, der kurz vor dem Zusammenbruch steht.Wolfi staubte gleich noch einen Kugelschreiber ab. Nun, da ich lernfähig bin, bat auch ich um einen sowie um Papier, das ich dann auch, zusammen mit Kuverts und Antragsformularen, erhielt. So konnte ich gleich einen ersten ausführlichen Brief an Kerstin schreiben. Es gab nur ein Problem, ich hatte keine Briefmarken, konnte also den Brief nicht wegschicken. Oh, was für eine verdammte Scheiße!Meine Zimmerkollegen hatten zwei Vorteile für mich:1. Ich wurde von meinen Gedanken abgelenkt!2. Ich konnte mich nicht gehen lassen und ständig heulen, obwohl mir danach zumute war. Aber wir Männer geben uns natürlich nicht so eine Blöße, zumindest fühlte ich an diesem Wochenende noch so.Dafür brachten die beiden aber auch Nachteile mit sich: banale Gespräche über irgendwelchen Mist, zum Beispiel wen Wolfi schon mal wann und wo in einem Knast getroffen hatte, was diese verbrochen hatten, was sie für »Dinger« gedreht hatten usw. Das weitaus größere Problem aber war, dass Thomas rauchte und fünf Päckchen Tabak mitgebracht hatte. Duschen durften wir erst wieder in der kommenden Woche. Auch neue Kleidung gabs erst dann wieder. Die von mir eingeatmete Luft hatte jenen unvergleichlichen »Duft« mit einer Mischung aus Ammoniak, verfaultem Obst, Käse, altem Fisch und weiteren »Leckereien«. Und das passierte ausgerechnet mir, einem Ästheten, der manchmal dreimal am Tag duschte und die Kleider wechselte. Doch da erinnerte ich mich an das Gesetz der Demut. Das war alles, sonst nichts. Und sogleich akzeptierte ich und ließ los. Und nach einiger Zeit roch ich auch (fast) nichts mehr!Thomas war 22 Jahre alt und arbeitslos. Sie hatten ihn mit einem halben Gramm Shit erwischt und zu 1050 Euro Geldstrafe verurteilt. Da er pleite war und nicht zahlen konnte, wurde er per Haftbefehl für 20 Tage »in den Bau« gesteckt. Er hatte schon die Häftlingskleidung an: Feinripp-Unterwäsche, schon tausendmal getragen, gewaschen und entsprechend ausgebeult, teilweise durchlöchert (Thomas war nur zirka 164 cm groß und die Unterhose hing ihm fast an den Knien), grob gestrickte, leider auch sehr ausgeleierte, graue Socken, ein grünes Hemd sowie eine blaue Hose und Jacke, wie sie zum Beispiel auch Bau- und Landarbeiter tragen, dazu dünne schwarze, auch schon zigmal benutzte Schnürschuhe.Ich durfte als Untersuchungshäftling meine Zivilkleidung tragen. Am nächsten Tag war um 9 Uhr Hofgang. Endlich – nach zwei Tagen – frische Luft. Ich konnte es kaum erwarten. Das ständige Rauchen von Thomas war schwer erträglich. Er rauchte vor dem Essen, nach dem Essen, morgens gleich nach dem Aufstehen, vor dem Schlafengehen, nachts. Irgendwann ließ der weißlich-graublaue wabernde Dunst den Raum mit seinen weiß gekalkten Wänden (mittlerweile durch unzählige Zigaretten gelb geworden) weicher wirken, zarter, verklärter, in meinen Tag- und Nachtalpträumen fast poetisch anmutend. Zwar war ich gefragt worden, ob ich Nichtraucher sei. Es hatte jedoch nichts daran geändert, dass Thomas bei mir auf dem Zimmer lag – und rauchte. Ein netter Kerl eigentlich, einfach vielleicht, aber nett, 22 Jahre jung, der seine 20-tägige Haftstrafe als Abenteuer ansah. »Da werden meine Kumpels große Augen machen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich hier war und wie das hier abgeht«, schwärmte er begeistert. Bin ich »uncool«, zu alt mit meinen fast 40 Jahren – oder warum verstand ich seine Begeisterung nicht und konnte seinen Enthusiasmus »im Bau gewesen zu sein« nicht im Geringsten teilen?Als der »Schließer« kam (im Knast-Jargon sind das die Beamten, die Schlüsselvollmacht besitzen und die Türen auf- und zuschließen dürfen), sprangen Thomas und ich begeistert auf. Hofgang, Auslauf, »Gassi gehen dürfen«. Jetzt wusste ich endlich, warum sich mein Pyrenäen-Schäferhund Gino jeden Morgen so freudig gebärdete, an mir auf und ab sprang, jaulte, versuchte meine Hände zu lecken – alles nur, weil er »Gassi gehen« durfte. Auch ich würde jetzt dem Schleimer die Hände lecken, wenn das der Preis dafür wäre, endlich frische Luft atmen und sich etwas bewegen zu dürfen. Seit über 20 Jahren leide ich unter starken Bandscheibenbeschwerden und wurde die letzten beiden Tage von starken Rückenschmerzen geplagt. Also, nichts wie raus jetzt!

Wolfi wollte eigentlich liegen bleiben. Doch dann hätte er allein im Zimmer bleiben müssen, was gegen die Ordnung verstieß. Denn die Exekutive hatte Angst, dass sich einer der neuen »Gäste« etwas antun könnte, wenn er allein wäre. Da Wolfi keine Lust hatte, für die eine Stunde, die der Hofgang dauerte, in ein anderes Zimmer zu ziehen, trottete er schlecht gelaunt mit uns in den Hof.Wir liefen durch endlose Gänge mit dutzenden von Türen, die auf- und wieder zugeschlossen werden müssen, und kamen endlich im Hof an. Die anderen Untersuchungshäftlinge waren bereits da. Der Hof hatte einen gefliesten Weg, der – im Kreis gelaufen – zirka 90 Meter Umfang besaß. In der Mitte war Rasen, außen um den Weg ein paar Pflanzen. Es gab ein paar fest installierte Edelstahlstühle, drei Tischtennis-Platten aus Stein mit einem »Netz« aus Edelstahl, das dafür sorgte, dass nach jedem Spiel ein Ball defekt war. Eine Katastrophe, denn die Bälle wurden nicht etwa von der Justizvollzugsanstalt gestellt, sondern mussten von den Häftlingen beim Einkauf selbst erworben werden, 6 Stück für 6,50 Euro.Und dies bedeutete, auf etwas anderes, zum Beispiel Tabak oder Schokolade, verzichten zu müssen. Schläger wurden von der Justizvollzugsanstalt gestellt. Drei Schläger für drei Platten – auch schon in die Jahre gekommen, sodass der Gummibelag schon zur Hälfte abgelöst war und man auf dem blanken Holz spielte. Außerdem gab es noch einen kleinen »Turm« für das Wachpersonal. Der ganze Hof war mehrfach mit Zäunen, die teilweise elektrisch geladen waren, und einer acht bis zehn Meter hohen Mauer gesichert. Als wir im Hof ankamen, wanderten alle Blicke auf mich – der »Flur- und Zellenfunk« hatte funktioniert. Nachdem am Freitag die Presse bereits »verrückt« gespielt und teilweise im Stundentakt über meine Inhaftierung und über meine Einweisung in die Justizvollzugsanstalt Würzburg berichtet hatte, wussten praktisch alle: »Der Höller kommt.«Da ich es gewohnt bin, Blicke und Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, machte mir das nichts aus. Ungefähr 80 Untersuchungshäftlinge befanden sich im Hof. Die meisten marschierten auf dem Weg immer im Kreis herum, gegen den Uhrzeigersinn – dies soll in allen Gefängnissen gleich sein, wie Wolfi, der erfahrene »Knastologe«, mir geflissentlich erklärte. Das Tempo gleichmäßig langsam. Der Weg war gerade eben so breit, dass drei Personen nebeneinander gehen konnten.Ungefähr drei Viertel der Untersuchungshäftlinge waren Ausländer. Jedes »Volk« blieb im Knast für sich. Da gab es die »russische Fraktion«: ehemalige Weißrussen – jetzt Deutsche, Ukrainer, Litauer, Letten, Polen usw. Erstaunlich viele Italiener, wieder für sich, Asylbewerber (ein Ghanaer, zwei Asiaten) und die »Deutschen«. Diese teilten sich in drei Grüppchen auf. Die Wirtschafts-Straftäter, die Drogensüchtigen und die Kleinkriminellen (Auto-Diebe, Einbrecher). Die Gruppe der »Drogen-Häftlinge« war die größte. Jetzt im Winter waren auch ein paar »Penner« da, bedauernswerte Gestalten, die im Sommer »on the road« durch die Lande zogen, aber jetzt, kurz vor dem Winter, von der kalten Witterung bedroht waren. Also »zogen sie ein Ding durch«, so absichtlich, so bekloppt, dass sie zwangsläufig erwischt und für drei bis sechs Monate eingesperrt wurden. Und das bedeutete für sie: ein warmes Zimmer, ein Bett, dreimal täglich Essen und saubere Klamotten. Im Frühjahr – nach ihrer Entlassung – trampen sie dann wieder los, bis sich der Zyklus im nächsten Winter wiederholt, bei einigen Personen, wie ich erfahren habe, schon seit 20 Jahren.Einige der »Kollegen« grüßten mich oder winkten mir zu. Ein »Promi« war da – das verhieß ein bisschen Abwechslung im tristen Gefängnisalltag. Einer kam auf mich zu, Iwan (Name geändert), und gab mir die Hand. Iwan war 35 Jahre alt, gebürtiger Moskauer, mittlerweile aber Deutscher. Er lebte seit seinem zehnten Lebensjahr in Deutschland, hatte hier Abitur gemacht und studiert. In den letzten Jahren arbeitete er im Hotelgewerbe. Er wurde der Urkundenfälschung beschuldigt – bei einem Freund fand man anlässlich einer Razzia 110 falsche Pässe mit Iwans Foto. Er erzählte mir, dass er unschuldig sei. Das erzählten eigentlich alle hier. Fast jeder hält sich für unschuldig, oder zumindest zu Unrecht inhaftiert. Ob er wirklich unschuldig war – ich wusste es nicht. Es interessierte mich hier und jetzt auch nicht. Er war intelligent und hatte Niveau. Ich konnte mich mit ihm auch über andere Dinge unterhalten als mit Wolfi und Thomas.Nach exakt einer Stunde ging’s zurück in die Zelle. Wolfi und Thomas hatten praktisch immer Hunger. Wolfi hatte schon sein Marmeladenglas geleert und bekam nun das Glas von Thomas geschenkt, der keine Marmelade mochte. Die Marmelade war seit vier Wochen abgelaufen, meine Margarine schon seit zwei Monaten. Sie hatte schon die typisch tranige Farbe angenommen und schmeckte auch so. Ich fragte Wolfi, den Erfahrenen, was ich dagegen tun könnte. Er lachte: »Du kannscht ja’n Antrag schreiben und dich beschwern.«»Okay, das mache ich auch«, antwortete ich ernsthaft. »Dann muscht aber damit rechn, daschd bei denen auf’m Kiecker bischt.« Er erzählte von einem Gefangenen, den er bei einem früheren Aufenthalt kennen gelernt hatte, der sich auch über abgelaufene Nahrungsmittel und viele andere Vorkommnisse beschwert hatte. Die Folge war, dass er angeblich keine Lockerungen mehr erhielt, gepiesackt wurde. Ich wusste nicht, ob ich das alles so glauben sollte, andererseits wollte ich es mir auch nicht verscherzen. Also entschied ich mich sicherheitshalber dafür, die Margarine zu essen. Wie aber kam es dazu, dass Lebensmittel überhaupt das Verfallsdatum überschritten hatten? Entweder schlampte die Justizvollzugsanstalt, was ich, zumindest was die in Würzburg betraf, eher nicht glaube, oder die Lebensmittellieferanten waren verantwortlich, was ich eher vermute. Wenn palettenweise Margarine-Schachteln angeliefert werden, wird es wohl nur Stichproben geben, wenn die Beamten die Ladung kontrollieren. Und wenn im Inneren der Palette ein paar abgelaufene Packungen stecken, wer sollte das entdecken oder sich daran stören? Oder war es einfach nur Zufall?Nachmittags erdrückte mich oft das Selbstmitleid und vor allem die unerträgliche Langeweile. Untersuchungshaft besteht zu neunzig Prozent aus Langeweile. »Draußen« hätte der Tag ruhig 48 Stunden haben dürfen – »drinnen« dehnt sich jede Minute wie Kaugummi. Wertvolle Lebenszeit zerrinnt sinnlos, unwiderruflich verloren, vergeudet in einem von Zigarettenrauch geschwängerten, spartanisch aufs Notwendigste ausgestatteten Zimmer. Mein Selbstmitleid schlägt immer wieder um in Trauer und Angst, Angst, was geschäftlich werden soll, Angst, was mit mir werden wird. Angst, ob ich wieder zurück auf die Bühne kann, Angst, ob Kerstin alles packen wird, ach, Angst um alles, was mir etwas bedeutet.Sonntag, 3. November 2002 Hofgang. Meine beiden Zimmerkollegen zogen es vor – unfassbar für mich –, lieber noch im Bett liegen zu bleiben, anstatt die eine Stunde »Auslauf« zu nutzen, mit anderen zu reden, etwas Bewegung für die »steifen« Knochen zu bekommen, frische Luft zu atmen und – das Wichtigste – den freien Himmel zu sehen. Freiheit – ich hatte, solange ich noch in Freiheit war, nie sonderlich über die hohe Bedeutung dieses Wortes nachgedacht. Ich bin sicher, dass mein ganz persönliches Wertesystem durch diese Erfahrung jetzt neu gebildet wurde, sich verschieben würde.An diesem Tag stellte mir Iwan beim Hofgang unseren »Kollegen« Erkan vor. Erkan war im Baugewerbe viele Jahre erfolgreich, so alt wie ich, hatte auch ein gewisses Bildungsniveau, das leider doch den meisten der anderen Gefangenen abgeht. Dies meine ich nicht abwertend, sondern ich stelle es einfach fest. Nur die Hälfte der Anwesenden nutzte den Hofgang, um sich zum Beispiel zu bewegen – die anderen saßen die 60 Minuten und qualmten. Iwan, Erkan und ich gingen die Stunde Hofgang zusammen und unterhielten uns über vieles, dann ging’s für mich wieder zurück in den Zugang. Erst morgen, am Montag, würde ich in die richtige Untersuchungshaft verlegt werden.Als ich in das Zimmer zurückgekommen war, pennten die anderen beiden immer noch, es war zirka 10.10 Uhr. Um 10.40 Uhr kam das Mittagessen: Hurra, es gab Rinderbraten, Klöße und Rotkohl. Das Mittagessen ist übrigens – in Anbetracht dessen, dass 600 Portionen gekocht werden müssen, relativ gut. Wir bekamen auch gleich wieder das Brot fürs Abendessen und das nächste Frühstück. Dazu eine 125-g-Dose Bierwurst und – ich konnte es nicht glauben – einen Mars-Schokoladen-Riegel. Nein, nicht den normalen, sondern einen kleineren, exakt 19,2 g, wie auf der Verpackung stand, aber immerhin: Schokolade! Die anderen beiden dachten nicht lange nach, sie vertilgten erst den Sonntagsbraten (bestehend aus ungefähr 130 g Fleisch) und dann machten sie sich gierig über ihren Schoko-Riegel her. Ich dagegen war unschlüssig, sollte ich ihn jetzt essen, als Dessert, oder sollte ich mir um 15 Uhr, wenn es noch mal heißes Wasser gab (fürs Abendessen!), einen Tee machen und den Riegel dazu essen, das wäre dann so ähnlich wie das sonntägliche Kaffeetrinken am Nachmittag. Oder sollte ich ihn noch länger aufheben und abends essen, als Höhepunkt des Tages? Eine schwierige Entscheidung…Schaffte ich es, so lange zu warten, obwohl mir allein beim Anblick schon das Wasser im Mund zusammenlief? Mein Gott, vor einer Woche aß ich noch in den besten Restaurants, aber so eine Vorfreude hatte ich noch nie. Schokolade! 19,2 g!Der restliche Sonntag machte mich fertig: Draußen regnete es, die Zeit ging nicht vorbei. Ich hatte mein Buch längst ausgelesen, Fernseher und Zeitungen gab es nicht und mich mit Wolfi ständig über sein Leben oder darüber zu unterhalten, was er alles im Knast kennen gelernt hatte, erbaute mich nicht sonderlich. In meiner kleinen Bibel hatte ich schon gelesen und so kamen die schwermütigen, zuerst melancholischen, später dann fast depressiven Gedanken hoch, erst langsam, fast schleichend, mich überlisten wollend, dann mit Brachialgewalt, nicht mehr aufzuhalten. Meine Kerstin, meine Kinder, was würden sie jetzt draußen empfinden, wie würde es ihnen wohl gehen, würden sie das alles verkraften, diese harte Prüfung für unsere Familie? Noch bis 2 Uhr lag ich wach und grübelte, schwitzte!Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 3Vor zu Teil 5



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