Ich konnte mich nicht mehr aufrecht halten - Und immer wieder aufstehen! Teil 5


Montag, 4. November 2002 Der fünfte Tag – unglaublich, so lange war ich jetzt schon inhaftiert. Zuerst ging es zum Arzt, eine kurze Untersuchung: Puls, Blutdruck, Blutabnahme, TBC-Test usw. Wie sorgfältig und mit wie viel »Herz« wurde hier in der Abteilung gearbeitet? Früher war ich 184 cm groß, jetzt plötzlich laut Messung 191 cm. Danach durfte ich packen und – endlich duschen! Auch das war ein Erlebnis, Freude, ja sogar Dankbarkeit durchströmte mich.Anschließend gab’s Mittagessen. Apropos Essen. Das Gefängnisessen ist darauf ausgelegt, den Gefangenen bei Kräften zu halten. Vorgeschrieben sind zirka 2500 Kalorien täglich. Erreicht wird dies in erster Linie durch sechs Scheiben Brot und natürlich auch durch Fett – Panade beim frittiertem Fisch usw. Obst gibt es einmal pro Woche: einen Apfel oder eine Birne. Zweimal pro Woche 1 l H-Milch, fettarm. Einmal pro Woche eine Schale Zucker. Alle zwei Wochen eine Packung Tee, ein Glas Marmelade, 250 g Margarine und einmal pro Woche 120g Joghurt. Abends abwechselnd entweder 125 g Dosenwurst, Fisch oder Käse, meist Streichkäse. Das war’s! Dazu Leitungswasser, so viel man mochte.Ich war schon sprungbereit um in die Untersuchungshaft verlegt zu werden, als ich abgeholt wurde: Besuch! Oh, mein Gott, Kerstin war da, sie hatte Besuchsrecht erhalten, mir wurde es ganz heiß und mein Herz pochte und schlug wie ein Dampfhammer.

Bevor man sich sehen kann, dauert es für den Besucher bis zu eineinhalb Stunden. Als Gefangener kommt man zuerst ins Wartezimmer, wo vielleicht schon vier oder sechs andere Gefangene warten und qualmen. Das ganze Wartezimmer riecht wie ein Aschenbecher.Wenn es dann so weit ist, muss man alles ausleeren, was man bei sich hat. Man läuft wie im Flughafen durch einen Metall-Detektor. Die Sachen, die man bei sich hat, darf man nicht mit zum Besucher nehmen. Auch der Besucher darf absolut nichts bei sich haben.Bei jedem Besuch darf der Häftling sich ein Getränk aus dem Getränkeautomaten ziehen, wenn der Besucher es bezahlt hat, einmal im Monat eine Tafel Schokolade, einmal eine Schachtel Zigaretten. Ich rauche nicht, also bekomme ich im Monat zwei Tafeln Schokolade, klasse!Und dann war es endlich so weit: Kerstin und ich fielen uns in die Arme, beobachtet von ein paar Beamten, die durch im Raum angebrachte Mikrofone jedes Wort, jede Berührung, jede Gemütsbewegung mitbekommen und aufnehmen. Es war, wie soll ich das beschreiben, einfach schrecklich entwürdigend. Und doch geht es noch schlimmer: Wer wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz sitzt, bleibt von seinen Besuchern durch eine Glasscheibe getrennt. Er darf seinen Partner und seine Kinder nicht einmal berühren. Es gibt aber auch Häftlinge, die »Kontaktsperre« haben, das heißt ihre Familie gar nicht in der U-Haft besuchen dürfen. Ich lernte später Häftlinge kennen, die ihre Familie dreizehn Monate nicht mehr gesehen hatten.Wir konnten uns nicht zurückhalten: Wir hielten uns minutenlang einfach fest gedrückt in den Armen und weinten hemmungslos, wir konnten nicht anders. Der ganze angesammelte Schmerz wollte heraus, bahnte und brach sich seinen Weg.Dafür hatten wir nur 30 Minuten Zeit. Der Regelbesuch war eine Stunde pro Monat, also entweder ein Besuch mit einer Stunde oder zweimal 30 Minuten – im ganzen Monat! Diese Zeit muss ausreichend sein, um seine Liebsten zu sehen, zu berühren, sich etwas zu erzählen, Dinge, wichtige oder auch weniger wichtige Fragen zu klären – immer beobachtet und be lauscht von den Beamten. Wir hielten uns, streichelten uns, bestärkten uns gegenseitig. Kerstin war mir eine großartige Stütze in diesem Moment, sie gab mir die Sicherheit, dort »draußen« etwas zu besitzen, für das es sich lohnt, all das zu durchleiden. Ich habe das große Glück, die fantastischste Frau der Welt zu besitzen. Sie ist so großartig. Und auch, wenn sie furchtbar down war, am Boden eben – sie ist eine starke Frau, sie wird es schaffen, ich bin fest davon überzeugt.Die Minuten, die sich sonst im Haftraum so träge, endlos dehnten, vergingen beim Besuch in rasender Geschwindigkeit. Noch drei Minuten, das gab’s doch gar nicht! Hektisch umarmten wir uns, drückten unsere Körper ganz fest aneinander, es fanden sich unsere Zungen – für ein paar Sekunden nur, aber diese Sekunden müssen 14 Tage reichen – zwei lange Wochen. Das verkraften wir nicht, dachte ich. »Die Zeit ist um. Heraus, heraus!« Unsere tränennassen Gesichter trennen sich. Bis bald, meine Süße, mein wunderschöner Schmetterling, mein Herz, mein Fixstern.Als Kerstin weg war, brach ich zusammen. Ich konnte mich nicht mehr aufrecht halten und musste mich mit beiden Händen an einem Tisch festhalten. Die Beamten, trotz ihres jahrelangen Jobs noch nicht ganz abgestumpft, ließen mir etwas Zeit. Sie ließen mich einfach, gaben mir die Möglichkeit, mich wieder zu fangen. Mit letzter Kraft gelang es mir, ich schloss den Schmerz tief in mir ein! Wie ich von vielen Seiten im Knast hörte, halten die meisten Beziehungen den immensen Belastungen einer Inhaftierung nicht stand. Sie zerbrechen an Geldproblemen, Imageproblemen, Sehnsüchten, Entfremdungen.Auch ich habe Angst, ob die Beziehung von Kerstin und mir das aushalten wird. Ich glaube ganz fest daran – und Kerstin auch. Wir schworen uns, das zu schaffen – doch können wir beurteilen, welch unglaublicher Belastungsprobe, welchem Härtetest, unsere Beziehung ausgesetzt sein wird? »Unsere Liebe hält, sie ist anders, tiefer als bei allen anderen«, dachte ich. Doch alle, die von ihrem Partner verlassen wurden, lachen, denn genau so dachten sie auch. Aber ich will glauben, dass unsere Beziehung dies aushalten wird, ja, dass ihre emotionale Intensität sogar an Tiefe noch zunehmen wird. Denn sonst habe ich nichts mehr, was mich aufrecht halten kann, kein Ziel mehr, um diese schwere Zeit durchhalten zu können. Ich glaube es – ganz bestimmt!!Um zu verstehen, wie es zu meiner großen Krise kam, lade ich dich, liebe Leserin, lieber Leser, ein, mit mir eine kurze Reise in meine Vergangenheit zu unternehmen. Denn im Rückblick auf meine Kindheit und auf die letzten Jahre wird vieles klarer, sodass es sich dann auch leichter lösen lässt.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 4Vor zu Teil 6



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