Kapitel 2: Im Basislager - Und immer wieder aufstehen! Teil 6


Meine Eltern heirateten sehr jung, weil ich unterwegs war, sie waren gerade zwanzig. Mein Vater, ein einfacher Arbeiter, schuftete die ersten Jahre sehr hart, oft sechs Tage die Woche jeweils zwölf Stunden, um überleben zu können. Da meine Eltern niemanden hatten, der auf mich hätte aufpassen können, stand es außer Frage, dass meine Mutter zu Hause blieb und sich um mich und meinen jüngeren Bruder Michael kümmerte. In unserer Familie war es damals nicht üblich, sich zu sagen, dass man sich lieb hat, dass man stolz auf den anderen ist, dass man sich gegenseitig drückt und einfach mal so streichelt.Irgendwie ist dabei tief in mir die Angst entstanden, meine Eltern liebten mich zu wenig, sie seien nicht stolz auf mich, ja, später sogar die Angst, sie liebten meinen Bruder Michael mehr als mich. Ich wollte immer, dass meine Eltern stolz auf mich wären, doch ich hatte als Kind und Jugendlicher keinerlei erkennbare Talente. Ich war unmusikalisch, künstlerisch eine Niete, handwerklich unbegabt, in allen Sportarten eine Pfeife oder allenfalls Mittelmaß und auch in der Schule glänzte ich nicht gerade, musste sogar das Gymnasium wieder verlassen und mich mit der mittleren Reife begnügen, weil ich sehr faul war, nicht lernte und die Hausaufgaben nicht erledigte.Um Lob und Anerkennung von meinem Vater zu bekommen, fing ich mit sechs Jahren an, Fußball zu spielen – weil er ganz gut Fußball spielte und diesen Sport über alles liebte. Ich trainierte also regelmäßig, sogar sehr fleißig und mein Vater ließ es sich nicht nehmen, öfter bei meinen Spielen zuzuschauen. Doch da ich auch hier wenig Talent besaß und es dennoch besonders gut machen wollte, wenn mein Vater zusah, spielte ich relativ schlecht und enttäuschte ihn. Zumindest empfand ich es so, denn er sagte mir nie, dass er stolz auf mich sei.Mein Selbstwertgefühl wurde zusätzlich dadurch »vermindert«, dass ich schon mit fünf Jahren in die Schule kam, so waren meine Schulkollegen immer sechs bis zwölf Monate älter und dadurch auch größer und leider auch meist stärker als ich. Wenn es im Turnunterricht darum ging, zwei Mannschaften für ein Ballspiel zu bilden – wer blieb übrig, weil ihn keiner in der Mannschaft haben wollte: der »Dicke« und ich. Wenn es darum ging, dass die »Cracks« der Klasse mal einfach so zur Demonstration ihrer Kraft und Macht jemanden verkloppen wollten – wen suchten sie sich aus: entweder den »Dicken« oder mich...

Und so entwickelte ich eine Stärke, die von der körperlichen Größe, Kraft und Begabung unabhängig ist: Die Fähigkeit zu reden! Schon mit zehn Jahren schrieb ich kleine Romane, zum Beispiel über Huckleberry Finn, oder studierte im Schullandheim ein ganzes, einstündiges Theaterstück mit 20 Mitschülern ein – natürlich mit mir in der Hauptrolle!Später hatte ich Freunde aus »höheren« Kreisen, deren Eltern mich dann schon einmal fragten, (oder besser verhörten), was meine Eltern denn beruflich machen würden. Ich schämte mich, dass meine Mutter »nur« Hausfrau und mein Vater »nur« Arbeiter war. Heute weiß ich, dass ich nicht stolz auf meine Eltern sein konnte, weil ich glaubte, sie seien nicht stolz auf mich und vor allem, weil ich mir sicher war, sie liebten mich nicht besonders, was natürlich Unsinn war. Mit 19 Jahren nahm ich mein ganzes gespartes Geld, 8400 DM, zusammen und kaufte ein 280 qm großes Keller-Fitness-Studio in Haßfurt. Als ich nach Hause kam und es stolz meinen Eltern erzählte, weinte meine Mutter und mein Vater, ein notorischer Pessimist, warnte mich davor, dass die Aerobic- und Fitnesswelle bald vorüber sein werde. Ich »hasste« sie in diesem Moment regelrecht, denn ich wollte doch Anerkennung.Heute weiß ich, dass mich meine Eltern geliebt haben – sie konnten es nur nicht sagen und zeigen. Wahrscheinlich, weil sie selbst die Liebe nie so richtig von ihren Eltern vermittelt bekamen. Seitdem ich das erkannt habe, erwarte ich von ihnen keine »Liebesbeweise« mehr. Ich bin dankbar für alles, was sie für mich getan haben, dafür, dass sie immer zu mir standen und, Gott sei Dank, auch heute noch stehen. Ich bin stolz auf sie, darauf, dass sie ihr Leben gemeistert haben. Ich liebe sie und weiß, dass auch sie mich immer, auf ihre Art, geliebt haben. In jungen Jahren aber wurde meine Sucht nach Anerkennung immer stärker. Ich sprach irgendwann vor 50 Menschen, die mich bejubelten, dankbar waren, mich anhimmelten, aber es war nicht genug. Wenn 48 Teilnehmer begeistert waren, aber nur zweien mein Seminar nicht gefallen hatte, fühlte ich mich schlecht. Ich sprach vor 100 Menschen, die begeistert waren – aber es war nicht genug. Ich sprach vor 1000 Menschen – aber die Anerkennung befriedigte mich nicht. Ich sprach schließlich vor 5000, 10 000 oder gar 14 000 Menschen – aber sobald ich die Bühne verließ, fühlte ich mich noch immer nicht gut genug, zweifelte an meiner Leistung, fühlte mich unzureichend.Ich sah mir die Veranstaltungs-Bewertungen der Teilnehmer an: Selbst bei einer durchschnittlichen Bewertung zwischen 1,2 und 1,6, die ich immer erreichte, nagte es in mir, wenn auch einmal eine 5 oder gar eine 6 dabei war: »Ob ich gut genug bin?« Die Sucht nach Anerkennung trieb mich mein Leben lang an. Kam ich auch deshalb so weit, weil ich mich nie zufrieden zurücklehnen konnte? Gleichzeitig war ich aber auch ein Getriebener, ein von seiner Sucht nach Anerkennung Gehetzter, der nie ankam – welch Ziele er auch erreichte. Ich war einer, der nie durchatmen, so richtig genießen konnte, weil es ihn gleich weiter drängte, weiter, immer weiter, immer weiter machen, nicht stehen bleiben, ich muss, ich muss…

Im Jahr 1989 beschloss ich, eine spezialisierte Unternehmensberatung für Sport und Freizeitcenter zu starten. Vier Jahre später hatte die INLINE Unternehmensberatung etwa 350 Fitnessclubs in Deutschland, Österreich und der Schweiz fest und dauerhaft unter Vertrag.Ab 1990 begann ich auch kleine Seminare zu veranstalten. 1993 veröffentliche ich mein erstes Buch. »Sicher zum Spitzenerfolg« wurde sofort zum Bestseller. Daraufhin gab es immer mehr Anmeldungen für meine Seminare und die Anfragen häuften sich, ob ich nicht als Referent bei Tagungen und Kongressen oder als Redner in Firmen auftreten könnte. Dies steigerte sich von Monat zu Monat, sodass ich schließlich 1994 vor einem Problem stand: Zum einen war ich nach wie vor Geschäftsführer der INLINE Unternehmensberatung GmbH mit mittlerweile etwa 450 Sport- und Fitnessclubs, die von zirka 25 Beratern dauerhaft betreut wurden. Damit war die INLINE Unternehmensberatung zum weltweiten Marktführer in ihrem Bereich aufgestiegen, mit weitem Abstand vor amerikanischen Consulting-Unternehmen. Daneben hatte ich gemeinsam mit aus der jeweiligen Branche kommenden hochkarätigen Experten weitere spezialisierte Unternehmensberatungen gegründet.Auch diese Unternehmensberatungen arbeiteten überaus erfolgreich. So entstand z. B. aus der Unternehmensberatung für IT-Betriebe später durch meinen ehemaligen Partner Cemal Osmanovic die Firma I-Team, die schließlich ca. 350 IT-Betriebe im deutschsprachigen Raum betreute – und mit einem Außenumsatz von 1,6 Milliarden Euro im IT-Bereich neben den großen Handelsketten zu den »Big Playern« gehörte. Oder eine Unternehmensberatung für Fahrschulen, die Marktführer in Österreich wurde. Außerdem gab es noch Unternehmensberatungen für Sonnenstudios, für Golfclubs und für Zahnarztpraxen, die ebenfalls zu den Marktführern in ihrem Bereich gehörten.Zum anderen hatte sich mittlerweile die Nachfrage nach meinen Seminaren so verstärkt, dass ich Angst bekam, mich zu verzetteln. Eine meiner Grundmaximen lautet nämlich, sich auf eine Sache zu konzentrieren, dies hatte ich später in meinen Seminaren auch als das Gesetz der Konzentration an meine Seminarteilnehmer weitergegeben: Wenn man ein Blatt Papier für eine halbe Stunde in die Sonne legt, passiert recht wenig: Es wellt sich, vergilbt ein wenig, wird ein bisschen warm, aber im Wesentlichen bleibt es ein Blatt Papier. Nicht so, wenn man mittels eines Brennglases die Energie der Sonne auf einen einzigen Punkt konzentriert: Innerhalb von Sekunden fängt das Blatt zu brennen an. Die Energie der Sonne wurde nicht größer, sondern die vorhandene Energie wird lediglich auf einen einzigen Punkt konzentriert, sodass die Wirkung stärker wird. Dieses Gesetz der Konzentration ist eines der Erfolgsgesetze, das von uns Menschen am häufigsten verletzt wird – und leider bilde ich da keine Ausnahme. Je intelligenter ein Mensch ist und über je mehr Fähigkeiten und Talente er verfügt, desto größer ist die Gefahr, dass ihn alles interessiert, dass er möglichst viele unterschiedliche Dinge gleichzeitig anpackt. Erfolgreich auf Dauer sind jedoch nur diejenigen, die die Fähigkeit besitzen, alles Nebensächliche auszublenden und sich vollkommen auf eine einzige Sache konzentrieren.Ein Hund, der zehn Hasen jagt, erwischt keinen einzigen!Nun, 1994 lief ich Gefahr, mich zu de-konzentrieren, also überlegte ich, was ich eigentlich wollte. Mein »Kopf«, also mein logischer Verstand, riet mir, die Unternehmensberatung weiterzuführen. Ich verfügte über ein grandioses Einkommen, ich war weltweiter Marktführer und es ging nur noch darum, das Erfolgsmodell auf immer mehr Länder zu übertragen und auszubauen. Die finanziellen Möglichkeiten für mich wären riesengroß gewesen. Auf der anderen Seite sagte mir mein »Bauch«, also mein Gefühl oder, wie ich es in meinen Seminaren nenne, meine innere Stimme, ich solle mich stärker auf die Seminartätigkeit konzentrieren.Eine meiner Lebensmaximen lautet: »Folge immer deinem Herzen!«, sodass ich mich für die Seminartätigkeit entschied. Und so setzte ich mich 1994 mit Paul Underberg zusammen, da ich ihm zutraute, mein »Baby« zu übernehmen und zu noch mehr Größe zu führen. Paul hatte mich beim Aufbau des Unternehmens von Anfang an begleitet und unterstützt und war inzwischen auch ein persönlicher Freund geworden. Wir fanden schnell zu einer Einigung und gelobten uns, uns stets gegenseitig zu unterstützen und zu helfen. Sich dies zu versichern und das Versprechen dann im Praxisfall auch tatsächlich zu halten ist natürlich zweierlei. Doch Paul hielt sein Wort. Er half mir auch in meiner größten Not, stand zu mir und erwies sich als wahrhaft echter Freund. Er übernahm zum 1. Januar 1995 das Unternehmen.Bis heute hat ihn der Erfolg nicht verlassen und zum Zeitpunkt, als ich dieses Buch schreibe, werden zirka 800 Fitness- und Sportanlagen betreut. Vom 1. Januar 1995 an konzentrierte ich mich also vollständig auf meine Seminartätigkeit. Bei diesem Sprung ins kalte Wasser nahm ich mir als Aufgabe, als quasi »höheren Sinn«, Folgendes vor: Ich möchte möglichst vielen Menschen dabei helfen, ihr Leben erfolgreicher und glücklicher zu führen! Deshalb lautete meine Philosophie, die ich auf das Unternehmen INLINE übertrug: Wachstum! Zwischen 1995 und 1996 verdoppelte ich jedes Jahr den Umsatz und erzielte dabei immer positive Überschüsse. Im Verlauf meiner Seminartätigkeit begegnete ich vielen Prominenten und Erfolgreichen aus allen Bereichen und lernte auch etliche erfolgreiche Manager und Unternehmer der New Economy kennen, die mit ihren Unternehmen bereits an der Börse gelistet waren. 1998 wurde in Deutschland der Neue Markt gegründet. Diejenigen Unternehmen, die den Börsengang bereits durchgeführt hatten, konnten immense Kurssteigerungen verzeichnen: Mit dem Kapital, das sich diese Firmen durch den Börsengang verschafften, konnten sie noch stärker expandieren. Das gefiel mir. Denn obwohl ich mittlerweile sehr vielen Menschen mit meinen Büchern, Kassetten, Videos und Seminaren helfen konnte, war mir dies immer noch zu wenig. Ich wollte noch weiter wachsen, und das zusätzliche Kapital des Börsengangs würde es auch ermöglichen, im Ausland zu expandieren, was sehr kostenintensiv ist und meine Möglichkeiten aus dem laufenden Cash flow überstiegen hätte.Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.
HERMANN HESSEUnd so traf ich schließlich 1999 die folgenschwere, nachträglich besehen, verhängnisvolle Entscheidung, mein Unternehmen INLINE an die Börse zu bringen. Zu diesem Zweck wurde die INLINE GmbH rückwirkend zum 1. Januar 1999 in die INLINE Motivation AG umgewandelt und umbenannt. Was mir damals nicht bewusst war: Wenn ein so kleines Unternehmen wie INLINE einmal das »Rad Börsengang« ins Rollen gebracht hat, gibt es kein Zurück mehr…Ich führte also erste Gespräche mit den IPO-Experten. IPO (Initial Public Offering) ist eine Abkürzung für Börsengang, und die IPO-Experten benötigt man, da man als »normaler« Kaufmann nicht das Expertenwissen besitzt, um ein Unternehmen an die Börse führen zu können. Durch diese Gespräche wurde mir schnell klar, dass ich als »Marke Jürgen Höller« einen Vorteil, aber auch ein Problem hatte: Der Vorteil des großen Bekanntheitsgrades würde bei einem Börsengang natürlich für Aufsehen in der Presse und bei potenziellen Anlegern sorgen (und damit für große Nachfrage …). Auf der anderen Seite war das Unternehmen in der Öffentlichkeit fast ausschließlich auf die Person Jürgen Höller fokussiert, was einen großen Nachteil bedeutete. Denn ein Unternehmen, das an die Börse gehen will, braucht mehrere Schultern, auf denen die Last verteilt werden kann.Also plante ich einen neuen Organisationsaufbau des Unternehmens mit entsprechenden Vorständen und Führungskräften. Der erste, den ich ansprach, war ein alter Freund und früherer Mitarbeiter der INLINE Unternehmensberatung, Stefan Haase. Er zeigte sich spontan begeistert von meinem Angebot und unterstützte mich. Doch später erlebte ich seinet- und seiner Frau Susanne, der besten Freundin meiner Frau, wegen eine der größten Enttäuschungen. Beide »verabschiedeten« sich in der Krise und kümmerten sich nicht mehr um uns, auch nicht um Alexander, obwohl Susanne seine Patentante ist.

Das, was der Mensch sät, wird er auch ernten.
PAULUS1991 hatte ich beim Besuch eines Popkonzertes in der Dortmunder Westfalenhalle eine Vision gehabt: Ich sah mich, wie ich im Jahr 2000 in der Dortmunder Westfalenhalle vor 15 000 Menschen als Redner auftreten und die Teilnehmer begeistern würde. Und wenn man aufrichtig und fest genug an seinen Traum glaubt, wird dieser Wirklichkeit (nicht immer, aber darauf gehe ich noch ein …).Am 1. Mai 1999 erfüllte sich dieser große Traum für mich: Ich veranstaltete den Motivationstag in der Frankfurter Festhalle und sprach als Hauptreferent vor fast 10 000 Teilnehmern! Ich hatte immer davon geträumt und mir tagtäglich ausgemalt, welches Gefühl es sein müsste, vor einer solchen riesigen und begeisterten Menschenmenge zu stehen.Doch als es dann so weit war, kam es ganz anders. Den ganzen Tag über wetzte ich von Interview zu Interview. Über 65 Fernseh- und Radioteams sowie Journalisten der Printmedien waren angemeldet. Ich bewegte mich von Zimmer zu Zimmer, stets umgeben von Menschen und Mikrofonen. Um 17 Uhr schließlich stand ich hinter der Bühne und wartete darauf, dass mein Vorredner seinen Vortrag beendete. Endlich war es so weit. Ich ging auf die Bühne und erwartete, dass sich nun das so oft ausgemalte unbeschreibliche Gefühl einstellen würde. Doch mitnichten. Durch hunderte von Scheinwerfern geblendet, sah ich mit Mühe und Not gerade einmal die Teilnehmer in der ersten Reihe. Bei jedem meiner kleineren Seminare mit 200 oder 300 Teilnehmern konnte ich zehnmal so viel Menschen sehen und zehnmal so viel Begeisterung in den Gesichtern und Augen lesen wie an diesem Tag. Trotz dieser Enttäuschung gab ich mein Bestes und am Ende meines Vortrags standen zehntausend Menschen auf und gaben mir Standing-ovations. An diesem Tag hatte ich die Erkenntnis, dass es nicht der Sinn meines Lebens sein kann, Anerkennung zu bekommen, sondern dass es vielmehr meine Aufgabe ist, den Menschen, die zu mir kommen, zu helfen.Um 19 Uhr, als der Motivationstag beendet war, traf ich zum ersten Mal persönlich Erich J. Lejeune. Lejeune hatte das börsennotierte Unternehmen CE-Consumer-Electronics in München aufgebaut. Das Unternehmen war zum damaligen Zeitpunkt, soweit ich mich erinnern kann, bereits über eine Milliarde DM wert und notierte am Neuen Markt. Ich hatte Lejeune, der mittlerweile ebenfalls Bücher über positives Denken und Motivation veröffentlicht hatte, als Redner zum nächsten Motivationstag im September in Stuttgart eingeladen. Lejeune wollte sich die Veranstaltung anschauen, da er noch nie zuvor vor einer solchen Menschenmenge aufgetreten war. Aufgedreht und voll positiver Energie kam er mir im VIP-Raum entgegen und schüttelte mir begeistert die Hand. Bei einem Glas Sekt stieß er mit mir an und erzählte mir, wie gut ihm alles gefallen habe, wie grandios mein Vortrag gewesen sei, dass er zusammen mit mir viel bewegen wolle, denn er habe tolle Ideen und wollte stärker in der Motivationsbranche tätig werden. Er wolle aber erst einmal in Stuttgart auftreten und dann einige Ideen mit mir verwirklichen.Am 18. September sahen wir uns dann in Stuttgart beim nächsten Motivationstag wieder. Diesmal übernahm ich den Eröffnungsvortrag und überließ Erich Lejeune als Geste die Schlussrede. Lejeune war an diesem Tag einfach klasse. Aufgeputscht von seinem Erfolg an der Börse (sein Unternehmen CE-Consumer-Electronic war mittlerweile zwei Milliarden DM schwer), redete er sich regelrecht in einen Rausch. Inhaltlich kritisierte ihn zwar nachher die Presse, er hätte nichts als »heiße Luft geredet«, aber seine Begeisterung, sein Enthusiasmus waren unglaublich ansteckend. Er riss die etwa 8000 Teilnehmer in Stuttgart mit seinem Vortrag mit und sorgte dafür, dass der Tag für die Teilnehmer positiv ausklang. Als wir beim Abendessen zusammen saßen, redete Lejeune unaufhörlich auf mich ein, ich müsse unbedingt an die Börse. »Das wird der Hammer. Die Motivation AG geht an die Börse. Du musst nur schnell an die Börse gehen, ehe es ein anderer macht. Dein Mitbewerber Wolfgang Lang von add!brain hat ebenfalls Börsenpläne und will diese möglichst schnell verwirklichen. Wenn du nicht aufpasst und zu langsam bist, dann bist du der Zweite und add!brain triumphiert!« Ich hatte bereits davon gehört, dass unser härtester Mitbewerber add!brain (vor der Namensumbenennung hieß das Unternehmen Birkenbihl-Media) ebenfalls Börsenpläne hatte. add!brain kopierte uns in vielen Bereichen und veranstaltete mittlerweile auch Großveranstaltungen nach unserem Vorbild. Ich hatte Bedenken, dass Wolfgang Lang, der damalige Hauptgesellschafter und Geschäftsführer, mir wirklich zuvorkommen könnte. Ich spürte, wie es in meinem Bauch zu rumoren begann. »Wann glaubst du, Erich, können wir über dieses Thema einmal reden, denn ich habe noch zu wenig Know-how, um ein Unternehmen an die Börse zu führen?«»Kein Problem«, tönte Lejeune, »treffen wir uns einfach zum Oktoberfest in München und besprechen die Sache. Dort halte ich einen Vortrag vor Bankern, Investoren und Analysten. Abends kann ich dich denen zwang- und formlos vorstellen und wir können diese Fachleute dann nach deren Meinung zu dem möglichen Börsengang der INLINE AG fragen.«Ende September fuhr ich zwischen zwei Seminaren nach München und traf Lejeune und seine Begleitung beim Oktoberfest. Lejeune wirkte euphorisch, denn der Börsenkurs seines Unternehmens hatte sich schon wieder gesteigert. Etwa 25 bis 30 Personen waren in der reservierten Box, darunter namhafte Banker und Investoren. Als ich ankam, waren alle bereits in guter Stimmung und die Flugente und das Festbier schmeckten hervorragend. Lejeune nutzte die Gelegenheit, mich und meine Börsenpläne vorzustellen. Die Zuhörer waren überaus interessiert und wollten weitere Informationen. Als sie einiges über das Unternehmen und vor allem über meine weiteren Pläne erfahren hatten, stimmten sie zu: Auch sie sähen eine große Chance am Neuen Markt für die INLINE.Kurz darauf traf ich mich nochmals allein mit Lejeune, und er war voller Begeisterung für die »erste Motivation AG an der Börse«. Der Auftritt in Stuttgart hatte ihm so gut gefallen, dass er sich sogar an meinem Unternehmen beteiligen wollte: »Jürgen, ich hab ‘ne Menge Know-how, das du unbedingt benötigst. Du machst sonst zu viele Fehler. Mit mir zusammen kannst du sie vermeiden. Außerdem kenne ich die richtigen Analysten, Banker, Presseleute, die du zur Unterstützung benötigst, damit das Ganze ein Erfolg wird.«»Wie soll denn eine solche Beteiligung aussehen?«, fragte ich ihn. »Nun, ich gebe dir eine Million oder von mir aus auch anderthalb Millionen (damals waren noch DM gemeint …) und du gibst mir dafür 20 Prozent.« Ich war so erstaunt, dass ich gar nichts sagte, was Lejeune anscheinend als Zustimmung auffasste. Er grinste fröhlich und nickte mir aufmunternd zu. Ich dachte, er erlaube sich vielleicht einen Scherz, aber er meinte es durchaus ernst.Börsenexperten hatten mir ausgerechnet, dass die INLINE bei einem Börsengang über 100 Millionen Euro wert sein würde. Und da wollte Erich 20 Prozent der Anteile für eine Million DM? In den Wochen danach bedrängte er mich immer wieder, endlich einzusteigen. Ein möglicher Hintergedanke seinerseits war wahrscheinlich, dass er dann, auf gleicher Stufe mit mir, als der Motivationstrainer auftreten könne. Da er als Referent mittlerweile nicht mehr bei allen Veranstaltungen gute Bewertungen erhielt, lehnte ich sein Angebot schließlich ab. Als ich mich dann kurz vor Weihnachten 2001 in der Krise befand und an einem Tiefpunkt meines Lebens angelangt war, konnte es sich Lejeune nicht verkneifen, der Presse mitzuteilen, Höller sei zwar ein netter Kerl, aber seine Ziele seien utopisch und nicht zu erreichen, ich sei abgehoben und nur ein Kopist. Dieses Verhalten hat mich natürlich tief enttäuscht, aber ich habe Erich verziehen.Und mittlerweile geht es seiner CE-Consumer-Electronic ebenfalls nicht mehr gut, sie hat zwischenzeitlich fast 98 Prozent ihres ursprünglichen Wertes verloren, und damit leider auch viele Anleger den größten Teil ihres eingesetzten Kapitals. Lejeune hat aber angeblich mindestens ca. 30 Millionen Euro bei diesem Deal gemacht – alles legal.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 5Vor zu Teil 7



Ihre Sicherheit und Privatsphäre im Internet sind uns wichtig! Es werden mittels des Einsatzes von Cookies keinerlei persönliche Daten gespeichert oder mit Dritten getauscht. Dennoch verwendet diese Website Cookies zur Steigerung von Funktionalität und Leistungsfähigkeit. Falls Sie weiter lesen und unsere Website verwenden, stimmen Sie dem Gebrauch von Cookies zu.

Schließen