Kapitel 6 Der Absturz - Und immer wieder aufstehen! Teil 13


Dienstag, 11. September 2001 Nachdem ich kurz im Büro war, packte ich meine Sachen zusammen, denn um 16 Uhr wollte mich Axel abholen, um mit mir zu einem Vier-Tages-Intensivseminar nach Österreich zu fahren. Um etwa 15.30 Uhr klingelte es. Axel erzählte mir irgendetwas von: »Flugzeuge in New York …, Wolkenkratzer, alles zusammengebrochen …, schaut aus wie nach Atomkrieg …, Terroristenverdacht, unfassbar …, unglaublich …« Zunächst wusste ich überhaupt nicht, was er meinte, verstand aber aus seinen Worten zumindest so viel, dass wohl irgendein Flugzeug in New York in einen Wolkenkratzer gerast sei. Mich packte blankes Entsetzen: Jetzt war es also passiert, dass ein Flugzeug beim Absturz nicht irgendwo im Wasser oder auf einem freien Feld, sondern mitten in der Großstadt aufschlug. Ich hatte sofort schlimmste Bilder der Verwüstung vor Augen und schaltete den Fernseher ein. Als Erstes sah ich die zweite Passagiermaschine in den zweiten Turm des World Trade Centers rasen und dort explodieren.Entsetzt, fassungslos und sprachlos saß ich vor dem Fernseher. Als ich nach einigen Minuten die Lage annähernd erfasst hatte, rief ich nach Kerstin, die sich irgendwo in unserem Haus befand. Gemeinsam saßen wir wie gebannt vor dem Bildschirm und erst nach anderthalb Stunden war ich so weit, dass wir nach Österreich fahren konnten. Während der Autofahrt lief permanent der Nachrichtensender, denn wir wollten natürlich die Ursache dieses schrecklichen Ereignisses erfahren. Jeder Leser wird sich wahrscheinlich daran erinnern können, welche Gefühle er selbst hatte, als er von diesem barbarischen Terroristenakt erfuhr.Montag, 17. September 2001 Am Sonntag hatte ich versucht, mich ein wenig zu erholen. Die schrecklichen Ereignisse in New York sorgten jedoch dafür, dass ich voller Unruhe den Tag verbrachte. Vielleicht beruhte das nicht nur auf den Ereignissen in New York, wiederum hatte ich eine Vorahnung, ein bestimmtes Gefühl im Bauch. Meine innere Stimme sagte mir, dass ein weiteres Unglück folgen würde, eines, das mich persönlich betraf. Am Montag des 17. September, gegen 10 Uhr traf die Hiobsbotschaft ein. Das Telefon klingelte, ich hob ab. »Guten Tag, Jürgen Höller«, meldete ich mich. »Guten Tag, Herr Höller, hier spricht xy von der ABC Venture Capital (aufgrund einer Verschwiegenheitserklärung, die ich unterschrieben hatte, darf ich den Namen nicht nennen). Herr Höller, ich habe leider eine schlechte Nachricht für Sie: Aufgrund der Ereignisse vom 11. September in New York ist vollkommen unklar, wie sich in den nächsten Wochen und Monaten die Börsen und die Weltwirtschaft entwickeln werden. Demzufolge ist absolut nicht abzusehen, ob überhaupt und, wenn ja, wann es zu einem Börsengang der INLINE AG kommen könnte. Aus diesen Gründen müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir die Verhandlungen über die geplante Finanzierungsrunde der INLINE AG erst einmal aussetzen müssen.« Vielleicht kennst du das Gefühl, das ich nun empfand, aus deinem eigenen Leben. Der persönliche »Super-GAU«, also der größte anzunehmende Unfall, war eingetreten: Die schon sicher geglaubte Finanzierung war geplatzt!Zwar war der Turnaround-Prozess erst Anfang Juli gestartet worden, aber Mitte September sah es bereits so aus, dass die INLINE AG sehr bald in die Gewinnzone zurückkehren würde (wie es ja bis 1999 immer der Fall war). Doch seitdem der geplante Börsengang im April verschoben wurde, war bis zu diesem Tag ein Liquiditätsbedarf entstanden, der aus dem operativen Cashflow heraus unmöglich gedeckt werden konnte. Denn auch wenn die Maßnahmen des Restrukturierungsprozesses schnell umgesetzt worden waren, benötigt ein solcher Prozess seine Zeit. Gerade wenn Kosten durch Abbau von Arbeitsplätzen gesenkt werden, gibt es verschiedene gesetzliche Regeln zu beachten (beispielsweise die Einhaltung der Kündigungsfristen). Mir war in diesem Moment schlagartig klar, dass die Krise, in der ich mich bis dato befand, nur ein »laues Lüftchen« gegenüber dem war, was nun beginnen würde. Ich war urplötzlich in eine extreme Existenzkrise gerutscht, nicht nur, was die INLINE AG betraf, sondern auch privat. Ich wusste, dass ich nun blitzschnell handeln musste, um da wieder herauszukommen, aber ich wusste absolut nicht, wie. Wo sollte ich jetzt innerhalb kürzester Zeit eine Millionenfinanzierung herbekommen? Wochenlang hatte ich mit vielen Investoren verhandelt, dann schließlich sogar ein Investoren-Konsortium gefunden – und nun war plötzlich unsere Existenz massivst bedroht. Der Anschlag auf das World Trade Center hatte somit weitaus verheerendere Auswirkungen auf die Bevölkerung weltweit als zunächst angenommen. Denn in der Folge stand nicht nur unser Unternehmen vor dem Aus. Viele weitere Firmen gerieten in die Krise. Die großen Fragen lauteten damals: Wie wird sich die Weltwirtschaft entwickeln, wie die Börsen? In den darauf folgenden Tagen kontaktierte ich zahlreiche potenzielle Investoren – leider ohne Erfolg! Alle hatten nun erst einmal »die Hosen voll« und warteten vorsichtig ab, was sich tun würde. Keiner war mehr bereit, Risikokapital zu investieren. Mit den meisten Lieferanten hatten wir schon vor Wochen gesprochen, verhandelt und eine Schonfrist erhalten. Doch nunmehr riefen viele voller Panik an und fragten, wie es denn mit den Zahlungen aussehe. Hatte unsere Finanzierung geklappt, wann würden sie ihr Geld bekommen?Unsere Lage wurde immer dramatischer, immer auswegloser. Seit der Nachricht am 17. September konnte ich keine Nacht mehr richtig durchschlafen. In der Regel sah es so  aus, dass ich zwei, drei Gläser Wein trank und dann um 24 Uhr schließlich in den Schlaf sank. Anschließend schlief ich zwei, drei, wenn es eine »gute« Nacht war, vielleicht auch mal vier Stunden. Dieser Schlaf war jedoch keine Erholung, sondern eher eine ununterbrochene Abfolge von schlechten Träumen. Ich wachte immer wieder schweißgebadet auf und musste manchmal zweimal pro Nacht meinen Pyjama wechseln, der vollkommen durchnässt war. Bei jedem Gespräch, das ich führte, spürte ich die Zurückhaltung der Investoren. Zurückhaltung nicht etwa gegenüber unserem Unternehmen, unserem Geschäftsfeld oder meiner Person, sondern einfach Unsicherheit wegen des gesamten Marktes. Immer verzweifelter und bedrohlicher wurde nun unsere Lage.Meine Probleme kreisen in meinem Kopf, meine Gedanken rasten immer schneller und schneller. Wie sollte ich aus dieser ausweglosen Lage nochmals herauskommen? In dieser Zeit erschienen die ersten Artikel in der Presse über die kritische Situation der INLINE AG. Es war sowieso ein Wunder, dass die Presse bisher noch nicht negativ berichtet hatte. Während jedoch die meisten Presseveröffentlichungen relativ sachlich und nüchtern waren, plagten mich insbesondere meine Heimatzeitungen, das »Schweinfurter Tagblatt« und die unterfränkische »Mainpost« (die beide zusammengehören). »Der Adler im Sturzflug«, lautete eine der Überschriften und in schlimmster Art und Weise war nunmehr alles schlecht, was Jahre zuvor gut gewesen war. Über viele Jahre hinweg waren die Journalisten froh gewesen, mit mir Interviews führen zu können, hatten enthusiastisch über den prominentesten »lebenden Sohn« der Stadt berichtet – und jetzt verdammten sie mich, vor allem die Redakteure Starost und Helferich, in Grund und Boden. Es schien ihnen eine geradezu teuflische Freude zu  bereiten, auf mich einzuprügeln. Als der erste seitenlange Artikel im »Schweinfurter Tagblatt« erschienen war, kam mein fünfjähriger Sohn Alexander zwei Tage später weinend aus dem Kindergarten nach Hause. Daraufhin fragte ich ihn, was los sei. »Gar nichts«, antwortete er.»Natürlich ist irgendetwas, Alexander, ich sehe doch, dass du weinst. Komm, sag es deinem Papa.« Ich nahm ihn auf den Schoß und wiegte ihn. Er wollte absolut nicht mit der Sprache rausrücken, aber ich ließ nicht locker. »Die anderen Kinder im Kindergarten waren heute ganz gemein und hässlich zu mir. Sie haben mich den ganzen Tag gehänselt und mir gesagt, dass mein Papa ein Versager und pleite ist. Sie haben gesagt, wir müssen bald aus unserem Haus ausziehen. Stimmt das, Papa?«, schluchzte er. Es zeriss mir das Herz. Wer den Erfolg sucht, muss auch den Neid akzeptieren. Wer anerkannt wird, muss auch akzeptieren, dass man auf ihn einprügelt. All dies konnte und kann ich aushalten. Doch als jetzt der kleine Alexander, der für die ganze Misere nichts konnte, weinend auf meinem Schoß saß, gab mir das einen unendlich tiefen Stich ins Herz. Und ich konnte nur mit größter Mühe das Weinen unterdrücken. »Glaube nicht, was die Kinder zu dir sagen. Dein Papa ist kein Versager, aber es stimmt, wir haben zurzeit große Probleme«, erklärte ich ihm offen und ehrlich.

»Das Haus müssen wir noch nicht verkaufen, aber auch wenn wir es vielleicht einmal verkaufen müssen, das ändert doch nichts daran, dass wir uns lieb haben und auch woanders Spaß haben können, oder was meinst du?«, fragte ich ihn. Ich machte noch ein bisschen Schabernack mit ihm, er lachte und hatte bald alles vergessen. Wenn ich damals geahnt hätte, welch furchtbare Schmerzen noch auf Alexander warten, weiß ich nicht, ob ich ihn hätte trösten können. Anschließend ging ich mit Gino, unserem Pyrenäen-Schäferhund, zum Joggen und lief eine Stunde durch den Wald. Die Gedanken wirbelten durch meinen Kopf und irgendwann brach es aus mir heraus: Ich blieb stehen und weinte hemmungslos. All sie angestaute Anspannung brach in einem Sturm der Verzweiflung aus mir heraus.Zuerst stützte ich mich mit beiden Händen auf die Oberschenkel, so heftig wurde ich von einem Heulkrampf geschüttelt. Schließlich konnte ich mich nicht mehr auf den Beinen halten. Ich sank zu Boden, auf die Knie, blickte nach oben und rief verzweifelt: »Warum, lieber Gott, warum machst du das mit mir? Was habe ich verbrochen, dass du mich so strafst? Warum schickst du solch eine Strafe über mich, meine Familie, mein ganzes Unternehmen?« Ich machte dem lieben Gott schlimmste Vorwürfe und blieb minutenlang so hocken. Ich weiß nicht, ob du schon einmal etliche Minuten von einem Heulkrampf geschüttelt wurdest und was du dabei für Empfindungen hattest. Mein Kopf wurde plötzlich ganz leer. Irgendwann stand ich auf und schleppte mich nach Hause. Ich legte mich aufs Sofa, schaltete die Glotze ein und stierte gedankenverloren auf eine schwachsinnige Sendung. Stundenlang saß ich so vor dem Fernseher, kraftlos, regungslos, ohne Energie. Als meine Frau abends nach Hause kam und mich so vorfand, erschrak sie sehr. Wir aßen etwas, aber ich sprach kaum mit ihr. Ich wollte, aber ich konnte nicht. All meine Energie, meine Tatkraft, mein Wille – alles war zerbrochen, zerstört. Ich spürte nur noch eine große Leere. Viele Jahre lang hatte ich immer Bilder voller Visionen vor meinem geistigen Auge, nunmehr sah ich nur noch ein großes schwarzes Loch. Ich wollte, aber ich konnte nicht. Ich fühlte mich vollkommen leer, zerbrochen. Natürlich hatte ich auch in den letzten zwölf Jahren, solange wir uns kennen, immer wieder einmal eine Phase gehabt, in der ich verzweifelt und negativ war. Folglich machte sie sich jetzt zwar Sorgen, da sie mich noch nie so bedrückt erlebt hatte, aber sie baute darauf, dass ich am nächsten Tag wieder voller Optimismus und voller Energie aus dem Bett springen würde, so wie sie mich kennt und liebt. Doch das Gegenteil war der Fall. Ich hatte nicht einmal mehr die Energie, früh aufzustehen, um mit dem Hund »Gassi« zu gehen. Ich blieb einfach liegen. Lustlos aß ich einen Teil meines Frühstücks und legte mich anschließend gleich wieder auf die Couch und stierte vor mich hin.Das blieb den ganzen Tag so. Nun machte sich Kerstin gehörige Sorgen, denn so hatte sie mich noch nie erlebt. Am darauf folgenden Tag das gleiche Bild: Ich arbeitete nichts, ich sprach nichts, ich las nichts, ich aß nichts. Lediglich Wein schüttete ich in größeren Mengen in mich hinein…

Abends bereitete Kerstin eines ihrer leckeren Essen zu, die ich normalerweise so liebe. Doch an diesem Abend hatte ich kaum Appetit, lobte sie nicht für die köstliche Zubereitung, sondern stierte nur weiter vor mich hin. Es schmeckte mir kaum und eher mechanisch und aus Höflichkeit aß ich ein wenig. Alexander kam zu mir, um gute Nacht zu sagen, doch auch ihm gab ich nur gedankenverloren die Hand und einen Kuss auf die Wange – ohne ihn jedoch wirklich wahrzunehmen oder gar herzlich zu umarmen, wie ich es sonst immer machte. Als Kerstin unsere Kinder zu Bett gebracht hatte, brach es aus ihr heraus:»Was ist denn los mit dir?«, fragte sie mich. »Seit Tagen liegst du nur herum. So habe ich dich ja noch nie gesehen. Haben sie es jetzt endlich geschafft, ja? Haben es jetzt diese elenden Schmierfinken endlich geschafft, dich zu zerstören?« Sie brüllte, während sie gleichzeitig dabei weinte. »Ja, sie haben mich geschafft. Aber vielleicht haben sie ja auch Recht, dass ich ein Versager bin! Vielleicht haben sie ja auch Recht, dass das, was ich tue, sinnlos ist!«, sagte ich zu ihr.»Na prima. Es ist also tatsächlich so weit. So viele Jahre hast du gekämpft. So weit bist du gekommen. Du hast mit fünf Seminarteilnehmern begonnen und bis heute fast eine Million Menschen geschult. Und jetzt gibst du kampflos auf.« Sie setzte sich aufs Sofa und schluchzte jämmerlich. Ich richtete mich auf, schaute sie an, aber unfähig, ihr irgendetwas zu sagen, geschweige denn, ihr zu helfen.»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, murmelte ich. »Ich weiß nicht, wie ich in kürzester Zeit die Firma retten soll. Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll. In den nächsten Wochen werden noch viele negative Berichte über mich erscheinen und über die Situation berichten. Sie werden mich zerreißen. Der ›Erfolgstrainer Europas‹ hat selber mit seinem Unternehmen Schwierigkeiten, das ist doch ein gefundenes Fressen für all meine Kritiker und Gegner.«»Na und? Du bist schon öfter in deinem Leben hingefallen und immer wieder aufgestanden. Du hast tausenden von Menschen in deinen Seminaren gesagt, sie sollen niemals in ihrem Leben aufgeben. Und nun liegst du selber am Boden und willst liegen bleiben. Das gibt’s doch nicht!«, schrie sie mich an. »Ich weiß, aber ich kann nicht mehr. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so schwach und kraftlos gefühlt wie gerade jetzt. Ich bin zu schwach, um morgens aufzustehen, ich bin zu schwach, um abends ins Bett zu gehen. Und bei dem Gedanken, welche Energie ich benötigen würde, um das Unmögliche noch möglich zu machen, weiß ich nicht, wo ich diese hernehmen soll.« Kerstin kam auf mich zu und zog mich hoch. Ich stand ihr gegenüber und blickte in ihr tränennasses Gesicht. Sie umfasste meine Schultern mit beiden Händen, schüttelte mich und schrie: »Das kann doch alles nicht wahr sein! Weißt du eigentlich, wie viele Menschen noch größere Probleme haben als wir und die auf dich vertrauen? Denen du ein Vorbild bist dafür, niemals aufzugeben. Und jetzt willst du diese Menschen enttäuschen?« Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. Da hatte sie meinen wunden Punkt getroffen: Irgendetwas regte sich wieder in mir und setzte ein klein wenig an Energie frei. Aber da war auch eine Riesenangst. Eine Angst, die ich nicht formulieren wollte. Kerstin redete weiter wie besessen auf mich ein:»Du darfst einfach nicht aufgeben! Du musst wieder aufstehen und weitergehen! Du musst für die Menschen ein Vorbild sein! Deine Mitarbeiter haben an dich geglaubt und glauben immer noch an dich! Du bist ihnen ein Vorbild, was wird denn aus ihnen? Das, was du tust, ist viel zu wertvoll, als dass du jetzt aufgeben dürftest. Du hast den Menschen so viel gegeben und so viele Menschen warten auf dich. Denk doch einmal an all die tausenden von Briefen, die du bisher erhalten hast? Von Menschen, die dir erzählt haben, was sich in ihrem Leben Wundervolles getan hat. Wie sie harmonischere, liebevollere, aufregendere Beziehungen führen. Finanziell sicherer und unabhängiger wurden. Krisen überwunden haben. Denk doch auch einmal an die Briefe von den Menschen, die dir mitteilten, dass sie eigentlich Selbstmord begehen wollten, und die nur durch eines deiner Seminare oder Bücher zurückgehalten wurden und wieder auf die positive Seite des Lebens zurückkehren konnten. Du hast eine Aufgabe zu erfüllen. Du bist zu wichtig, als dass du jetzt aufgeben könntest. Lass es nicht zu, dass du jetzt zerstört bist. Steh wieder auf, bitte, steh wieder auf!« Kerstin schrie und tobte. Aber immer noch war ein Knoten in mir, der sich nicht lösen wollte. Schließlich erklärte ich ihr mit tränenerstickter Stimme:»Weißt du, was meine allergrößte Angst ist, noch größer als alles, was ich dir bis jetzt anvertraut habe?« »Sag es mir«, erwiderte sie und schaute mich erwartungsvoll an. »Meine größte Angst ist, dass ich dich enttäusche. Ich habe dich kennen und lieben gelernt und du warst meine Prinzessin. Ich wollte dein Prinz sein, der dir ein wunderschönes Leben bietet. Ich habe große Angst, dass wir alles verlieren, was wir aufgebaut haben. Ich habe Angst, dass wir unser Geld verlieren. Ich habe Angst, dass wir aus diesem Haus ausziehen müssen. Ich habe Angst, dass wir vielleicht sogar privat pleite gehen müssen. Ich habe Angst, dass all deine Träume platzen könnten, die ich dir zu erfüllen versprochen habe.« »Das ist deine größte Angst?«, fragte sie und schaute mich fassungslos an.»Ja.« »Bist du denn vollkommen von Sinnen?«, entsetzte sie sich. »Natürlich habe ich mich gern von dir verwöhnen lassen, natürlich liebe ich unser Haus über alles. Natürlich freue ich mich, wenn wir unsere Träume verwirklichen. Aber glaubst du denn wirklich, das sei mir das Wichtigste? Jetzt bin ich richtig enttäuscht von dir. Wie schätzt du mich denn eigentlich ein? Ich liebe dich! Ich liiiiieeeeebe dich! Hast du das verstanden? Ich habe dich kennen gelernt, da warst du noch vollkommen unbekannt und unbedeutend. Ich habe mich in dich verliebt, weil ich in dir einen Menschen entdeckte, der unter seiner selbstbewussten, rauen Schale so unglaublich sensibel, so unglaublich herzlich ist. Und wenn es denn sein muss, dann ziehen wir eben aus diesem Haus aus. Wenn es sein muss, ziehen wir alle zusammen in eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Aber all das werde ich verkraften. All das mache ich mit. Wir werden auch dabei unser Leben genießen, Spaß haben. Vielleicht verlieren wir alles, aber wir dürfen uns nicht verlieren. Die Liebe in unserer Familie ist das Allerwichtigste! Deine Kinder lieben dich, ganz gleich, ob du einmal scheiterst oder nicht. Und ich liebe dich auch. Und wenn du es einmal geschafft hast, wirst du es wieder schaffen. Ich habe immer an dich geglaubt und ich habe dich immer unterstützt. Ich werde es wieder tun. Ich werde an deiner Seite sein und mit dir kämpfen. Ich werde alles ertragen. Ich kann auch alles ertragen.Aber eines kann ich nicht ertragen: wenn du jetzt aufgibst!« In diesem Moment löste sich der Knoten in meinem Bauch. Gut, wenn es denn sein müsste, dann würden wir eben alles verlieren, aber meine Frau und meine geliebten Kinder würden zu mir stehen. Ich hatte immer gewusst, dass sie zu mir stehen würden, aber ich hatte einfach Angst, sie zu enttäuschen. Ich hatte Angst, dass sie traurig sein würden, wenn wir unser Haus verkaufen müssten, von dem wir viele Jahre lang geträumt und das wir schließlich verwirklicht hatten. Oh, wie hatte ich meine starke, kluge, selbstbewusste Frau doch unterschätzt! Wie großartig war sie doch. In diesem Moment floss mein Herz über vor Liebe und ich wusste, dass dies die Frau ist, mit der ich mein ganzes restliches Leben in Liebe verbringen wollte. Trotz allen Bemühens gab es natürlich auch in unserer Beziehung Momente des Streits, der Routine und Langeweile. Und es gab auch kurze Phasen, in denen wir uns etwas voneinander entfernt hatten. Doch all das war nun Vergangenheit. Vor uns lag die Zukunft! Eine schwierige Zukunft, das war mir klar. Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich es schaffen würde, aber ich würde mein Bestes tun! Ich würde mein Bestes geben, ich würde über mich selbst hinauswachsen, um später nicht sagen zu müssen: »Hätte ich doch alles gegeben, dann wäre es vielleicht möglich gewesen.« Ich nahm Kerstin fest in die Arme und wir schmiegten uns aneinander. Man würde uns alles nehmen können, nur eines nicht: unsere Liebe! Ich konnte ja nicht ahnen, dass mir wirklich alles noch genommen werden sollte – sogar meine Freiheit – und die Liebe wirklich das Einzige bleiben sollte, was noch mir gehörte…Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 12Vor zu Teil 14



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