Kapitel 7: »Knast-Alltag« - Und immer wieder aufstehen! Teil 16


Bis zum Herbst 2002 hatte sich alles so entwickelt, dass davon auszugehen war, spätestens 2004 wieder die Zahlen der alten INLINE AG des Jahres 2000 zu erreichen oder sogar noch zu übertreffen. Während des Wahlkampfes für die Bundestagswahl am 22.9. 2002 analysierte ich für zahlreiche Presse- und Rundfunkorgane die beiden Spitzenkandidaten auf ihre Motivationsfähigkeit, ihre Rhetorik und ihr Charisma. Die Öffentlichkeit hatte sich wieder beruhigt und der Tenor der überwiegenden Interviews und Veröffentlichungen war: »Höller hat eine Bruchlandung hingelegt, aber stand wieder auf – und seine Fans strömen immer noch zahlreich zu ihm.«Doch dann spitzte sich alles noch mal dramatisch zu. Das, was ich zu Beginn dieses Buches geschildert habe, sollte alles toppen, was ich bis dahin im Laufe meines Lebens bereits erfahren hatte. Die Verhaftung war ein Ereignis, mit dem ich niemals rechnete, das unbeschreiblich grausam war, meine Lebenskrise in eine Dimension transportierte, die nur wenige Menschen – emotional betrachtet – überhaupt verkraften und überstehen können. Sie wurde zu meiner persönlichen Apokalypse. Lass mich erzählen, wie es danach weiterging.Die Gründe, weshalb die Staatsanwaltschaft mich verhaftete, waren seit langem bekannt. Ich möchte an dieser Stelle aus meiner Sicht die Situation beschreiben. Im Vorfeld des Börsengangs hatte ich als Vorstandsvorsitzender angeboten, auf ein Großteil meines Gehalts zu verzichten. Damit konnten massiv Personalkosten eingespart werden und die Bewertung der INLINE AG erhöhte sich um etliche Millionen. Da ich zum damaligen Zeitpunkt der Entscheidung zirka zwei Drittel der Aktienanteile an der Firma besaß, vergrößerte sich durch dieses »Opfer« die Bewertung der INLINE AG um etliche Millionen.Ich verzichtete, hochgerechnet auf das Ende des Businessplanes bis 2005, auf zirka 1,5 Millionen DM. Beim Börsengang, der vier bis sechs Monaten später stattfinden sollte, hätte ich direkt zirka 1,6 Millionen DM an Aktien sofort verkaufen dürfen, um den Gehaltsverzicht wieder auszugleichen, so wurde es schriftlich vereinbart. Als sich jedoch der Börsengang im April 2001 um ein bis zwei Jahre verschob, konnte ich keine Aktien verkaufen und stand plötzlich mit einem privaten Liquiditätsproblem da. Es war nun nicht möglich, das Gehalt auf das alte Niveau anzuheben, wie die Venture Capitalists deutlich machten.

Ich war nun gezwungen, mir ernsthaft zu überlegen, wie ich diese persönliche Finanzsituation in den Griff bekommen sollte. Dies mag sich für den einen oder anderen Leser sicher seltsam anhören, da ich ja in der Vergangenheit viele Millionen verdient hatte, doch das verdiente Geld hatte ich nicht bar zur Verfügung, da ich es, um Steuern zu sparen, in verschiedene große Bauprojekte reinvestiert hatte. Und um noch mehr Steuern zu sparen, hatte ich bis Mitte der 90er Jahre nicht nur eigene Mittel, sondern auch Bankdarlehen investiert. So war ich stolzer Besitzer zahlreicher Immobilien, von der Apotheke über Mietshäuser im Villenstil bis hin zur Eigentumswohnung, vor allem im Osten, aber auch in Westdeutschland – doch jeden Monat musste dafür noch über viele Jahre Zins und Tilgung geleistet werden.Ich hatte also nach der Wende die gleichen Fehler begangen wie viele andere Kapitalanleger aus dem Westen. Denn die ursprünglich prognostizierten Mieten hatten sich halbiert, die Bauträger gingen teilweise schon während der Bauzeit pleite, sodass Mittel nachgeschossen werden mussten, usw. Ich will nicht klagen. Um möglichst wenig Steuern zahlen zu müssen, hatte ich die falschen Entscheidungen getroffen. Doch nun war ich durch meinen ursprünglich freiwilligen Gehaltsverzicht in einer finanziell problematischen Lage. Ich sprach die Angelegenheit ganz offen in der Vorstandssitzung und beim Aufsichtsrat an. Allen war klar: Sollte die Presse davon »Wind« bekommen, würden sie mich genüsslich zerreißen. Wir alle sahen schon im Geiste die Schlagzeile: »Erfolgs-Guru selber pleite!«Das musste natürlich unter allen Umständen verhindert werden, sonst wäre der geplante Börsengang, an den im April 2001 noch alle fest glaubten, vollkommen unmöglich. Denn die INLINE AG war ja letztendlich gleichzusetzen mit der Marke »Jürgen Höller«. Die Venture Capitalists erklärten sich bereit, für 1,8 Millionen DM noch einmal Aktien zu kaufen, und mir dieses Geld zur Verfügung zu stellen. Nun hatte ich mittlerweile meine INLINE AG Anteile in die »Höller Vermögens-Verwaltungs-GmbH« eingebracht, genauso wie mein damals vierjähriger Sohn Alexander. Die »Höller Vermögens-Verwaltungs-GmbH« hielt nun zirka 65 Prozent Aktienanteile an der INLINE AG.Jürgen Höller      Alexander Höller
94 % Anteile      6 % Anteile

Höller Vermögens-Verwaltungs-GmbH
zirka 65 % Aktienanteile an der

               INLINE AG

Die Venture Capitalists kauften also INLINE AG Aktien (zirka 4 Prozent) von der Höller Vermögens-Verwaltungs-GmbH. Das Geld dafür wurde auf das Konto der Höller Vermögens-Verwaltungs-GmbH überwiesen. Und ich erhielt von der Höller Vermögens-Verwaltungs-GmbH ein Darlehen über zirka 1,5 Millionen DM. Und hier kommen wir jetzt auch zum Problem und zu einem der Hauptvorwürfe des Strafverfahrens:1. Die beauftragte Schweinfurter Steuerkanzlei hatte, obwohl ich dies schriftlich am 18.6.2001 beauftragt hatte, keinen Darlehensvertrag erstellt.2. Ich hätte für das Darlehen ausreichend Sicherheiten bestellen müssen.3. Es hätte eine Gesellschafterversammlung stattfinden müssen, die – per Beschluss – das Darlehen genehmigte.4. Da der Gesellschafter Alexander Höller noch minderjährig war, hätte ihn dabei ein Ergänzungspfleger vertreten müssen.Diesen Straftatbestand nennt die Justiz »Untreue«, weil es sich um eine GmbH handelte. Hätte es sich um eine Personenfirma gehandelt, wäre der gleiche Vorgang völlig legal gewesen. Kaum zu glauben, aber wahr. Da kannst Du jeden Juristen fragen. Warum mein Steuerberater mich hier falsch beraten hat, weiß ich bis heute noch nicht. Schwamm drüber. Auch nur ein Mensch. Und Menschen machen Fehler. Allerdings ein verhängnisvoller: Ohne dass mir ein Unrecht bewusst war, erhielt ich dafür eine Einzelstrafe von Jahren – und gelte seither als der Unreue verurteilter Straftäter.Aus meiner Sicht sah es so aus. Die Venture-Capital-Geber haben die Aktien  ausschließlich deshalb erworben, damit meine finanzielle Notlage gelöst wird. Von den Heerscharen von Beratern, Steuerfachleuten, Anwälten, IPO-Beratern, Wirtschaftsprüfern, Volkswirten, Betriebswirten, Banken, Venture-Capital-Gebern usw. um mich herum, die sich mit diesen Dingen beschäftigten (während ich an bis zu 200 Tagen im Jahr auf der Bühne stand), hat mich keiner, aber wirklich keiner darauf aufmerksam gemacht, wie es hätte korrekt ablaufen müssen. Es existiert sogar ein Schreiben eines Steuerberaters, in dem dieser ein Darlehen vorschlägt. Es war unglaublich – und ich hatte das Ganze zu verantworten, während die »feinen Damen und Herren Berater« fette Honorare und Gehälter eingesteckt hatten.Nun wurde ich aufgrund meiner »Auslandskontakte« in Untersuchungshaft genommen. Wegen »Fluchtgefahr« – dabei hatte ich vorsorglich bei jedem Auslandsaufenthalt der Staatsanwaltschaft zirka zwei Wochen vorher schriftlich mitgeteilt, wo ich sein würde, mit Angabe von Namen und Anschrift des beherbergenden Hotels, Dauer und Grund meines Aufenthalts usw. Aber meiner Meinung nach ging es mittlerweile nicht mehr um einen normalen Fall, sondern schlicht und einfach um ein Politikum: einen »Promi zu hängen«, was immer auch für großen Presserummel sorgt…Außerdem wurde mir vorgeworfen, dass ich1. in meiner finanziellen Krise private Vermögenswerte zu retten versucht habe,2. eine falsche eidesstattliche Erklärung abgegeben habe, indem ich diese Vermögenswerte verschwieg.3. Steuern hinterzogen habe.Ich möchte dazu festhalten, was ich auch in meinem Geständnis vor Gericht gesagt habe: Ja, ich habe Fehler gemacht. Fehler, die ich bitter bereue und für die ich mehr als hart büße und für die ich die volle Verantwortung übernehme. Ich möchte diese Fehler nicht beschönigen, sondern versuchen, sie zu erklären. Ich bin auch nur ein Mensch und in der Phase unmittelbar nach der Insolvenzanmeldung am 17.12.2001 geriet ich in absolute Panik. Ich wollte wieder mit einem neuen Unternehmen starten und beging leider Fehler. Ja, ich habe alle drei mir vorgeworfenen Straftaten begangen: Da ich für viele Millionen als Privatperson haftete, drohte mir persönlich die private Insolvenz. Ich hatte jedoch die feste Absicht, allen Gläubigern meine Verbindlichkeiten zurückzuzahlen und deshalb wollte ich unbedingt von vorne beginnen. Meine Altersvorsorge in Höhe von ca. 300 000 Euro versuchte ich in meiner Panik an der drohenden privaten Insolvenz vorbeizuschmuggeln, was den Straftatbestand des Konkursbetruges bedeutete.Bei einer späteren eidesstattlichen Versicherung über meine Vermögensverhältnisse verschwieg ich diese noch vorhandenen Mittel – was den Straftatbestand des Meineids bedeutete. Und bei der staatsanwaltschaftlichen Untersuchung wurde eine versuchte Steuerhinterziehung in Höhe von 10 000 Euro festgestellt – alleine für diesen Straftatbestand erhielt ich später 10 Monate Einzelstrafe…!!!Ich kann meine Familie, Freunde und Kunden einfach nur um Verzeihung bitten. Was aber die Untersuchung auch ergab: die von der Presse teilweise kolportierte Veruntreuung von privaten Anlegergeldern hat nicht stattgefunden. Auch habe ich im Namen der Firma INLINE keinerlei betrügerische Handlungen, insbesondere keinen Anlagebetrug vorgenommen. Es ist schon Ironie des Schicksals: Ein von der Staatsanwaltschaft beauftragtes Wirtschaftsprüfergutachten hat ergeben, dass die INLINE AG zum Zeitpunkt der Durchsuchung, am 17.12. 2001, weder zahlungsunfähig noch überschuldet im strafrechtlichen Sinn war. Das heißt, ohne Durchsuchung hätte die INLINE AG mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein paar Tage später die Finanzierung erhalten, es hätte keine Insolvenz gegeben, ich hätte manchen Fehler nicht begangen – und ich wäre heute ein vollkommen unbescholtener Bürger. Leider hatte die Presseberichterstattung, die die Staatsanwaltschaft zu Ermittlungen gegen mich bewog – dadurch, dass eine Insolvenz der INLINE AG angedeutet worden war –, alles verändert. Aber alles Klagen, alles Wenn und Aber nützt nichts, ich blicke nach vorne.Ich erzähle nun weiter von meinem Gefängnisalltag. Nach drei Tagen wurde ich in Untersuchungshaft verlegt und bekam, Gott sei Dank, eine Einzelzelle. Kerstin hatte mir Kleider mitgebracht, die ich nun ins Zimmer bekam. Man gab mir Zeit, mich einzurichten, die Zelle sauber zu machen, ein paar Dinge (Putz und Spülmittel, Lappen, etc.) vom Hausarbeiter zu besorgen. Und dann putzte ich. Wie ein Wahnsinniger stürzte ich mich darauf, nur noch fixiert auf die Reinigungstätigkeit. Dieses Zimmer war jetzt mein Zuhause, mein »Heim«. Für wie lange? Ich putzte den Boden, ich schrubbte den Schrank, den Stuhl, das Regal, das Bett, das Fenster, die Lampe, die Türe, zuletzt das Klo. Ich putzte, wischte, wrang – schwitzte dabei, aber dachte nichts, ich war nur noch auf diese Aufgabe versessen. Ich kippte Eimer für Eimer mit Dreckbrühe weg. Alles im Zimmer hatte einen gelben Nikotinbelag, entstanden durch unzählige in dieser Zelle gerauchte Kippen. Dies war jetzt mein Raum, es würde die sauberste Zelle in der Justizvollzugsanstalt werden, setzte ich mir zum Ziel. Und ich, der ich noch nie in meinem Leben geputzt hatte, geschweige denn Toiletten mit den Rückständen meines »Vormieters«, ich putzte mit einer solchen Inbrunst, die dieser Tätigkeit fast etwas Spirituelles anhaftete. Und das war es für mich auch. Ich tat das erste Sinnvolle seit meiner Inhaftierung!Um 22 Uhr war ich fertig, verschwitzt, aber stolz und glücklich, denn ich spürte, dass diese Tätigkeit etwas war, was ich lernen sollte: Demut. Müde, aber zufrieden schlief ich an diesem Abend ein.Mittwoch, 6. November 2002 6 Uhr, Durchsage: »H3 – es ist 6 Uhr«. »H« bedeutet Haus »3« und bedeutet 3. Stock. Ich stand auf, öffnete das Fenster und ließ frische Luft in meine neue »Wohnung« strömen. Danach frühstückte ich: Eine Schreibe Brot (von gestern, schon etwas vertrocknet), dünn mit Margarine und noch dünner mit Marmelade bestrichen. Von 8 bis 9 Uhr ist eine Stunde Hofgang. Ich nutze die Zeit und jogge, 80 Meter im Kreis herum, dabei den 60 Häftlingen im Zickzack ausweichend. Anfangs wurde ich von allen belächelt, später taten es mir einige nach und joggten mit. Nach dem Hofgang ist »Aufschluss«, das bedeutet, für 90 bis 120 Minuten ist die Zelle offen.

In dieser Zeit heißt es: Zelle putzen (zwei Wischmopps mit Eimer für zirka 40 Inhaftierte), Kleider wechseln (einmal pro Woche ein frisches Hemd, zweimal pro Woche frische Unterwäsche, alle drei Wochen frische Bettwäsche), Papierkorb ausleeren, evtl. Arztbesuch, Dinge mit den Beamten abklären und mal ein paar Worte reden, mal mit anderen zusammen sein, einen Kaffee trinken – und duschen! Doch kaum kam ich vom ersten Hofgang zurück, wurde ich von einem Beamten abgeholt – einer meiner Anwälte war da. Ich fluchte, ich war wütend, zornig, so zornig, dass ich fast heulte. Ich hatte nur dreimal pro Woche Aufschluss und mein Anwalt kam genau dann. Konnte er sich denn  nicht informieren? Noch dazu war mittwochs von 10.15 Uhr bis 11.15 Uhr Sport, der mir sehr wichtig war, weil ich durch regelmäßige Bewegung meine Rückenschmerzen unter Kontrolle halten konnte. Doch der Sport fiel an diesem Tag sowieso aus, wie ich bei der Rückkehr erfuhr. Die Beamten waren krank.Am Nachmittag reichte es mir dann: Ich stapelte Tisch, Stuhl und Hocker auf mein Bett und hatte jetzt 3x1 Meter Platz für meine gymnastischen Übungen. Eine Stunde lang machte ich jetzt Kniebeugen, Sit-ups, Liegestützen, Rückenübungen, bis ich vor Erschöpfung fast zusammenbrach. Natürlich vollkommen unvernünftig, aber all den Schmerz konnte ich dadurch loslassen. Die regelmäßige körperliche Betätigung wurde zu einem der wichtigsten Bestandteile meines Tagesablaufs. Ich wollte fit und voller Energie diesen Knast wieder verlassen und weigerte mich schlicht, in Lethargie zu verfallen und zerbrochen zu werden. Solange ich trainierte, spürte ich, dass ich lebendig war. Ich war vollkommen durchgeschwitzt – und zufrieden. Ich steckte meinen Kopf unter den Wasserhahn und spülte den Schweiß mit eiskaltem Wasser ab – im Zimmer gab es nur eiskaltes Wasser und Shampoo hatte ich keines. Aber egal, das härtet ab, dachte ich mir, als es mir fast die Kopfhaut zerriss. Und dann noch die Rasur mit dem Einwegrasierer mit einer Klinge, die eine Woche halten musste. Die Folge dessen konnte ich jeden Tag beim Hofgang sehen – alle Jungs hatten, genau wie ich, mehrere Schnittwunden im Gesicht…

Donnerstag, 7. November 2002 Ich legte jetzt eine feste Routine zurecht, um ein wenig »Ordnung« in mein neues Leben zu bringen:6.00 Uhr: Wecken, Aufstehen
6.00– 8.00 Uhr: Frühstücken, Lesen, Putzen
8.00– 9.00 Uhr: Hofgang: Joggen oder Tischtennis spielen
9.00– 9.30 Uhr: »Körperpflege« und verschwitzte Sachen aufhängen
9.30–10.45 Uhr: Lesen
10.45–11.30 Uhr: Essen holen: Mittagessen
11.30–12.30 Uhr: Lesen
12.30–13.00 Uhr: Dösen
13.00–14.00 Uhr: Bibel lesen und beten
14.00–15.30 Uhr: Schreiben, Denken, Arbeiten
15.30–16.00 Uhr: Tasse Tee trinken und Abendessen holen
16.00–18.00 Uhr: Briefe schreiben
18.00–18.30 Uhr: Abendessen
18.30–20.00 Uhr: Schreiben, Denken, Arbeiten, Briefe schreiben
20.00–22.00 Uhr: Lesen
ab 22.00 Uhr: Schlafen, bzw. versuchen einzuschlafen.Da ich allerdings anfangs keine Uhr hatte (meine Armbanduhr war mir abgenommen worden), musste ich mich bei den Zeiten auf mein Gefühl verlassen. Da die »Russen«, die auch inhaftiert waren, tagsüber schliefen und erst ab 20 Uhr munter wurden, war das Einschlafen vor 2 Uhr nachts schwierig. Sie lachten, schrieen, grölten, öffneten die Fenster und unterhielten sich von Zelle zu Zelle, das heißt, sie schrieen sich über eine Entfernung von 30 Metern an. Darüber hinaus war der Fußboden mit PVC ausgelegt: Jedes Stühlerücken in der Etage über mir sorgte für neuerliche Wachsamkeit. Hinzu kamen die Sorgen, Ängste, Sehnsüchte, sobald ich »abschaltete« und einschlafen wollte. Meist schlief ich erst um 2 Uhr oder um 3 Uhr ein, aber da ich auch nicht so viel »leistete« wie früher und mittags etwas döste, reichte mir der Schlaf aus. Ich war sogar froh, nicht so lange zu schlafen, denn meine Nächte waren eine einzige Aneinanderreihung von Alpträumen, wie die Perlen einer Kette.Erkan und Iwan, von denen ich schon erzählt habe, hatten mir einige Sachen gegeben, um mir anfangs etwas zu helfen, obwohl sie selber nicht viel hatten. Von Iwan bekam ich eine Rasierklinge für meinen Rasierer und einen Tauchsieder (er lag auf einer »4-Mann-Zelle« und sie hatten zwei). Von Erkan bekam ich etwas »Maxwell« (= löslicher Kaffee) und eine Tafel Schokolade. Ich teilte mir die Schokolade genau ein, denn erst eine Woche später, am 14.11. würde »Einkauf« sein. Erst an diesem Tag erfuhr ich, dass Iwan kein »Eigengeld« besaß, und trotzdem hatte er mir seine wertvolle Rasierklinge gegeben. Und Erkan hatte bei jedem Einkauf ein schlechtes Gewissen seiner Familie gegenüber, denn ohne ihn, der nun schon fünf Monate in Untersuchungshaft saß, war sein Baugeschäft praktisch bankrott und die Familie lebte mittlerweile von Sozialhilfe. Ich habe im Knast viele Einzelschicksale kennen gelernt. Den russlanddeutschen Ausländer, der nicht zum Bund wollte, desertierte und wieder zurück nach Russland zog. Als sein Vater, der mit seiner Mutter in Deutschland lebte, krank wurde, kam er zurück und wurde sofort festgenommen. Er ist 28 Jahre alt, sitzt seit vier Monaten hier in Untersuchungshaft, hat Frau und ein Kind – die 2000 Kilometer entfernt in Moskau saßen ohne Einkommen, ohne Geld. Er hatte Tränen in den Augen, als er es mir erzählte. Er hatte immer noch keine Bilder von Frau und Kind – er würde es nicht verkraften können, sie anzuschauen.Ich konnte das so gut verstehen und nachvollziehen. Die Bilder der Familie anzusehen ist am Anfang ein Gefühl, als wenn das Herz in Flammen steht und gleichzeitig in einer Schraubpresse zusammengepresst wird. Es ist ein absolut nicht auszuhaltender Schmerz.
Ich brauchte vier Wochen, bis ich in der Lage war, Bilder von Kerstin und meinen Söhnen aufzuhängen – vorher ertrug ich es einfach nicht, der Schmerz war zu groß. Es gab alle Sorten von Häftlingen hier, auch Mörder und die so genannten »Kinderficker«. Bitte verzeihe diese Ausdrucksweise, aber so werden diese Häftlinge hier genannt. Sie werden besonders bewacht, haben auch einen eigenen, separaten Hofgang, denn sonst würden sie im Knast nicht lange überleben, wie es hieß. Sie werden von den anderen Häftlingen entsprechend »behandelt«. Was veranlasst einen Menschen, so etwas zu tun? Wenn ich sie beim Hofgang von meinem Zellenfenster aus beobachtete, sah ich auch erst mal nur Menschen. Bitte verstehe mich richtig – ich will um Gottes willen nicht rechtfertigen, was sie getan haben, aber auch sie hatten eine Geschichte, 95 Prozent wurden selber als Kinder misshandelt.Ich empfinde für jeden hier Mitgefühl, das ist etwas, das ich gelernt hatte. Früher hatte ich für gestrauchelte Menschen kein Verständnis, schade, aber ich habe noch viel Zeit vor mir, anderen Menschen mehr Mitgefühl zu geben als früher. Der Knast ist auch ein guter Lehrmeister.

Montag, 11. November 2002 Heute war der Beginn des Karnevals: HELAU! Gestern kam wieder ein großer Bericht über mich im Fernsehen. Fast der ganze Knast, Häftlinge wie Beamte, hatten den Bericht gesehen. Jeder sprach mich darauf an, ich war etwas »Besonderes«, aber ich saß genauso wie jeder andere Inhaftierte hier, hatte die gleichen Sorgen, Ängste, Zweifel, Nöte und Bedürfnisse. Einer der Beamten erzählte mir sogar, dass er ein großer Fan von mir sei, er hatte meine Bücher gelesen und war schon einmal in einem meiner Seminare. Toll, auch hier habe ich meine Fans … Insgesamt stellte ich fest, dass vier der Beamten Seminare bei mir besucht hatten.Abends musste ich, wie so oft, an Kerstin denken, sie fehlt mir so. Ihre Wärme, ihr Geruch, ihre Haut, ihre Zärtlichkeit – und im Radio lief das Lied »skin to skin« von Sarah Connor. In meiner Fantasie war Kerstin bei mir, ich stellte mir vor, sie würde mich berühren, streicheln, küssen. Alle meine Sinne waren darauf konzentriert, sie mir vorzustellen. Ich befriedigte mich selber. Als ich fertig war, weinte ich, denn jetzt, wo die Vorstellung weg war, war sie eben nicht bei mir und ich war alleine. Und der alleine erlebte Orgasmus mag den Druck genommen haben, es war ein »Abreagieren«, aber es blieb für mich ein Akt der Kälte, der Einsamkeit, ohne Seele – ja, genau, das war es, mir fehlte Kerstins Seele oder besser gesagt ihre Hälfte, denn ihre und meine Seele sind eins. Das wurde mir mehr und mehr klar. Wir sind Seelenverwandte.Das Gefängnis ist eine Welt für sich. Ein Land, ein eigener Staat, abgegrenzt,  eingesäumt, bewacht. Ein Staat, der sich um die Grundbedürfnisse seiner »Bürger« kümmert. Jeder Gefangene bekommt ca. 2200 Kalorien, die sein körperliches Überleben sichern. Er hat täglich eine Stunde Hofgang. Es gibt einen Arzt, Krankengymnastik, Zahnarzt, Psychologen, alle zwei Wochen die Möglichkeit zum Einkauf, eine Bücherei, eine Sporthalle und einen Sportplatz (den Untersuchungshäftlinge aber nicht benutzen dürfen). Es gab eine Küche und eine Wäscherei. Duschen darf man dreimal pro Woche. Einmal im Monat kommt ein Frisör. Er bekommt, so heißt es, drei Euro pro »Kopf« – egal ob schön oder modern geschnitten. Die Masse macht den Stundenlohn aus – Akkordarbeit im Frisörhandwerk. Zwölf »Köpfe« müssen pro Stunde durchgeschleust werden, dann lohnt sich’s. Aber gemessen an der Zeit war mein Haarschnitt gar nicht mal so schlecht.Sonntags ist immer um 8 Uhr Gottesdienst. Zwei Sonntage hintereinander zelebriert von einem evangelischen Pfarrer, zwei Sonntage von dem katholischen Pfarrer Erhard, einem Verwandten des ehemaligen Kanzlers Ludwig Erhard. Zu Beginn meiner Inhaftierung machte sich die Anstaltsleitung anscheinend Sorgen, ich könnte mir etwas antun, jedenfalls wurde ich gleich Pfarrer Erhard vorgeführt. Wir unterhielten uns und ich erklärte ihm mit Vehemenz, dass ich das schaffen würde. Ich würde nicht aufgeben und allem widersprechen, was ich auf der Bühne anderen erzählte – und auch nicht meiner spirituellen Einstellung. Seit etwa 25 Jahren hatte ich, von Ausnahmen abgesehen, keinen Gottesdienst mehr besucht, obwohl ich ein spirituelles Leben führe. Hier aber besuchte ich jeden Sonntag die Messe und war sehr überrascht, dass die Kirchenplätze, zirka 150, fast alle belegt waren. Einige nützen den Gottesdienst, um ihre Zelle verlassen und etwas Abwechslung zu haben. Viele aber scheinen ernsthaft religiös zu sein. Ein seltsames Bild: Katholiken, Protestanten, Mohammedaner, Atheisten, Russisch Orthodoxe, sogar ein paar Buddhisten und Hinduisten feiern gemeinsam, ausgerechnet im Knast, friedlich den Gottesdienst. Und es gibt sogar einen Gefangenenchor. Hallelujah!Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 15Vor zu Teil 17



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