"Indian Mittelstand?"


Vor einiger Zeit hatte mich Dr. Schmidt gebeten, einen kurzen Abriß über die "Mittelstandslandschaft" in Indien zu geben.Da ich nach meinem Abschluß, die Gelegenheit bekam, am internationalen AIESEC-Austauschprogramm teilzunehmen und als Praktikant in Bombay das Leben in Indien hautnah zu erleben, möchte ich dieser Anfrage gerne nachkommen.Meine erste Station war die Firma Tulip Telecom Ltd. Das Unternehmen wurde in den frühen 1990ern von Oberstleutnant Behdi gegründet, der es vorzog eine Softwarefirma aufzubauen, anstatt in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Anfangs handelte die Firma mit Computerprogrammen, später auch mit Hardware. Mit der Verbreitung des Internets entschloss man sich, auf Telekommunikationsinfrastruktur umzusatteln, was dazu führte, dass Tulip sich indienweit einen Namen machte als "Last-Mile-Service-Provider". Wenn also zum Beispiel eine Fabrik im sprichwörtlichen Dschungel einen Internet-Anschluss benötigt, um z.B. mit ihrer Zentrale zu kommunizieren, besitzt Tulip das nötige Know-How, um vom letzten Kabelanschluss bis zur Fabrik die Anbindung ans Netz zu bewerkstelligen.Als ich in der Firma anfing, war sie erst kürzlich Indiens führender MPLS-Provider geworden und machte sich auf, ins internationale Telekommunikationsgeschäft einzusteigen: mit dem Verlegen eigener physischer Kabel in Stadt und Land, dem Anmieten transkontinentaler Bandbreiten und der Errichtung von Geschäftsstellen in Europa und Amerika.Dieses Beispiel für blitzschnellen und stetigen Wandel, Expansion und – ganz typisch -  Diversifizierung ist eher die Bestätigung einer Regel, als deren Ausnahme. Zeitschriften waren voll von ähnlichen Erfolgsgeschichten und viele persönliche Firmenbesuche bestätigten dies.Wesentliche Triebfeder für diese Entwicklung ist zweifellos die Initiierung grundlegender Reformen ab dem Jahr 1991. Um eine drohende Staatspleite abzuwenden wurde die damalige wirtschaftliche und politische Ordnung grundlegend geändert, wobei dieser Prozess bis heute anhält. Bis dahin  war die indische Wirtschaftspolitik wesentlich geprägt von der Idee der abgeschirmten Autarkie; dies kann auf die Weltanschauung der "Blockfreien" zurückgeführt werden und hatte als Folge eine starke zentralistische Reglementierung mit deutlich eingeschränkter marktwirtschaftlicher Ordnung.1991 wurde unter anderem der sogenannte "Licence Raj" abgeschafft.Dieser schrieb jedem Betrieb vorschrieb, wieviel er produzieren durfte und auch die Gründung von Firmen wurde durch ihn streng reglementiert. Desweiteren wurde die Wirtschaft für den Außenhandel deutlich geöffnet. Hier ist zu betonen, dass die Regierung sich nachwievor das Recht vorbehält, ausländische Investoren nur in Joint-Venture bzw. joint-venture-ähnlichen Konstrukten  im Land Unternehmungen zu gründen. Somit kann Know-How nachhaltiger gewonnen und im Land gehalten werden. Hohe Importzölle,  sowie ein großer Binnenmarkt spielen diesem Modus in die Hand und lassen das Lamentieren von Investoren nach weiterer Liberalisierung verpuffen.Durch die ab 1991 neu enstandenen Entfaltungsmöglichkeiten konnte diese bereits bestehende, große Volkswirtschaft regelrecht "explodieren". Wir dürfen nicht vergessen, dass Indien sowohl flächen- als auch bevölkerungsmäßig zu den größten Ländern der Welt gehört und zu diesem Zeitpunkt eine entsprechend große Ökonomie existierte.Bereits zu britischer Besatzungszeit entstanden die ersten Konglomerate, die auch heute noch tonangebend sind und ihren Wirkunsgkreis auch international ausweiten konnten. Das Musterbeispiel schlechthin - sowohl wirtschaftlich als auch in Eigenschaft einer nationalen Ikone -  ist die Tata-Gruppe: von Stahl über Telekommunikation zu Uhren und Tee bringt es verschiedenste Industrien unter einer Dachmarke zusammen.Zu nennen wären auch Larsen & Toubro, ein in den 1920er Jahren von zwei Dänen gegründetes Unternehmen, dass mit dem Import von Melkmaschinen anfing und heute ein Technologie-Multi ist, der sich gerne als "Asiens GE" bauchpinseln lässt. Oder Reliance, ein ähnlich wie Tata aufgestellter Konzern, welcher ihre Eigentümer, die  Brüder Mukesh und Anil Ambani in die Kreise der reichsten Männer Asiens aufsteigen ließ.Der Umbruch von 1991 ermöglichte vor allem aber das schnelle Entstehen und Wachsen bis dahin noch gar nicht existierender Firmen, von denen man mit Fug und Recht behaupten kann, dass sie "Mittelstand" sind. Die Firmen wurden  meist von einzelnen Unternehmern – sehr oft im gestandenen Alter -  gegründet und haben aufgrund der neu geschaffenen Rahmenbedingungen die typischen Mittelstandsattribute in ihrer "DNA":Exportorientierung, Innovation und den festen Vorsatz, die Kontrolle über das Unternehmen in Familienhand zu behalten.Bei Gefallen kann ich gerne detaillierter in die Materie einsteigen; lassen Sie mich durch Ihre Kommentare wissen ob bzw. was gewünscht ist. Gruß, Leon Bleiweiss



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