Kapitel 8 Der Neuanfang – mein Comeback - Und immer wieder aufstehen! Teil 18


Anfang Oktober 2003 erhielt ich die Nachricht, dass ich im November in den offenen Vollzug verlegt werden sollte. Dies bedeutete: Wenn ich eine Arbeitsstelle hätte, würde ich in einem separaten Haus außerhalb der JVA untergebracht werden, so dass ich nur noch nachts zum Schlafen bleiben musste. Tagsüber würde ich meiner normalen Tätigkeit nachgehen und am Wochenende hätte ich regelmäßig Ausgang und Urlaub. Also fast wieder ein »normaler« Lebensumstand. Also beauftragte ich Kerstin damit, mir eine Arbeitsstelle zu suchen. Doch während ich noch vor zwei Jahren 50000 DM Tagesgage erhielt, um die größten und besten Firmen zu beraten (ich schulte 83 der 100 größten, deutschen Unternehmen) wollte mich nun niemand mehr einstellen – selbst der Dumpinglohn von 1000 Euro konnten daran nichts ändern.Ich war ein Paria, ein Aussätziger, ein Krimineller, ein Gescheiterter, eine »Persona non grata« (eine unerwünschte Person) und niemand wollte sich die Finger daran verbrennen, mich für ein halbes Jahr im offenen Vollzug einzustellen. Schließlich aber erklärte sich, auf Nachfrage mein Freund Gerald Mützel bereit, der ein Versicherungsmaklerunternehmen in Schweinfurt betreibt, mich für diese Zeit anzustellen. Lieber Gerald: Ich werde dir das nie vergessen und dir auf ewig dankbar sein! Und so wurde ich Anfang November in das Gebäude des offenen Vollzugs, außerhalb der JVA verlegt. Weihnachten und Silvester 2003 durfte ich dann zu Hause verbringen. Weitere gute Freunde von uns, Andrea und Reiner Wössner aus dem Schwarzwald, kamen zu Besuch (denn ich durfte im Urlaub meinen Wohnort nicht verlassen). Es war auf der einen Seite ein wunderbares Erlebnis, Weihnachten wieder im Kreise der Familie verbringen zu dürfen – andererseits war es auch gleichzeitig wiederum sehr traurig: Denn zwei Tage vor meinem Urlaub erhielten wir ein Schreiben, dass am 29. Januar 2004 die Zwangsversteigerung unseres Hauses stattfinden würde. Man stelle sich das einmal vor: Auch noch das letzte, das allerletzte was uns noch geblieben war, sollte nun zwangsversteigert werden. Geld, Schmuck, Uhren ja sogar meine Fitnessgeräte und das Hausinventar (bis hin zu den Manschettenknöpfen…) waren bereits unter den Hammer gekommen, nunmehr sollte es auch noch das Haus erwischen. Und so kam, was kommen musste: Anstatt ein paar Tage unbeschwert und glücklich im Kreise meiner Familie verbringen zu können, lag ich praktisch eine Woche mit unerträglichen Rückenschmerzen flach. Erst am Silvesterabend tranken meine Frau und ich ein Glas Sekt darauf, dass wir dann eben von Schweinfurt wegziehen und noch einmal komplett von vorne in München beginnen würden. Wir ließen also unser Haus geistig und seelisch los. Gleichzeitig aber unternahm ich nochmals einen letzten Versuch, und rief am 2. Januar 2004 bei der finanzierenden Hypothekenbank an und startete einen verzweifelten Rettungsversuch (diesmal jedoch frei und in der Gewissheit: Wenn es nicht funktioniert, starten wir eben in München).Und das Unmögliche gelang: Ich überredete den zuständigen Mitarbeiter dazu, die Zwangsversteigerung auszusetzen und uns die Chance zu geben, die Hypotheken nach meiner Rückkehr am 1. Mai 2004 dann zurückzuführen. Kannst Du Dir tatsächlich so etwas Verrücktes vorstellen? Ein immer noch Inhaftierter, mit einem Monatseinkommen von 1000 Euro brutto, schafft es, die drohende Zwangsversteigerung in einem letzten verzweifelten Telefonat wegzuverhandeln?Ach ja, übrigens: Wir wohnen heute immer noch in diesem Haus…Bei meiner Verurteilung am 8. April 2003 hatte meine zuständige Richterin Singer, freundlicherweise in meinem Urteil schriftlich bestätigt, dass die begangene Veruntreuung die dann so groß in den Medien dargestellt wurde, ausschließlich zu Lasten meines Sohnes Alexanders und zu 94% zu meinen eigenen Lasten ging. Deshalb schlug sie vor, dass meine dreijährige Haftstrafe auch nach 4 Monaten zur Bewährung ausgesetzt werden sollte. Der Staatsanwalt hatte sich damit einverstanden erklärt. Doch als es nun so weit war, und ich Antrag auf Halbstrafe stellte – stellte sich der Staatsanwalt taub: So etwas hätte er nie vereinbart, das könne er auch gar nicht, usw. Die JVA stellte sich auf den Standpunkt, dass niemand in Würzburg Halbstrafe bekäme, lediglich Entlassung nach 2/3 Verbüßung der Strafe bis heute bekommen hätte, usw.Gibt es so etwas? Da hatte ich mich auf einen sogenannten »Deal« eingelassen, der folgendermaßen lautete: Der Staatsanwalt fordert entweder 5 bis 6 Jahre Haft – oder ich erkläre mich in allen Anklagepunkten komplett schuldig und erhalte nur 3 Jahre Haft, aus der ich dann nach der Verbüßung der halben Strafe entlassen werde. Und nun, 1,5 Jahre später war davon keine Rede mehr. Wenn nicht die Richterin Singer diese Vereinbarung im Urteil schriftlich festgehalten hätte, hätte man mich weitere 6 Monate schmoren lassen – so aber wurde ich offiziell zum 30. April 2004 entlassen. Die JVA Würzburg gab eine Presseerklärung heraus, in der eine Entlassung zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht wurde. Um jedoch einem Presserummel zu entgehen, schenkte man mir einen Tag Haft, so dass ich am 29. April schließlich entlassen wurde.Als die Türe aufging begrüßte mich jubelnd Kerstin, die den bekannten Moderator Markus Lanz dabei hatte. Markus stand auch während unserer schweren Zeit zu uns und wollte über unseren Neuanfang unbedingt bei RTL berichten. Nach diesen Aufnahmen wartete dann bereits Paul Sahner, Chefredakteur der Bunte, der ebenfalls auf mehreren Seiten über meine Entlassung berichtete. Und dann stand ich da:Wir schreiben den 1. Mai 2004 und mich plagen für die nächsten ca. 28 Jahre immer noch ca. 6,6 Millionen Schulden. Als ich mit Kerstin in diesen ersten Tagen der Freiheit an einem Bettler in der Schweinfurter Innenstadt vorbeilaufe, ihm einen Euro in seinen Hut schmeiße, sage ich zu ihr: »Weiß du eigentlich Schatz, dass dieser Mann jetzt eigentlich Millionen mehr hat, als wir – er hat einen Euro im Hut, wir dagegen 6,6 Millionen Schulden…Und dies war der Stand zu meinem Comeback am 1. Mai 2004:
– Als Geschäftsräume diente uns unser Kellerraum.
– Kerstin hatte sich Geld von ihrer Mutter geliehen und für 250 Euro, 10 Jahre alte gebrauchte Büromöbel von unserem guten Freund Gerald Mützel abgekauft.
– Für 350 Euro hatte sie in einem Secondhand-Computer-Shop, gebrauchte Computer, Bildschirme, Tastaturen und Nadeldrucker (!) erworben.
– Wir hatten Schulden und keinerlei Geld – weder für Werbung noch für Prospekte drucken, noch für einen Internetauftritt, noch für einen Kopierer:Wir legten ein Kästchen an mit der Aufschrift »Kopien« in das jeden Tag die Vorlagen mit der Anzahl der gewünschten Kopien hineingelegt wurden. Täglich fuhren dann entweder Kerstin, mein Schwager und bester Freund Agi oder ich selber 14 Kilometer nach Schweinfurt und zurück um die erforderlichen Kopien machen zu können. Erst 7 Monate nach dem Neustart konnten wir uns dann einen ersten Kopierer für 995 Euro leisten… Erst nach acht Wochen hatten wir die nötigen finanziellen Mittel, um einen Internetauftritt zu starten. Was wir aber hatten, waren drei Dinge:1. Glaube!
2. Einsatzbereitschaft!
3. Wissen und Weisheit!Das Leben kann Dir (fast) alles nehmen: Das Leben kann Dir in einem Moment Deine Firma nehmen – Du gehst pleite. Das Leben kann Dir in einer einzigen Sekunde Deine Gesundheit nehmen – Du erfährst von einer schweren Erkrankung. Das Leben kann Dir Dein Geld nehmen – im September 2008 erfuhren viele Rentner über die Presse von der Pleite der Lehmann-Brothers Bank mit einhergehender Vernichtung von teilweise kompletten Altersvorsorge-Vermögen. Das Leben kann Dir Deinen Arbeitsplatz nehmen – eben warst Du noch glücklich, jetzt erfährst Du von Deiner Entlassung. Das Leben kann Dir Deinen Namen, Deinen Ruf, Deine Freunde, Deine Spielsachen, sogar Deine Freiheit nehmen – aber Deinen Glauben, Deine Hoffnung, Deine Einsatzbereitschaft und das, was Du als Wissen und Weisheit in Dir besitzt, kann Dir nur eine Person nehmen: Du selbst! Solange Du an Dich glaubst, solange Du Hoffnung hast, solange Du nicht aufgibst, ist es niemals zu Ende. Ich weiß noch genau, als ich frisch inhaftiert war, wie ich mehrere Phasen durchlebte:Die ersten zwei Wochen dachte ich immer, ich träume und wache bald aus meinem Alptraum auf – aber langsam registrierte ich, dass es der Realität entsprach. Die nächsten zwei Wochen waren dann mit Zorn und Wut erfüllt: Warum hatte man ausgerechnet mich verhaftet, ich, der so vielen Menschen in ihrem Leben geholfen hatte, der viele Millionen Steuern gezahlt hatte, usw. Die darauf folgenden zwei Wochen waren dann erfüllt von Selbstmitleid: Ich armer Tropf, ich Opfer, lieber Gott, warum tust du mir das an – als ob der liebe Gott etwas dafür konnte … und schließlich zwei Wochen der vollkommenen Apathie: Ich lag nur noch auf meiner Pritsche, ich ging nicht mehr im Hof spazieren, ich hatte keinen Appetit mehr, ich hatte wohl eine Depression. Und genau in diesem Moment spürte Kerstin wohl meinen Zustand, weil ich kaum noch schrieb und wenn, dann nur dürftige Worte und sie schrieb mir den entscheidenden Brief. Der Text lautete: »Mein geliebter Schatz, ich spüre deine Verzweiflung, merke, dass du kurz davor bist, aufzugeben. Aber das darfst du nicht! Mittlerweile haben uns Tausende von Briefen, Faxe, E-Mails und Telefonanrufe erreicht, in denen dir deine Seminarteilnehmer und Kunden mitteilen und ausrichten lassen, dass sie zu dir stehen. Im Gegenteil: Sie wissen zwar nicht, was du gemacht hast, aber es spielt auch keine Rolle! Sie sind nur alle übereinstimmend der Meinung, dass du weitermachen musst. Wenn du diese Krise durchlebst und wieder aufstehst, dann kannst du Vorbild für viele Menschen sein, die ebenfalls Probleme und Krisen haben. Wenn du aber jetzt aufgibst, dann hast du sie belogen. Und ich weiß eines ganz genau: Du hast die Kraft, es zu schaffen, mit mir an deiner Seite, denn: Einmal schaffen wir es noch!«

Nachdem ich den Brief gelesen hatte, schrie es in mir: Steh jetzt auf! Und ich sprang mit  neuer Energie auf und fasste den Entschluss, nicht aufzugeben, sondern mich jetzt erst recht dieser Situation zu stellen. Ich überlegte mir in den Wochen danach zahlreiche Geschäftsmodelle, die erfolgversprechend waren. Beim Abwägen der Vor- und Nachteile sprach für einige dieser Ideen sehr viel. Eine Möglichkeit jedoch war, wieder zurückzukehren auf die Bühne. Praktisch jeder riet mir ab. Mein guter Kollege Bodo Schäfer, mit dem ich einen regen Briefkontakt hatte, riet mir zwar, wieder als Referent tätig zu sein – jedoch als Experte für Beziehungen, denn er meinte, da Kerstin und ich unsere Krise gemeinsam so toll meistern, könnten wir auch vielen anderen Paaren Hilfestellung leisten. Unter keinen Umständen jedoch sollte ich wieder als Motivationstrainer auftreten, denn das sei unglaubwürdig, das würde mir niemals jemand abnehmen, das könnte nicht mehr funktionieren. Beim Abwägen aller Vor- und Nachteile gab es praktisch nur Nachteile (die Kunden würden mir nicht mehr glauben; die Presse würde über mich herfallen, mein Image war ruiniert usw.) – jedoch mein Herz sagte mir etwas ganz anderes, nämlich: Geh als Motivationstrainer zurück auf die Bühne! Und so startete ich am 9. Mai 2004 mein Comeback, als ich zum ersten Mal wieder vor 150 Unternehmern im Österreichischen Saalfelden auf der Bühne stand. Als ich hinter der Bühne wartete und der Anmoderation zuhörte, hatte ich einen Puls von 130 Schlägen und sicherlich einen Blutdruck von 180. Wie würden die Menschen reagieren? Würden sie mich freundlich empfangen, oder eher reserviert, oder gar ausbuhen? (Es handelte sich um einen Auftritt bei einem Kongress.) Würden mir die Menschen überhaupt noch zuhören und glauben was ich ihnen erzähle – oder würden sie alles von einem gescheiterten Motivations-Erfolgstrainer in Zweifel ziehen? Als schließlich die Anmoderation zu Ende war, ließ ich alles los, legte meinen Auftritt in Gottes Hand und betrat die Bühne – und 150 Menschen erteilten mir einen warmen, lang anhaltenden Beifall. Da wusste ich: Ich bin wieder dort, wo ich hingehöre, auf der Bühne, ich bin wieder zu Hause!Ich hatte damals ein klares Ziel vor Augen: Ich wollte in fünf Jahren wieder schuldenfrei sein (von ehemals 6,6 Millionen Schulden …) und innerhalb von 10 Jahren wieder die finanzielle Freiheit erreicht haben. Eigentlich unmöglich, aber ich hatte in meinem Leben schon andere unmögliche Dinge geschafft. 3,5 Jahre später, am 17. November 2007 fand eine Gläubigerversammlung statt, bei der alle Gläubiger einstimmig einem Vorschlag von mir zustimmten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch ca. 2,9 Mio. Euro Verbindlichkeiten. Gegen eine weitere Zahlung von 50 000 Euro würden sie mir die Restschuld in Höhe von
2,75 Mio. Euro erlassen. Ich möchte mich heute einmal bei meinen Gläubigern dafür bedanken, dass sie mir diese neue Chance ermöglichten. Sie honorierten damit wohl meine Anstrengungen, die ich 3,5 Jahre lang unternommen hatte, um über meine Verpflichtung hinaus, nach besten Kräften, den Schaden bei den Gläubigern wiedergutzumachen. In jedem Fall war ich damit praktisch wieder schuldenfrei, ich hatte es wieder geschafft!Zum Zeitpunkt der Neuveröffentlichung dieses Buch (im September 2011), geht es uns finanziell – aber auch ideell – wieder richtig gut. Wir gönnen uns viel mehr Urlaube als vorher, ich mache nur noch die Dinge, die mir Spaß machen – und verdiene dabei noch mehr Geld als jemals zuvor. Meine Seminare sind gefüllt und ich bin als Trainer wieder für bis zu 9 Monate im Voraus ausgebucht. Mein Tagessatz hat fast wieder alte Höhen erreicht und sogar die Presse beginnt langsam aber regelmäßig positiv zu berichten: »Comeback eines Stehaufmännchens«.Zurück zu Teil 1Zurück zu Teil 17Vor zu Teil 19



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