Verbietet Werbung! Eine Replik zur "Schrumpfung der Wirtschaft"



"Wenn ich mir eine Schrumpfung der Wirtschaft wünschen dürfte, dann sollte man ´
unbedingt bei dieser unseeligen Werbemaschinerie beginnen, die produziert doch nun wirklich ausschließlich Material, das direkt für die runde Ablage bestimmt ist. Hier kann ich sofort jedem Vorwurf der Resourcenverschwendung zustimmen." So ein Kommentator im Portal XING.

Ich antwortete ihm wie folgt:

Herr W.M., man spürt richtig das innere Feuer, mit dem Sie für Ihre Überzeugung stehen. Davon wird diese Überzeugung aber weder wahrer noch berechtigter. SIE brauchen die Werbung nicht und betrachten diese daher als Verschwendung von Ressourcen. SIE würden diese Ressourcen gern anders einsetzen. Das ist Ihr gutes Recht.

Aber was sagen Sie dem Bäcker und der neu eröffneten Autowerkstatt, die nun nicht mehr in Anzeigen-Wochenblättern auf sich aufmerksam machen dürfen, weil Sie „Werbung“ verboten wollen? Was sagen Sie dem Redakteur und dem Layouter und der Bürokraft in dieser Wochenzeitung, die nunmehr zum Arbeitsamt gehen müssen? Wie wollen Sie dem Autohändler den Verlust ersetzen, wenn er den Kundenbetreuern und Austrägern der Zeitung keine Autos mehr verkaufen kann, weil die keine mehr brauchen? Was sagen Sie dem Restaurant, wenn diese Menschen dort nicht mehr essen gehen können, weil das Arbeitslosengeld dafür nicht reicht? Was sagen Sie dem Ingenieur, dessen mit Liebe und Hingabe konstruierte Druckmaschine nicht mehr gebraucht wird? Und was dem Mechatroniker, der sie nicht mehr warten, bedienen und pflegen darf? Und was dem Hallenbauer, der nun keine Industriehalle mehr bauen braucht? …

Mit derselben Leidenschaft wie Sie könnten Fußballfans gegen die Subventionierung von Opernhäusern aus Steuermitteln opponieren. Denn wer braucht schon wirklich „Hochkultur“? Nur eine Minderheit! Eine verschwindende Minderheit! Selbst große Opernhäuser fassen daher nur ein Hunderstel der Gäste, die in einem großen Fußballstadion Platz haben! Die Fußballfans hätten doch Recht!

Andererseits: Die Musiker, die Platzanweiser, die Musikinstrumentenbauer, die Notendrucker und die Busreiseveranstalter, die mit monatlichen festen Fahrten zum nächstgelegenen Theater oder Opernhaus rechnen, die alle verlieren ihren Job. Die werden das deshalb anders sehen. Die werden vielleicht sagen:

Rauchen in der Öffentlichkeit ist ja auch weitgehend verboten. Wieso ist eigentlich Fußballspielen erlaubt? Warum wird so viel Geld für Stadienbauten und Trainer und Spieler verschwendet? Die Musiker werden vielleicht sagen: Fußball gehört verboten! Es würde dann doch viel friedlicher und harmonischer zugehen auf der Welt. Und die Musiker hätten aus ihrer Perspektive doch auch irgendwie Recht: Es hat schließlich meines Wissens noch nie Hooligan-Exzesse in Opernhäusern gegeben. Dort müssen sich auch nicht 22 Leute um einen Ball streiten, weil jeder Musiker das Recht auf ein eigenes Instrument hat. Und auch Korruption oder Doping und deren schlimme Auswirkungen spielen in der Hochkultur keine Rolle.

Sie, Herr W.M., sind nach 14 Jahren Selbständigkeit beim öffentlichen Dienst angestellt. Das freut mich für Sie! Aber vielleicht fordern diejenigen, die bald mit Zwangsanleihen für die aus dem Ruder gelaufenen Staatsschulden bezahlen müssen: „Soll doch der Staat erst mal alle Leute entlassen, die ICH nicht brauche!“ Ich bin ziemlich sicher, dass bei einer „Streichliste“ Ihre Einrichtung in der gegenwärtigen Personalstärke auf dem Prüfstand stände. Bei einer Halbierung des Personals wären auch nicht mehr so viele Netzwerkadministratoren nötig. Sie, Herr W.M., würden vielleicht nicht mehr gebraucht. Das würde Sie persönlich natürlich zutiefst treffen. Obwohl niemand gegen Sie persönlich wäre – denn den meisten sind Sie und ich gänzlich unbekannt – müssten Sie das natürlich sehr persönlich nehmen.

Wahrscheinlich halten viele Menschen Ihren Job und die öffentlich finanzierte Einrichtung, bei der Sie tätig sind, für verzichtbar. Für eine Verschwendung öffentlicher Gelder. Für Ressourcenverschwendung. Das mag unzutreffend sein. Aber das hat dieselbe Logik wie Ihre emotionale Anti-Werbe-Polemik. Manche dieser Menschen würden mit den Mitteln sicher aus ihrer Sicht „anderes“ Gutes bewirken wollen. Zum Beispiel die EEG-Umlage besser finanzieren um die Energiewende vorwärts zu treiben. Oder Schulen bauen. In Afrika. Oder die HartzIV-Sätze erhöhen. Da fiele uns doch gemeinsam sicher noch viel ein, was man mit Ressourcen und Geldern machen könnte, die man auf Kosten Dritter gespart hätte, oder?



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