Verstehen Ökonomen nichts von Wirtschaft?


Las unlängst in der Wirtschaftswoche den Essay „Ökonomen verstehen nichts von Wirtschaft“ von Dieter Schnaas[1]. Ein provokanter Titel, der sogar meine Zustimmung gefunden hätte, wenn der Autor sich nicht in einem hemmungslosen Rundumschlag versucht hätte, um die Volkswirtschaftslehre aus vielen Blickwinkeln heraus zu diskreditieren. So warf er ihr in seiner Einleitung vor, sie habe sich zu sehr mit Modellmathematik und Alltagspsychologie von der Wirklichkeit entkoppelt. Und dann geht es los. Etwa, dass vor ein paar Wochen 250 Professoren der Ökonomie in großer Sorge zum Protest gegen die Euro Politik der Bundesregierung aufgerufen hätten – auch wir fanden den Appell verspätet und deplatziert (vgl. Sinnloses Anschreiben). Irgendwann wendet sich der Essay natürlich auch der Psychologie zu. Ja, die Wirtschaftswissenschaftler zauderten immer noch, von der klassischen Lehre abzurücken, und versuchten weiterhin, Märkte naturgesetzlich zu erklären. Aber Menschen seien eben in ihrem Verhalten nicht vernunftgesteuert und berechenbar, und weil sie auf diesen schlichten Umstand – der Autor spricht hier fast schnippisch von „Erkenntnis“ – hinwiesen, würden Wissenschaftler wie Robert Shiller, George Akerlof oder Daniel Kahneman als die großen Erneuerer  der Zunft gefeiert. Woran Schnaas die Frage anschließt, für welche bahnbrechende Leistung denn Akerlof und Kahneman den Nobelpreis verliehen bekommen hätten. Bereits für die These, dass Menschen keine Rationalitätsroboter, dafür aber  Reizreaktionsmaschinen seien?90 Prozent Psychologie an den MärktenTatsächlich wurde Daniel Kahneman im Jahr 2002 als erstem Psychologen (und nicht als Volkswirtschaftler!) der Nobelpreis für Ökonomie verliehen, aber solche Details interessieren Dieter Schnaas in seinem Furor nicht. Vielmehr beklagt er, jeder Geisteswissenschaftler würde sich fremdschämen, wenn Ökonomen erst heute zu begreifen schienen, dass Menschen bei ihren Entscheidungen möglicherweise kognitive Verzerrungen unterliefen. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, er finde, Daniel Kahneman habe den Nobelpreis nicht verdient. Denn mit der Entdeckung der eingeschränkten Rationalität hätten sich doch schon ganz andere beschäftigt. Da fehlte eigentlich nur noch der Hinweis, dass die Kursbewegungen an den Finanzmärkten grundsätzlich nicht rational erklärt werden könnten und dass 90 Prozent dessen, was dort geschieht, aus Psychologie bestehe, oder besser gesagt, aus den einander abwechselnden Zuständen von Angst, Hoffnung, Gier und Verzweiflung, die allesamt nicht quantifizierbar seien.Doch fällt der Autor mit dieser Darstellung weit hinter dem zurück, was sich mittlerweile unter der Bezeichnung Behavioral Economics als Versuch einer Synthese der Einzelwissenschaften Ökonomie und Psychologie etabliert hat. So konnte in zahlreichen wissenschaftlichen Studien, vor allem dank der Pionierarbeit Daniel Kahnemans, eindeutig gezeigt werden, dass die Menschen in ihrem Denken, Handeln und in ihren Urteilen tatsächlich kognitiven Verzerrungen unterliegen, und das oftmals so zuverlässig und regelmäßig, dass sich diese Abweichungen von der rationalen Norm systematisch erfassen und damit sogar vorhersagen lassen. Auf Basis der Behavioral Economics lassen sich also Prognosen stellen, wie sich Menschen in der Zukunft entscheiden oder verhalten werden. Ferner gelang mit der Prospect Theorie in zahlreichen Experimenten der Nachweis, dass die Menschen Gewinne und Verluste nicht nur unterschiedlich bewerteten, sondern ihre Beurteilung überdies stark von einem jeweils vorgegebenen Referenzpunkt abhängig war. Dasselbe Phänomen kennen wir aus den Finanzmärkten. Dort ist es der Einstandspreis eines Engagements, der meist darüber bestimmt, ob wir uns als Gewinner oder Verlierer sehen.Psychologen werden nicht durchgelassenAuf diese Zusammenhänge haben uns erst die Behavioral Economics aufmerksam gemacht. Deshalb frage ich mich genauso wie der bekannte Wirtschaftsblogger Dirk Elsner, warum es diese neue wissenschaftliche Disziplin bis heute nicht geschafft hat, von Analysten und Ökonomen, aber auch von Unternehmenslenkern und politischen Entscheidern als allgemeingültiger Standard akzeptiert und auch im Tagesgeschäft der Finanzmärkte berücksichtigt zu werden. Liegt es daran, dass die Türsteher der Standardökonomie, wie es Dirk Elsner sinngemäß ausgedrückt hat, die Psychologen nicht vorbeilassen wollen? Oft werde ich von Anhängern der Standardökonomie gefragt, welche Gewinne man denn eigentlich mit den Erkenntnissen der Behavioral Economics machen könne. Eine Frage, die seltsamerweise den Volkswirten so gut wie nie gestellt wird. Gerne wird auch der Einwand vorgebracht, die Behavioral Economics hätten im Gegensatz zur Standardökonomie kein Modell vorzuweisen. Wo doch gerade die Modelle der Standardökonomen in der Praxis und ganz besonders bei der Finanzkrise versagt haben.Euro-Krise wird laufengelassenVielleicht muss man die Antwort auf diese Frage ganz woanders suchen. Auf die Erkenntnisse der Behavioral Economics zu vertrauen hieße nämlich, sich mit dem eigenen Verhalten auseinander zu setzen und sich zu mehr Selbstdisziplin zu erziehen, verbunden mit der unangenehmen Konsequenz, die Verantwortung für das eigene Versagen nicht mehr auf andere, etwa auf die Fehlanalysen der Standardökonomen, abschieben zu können. Da ist es doch psychologisch viel einfacher, sich mit „objektiven“ Daten zu befassen und lediglich zu beurteilen, ob sie nun besser oder schlechter als erwartet ausgefallen sind.Braucht man sich da noch zu wundern, warum auch Deutschland immer tiefer in den Sog der Euro- Krise hineingerissen wird? Warum Politiker – entgegen aller Beteuerungen – weiterhin Geld in ein Fass ohne Boden werfen? Sie haben einfach bis heute nicht begriffen, dass auch sie nicht frei und unvoreingenommen auf Basis nüchterner Daten und Fakten handeln, sondern stattdessen als Gefangene ihrer früheren Entscheidungen viel zu lange an etwas festhalten, dessen Scheitern schon längst hätte eingestanden werden müssen. Wie ein Verlust an der Börse, den man immer weiter laufen lässt, statt ihn sich einzugestehen und endlich zu realisieren.



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