Von Sinnesreizen und Gewöhnung



(6. August 2012, von Joachim Goldberg, http://www.blognition.de/blog/behavioral-livin/von-sinnesreizen-und-gewohnungseffekten/)

Obgleich ich meinen Zahnarztbesuch vom Freitag und die spätere Massage (Teil I der Geschichte finden Sie hier) unter dem Strich als vergleichsweise optimal empfunden hatte, sind die beiden Professoren für Marketing, Leif Nelson und Tom Meyvis* von der New York University zu dem Schluss gekommen, dass ich mein Wohlbefinden in beiden Situationen, entgegen aller Intuition, noch hätte deutlich steigern können.

Es gilt weithin als gesichert, dass sich Menschen ausgesprochen schnell an neue Situationen – gute wie schlechte – anpassen können. Neue Erlebnisse, Schmerzen und Schönes, werden anfangs am stärksten, aber mit fortschreitender Zeit und gleichbleibendem Reiz mit abnehmender Stärke wahrgenommen, wir gewöhnen uns. Pausen sorgen jedoch dafür, dass dieses Gewöhnungsniveau wieder auf seinen Ausgangspunkt zurückgesetzt wird und eine Wiederaufnahme des Reizes demzufolge wieder in voller anfänglicher Stärke empfunden wird.

Bei Schmerzen keine Pause, bitte!

Für meinen Zahnarztbesuch am vergangenen Freitag hätte dies bedeutet, dass ich entgegen meiner Intuition, womöglich auf Pausen hätte verzichten sollen. Pausen, die mir zwar ein paar schmerzfreie Sekunden und kurze Erleichterung einbrachten. Aber mit jedem Wieder­einsetzen des Bohrers, habe ich Lärm und Schmerz wieder in der anfänglichen Stärke wahrgenommen.

Genau das Gegenteil galt für meine Massage, die ich vorzugsweise ohne Unterbrechung genossen hatte. Vermutlich jeder hätte unterbrechende Telefonate meiner Physioterapeutin während der Behandlung als störend empfunden. Obwohl ich eigentlich zugeben muss, dass ich die wohltuenden Knetungen und Dehnungen meines Rückens mit so stark abnehmender Sensitivität empfand, dass ich fast dabei eingeschlafen wäre. Eine Unterbrechung hätte immerhin dafür gesorgt, dass ich mich während der Pause nicht nur auf eine Fortsetzung der Behandlung gefreut, sondern diese angenehme Prozedur noch einmal in ihrer anfänglichen Intensität wahrgenommen hätte.

Um also unser Wohlbefinden zu erhöhen, sollten wir auf die abnehmende Sensitivität bei gleichbleibend negativen Sinnesreizen setzen, während das Wohlbefinden positiver Stimuli durch Pausen in der Summe erhöht werden dürfte. Erkenntnisse, die wir bei unseren Planungen berücksichtigen sollten.


* Interrupted Consumption: Adaptation and the Disruption of Hedonic Experience –
Leif D. Nelson and Tom Meyvis, Journal of Marketing Research, Vol.45, pp.654-664, December 2008



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