Wunschloses Unglück



Ich bin bekennender Ikea-Hasser. Vielleicht, weil ich zwei linke Hände habe und somit gegenüber wahren Ikea-Liebhabern im Nachteil bin. Vielleicht beneide ich sie sogar insgeheim um ihre Talente, vor allem wenn meine Frau mir mal wieder vorhält, wie viel Geld man mit handwerklichem Geschick sparen kann. Und falls meine Familie es mit vereinten Kräften tatsächlich einmal schafft, mich zum Besuch einer Ikea-Filiale zu nötigen, weil es dort gerade ein paar Schnäppchen geben soll, rechne ich mir im Geiste immer schon aus, wie lange ich wohl am Zusammenbau dieser schönen Möbel sitzen würde. Ohne darüber nachzudenken, wie teuer die angeblichen Schnäppchen in Wahrheit wären, wenn ich all‘ die verlorenen Stunden, in denen ich über der enigmatischen Anleitung zum Zusammenbau brüte, in den beiliegenden Plastiksäckchen endlos nach der richtigen Schraube suche oder mit einem falschem Inbusschlüssel ein Stuhlbein vergeblich zu fixieren versuche, wenn ich also meine ganze kostbare verlorene Arbeitszeit zum Einkaufspreis hinzurechnen würde. Sie können sich vorstellen, dass ich alles andere als begeistert war, als ich vor ein paar Tagen von dem geplanten Ikea-Wohnviertel in Hamburg erfuhr. Ein ganzes Quartier: Wohnungen, Büros und Geschäfte für Tausende von Menschen, alles am Reißbrett von den Designern des schwedischen Konzerns entworfen. Die Behörden zeigten sich jedoch überrascht, als sie von der Press darüber befragt wurden, und ein Ikea-Sprecher dementierte, dass es konkrete Pläne für ein solches Projekt in Hamburg gäbe.

Zwischen Billy und Klippan: Ikea-City

Trotzdem entstand in meiner Phantasie sofort ein Modell von Ikea-City. Vermutlich würden alle Häuser gleich aussehen, und selbstverständlich stammte das Mobiliar für die Wohnungen ebenfalls aus Schweden, als Teil eines Gesamtpakets. Und wie in einem bösen Tagtraum sah ich mich schon mit der Tür ins Haus meines Nachbarn fallen, weil sich in deren Scharnieren ein paar Inbus-Schrauben gelockert hatten oder der Pressspan des Türblatts aus der Verankerung gebrochen war. Viel schlimmer noch: Im Wohnzimmer meines Nachbarn sähe es genauso aus wie bei uns nebenan. In Ikea-City gäbe es keine Klassenunterschiede mehr, in allen Wohnstuben herrschte dasselbe Wohlbehagen zwischen Billy-Regalen und Klippan, dem praktischen Sofa. Der letzte Rest an Individualität zeigte sich bei der Auswahl von dessen Bezugsstoff: uni, geblümt oder kariert. Auf diese Weise, so hofft zumindest die kritische SPON-Kolumnistin Silke Burmester, könne endlich der Neid unter den Menschen verschwinden. Gleicher Wohlstand für alle. Vielleicht stellt Ikea auch noch das Personal, das darüber wachen soll, dass sich an diesem paradiesischen Zustand nichts ändert, weil jemand sein Klippan-Sofa heimlich mit edlem Nubukleder bezieht oder den kostbaren Orientteppich von der Großmutter unbemerkt ins Haus zu schmuggeln versucht. Ikea-City – für mich wäre das der Horror. Und gäbe es tatsächlich keinen Neid mehr?

Kein Neid ohne sozialen Vergleich

Tatsächlich ist der soziale Vergleich eine wichtige Voraussetzung für das Entstehen von Neid. Man kann nur Menschen beneiden, mit denen man sich auch vergleichen kann. Je näher sich Menschen stehen, desto hässlicher und aggressiver der Neid. Neid ist auch der Motor für die so genannte hedonistische Tretmühle. Man möchte mindestens denselben Wohlstand wie der Nachbar haben. Weil dessen Vermögen, Fähigkeiten, sozialer Status als Referenzpunkt dienen. Und solange man sich in allen Bereichen überlegen fühlt, ist die Welt in Ordnung.

Mit Untugenden wie Neid hat sich im Jahre 1705 auch der britische Philosoph Bernard Mandeville auseinandergesetzt. So spricht er in seiner berühmten „Bienenfabel“ von einem "Laster", einer grenzenlosen Gier der Menschen. Aber indem jeder pausenlos dieser „Bedürfnissucht“ nachgehe, werde erst die Grundlage für „Industrie und Handel“ geschaffen. Im Mandevill‘sche Bienenstaat leben lauter fleißige, aber von Entbehrung gezeichnete Arbeiter, denen eine kleine Minderheit von egoistischen Reichen, die ungehemmt ihrem ausschweifenden Leben frönen, gegenübersteht. Am Ende der Bienenfabel bricht dieses Machtgefüge auseinander, weil sich die Masse der Armen betrogen fühlt und sich gegen die Reichen erhebt. Es folgt das Reich der Tugend. Niemand betrügt mehr den anderen, Schuldner zahlen rechtzeitig ihr Darlehen zurück, ein jeder erfüllt seine Pflichten und lebt sparsam. Mit der neuen Genügsamkeit sinken allerdings auch die Bedürfnisse und damit verringert sich auch die Nachfrage. Grundstücks- und Häuserpreise brechen zusammen, Handel und Handwerk sind im Niedergang begriffen. Kunst und Vergnügen? Die neue Enthaltsamkeit verzichtet darauf.

Todtraurig wäre eine Welt der Tugend, aber tatsächlich gäbe es keinen Neid mehr unter den Menschen, aber eben auch kein Wachstum. Zum Glück ist sie bis heute Utopie geblieben. Und das gilt hoffentlich auch für Ikea-City.
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31. August 2012 von Joachim Goldberg (http://www.blognition.de/blog/behavioral-livin/wunschloses-ungluck/) Bildquelle: LandProb/Inter IKEA Systems



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