Ich habe keinen Bock mehr



von Marina Weisband
(http://www.marinaslied.de/?p=762, Creative Commons by-nc-nd)

Normalerweise kommentiere ich keine Artikel über mich, aber an dem Artikel, der heute auf Spiegel-Online heraus kam und an dessen noch schlimmerem Pendant im Print illustriert sich gerade sehr Vieles, was ich schon seit einer Weile denke und irgendwie sagen will. Ich möchte kurz auf den Artikel an sich eingehen und dann auf das generelle Problem, dem sich die Piratenpartei zurzeit stellt.

Fangen wir so an: Ich wollte nicht mit Merlind Theile sprechen. Erstens, weil ich gerade an einem ganz anderen Punkt bin, als öffentlich zu sprechen. Ich sage fast alle Anfragen ab, ich halte mich zurück. Ich will gerade nicht über mögliche Kandidaturen oder Partei oder Politik nachdenken. Ich privat gerade ganz andere Baustellen, die nichts mit der Politik zu tun haben und mich belasten, und ich kann mir gerade den Druck, der von der Öffentlichkeit ausgeht, nicht erlauben. Der zweite Grund ist, dass Merlind Theile selbst einen Ruf hat. Viele Piraten haben mir davon abgeraten, überhaupt mit ihr zu sprechen.
Ich wollte also nicht mit ihr reden. Das Problem ist, dass es extrem kompliziert ist, wiederholte telefonische Anfragen abzusagen, ohne irgendwie unhöflich zu sein. Ich lasse mich da zu leicht unter Druck setzen. Außerdem muss man sich vorstellen, dass seit der Personendiskussion um die Partei mein Telefon einfach nicht schweigt und ich ohnehin von allen Seiten gelöchert werde, immer mit derselben Antwort: „Ich weiß nicht, ob ich für irgendwas kandidieren will, ich werde es auch bis zum Jahreswechsel nicht wissen und ich denke gerade nicht darüber nach.“
Schlimmstenfalls, dachte ich, kommt halt ein Artikel raus, in dem das so steht. Dann ist der Journalismus bedient.

Als ich mich mit Frau Theile im Café traf, fragte ich, für was das Gespräch denn sei. „Och, das weiß ich noch gar nicht so genau“, sagte sie. Entsprechend beantwortete ich einfach ihre Fragen.
Ich erzählte ihr gerade, an welchen Projekten ich politisch arbeite (Immernoch der Antrag aus der Ukraine zur Kooperation von Schulen und eine Sammlung von Transparenzgütekriterien). Ich erzählte ihr auch ein bisschen vom Refugeecamp, wie die Piratenpartei meiner Meinung nach gerade steht und was ich am Politikbetrieb problematisch finde.

Viele vernünftige Leute haben mich gefragt: “Hast du die Zitate echt so gebracht? Sind die autorisiert?“ Ich danke für die Nachfrage. Die Antwort auf Beides ist: „Nein“.
Zitate entstehen so:
„Nehmen die Rufe nach Ihnen zu?“ „Es sind hauptsächlich Mentions auf Twitter, in letzter Zeit schon mehr“. (Daraus wurde das Zitat „Die Rufe nach mir nehmen zu.“)

Oder sie fragt: „Aber wäre es nicht das Beste für die Piraten, wenn Sie kandidieren?“ Und ich antworte kopfschüttend: „Für die Piraten mag es vielleicht das Beste sein, aber für mich? Ich weiß nicht, ob ich für den Politikbetrieb gemacht bin.“ (Daraus wurde das Zitat: „Für die Piraten ist es wohl das Beste, wenn ich kandidiere.“)

Ich möchte jetzt nicht alles einzeln zerpflücken und in seinen Kontext stellen, das soll nur transparent machen, wie so etwas entsteht.
Frau Theile hat keine Praxis, Zitate autorisieren zu lassen und darüber hinaus habe ich nur aus Gerüchten überhaupt erfahren, dass es einen Artikel geben soll. Denn sie hatte das Gespräch gar nicht aufgezeichnet, sich nur Stichwortnotizen gemacht. Ich habe daraufhin gebeten, die Zitate vorher wenigstens sehen zu können. Auch das konnte ich nach Bitten durchsetzen, allerdings ohne Möglichkeit der Einflussnahme. Und auch aus den mir zugeschickten Zitaten wurden teilweise die relevanten Satzteile rausgenommen, neu zusammengesetzt und nach Belieben in neuen Kontext gesetzt, bis ich keines davon wiedererkannte. Das wären Kleinigkeiten, die mich halt wie eine selbstverliebte, arrogante Schlampe aussehen lassen, aber davon habe nur ich den Schaden. Wer drei Sekunden nachdenkt, wird sich eh fragen, warum zur Hölle ich solche Sachen sagen sollte. Vor allem hat aber mehr als die Hälfte der Zitate gefehlt, die überaus relevant war.

Dass „Weisband ein Comeback erwägt“ ist nämlich so ziemlich das Gegenteil von dem, was gerade passiert. Der Grundtenor in dem Teil, wo es um meine Pläne geht, war nämlich, dass ich gerade äußerst skeptisch dahingehend bin. Dass ich definitiv nicht festlegt bin, und sogar zurzeit eher abgeneigt bin. Im Gespräch mit ihr habe auch viele Argumente dazu gebracht. Ebenso habe ich sehr deutlich gesagt, dass ich nicht der Ansicht bin, dass personelle Entscheidungen derzeit relevant wären. Weder bezüglich Bundesvorstands, noch bezüglich meiner Person. Dass in jeden öffentlich bekannteren Piraten gerade unglaublich viel hinein projiziert wird, unser Erfolg sich aber viel mehr am Programm entscheiden wird, und deshalb Bochum bedeutender werden wird, als alle Aufstellungsversammlungen zusammen.

Ironischer weise geht viel meiner Skepsis auf genau solche Artikel zurück. 90% aller Journalisten, mit denen ich mich getroffen habe, waren freundlich und haben sauber gearbeitet, auch wenn sie kritisch schrieben. Aber es gibt immer diese paar wenigen, denen es ums Narrativ geht. Diesen ist es egal, was ihnen gesagt wird. Sie nehmen den ganzen Kontext weg und stürzt sich auf einen Halbsatz, den man zu seinen Gunsten auslegen kann. Das heißt, ich muss extrem vorsichtig sein, was ich zu wem sage, weil ich sonst genau so abgewatscht werde. Und ich habe keinen Bock darauf. Ich habe keine Lust, inhaltsleere Phrasen zu dreschen, weil ich sonst einen auf den Deckel kriege. Und zwar von Presse, die dann nicht nachfragt und wiederum den Spiegel zitiert, und auch von meiner eigenen Partei, die dahingehend ebenfalls oft schmerzhaft unkritisch ist. Ich habe keine Lust, hinter einem willkürlichen Zerrspiegel gezeigt zu werden, ich habe keine Lust, nach jedem Interview bis zu seinem Erscheinen nicht schlafen und Angstzustände zu haben, was drin steht. Das ist nicht, was ich machen will. Das ist nicht, wozu ich ursprünglich in die Politik wollte. Ich wollte mich nicht verstellen in Gesprächen mit Menschen, auch wenn sie Journalisten sind.

Aber gut, das sind meine Probleme und ein schlechter Artikel allein wäre auch noch nicht fatal. Die Fragte ist eher, woher das starke Echo für diese Personaldebatte kommt und warum solche Artikel überhaupt eine Chance haben. Warum dreht sich alles um Köpfe?
Ich habe gesagt, dass „Themen statt Köpfe eine Utopie“ sei. Das ist auch wieder so ein Fragment aus einem längeren Gedanken. Ja, es ist eine Utopie, dass man völlig ohne bestimmte Namen, die mit verschiedenen Themen assoziiert werden, Politik machen kann. Dass zum Beispiel Bruno Kramm mit Urheberrecht assoziiert wird und darum die Presse einen Ansprechpartner hat, ist gut. Aber ich habe auch wortwörtlich gesagt, dass „Themen statt Köpfe“ trotzdem eine gute Utopie ist. Weil sich die Debatte oft abkoppelt vom eigentlich Relevanten und dann nur noch um das Universum der Köpfe geht. Und wisst ihr, wer das befeuert? Wir. Ja, die Medien schreiben drüber, aber sogar ein völlig nichtssagender Artikel wie der über mich wurde vielfach getwittert und darauf wurde verwiesen. Was ist der Inhalt dieses Artikels? Gar keiner. Trotzdem regen sich alle darüber auf. Viele über mich, so als hätte ich ihn geplant oder geschrieben. Viele nur über „die Presse“. Aber alle generieren Klicks und machen damit genau dieses Thema relevant.

Und hier sehe ich ein Kernproblem. Die Piraten lassen sich eine Debatte aufschwatzen. Es sind eigentlich nicht die Piraten, die ursprünglich orientierungslos waren ohne einigen Bundesvorstand. Es war die Presse. Es waren auch nicht die Piraten, die in mir irgendeine Art Hoffnungsträger sahen. Es war die Presse. Aber wir übernehmen das alles kritiklos und verbreiten es vielfach.

Wenn ihr mich fragen wollt, was eigentlich unser Problem ist, würde ich am ehesten Folgendes sagen: Es sind nicht die Personalien an der Spitze. Wir legen da viel zu viel Wert drauf. Wir kreisen dabei um uns selbst und um Themen, die bei näherem Nachdenken völlig irrelevant werden. Ich habe vor ein paar Tagen auf Twitter nach Strategien gefragt, wie die Piraten sich auf den Bundesparteitag vorbereiten. Wie sie die vielen, vielen Anträge vorsortieren, welche sie lesen und wie sie sie prüfen. Da habe ich zwar ein paar Antworten bekommen, aber die meisten schienen ratlos. Wir haben keine Delegierten, sondern wir stimmen selbst über Anträge ab. Das heißt, wir bürden uns eine größere Verantwortung auf. Das heißt auch, dass wir uns mit den Themen VOR dem Parteitag beschäftigen müssen. Wir brauchen zum Beispiel ein Brainstorming dazu, wie wir mit über 500 Anträgen für uns persönlich umgehen. Das ist das, wohin wir Energie investieren müssen. Ich weiß, dass Personaldebatten eben so verlockend sind, weil man nicht viel Vorwissen braucht, um sich über eine Person aufzuregen. Aber wir sind die, die den Anspruch an uns selbst umsetzen müssen. Jeder für sich. Ich weiß nicht, ob es funktioniert, oder nicht. Aber das ist die Prüfung. Ich schlage vor, wir kämpfen härter damit, uns von der Presse diktieren zu lassen, worüber wir gerade reden. Sie darf frei Bericht erstatten. Was davon wir in unsere interne Debatte aufnehmen, ist aber UNSERE Entscheidung. Und das beeinflusst wiederum die Berichterstattung. Bei Zeichen erster Gefahr nach negativen und positiven Personen zu suchen, ist ein ganz schlechter Reflex.

Ich persönlich werde weiter arbeiten und ich werde mich auch auf Bochum vorbereiten. Auf den Rest habe ich gerade keinen Bock mehr.



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