Die große Pleite



"Die große Pleite" - so beschreibt Joachim Goldberg auf http://www.wallstreet-online.de/nachricht/4693250-behavioral-finance-economics-grosse-pleite seine Reaktion auf das Buch Porter, Katherine, Ed. (2012): Broke - How Debt Bankrupts the Middle Class, Stanford University Press:
„Geahnt haben wir es wohl immer schon, wie die große Pleite des Mittelstandes in den USA zustande gekommen ist. … In diesem Band wird die Entwicklung des mittleren Familieneinkommens in den USA (vor Steuern) gezeigt, das sich während der vergangenen drei Dekaden seit 1971 inflationsbereinigt gerade einmal um 16 % erhöht hat – während der vergangenen zehn Jahre gab es sogar überhaupt keinen Einkommenszuwachs mehr. Wenn man bedenkt, dass während der gleichen Zeit (ebenfalls inflationsbereinigt) der Preis eines mittleren Einfamilienhauses von 129.000 auf 247.900 US-Dollar gestiegen ist, muss man sich schon fragen, wie sich die Leute einen solchen Wohlstand überhaupt leisten konnten.“

Die Antwort ist einfach: Sie konnten ihn sich nicht leisten. Sie haben ihn kreditiert. Das leichtfertige Kreditaufnehmen ist ihnen eingeredet worden. Und zwar von denen, die an einer vom wirklichen Leben abgekoppelten Finanzwirtschaft verdienten. Von denen, die die Gewinne dieser Blasenwirtschaft besteuern wollten. Und von denen, die das Ganze als Erfolg ihrer eigenen Politik verkaufen wollten.

Goldberg wurde „richtig schwindlig“, als er las, dass „die Stundenlöhne der Beschäftigten (außerhalb der Landwirtschaft) zwischen 1988 und 2007 praktisch nicht gestiegen sind, wohl aber deren Produktivität. … Selbst eine Beteiligung der Arbeitnehmer an nur einem Viertel ihrer Produktivität hätte immerhin zu einem Anstieg des realen mittleren Stundenlohns um 9 Prozent geführt.“

Er fragt, wie es gelingen konnte, dass sich die USA zu einer Zeit, da die meisten Amerikaner real nicht mehr Geld in der Tasche hatten, so ausschließlich auf den privaten Verbrauch als Konjunkturmaschine verlassen haben.

Auch hier ist die Antwort einfach: Solange die Blase wuchs, wollten alle partizipieren und den Erfolg für sich verbuchen. Wohl gemerkt nicht nur die Banker! Die Politiker überschlugen sich in Lobesreden über die „New Economy“ des Finanzsystems mit seinen „neuen Instrumenten“. Die Medien, die heute ach so kritisch sind, überschlugen sich im Boom der Finanzzeitschriften, die mit dem Platzen der Blase alle wieder eingingen wie ein paar Jahre zuvor die anzeigenstarken „jungen“ Börsenzeitschriften nach dem Platzen der Börsenblase ums Jahr 2000 herum.

Warum wird eigentlich nirgendwo zur Kenntnis genommen, dass die US-Banken per Gesetz gezwungen wurden, Kredite an einkommens- und vermögenslose „Benachteiligte“ zu geben? Das Obama der erfolgreichste Anwalt „gegen die Diskriminierung“ war, als es darum ging, Armen den Zugang zu Krediten „zu ermöglichen“, die sie niemals würden zurückzahlen können? Die Bankbilanzen wären an diesen Krediten bis zur Insolvenzreife geschrumpelt, wenn nicht die Scheinwerte einer „Immobilienblüte“ dies verhindert hätten.

Viel schwerer als die Kreditschulden wiegt für Goldberg – zu Recht – „der Verlust an Lebensqualität, der in Form von verlängerten Arbeitszeiten, unsicheren Arbeitsbedingungen und manchmal gar schlechter bezahlten Jobs hingenommen wurde, nur um ja nicht beim sozialen Vergleich hinten runter zu fallen. … Viel schwerer wiegt die verlorene Zeit, die man mit der Familie oder mit Freunden hätte verbringen können, die fehlende Erholung, um einem Burnout oder Herzinfarkt vorzubeugen, die im Alltagsstress zerrüttete Ehe, die zerbrochene Partnerschaft. All das kann einem niemand mehr zurückbringen. Nicht einmal dadurch, dass man denjenigen, die bei der ganzen Geschichte überproportional gewonnen haben, alles wieder abnehmen würde.“

Dieser letzte Satz verdeutlicht das Dilemma der üblichen Interpretationen. Es waren in Wirklichkeit eben nicht nur „die“ gierigen Banker. Den Politikern passte die Scheinkonjunktur prima als Instrument gegen Rezession, Stagnation und internationalen Wettbewerb durch Globalisierung. Hier ließ sich was besteuern. Den Medienunternehmen passte es prima: Da warteten „neue Märkte“ auf die journalistische und werbetechnische Begleitung. Den Bauunternehmern, die die Häuser bauten und den zuvor armen Landbesitzern, die die Grundstücke verkauften, passte der Boom, weil sie sich eine Scheibe abschneiden wollten, bevor es nur die anderen taten.

Auch die Landesbanken in Deutschland, die vor allem ihren Landesregierungen zur Rechenschaft verpflichtet waren, sollten halt auch Gewinne nachweisen, die sie im klassischen Mittelstandsgeschäft nicht erwirtschaften konnten. Also wurden sie solange dafür gelobt, dass sie höhere Gewinne mit „Derivaten“ und „neuen Instrumenten“ machten, bis die Blasen platzten.

Alle, alle machten mit. Auch die Medien und die Berater. Nur hinterher, da will keiner dabei gewesen sein. Außer den Bankern natürlich.



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