Vom Kölner Zeitungskrieg zum FR-Insolvenz. Liegt es am Internet?



CICERO http://www.cicero.de/salon/das-konstrukt-tageszeitung-ist-ueberholt/52587 fragt, ob die Insolvenz der „Frankfurter Rundschau“ den Untergang der gedruckten Zeitung in Deutschland einleitet.

Alle, alle wären sich doch einig, dass es einen Totengräber der Tageszeitung gibt: Das Internet. "Bei genauerer Betrachtung erweist sich das jedoch als falsch." schreibt Christian Jakubetz.

Die Auflagen sinken zwar seit zwei Jahrzehnten kontinuierlich. Der Untergang scheint daher unabwendbar. "Doch das ist zu einfach. Das Netz hat mit dem Niedergang der Tageszeitungen nur wenig zu tun. Bedrohlicher ist die Ignoranz in vielen Verlags-Chefetagen, deren Credo häufig immer noch ist: Weiter so!" so Jakubetz.

Der Leserschwund begann bereits in den 80er Jahren. Nach der "Wende" sorgten 17 Millionen ehemalige DDR-Bürger für eine Sonderkonjunktur, die nicht etwa das Verdienst der Tageszeitungsverlage ist, sondern die Konsequenz de Mauerfalls.

Hinzu kommt folgendes: „Das Wachstum unserer Digitalgeschäfte ist im Wesentlichen nur durch Zukäufe erreicht worden. Wirkliche Neuerungen, das muss man ganz nüchtern feststellen, hatten wir bisher nicht zu bieten.“ So deutlich urteilt Matthias Döpfner, der Vorstandschef von Springer.

Jakubetz schließt: "Die Tageszeitungsbranche legt ein merkwürdiges Verhalten an den Tag: Wie ein Alkoholiker, der die Ursache seiner Krankheit in den bösen Ärzten sieht, die ihn nicht richtig behandelt haben. Am 21. November übrigens steht bei Gruner&Jahr eine große wie wichtige Entscheidung an: Möglicherweise wird dann die „Financial Times Deutschland“ zugemacht. Was natürlich nichts mit Krise und allenfalls mit dem Internet zu tun hat."

Eigentlich ist es doch ganz einfach: Die Zeiten ändern sich, die Bedürfnisse der Menschen ändern sich, die technischen Möglichkeiten ändern sich. Jedes Produkt hat seine Hoch-Zeit. Es gibt noch immer Pferdedroschken. Aber täglich fahren wollen selbst die Pferdehofbetreiber lieber im Auto.

Bezahlte Zeitungen bleiben in Zeiten des Informationsüberhangs durch das Internet auf dem absteigenden Ast. Sonntagsblätter als Gratiszeitungen gibt es schon seit den 70er Jahren. Eine umstrittene und mittlerweile überholte Rechtsprechung aufgrund klagender etablierter Kaufzeitungsverlage untersagte es damals den Gratisblättern, sich „Zeitung“ zu nennen. Daher entstand der – ausschließlich in Deutschland gebräuchliche – Gattungsbegriff „Anzeigenblätter“ http://de.wikipedia.org/wiki/Gratiszeitung

1999 eröffnete die Schibsted-Verlagsgruppe mit der Gratis-Tageszeitung "20 Minuten" den so genannten Kölner Zeitungskampf. DuMont und Axel Springer reagierten mit der Herausgabe eigener Konkurrenz-Gratisblätter.

Nachdem sich Schibsted 2001 mit herben Verlusten vom deutschen Markt zurückzog, wurden auch die beiden Kölner Konkurrenzblätter eingestellt. Zwei Jahre später entschied der Bundesgerichtshof, dass Gratiszeitungen wettbewerbsrechtlich unbedenklich und daher im Sinne der Pressefreiheit erlaubt sind. Eine Verfassungsbeschwerde wurde zwar eingelegt, aber im Jahre 2007 vom Bundesverfassungsgericht nicht angenommen und in der Sache nicht entschieden, da sich der konkrete Anlass wegen der Einstellung der Produkte in Köln erledigt hatte.

Rechtlich steht somit eine endgültige Entscheidung über die verfassungsrechtliche Zulässigkeit von Gratiszeitungen steht weiter aus. Seit dem Kölner Zeitungskampf versuchte sich in Deutschland niemand mehr an diesem Produkl. Warum wohl? Weil die Aufmerksamkeit der Menschen begrenz ist. Im Durchschnitt kann man täglich vielleicht drei Schnitzel essen, aber nicht dreißig. Im Durchschnitt kann man drei Zeitungen lesen, aber nicht dreißig. Im Durchschnitt wird die Zeit, die moderne Menschen mit modernen Medien verbringen, von der Zeit weggehen, die sie sonst für das gedruckte Wort zur Verfügung hatten.

Hinzu kommt die Tatsache, dass Redaktionen häufig sehr teuer sind, aber meist nicht von den Aboeinnahmen bezahlt werden können, sondern von den Weerbeeinnahmen. Der Spiegel zum Beispiel hat dieses Jahr monatlich rund 10 Millionen Werbeeinnahmen gehabt http://meedia.de/print/werbemarkt-spiegel-ueberholt-stern-und-bams/2012/11/16.html. Nur mit den Erlösen aus dem Heftverkauf könnte er seine hochwertige und daher teure Redaktion und die enormen Vertriebs- und Marketingkosten nicht bezahlen.

Und auch hier kann man argumentieren wie man will: Natürlich nimmt das Internet nicht nur einen Teil der maximal 24 Stunden Lesezeit eines Menschen täglich weg, sondern auch einen Teil des Werbevolumens, das die Volkswirtschaft in Deutschland zur Verfügung hat. Die verlorene Minute ist weg. man kann sie nicht doppelt verwenden. Der ausgegebene Werbe-Euro ist weg. Man kann ihn nicht zweimal zum bezahlen nutzen.

Alle Kritiker haben Recht: Die Verlierer, in dem Falle die Frankfurter Rundschau, sind offenbar die, die beim Kampf um neue Komzepte, um neue redkationelle Formen und Inhalte und um ihre Existenzberechtigung am Markt am schlechtesten waren. Sie werden am Markt ausradiert.

Kann sein, dass nach der Insolvenz ein Neuanfang gelingt. Vorteilhaft wäre sicher, den Vorschlag von taz-Verlagsgeschäftsführer Karl-Heinz Ruch auzugreifen: "Die SPD muss da raus. Sie war ja ohnehin nur so etwas wie ein Lebensretter und stiller Gesellschafter, der jedes Jahr Millionen draufzahlte. Für den Ruf einer unabhängigen Zeitung ist das ja noch schlimmer als eine SPD, die als Gesellschafter eine anständige Rendite erzielt.“



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