Nett ist die kleine Schwester von Sch**ße



Der Unterschied zwischen nett, freundlich und höflich

Höf-lichkeit ist die Zusammenfassung von formellen Verhaltensregeln, die ursprünglich vom Hofe kamen. Da gibt es Regeln, die als historisch anzusehen sind, aber immer noch gelten. Zum Beispiel das Anstoßen der Gläser beim zuprosten. Entstanden ist das in einer Zeit, in der man als „Gast“ noch mit einem vergifteten Trunk rechnen musste, damit der Gastgeber sich die Burg, Gattin oder Ländereien des plötzlich Verblichenen unter den Nagel reißen oder eine Erbfolge neu regeln konnte. Zu der Zeit wurde so heftig angestoßen, dass das Getränk hinüber und herüber schwappte – um sicher sein zu können, dass kein Gift im Trank war, denn sonst wäre der Gastgeber ja auch gestorben. Daher kommt übrigens die auch heute noch manchmal gehörte Regel, nur mit gleichen Getränken anzustoßen. Früher war das klar, hätte eine schöne Sauerei gegeben, heute wäre es problemlos möglich. Nostalgie ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.
Andererseits gibt es Höflichkeitsregeln, die nach wie vor ihre Berechtigung haben – beispielsweise den Intimkreis eines Menschen, den wir noch nicht gut kennen, zu respektieren. Sonst laufen wir leicht Gefahr, negative Gefühle beim anderen auszulösen. In unserer Kultur beträgt der Intimkreis etwa die Armlänge des Größeren plus Messerklinge.
Freundlich in Abgrenzung zu nett – stellen Sie sich bitte dazu folgende Situation vor: Wir gehen mit einem guten Bekannten oder Freund etwas Essen und Trinken. Es war ein angenehmes Treffen, es geht an’s bezahlen, unser Freund hat seine Geldbörse nicht dabei.
Kein Problem, wir mögen ihn, wir laden ihn ein oder legen das Geld aus. 3 Wochen später die gleiche Situation – wieder haben wir gut gespeist und getrunken, unser Freund oder guter Bekannter hat kein Geld dabei und es gab in der Zwischenzeit auch keine Gegeneinladung, resp. wir haben das ausgelegte Geld noch nicht zurück. Was jetzt? Auf Grund unserer freundschaftlichen Beziehung werden wir freundlicher Weise ein weiteres Mal einladen oder auslegen. Allerdings nicht, ohne dem anderen etwas in der Art zu sagen, „das nächste Mal bitte dran denken“ oder „bitte nicht wieder“, das Ganze verbunden mit einem Lächeln und ggf. einer nochmaligen Erinnerung bei der nächsten Verabredung. Das war freundlich. Wenn wir nett sind, werden wir i.d.R. auch zahlen oder auslegen, allerdings ohne etwas zu sagen, werden uns über den anderen ärgern (schon wieder, usw.) und uns selbst bedauern, wie gutmütig wir doch sind. Aushelfen, sich selber dabei ärgern aber nichts sagen – jetzt sind wir nett. Mit der Konsequenz, dass wir vielleicht bei dem nächsten Verabredungsversuch unseres Bekannten eine Ausrede erfinden, warum wir nicht können – nur um nicht wieder in eine solch unangenehme Situation zu geraten.
Freundlich bedeutet, wir verhalten uns wie ein Freund, sind positiv, hilfsbereit und wertschätzend, sagen aber auch klar, was uns nicht gefällt, wo unsere Grenzen sind und zu was wir nicht (mehr) bereit sind. Nett kommt wortgeschichtlich von glatt, glänzend (Quelle: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache) ist auch positiv, hilfsbereit und wertschätzend, allerdings ohne Störendes oder Negatives anzusprechen, Grenzen zu ziehen oder Nein zu sagen. siehe auch: Negatives ansprechen, Grenzen ziehen, Nein-sagen

Nettigkeit 1

Nettigkeit qualifiziert Menschen in hohem Maße dazu, ausgenutzt zu werden und dabei auch noch Schuldgefühle zu entwickeln, weil sich viele zwar auch über die Ausnutzung, im Grunde genommen aber noch mehr über sich selbst ärgern. Darüber, dass sie es nicht fertig bringen, klar „Nein“ dazu zu sagen. Mit fatalen Konsequenzen – ein Partner, eine Führungskraft, ein Verkäufer oder auch ein Mitarbeiter, welche aus lauter Nettigkeit zu lange ihren Ärger in sich hineinfressen, erreichen irgendwann den Punkt, an dem sie explodieren. Oder implodieren.
Explosion führt dann zu Aussagen wie: „Der ist ja cholerisch, die ist ja hysterisch“, oder ähnliches. Dabei war der Auslöser der durch zu lang andauernde Nettigkeit aufgestaute Ärger. Implosionen äußern sich z.B. durch nervöse Zuckungen, Hörstürze, Kopfschmerzen, Magen-, Verdauungs-, Bluthochdruck, den immer häufigeren „Burnout“ oder im schlimmsten Fall durch einen Herzinfarkt. Hier sind auch viele Menschen im Vertrieb gefährdet, hier gibt es seit kurzem den Begriff des „Soldout“ dafür. Es gibt leider Menschen, die leben, als hätten sie mehrere davon. Eines sollte allerdings jedem klar sein: Wir leben nicht zur Probe. Ich habe nichts gegen Höflichkeit und Freundlichkeit – das ist jedoch etwas völlig anderes und trägt im Gegensatz zur Nettigkeit wesentlich zur persönlichen Gesundheit bei.

Bin ich „nett“?

Ich habe nie richtig angefangen und nie richtig aufgehört, nett zu sein. Mir wurde sehr früh klar, dass „nett“ eine Einladung an alle anderen ist und, in der Wahrnehmung einiger Menschen, sogar eine Aufforderung, den „netten Menschen“ auszunutzen. Mir fiel es Anfangs schwer, die Grenze zu ziehen – wo hört Freundlichkeit auf und wo fängt Nettigkeit an. Auch heute noch gibt es Rückfälle und Zweifelsfälle. Ich bin nicht der brennende Busch und einiges davon entfernt, zu hundert Prozent konsequent zu sein. Aber mit jedem Zuwachs an Konsequenz wird das Leben klarer, einfacher und erfreulicher für alle Beteiligten – zumindest mittel- und langfristig, kurzfristig sieht es das manchmal anders aus.
Kürzlich hatte ich wieder so einen Anwendungsfall – ein Trainingsteilnehmer interessierte sich für ein persönliches Coaching bei mir. Wir haben nach dem Training gesprochen, kurz danach länger telefoniert, ich sandte ihm noch unterstützende Unterlagen zu, bot ihm an, bei Fragen noch mal zu telefonieren und verabredete ein Treffen für vormittags 11 Uhr. Eine Stunde vor dem Termin rief er an, er führe jetzt los. Ich dachte mir, er müsste wissen, wie lange er zu unserem Treffpunkt braucht und sagte, okay, ich freue mich. Ich bereitete mich eine halbe Stunde vor, machte mich zeitig auf den Weg und war 10 Minuten vor der Zeit am Treffpunkt. Drei Minuten vor 11 Uhr rief er wieder an, sagte, er würde sich um 15 bis 20 Minuten verspäten. Es wurde 11 Uhr 15, es wurde 11 Uhr 20, Ärger kroch in mir hoch. Um 11 Uhr 30 ging ich zurück ins Büro. Um 11 Uhr 45 klingelte mein Mobiltelefon, der Teilnehmer war dran und fragte, wo ich denn sei, er wäre jetzt da. Was hätten Sie getan? Weiter gewartet? Oder gegangen und den Termin dann doch noch wahrgenommen? Mit Ärger im Bauch? Wie hätte sich der Termin wohl entwickelt?
Ich sagte ihm, dass ich gerne vorinvestiert habe, aber nun meine positive Energie, weiter in eine mögliche Geschäftsbeziehung zu investieren, aufgebraucht sei. Es täte mir persönlich leid, doch nun wäre für mich der Zeitpunkt gekommen, „stop lose“ zu ziehen. Er hörte sich etwas irritiert und betrübt an, doch wir haben die Zusammenarbeit beendet, bevor sie richtig begonnen hat. So ist das im Vertrieb – manchmal erhöht ein „Ja“ den Umsatz und ein „Nein“ den Gewinn. Ich bin auf Grund früherer Erfahrungen überzeugt, dass eine Geschäftsbeziehung, die mit einer eklatanten Unzuverlässigkeit beginnt, mehr Nerven und Zeit kostet, als sie an Ertrag bringt.

Negatives ansprechen, Grenzen ziehen, Nein-sagen

Ich sehe vor allem zwei Gründe, warum es vielen schwer fällt Negatives anzusprechen, Grenzen zu ziehen, „Nein“ zu sagen. Erstens ist da der Wunsch gemocht zu werden und die Angst, abgelehnt zu werden, wenn wir Nein-sagen, Grenzen ziehen. Zweitens lernen viele nicht, wie sie das praktisch und sozialadäquat umsetzen können, selbst wenn sie es im Einzelfall tun wollten.
Der Grundstein dafür, dass Menschen zu nett sind, wird häufig schon in der Erziehung gelegt. Vielleicht kennen Sie diesen kurzen Dialog: Therapeut – „Hatten Sie eine Kindheit?“ Klient – „Ja.“ Therapeut (schüttelt den Kopf und zieht die Augenbrauen zusammen) -“Ohhhh … „
Ein häufiges Muster von Eltern war, ihre Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit für den Nachwuchs zu koppeln an deren Wohlverhalten. Motto: Geh auf Dein Zimmer und komm erst zurück, wenn Du wieder lieb sein willst. Das Kind lernt: Wenn ich das tue, was meine Eltern von mir erwarten, haben sie mich lieb. Wenn ich es in besonderem Maße erfülle, kann ich mir der Zuneigung, resp. Liebe sicher sein. Das ist auch der Antrieb vieler Perfektionisten. Alles so gut wie möglich machen, statt nur so gut wie nötig, sichert die Zuneigung anderer, wenn auch mit einem fast unanständigen, oft selbstausbeuterischem Aufwand. Da wurden einige Generationen von angepassten, geräuscharmen und staubfreien Menschen produziert.
Der zweite Grund – fehlende Erfahrung, sozialadäquat Nein zu sagen, Kritik zu äußern, Erwartungen an andere zu formulieren.
Ich bin überzeugt, dass die jetzt heranwachsende Generation völlig anders geprägt ist. Bei vielen Eltern stehen die Kinder heute derart im Mittelpunkt, dass die Kinder eher die Eltern nach ihren Bedürfnissen „abrichten“ als das sie erzogen werden. Wir werden es in Zukunft eher damit zu tun haben, mit überzogener Egozentrik und genauso maßlosen wie gegenleistungsfreien Erwartungshaltungen des Nachwuchses zu Recht zu kommen. Für die hoffentlich reifere Generation bedeutet das allerdings wieder, Nein zu sagen, sich abzugrenzen, Erwartungen zu kommunizieren, damit sie nicht ausgenutzt werden. Tja, Nostalgie ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Obwohl ich schon manchen sagen höre: Was waren das noch für Zeiten, als die Gewalt in der Schule von den Lehrern ausging.

Ausnutzung vs. Hilfsbereitschaft

Solange wir etwas gerne tun, ist es kein Problem – freundlich zu sein bedeutet ja auch, hilfsbereit, tolerant und für andere da zu sein. Die Grenze ist dort, wo das Geben nicht mehr gerne getan wird, wo es aufhört, Spaß zu machen, wo wir uns ausgenutzt fühlen.
Hier ein fast alltägliches Beispiel – eine Freundin/ein guter Bekannter ruft regelmäßig an oder kommt vorbei, wenn sie/er Sorgen oder Probleme hat, um mit uns darüber zu reden. So mancher Abend wird dort gebraucht. Völlig okay. Dafür sind Freunde oder gute Bekannte da. Wenn jetzt aber das Thema (oder die Dramen) immer wieder die selbe Struktur haben und dauerhaft keine Entwicklung zu sehen ist, bekommen wir oft das Gefühl, dass uns Zeit gestohlen wird, so mancher Abend „ver-braucht“ wird, den wir für uns selbst, unsere Beziehung oder andere Interessen besser hätten brauchen können. Oder es entsteht sogar die Situation, dass wir mal jemanden zum zuhören brauchen oder uns einen Rat wünschen und grade diese(r) andere „kann grad nicht“, weil er oder Sie „Wichtigeres“ zu tun hat. Oder nehmen Sie einfache Gefälligkeiten – wir fahren unsere „Freunde“ jahrelang jedes Jahr zweimal hin und zurück zum und vom Flughafen, damit diese das Geld im Urlaub ausgeben können und nicht für Taxi oder Parkgebühren. Wenn wir dann aber mal jemanden brauchen könnten, „können“ grade alle nicht. Wenn’s dumm läuft, haben wir am Ende noch ein schlechtes Gewissen, weil der andere in uns durch sein Verhalten das Gefühl weckt, dass das schon fast eine unverschämte Bitte war. Solche Interaktionsmuster lassen sich auch in Arbeitssituationen mit Kollegen, Beziehungssituationen mit dem Partner oder Alltagssituationen mit den Kindern beobachten. Immer wenn wir an den Punkt kommen, wo wir uns andauernd „über-fordert“ fühlen, sollten wir stopp sagen.
Für jeden Einzelnen ist dieses Gefühl, ausgenutzt zu werden, ein verlässlicher Anzeiger. Absolut kann das nicht gelten, denn die Grenzen sind individuell. Das Gefühl, ausgenutzt zu werden, entsteht ja aus der Differenz zwischen unseren Erwartungen und der aktuellen Situation, wobei wir uns dieser Erwartungen oft gar nicht bewusst sind. Selbst wenn wir uns unserer Erwartungen bewusst sind, sind diese häufig unkonkret, selbst wenn sie konkret sind, haben wir sie häufig nicht mitgeteilt. Da die meisten unserer Mitmenschen ganz schlechte Gedankenleser sind, werden unsere Erwartungen dann häufiger enttäuscht. Die Er-wart-ungen in Beziehungen aller Art sind ja ein „warten“ auf ein bestimmtes Tun oder Unterlassen. Kaum ein Mensch käme auf die verwegene Idee, einfach an einem Sonntagmorgen um 7 Uhr früh auf jemanden zu warten, ohne mit dem anderen eine Vereinbarung zu treffen und ihm einen Anreiz zu geben, diese Vereinbarung einzuhalten. In Beziehungen und gemeinsamen Aktivitäten ist das eher der Normalfall – wir leben zusammen, arbeiten zusammen, fahren gemeinsam in Urlaub usw. ohne über unsere konkreten Erwartungen zu sprechen, Nutzen zu bieten und Vereinbarungen zu treffen – und werden deswegen oft ent-täuscht.

Ent-täuschungen

Obwohl die Ent-täusch-ung ja nicht nur negative Bedeutungsinhalte hat – wenn wir jetzt ent-täuscht sind, waren wir (oder haben wir uns) vorher ge-täuscht. Nachher sind wir also von einer Täuschung befreit.
Wenn wir dem anderen eine Vereinbarung im Bezug auf unsere Erwartungen anbieten, gibt es ja nur zwei Möglichkeiten – er sagt „JA“ zu dieser Vereinbarung, diese wird dann oft eingehalten, wir haben mehr Spaß und mehr Erfolg. Oder er sagt „Nein“ dazu, dann können wir uns überlegen, ob wir überhaupt mit dieser Person eine gemeinsame Aktivität (Kundenbeziehung, Urlaub, Projekt, Zusammenleben) haben wollen. Bezieht sich die angebotene Vereinbarung auf unsere Prinzipien, sollten wir auch „Nein“ sagen dürfen und können. Resultat für uns ist dann wiederrum – mehr Spaß und mehr Erfolg, weil wir nur mit Menschen kooperieren, die unsere Erwartungen auch erfüllen wollen. Wir verlieren keine Zeit und keine Nerven mit völlig anders gestrickten Menschen, die uns dauerhaft nicht gut tun. Obwohl ich natürlich an dieser Stelle auch festhalten möchte, dass es Beziehungen gibt, die nur deshalb so gut funktionieren, weil sich die Neurosen perfekt ergänzen.

Er-wart-ungen

Wir sollten damit beginnen, uns unsere Erwartungen an andere bewusst machen und konkretisieren – und uns auch überlegen, was wir bereit sind zu investieren, damit diese Erwartungen erfüllt werden. Das sollte in jeder Partnerschaft und bei länger andauernden Aktivitäten geschehen, gleich oder es um die Erwartungen des Vorgesetzten sowie Mitarbeiters an die Arbeitsbeziehung, des Beraters sowie des Kunden an eine Zusammenarbeit oder die Erwartungen von Paaren an das Zusammenleben betrifft. Ein Gespräch über unsere Erwartungen an gemeinsame Aktivitäten können wir auch mit unseren Freunden, Vereinskameraden, Handwerkern oder Ärzten führen.

Dazu ein Beispiel: Ich habe nach meinem letzten Umzug eine ganze Weile einen neuen Hausarzt gesucht. Abgesehen vom persönlichen Gefühl, ob ich Vertrauen zu diesem Menschen haben kann, führte ich mit jedem meiner Hausarzt-AnwärterInnen ein Erwartungsgespräch. Ihre Bereitschaft, „Ja“ zu diesen Erwartungen zu sagen, war genauso Entscheidungskriterium für mich, wie der Punkt Vertrauen. Meine Erwartungen waren erstens, dass feste Termine gemacht werden, von denen nur in Notfällen in der Praxis abgewichen werden sollte, da ich kein Interesse daran habe, stundenlang in Arztpraxen rumzusitzen. Sie wissen, ich bin selbstständig und Zeit ist Geld. Die Selbstständigkeit war auch der Auslöser für meine zweite Erwartung: ich sage dem Arzt, wann ich krank sein „kann“ und wann ich arbeiten will und er sollte seine Therapie darum herum planen und ansonsten nach Möglichkeit dafür Sorge tragen, dass ich arbeitsfähig bin. Die dritte Erwartung war speziell und individuell: Über Symptome oder Werte, Diagnosen und gezielte Behandlungsvorschläge mit den wichtigsten Chancen und Risiken hinaus wollte ich nichts vom Arzt wissen. Ich hasse es, mich über Krankheiten und die ganze Palette von möglichen Risiken und Nebenwirkungen zu unterhalten. Der vierte Arzt, den ich konsultierte, war bereit, diesen Deal mit mir zu machen. Mittlerweile ist er seit 15 Jahren mein Hausarzt und ich bin sehr zufrieden damit, wie „kundenorientiert“ ich bei ihm behandelt werde. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt mit einem vertretbaren Aufwand keinen Hausarzt gefunden, der sich auf meine Erwartungen einlässt, hätte ich diese wohl oder übel herunterschrauben müssen.
Wenn wir niemanden finden, der mit uns eine Übereinkunft zu unseren Erwartungen treffen will, dann ist sie wohl unrealistisch. Noch ein Wort zu unrealistischen, überzogenen Erwartungen. Ich persönlich bin überzeugt, dass der größte Teil der Unzufriedenheit in Arbeits- oder auch privaten Beziehungen von überzogenen Erwartungen ausgelöst wird. Beispielsweise die Erwartungen an den oder die PartnerIn. Manche/r erwartet, dass ein Mensch in der Lage ist, alle Bedürfnisse des anderen zu 100% abzudecken. Das kann nach meiner Erfahrung nur schief gehen. In jeder Beziehung gilt es, auch mit den Eigenheiten, Schwächen und einfach mit dem „anders sein“ des Partners umzugehen und seine nicht vom Partner abgedeckten Bedürfnisse bei seinem Hobby, den Freunden oder im Job auszuleben und völlig überzogene Erwartungen herunterzuschrauben. Ähnliches gilt für die Arbeit. Welcher Job oder welcher Chef sollte es schaffen, sämtliche Anforderungen zu erfüllen? Laut einer Umfrage sind rund 90% der Arbeitnehmer unzufrieden mit ihrem Job und den Rahmenbedingungen wie Chef, Gehalt, Entscheidungsspielräume, etc. Wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, eine neue Stelle zu finden, bei der alle meine Anforderungen erfüllt werden? Sogar ein Selbstständiger hat seinen Chef – seine Kunden.
Das soll natürlich nicht bedeuten, dass wir berechtigte Ansprüche und die Erwartungen an einen menschenwürdigen Arbeitsplatz , eine ausreichende Bezahlung und eine respektvolle Behandlung aufgeben sollten. Allerdings soll es die Leser auffordern, bei Unzufriedenheit auch die eigenen Erwartungen, Wünsche und Ansprüche zu hinterfragen.
Zufriedenheit ist das Resultat der Deckung von Soll und Ist, Wünschen, Ansprüchen zu den Resultaten und Situationen, die wir erleben. Sind unsere Erwartungen unrealistisch hoch, ist die zwangsläufige Folge die Unzufriedenheit.
Angenommen, Sie leben in einer Partnerschaft, sind in einer Vorgesetzten – Mitarbeiterbeziehung oder arbeiten mit einem Kollegen an einem Projekt.
Welche Erwartungen sind wichtig und nach meiner Erfahrung auch realistisch?
Nun, zuerst wäre da mal die Verbindlichkeit von Zusagen und Vereinbarungen, dann die Offenheit des Partners im Bezug auf Lob, Anerkennung und Kritik und zwar sowohl als der Gelobte, Anerkennende oder Kritiker, wie auch als derjenige, der gelobt, anerkannt oder kritisiert wird.
Offenheit ist für mich die Voraussetzung für jegliche partnerschaftliche Entwicklung und welchen Sinn sollte jede Form der Kooperation haben, wenn wir uns nicht darauf verlassen können, dass der andere tut was ihm möglich ist, um Vereinbarungen einzuhalten und, falls absehbar ist, dass er sie auf Grund von unerwarteten, nicht abwendbaren Faktoren nicht einhalten kann, uns so früh wie möglich informiert. Ver-bind-lichkeit ist übrigens ein sehr interessantes Wort. Wir können uns beispielsweise vorstellen, mit einem anderen im Wortsinne ver-bunden zu sein, z.B. durch ein Seil, das um das Fußgelenk der beiden Partner gebunden ist. Es gibt nur eine Möglichkeit, dass die beiden sich nicht bei jedem Schritt behindern oder gar von den Beinen reißen – eine vorherige Absprache über Ziel, Richtung, Rahmen, Kommunikationsnotwendigkeiten und gemeinsames Vorgehen.
Um im Bild zu bleiben, wenn die Leine zu kurz ist, wird jede Bewegungsfreiheit und Eigeninitiative eingeschränkt. Wir haben den anderen sehr unter Kontrolle, aber es ist ein ständiges Zerren und Ziehen. Wenn die Leine lang ist, kommt es um so mehr auf Zuverlässigkeit und Offenheit an, weil daraus Vertrauen erwachsen kann. Eine Leine kann sogar zu lang sein, so dass gar keine wirkliche Verbindung mehr besteht, die Wege sich kaum kreuzen und da wo dies dann doch geschieht, die Leine zur Stolperfalle wird.

Erwartungen und Kompromisse

Unsere Erwartungen können generell in drei Kategorien eingeteilt werden –
nice to – Wünsche, die sozusagen die Sahne auf dem Kuchen wären.
Da können wir immer verhandeln oder sogar verzichten
wish to – Wünsche, die uns ein Anliegen sind, aber nicht unabdingbar.
Hier gibt es Verhandlungsspielraum oder
need to – Erwartungen, die für uns Prinzipien oder Mindestanforderungen darstellen,
entweder so oder nicht.
Wenn wir bei unseren Prinzipien Kompromisse eingehen, verlieren wir uns selbst. Das Selbstwertgefühl leidet, wir verbiegen unsere Identität.
Neben dem Punkt, dass wir uns zunehmend unwohl fühlen, weil wir uns immer weiter von uns selbst entfernen, hat dies auch für unsere Beziehungen oft fatale Folgen. Das, was den anderen am Anfang angezogen hat, uns in seinen Augen interessant gemacht hat, geht verloren. Der Preis der Anpassung ist dann der Verlust der Identität und damit einhergehend der Attraktivität. Die extreme, kritik- und konfliktlose, fast zwanghafte Anpassung an den Partner fällt unter das Stichwort „Harmoniesucht“. Zurück bleibt dann ein entkerntes Etwas, das meist längere Zeit braucht, um auf dem „Markt“ überhaupt wieder interessant für potentielle Partner zu sein. Wenn überhaupt. Manche wechseln ja gleich vom Zustand „unreif“ in „matschig“ und überspringen die dazwischen liegende Reifephase komplett.
Wir haben, so denke ich und hier befinde ich mich im Gegensatz zu der darüber häufig geführten Diskussion, keinen Mangel an Werten und Prinzipien, aber einen beklagenswerten Mangel an konsequent gelebten Werten und Prinzipien. Bei allem Wünschenswerten ist das Eingehen von Kompromissen kein Problem. Das ist es jedoch bei Prinzipien und Werten, Mindestanforderungen und Grundbedürfnissen.
Zusätzlich möchte ich an dieser Stelle gerne noch über das, meiner Ansicht nach völlig unberechtigte, gute Image des Kompromisses sprechen. Das abendländische Ideal nach Hegel ist ja „These, Antithese, Synthese“ – praktisch kommt häufig „These, Antithese, Prothese“ heraus – der kleinste gemeinsame Nenner, auf dem alle noch gerade eben humpeln können – die s.g. „Zwei-Verlierer-Lösungen“. Der Kompromiss ist oft nur der kleinste gemeinsame Nenner – keiner erhält wirklich das, was er will. Lieber als der Kompromiss ist mir der Konsens als Zwei-Gewinner-Lösung, der allerdings zugegebenermaßen nicht immer realisierbar ist.
Als Beispiel können wir das oft vollkommen unterschiedliche Bedürfnis nach Selbstständigkeit und kontrollierter Abhängigkeit, Distanz und Nähe nehmen und zwar sowohl in privaten als auch beruflichen Beziehungen. Wenn die Bedürfnisse der Beteiligten in dieser Hinsicht sehr weit auseinander liegen, sollten aus meiner Sicht nicht vorrangig Kompromisse gesucht werden, also Aufteilungen von Zeit und Freiräumen verhandelt werden, sondern möglichst ein Konsens hergestellt werden. Dieser Konsens könnte zum Beispiel darauf zielen, dass die Selbst- und Eigenständigkeit beider Partner durch Stärkung des Selbstwertgefühls und Selbstvertrauens auch als „Paar“ erhalten bleibt und es gezielte Entwicklungs- und Fördermaßnahmen gibt, dies auch für den anderen praktikabel und akzeptabel zu machen. Ist das nicht möglich, kann der Versuch eines Kompromisses gemacht werden. Bleibt das schlechte Gefühl dann immer noch, sollte ernsthaft eine Trennung in Betracht gezogen werden, um sich gegenseitig nicht noch mehr Lebenszeit und -freude zu klauen. Tun wir das trotzdem nicht, kommt es in vielen Beziehungen zum Phänomen der „inneren Kündigung“. Offiziell noch zusammen, es gibt aber kaum noch Interesse am anderen, kaum noch etwas zu sagen oder gar gemeinsame Ziele. Da stellt sich dann für beide nur noch die Frage: Gibt es ein Leben vor dem Tod?




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