Wesentlich ist, authentisch zu leben – eine Autobiografie



Wenn ich zum Jahreswechsel 2012/13 in den Rückspiegel des Lebens schaue, dann würde ich mir wünschen, dass mein Spiegelbild zu mir sagt: „Jörg, Du lebtest und lebst authentisch. Trotz zweier höchst unterschiedlicher Gesellschaftssysteme, die Dein Leben erheblich beeinflusst haben, hast Du Dein eigenes Ich unverfälscht bewahrt. Mit dieser starken Eigenprägung bist Du einen Weg gegangen, der steinig und uneben war. Dennoch – oder gerade deshalb – erzieltest Du in beiden Systemen beachtliche berufliche Erfolge. Gleichwohl musstest Du lernen, mit persönlichen Niederlagen umzugehen.“

Gebrandmarkt: „Schwer erziehbar“. Eingewiesen: Kinderheim. Schulabschluss: 8. Klasse

Als einziger Sohn meiner allein erziehenden Mutter, Annemarie Schumann, Beruf Stenotypistin, wurde ich am 10. Oktober 1938 in Leipzig geboren. Die Kriegs- und Nachkriegszeit prägten meine Kindheit. Der Hunger war mein ständiger Begleiter. Und so war es nicht verwunderlich, dass nichts Essbares vor mir sicher war: Ich stahl Obst aus Nachbars Garten und entwendete einen Kuchen, der – verführerisch duftend in einem Paket verpackt – von mir für eine Hausbewohnerin zur Post gebracht werden sollte. Die Strafe war krass: Im Alter von zehn Jahren (1948) wurde ich in ein kirchliches Heim für „schwer erziehbare“ Kinder in Zwenkau bei Leipzig eingewiesen. Prügel und Essenentzug durch die „Tanten“ –, allen voran die Leiterin, „Tante“ Bertha, gehörten zu meinem Alltag. Wer nicht spurte, bekam Schläge – und das im Namen Gottes! Doch eines Tages war das Maß voll! Die Älteren von uns „Heimkindern“ rebellierten und traten in einen Hungerstreik. Das erregte Aufsehen! Und auf einmal interessierte sich die lokale Öffentlichkeit für die desaströsen Verhältnisse mit dem Ergebnis, dass es im Heim zu einem „Systemwechsel“ kam: Die kirchlichen „Tanten“ mussten gehen – Gott sei Dank! Die sozialistischen „Erzieher“ kamen. Unter ihrer Regie schloss ich 1952 die Grundschule (8. Klasse) mit einem Notendurchschnitt von 1,7 ab. Damit endeten sowohl meine Schulzeit als auch meine vierjährige Heimerziehung. Die Erinnerung daran ist tief verwurzelt: So trage ich ein Bild in mir, das meinen täglichen Kampf um die nackte Existenz verdeutlicht. Vergeblich jedoch suche ich nach einem Bild, das an ein „Zuhause“ – an Familie, Geborgenheit, Zuwendung und Liebe – erinnert. Für ein solches Bild hat sich wohl in meiner Kindheit kein geeigneter Maler gefunden.

Gelernt: Schriftsetzer, Habitus: „Halbstarker“, Angestrebt: Selbstverteidigungsfähigkeit

Was nun anfangen mit einem, der u. a. in Deutsch eine „Eins“ und in Mathe eine „Drei“ auf dem Zeugnis der 8. Klasse zu stehen hat? Diese Frage mussten meine Mutter und ich beantworten. Ein Weg war mir versperrt: Oberschule und Abitur kamen nicht in Frage, da mein Notendurchschnitt nicht ausreichend war und meine Mutter der Klasse „Angestellte“ zugeordnet wurde. Arbeiterkinder hatten derzeit Priorität – neben der Intelligenz. Und so erlernte ich einen Beruf (1952 – 1955), in dem ich meine Deutschkenntnisse verwerten konnte: Ich wurde Schriftsetzer und arbeitete fünf Jahre lang als Facharbeiter im VEB Grafische Werkstätten in Leipzig (1955 – 1960).
In meinem Freundeskreis war es derzeit üblich, sich an westlichen Idolen zu orientieren, z. B. an James Dean. Und so trugen wir unisono Bluejeans und Lederjacken, die wir in Westberlin kauften, immer begleitet von der Angst, auf der Rückfahrt im Zug von der „filzenden“ DDR-Transportpolizei erwischt zu werden. Klar, dass wir in Westberlin auch ins Kino gingen. „Die Brücke am Kwai“ – das war so ein Renner. Klar auch, dass wir sonntags – bei jedem Wetter – die Hitparade von Radio Luxemburg mit dem legendären Camillo Felgen verfolgten. Klar ferner, dass wir uns am Verhalten der „Halbstarken“ orientierten (Kultfilm: „Die Halbstarken“), besonders an deren aggressiven Gruppenverhalten. Prügeleien waren oft unvermeidlich. In diesem Zusammenhang lernte ich einen Judotrainer, Herbert Pollack, einen ehemaligen Fallschirmjäger der Wehrmacht, kennen. Mit Stolz berichtete er davon, dass er in der Nachkriegszeit einen randalierenden Russen mit einem Fußwurf „weggefegt“ hatte. Das war doch was! Und so ging ich zu Herbert zum Training. „Wenn schon Sport, dann einen, der meine Selbstverteidigungsfähigkeit erhöht“ – so meine Devise.
Und so startete ich 1956 mit 18 Jahren und einem Körpergewicht von 55 kg – ich war klein, dünn und so mancher schlug mir ungebeten auf den Kopf – meine ersten Judo-Wettkämpfe. Zugegeben: Ich kam im Sport nie groß heraus. Doch irgendwie blieb ich dran. So legte ich mit 42 Jahren die Prüfung zum 1. Kyu im Judo ab. Im Alter von 48 Jahren begann ich mit Karate. Diese Sportart betrieb ich bis zum 63. Lebensjahr (3. Kyu 2001). Im Jahre 2002 begann ich mit Wing Tsun, einer Kampfkunst mit chinesischen Wurzeln. Nach 7jähriger EBMAS-Mitgliedschaft in Leipzig wechselte ich den Verein und trainiere heute (noch) in der WT Kampfkunstschule Halle e. V. unter Sifu Peter Köcher. Die Prüfung zum „Techniker“ (1. TG) bestand ich im September 2012 – etwa 6 Wochen vor meinen 74. Geburtstag.

Gedient: NVA. Strafversetzt: s. Stasi-Akte. Studiert: Polygrafie. Start bei Robotron

Vielleicht hätte ich ein ganzes Berufsleben lang „geschriftsetzert“. Galt es doch in den 1950er Jahren als völlig normal, einen Beruf zu haben – und Schriftsetzer war ein attraktiver Beruf – und diesen ein Leben lang auszuführen. Gedanken daran, mich beruflich weiterzuentwickeln, kamen mir in meiner 5jährigen Facharbeiterzeit nicht. Dazu bedurfte es eines externen Anstoßes: Mein damaliger Abteilungsleiter beförderte bei mir den Gedanken, „über den Tellerrand“ zu schauen und ein Studium der Polygrafie ins Auge zu fassen. Das war die Initialzündung für meine berufliche Weiterentwicklung – mein Ehrgeiz war geweckt! Und so bewarb ich mich bei der Ingenieurschule für Polygrafie in Leipzig –, musste jedoch eine Hürde nehmen: Studieren konnte ich nur, wenn ich mich vorher für zwei Jahre zum „freiwilligen Ehrendienst“ in der Nationalen Volksarmee (NVA) verpflichte. Das tat ich und leistete in den Jahren 1960 bis 1962 meinen aktiven Wehrdienst.
Ich war derzeit verlobt. Meine künftige Frau (Heirat 1961) war schwanger und in nicht allzu guter gesundheitlicher Verfassung. In dieser Situation wurde ich im Zusammenhang mit den Maßnahmen zur Errichtung des „antifaschistischen Schutzwalls“ (Mauer, 1961) aufgefordert, eine Verpflichtung zu unterschreiben, in der es hieß, „solange zu dienen, wie es Partei und Regierung für erforderlich halten“. Dieser Verpflichtung verweigerte ich meine Unterschrift, da ich im vorgesehenen Zeitrahmen heiraten und eine Familie gründen wollte. Prompt erfolgte meine Strafversetzung vom Standort Potsdam (Schriftsetzer im Divisionsstab) nach Brandenburg/Havel (Kradfahrer in einem Regiment). Dazu legte die Stasi eine Akte an (MfS AP 22636/62). Bei ihrer Einsicht entdeckte ich einen Operativplan, dessen Umsetzung der „negativen Einstellung des Sch.“ (Schumann) und dessen „politischer Unzuverlässigkeit“ entgegen wirken sollte. Trotz dessen wurde ich im Mai 1962 fristgemäß als Gefreiter „in Ehren“ aus dem Wehrdienst entlassen. Anschließend besuchte ich einen zweimonatigen Intensivlehrgang, mit dessen Abschluss ich die Fachschulreife erlangte.
In den Jahren 1962 bis 1965 studierte ich Polygrafie in Leipzig und schloss das Studium als „Ingenieur für Polygrafie“ mit dem Prädikat „Gut“ ab. Die folgende Arbeitsaufgabe als „Assistent des Hauptmechanikers“ im VEB Interdruck – meinem „Delegierungsbetrieb“ zum Studium – befriedigte mich nicht. Und so suchte ich in Eigenregie eine herausfordernde Tätigkeit. Die boomende Elektronische Datenverarbeitung (EDV) interessierte mich. Und so bewarb ich mich beim damaligen VEB Bürotechnik¬ – einem Vorgängerbetrieb des Kombinats Robotron – und wurde 1966 als Mitarbeiter („Lehrkraft für EDV-Organisation und Programmierung“) am firmeneigenen Schulungszentrum in Leipzig eingestellt.


(Fern)Studiert: Betriebswirtschaft. Gescheitert: 1. Ehe. Pragmatisch: SED-Mitgliedschaft

Zwar hatte ich nun einen Ingenieur-Abschluss und einen herausfordernden Job. Doch schnell erkannte ich, dass ich die neuen Arbeitsaufgaben nur erfüllen konnte, wenn ich mein betriebsorganisatorisches Know-how deutlich erweitere. Und so absolvierte ich – parallel zur Tätigkeit bei Robotron – ein sechsjähriges Fernstudium der Betriebswirtschaft an der TU Dresden (1966 – 1972), das ich als „Diplom-Ingenieurökonom“ (Dipl.-Ing.-Ök.) mit dem Prädikat „Gut“ abschloss. Für meine Diplomarbeit „Zur Organisation der Informationsspeicherung in dezentralen und zentralen Datenbanken“ erhielt ich die Note 1 (sehr gut).
Das derzeit zu leistende Arbeitspensum war immens: Einerseits musste ich das Know-how der Datenverarbeitung, speziell die Programmierung von Mainframe-Computern (ESER-Rechner), von der Pike auf lernen und als Lehrkraft anwenden. Und andererseits hatte ich die hohen Anforderungen des Fernstudiums zu erfüllen. Ich schaffte beides, indem ich intensiv arbeitete. So klingelte mein Wecker in der Regel um 04.00 Uhr, um vor Arbeitsbeginn die „Hausaufgaben“ des Studiums zu erledigen. Und nach Arbeitsschluss sowie samstags saß ich oft in der Deutschen Bücherei, um die Studienaufgaben zu erfüllen, die deutschsprachige Fachliteratur auszuwerten und meine ersten Texte als Buchautor zu verfassen: „ESER-Programmierung im Betriebssystem DOS/ES“ (1973).
Diese – selbst verordnete (!) – Arbeitsbelastung konnte über die Jahre hinweg nicht ohne Folgen bleiben. So schulterte meine Frau, die als Krankenschwester im Schichtdienst in Vollzeit arbeitete, mehr und mehr all das, was zur Betreuung unserer drei Kinder und zum Führen des Haushalts gehörte. Hier hätte ich mich mehr einbringen müssen! Das jedoch tat ich nicht! Und so bereitete ich, überhöhtem beruflichen Ehrgeiz folgend, den Boden für eine Ehescheidung vor, die 1975 erfolgte.
Doch zurück zur Situation 1971/72: Ich stand kurz vor dem Abschluss meines Fernstudiums und wurde vom damaligen „Kaderleiter“ gefragt, ob ich denn nicht letztlich deshalb studiere, um „mehr bewegen zu können“ und dabei Führungsverantwortung zu übernehmen. Die Frage bejahte ich uneingeschränkt. Doch ich kannte auch die Bedingung: In einem Kombinat á la Robotron wird eine Führungskraft in der Regel nur jene/jener, welche(r) – neben der geforderten Fachkompetenz – Mitglied der SED ist. Trotz dieser Kenntnis fiel mir die Entscheidung für eine SED-Mitgliedschaft schwer. Immerhin hatte ich allen bisherigen Werbungen widerstanden und es geschafft, mit 33 Jahren noch parteilos zu sein! Allerdings dachte ich auch pragmatisch: Wozu das ganze Studieren, wenn ich die Ergebnisse nicht verwerten kann? – so die Gretchenfrage. Ich beantwortete sie, indem ich mich für die Übernahme von Führungsverantwortung und damit auch für eine parteiliche Bindung entschied. Und so trat ich 1971 in die SED ein.

Verfehlt: Auslandsaspirantur. Promoviert: TU Dresden. Aufstieg bei Robotron

„Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ –, so ein politischer Leitsatz der 1970er Jahre. Dass er mein Leben so direkt beeinflussen würde, hätte ich mir nicht vorstellen können: Von Robotron wurde mir 1973 angeboten, eine dreijährige Auslandsaspirantur am Moskauer Energetischen Institut aufzunehmen, um einen Zugewinn an fortgeschrittenem Know-how der EDV-Anwendung zu erzielen und einen Doktorgrad zu erwerben. Was für eine Herausforderung für mich! Nach intensiver Diskussion im Kreis meiner Familie überwog die Meinung, mir – trotz erkennbarer familiärer Mehrbelastung – die Chance der Auslandsaspirantur einzuräumen, zumal Robotron zusicherte, mein Gehalt als Beitrag zum Familienunterhalt in voller Höhe weiterzuzahlen und mir außerdem ein Stipendium vor Ort in Moskau zu gewähren. Und so entschied ich mich für das Angebot. Doch: Ich war sprachlich (Russisch) unzureichend vorbereitet, und immer mehr bedrückte mich die Erkenntnis, meine Frau und meine Kinder „in Stich gelassen zu haben“. Mit dieser Befindlichkeit richtete ich meine ganze Energie darauf, die Auslandsaspirantur in ein Zusatzstudium (Thema: Automatisierte Leitungssysteme) umzuwandeln. Letzteres schloss ich erfolgreich ab und kehrte nach 9monatigem Aufenthalt in Moskau, unterbrochen durch mehrfachen Kurzurlaub, 1974 nach Leipzig zurück.
Alles Weitere verlief wie vorgesehen: Ich übernahm Führungsverantwortung, war als „Leiter EDV-Organisation“ (Gruppenleiter) am Schulungszentrum erfolgreich, brachte eigene Beiträge zum Schulungsangebot ein und wirkte in überbetrieblichen Arbeitskreisen zur Computeranwendung mit. Gleichzeitig nahm ich 1974 eine außerplanmäßige Aspirantur an der TU Dresden auf (Prof. Dr. oec. habil. H.-F. Meuche). Und nun hatte ich sie wieder: die selbst verordnete Doppelbelastung durch praktische (Robotron) und wissenschaftliche Arbeit (TU Dresden). Zeitgleich erreichte ich die nächste Stufe der Robotron-Führungshierarchie: Ich wurde 1980 „Leiter Softwareschulung“ (Abteilungsleiter). In diesem Job waren mir etwa 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (mehrheitlich Fach- und Hochschulabsolventen) unterstellt. An der TU Dresden erlangte ich 1979 den akademischen Grad „Doktor eines Wissenschaftszweiges“ (Dr. oec.) mit der Gesamtbewertung „Magna cum laude“ (sehr gut). Das Thema meiner Dissertation (A) lautete: „Grundlagen einer rechnergestützten Datenverarbeitungsprojektierung“.
Im Jahre 1982 wurde ich vom Direktor des VEB Robotron-Anlagenbau – einem Betrieb des Kombinats Robotron – zum Chef des Schulungszentrums berufen und hatte nunmehr Führungsverantwortung für etwa 250 Fach- und Führungskräfte. Gleichzeitig vertrat ich das Kombinat Robotron auf dem Gebiet der Hard- und Softwareschulung sowohl national als auch international. Der Vollständigkeit halber erwähne ich hier meine 2. Ehe, die kinderlos bleib und nach kurzer Dauer (1980 – 1983) aufgrund höchst unterschiedlicher Charaktereigenschaften und Interessen im beidseitigen Einvernehmen geschieden wurde.

Verfasst: Fachbuch. Habilitiert: Handelshochschule Leipzig. Durchleuchtet: s. Stasi-Akte „OPK-Doktor“

In dieser Zeit arbeitete ich – neben meiner Tätigkeit als Schulungschef – an einem spannenden Projekt: In Ko-Autorschaft mit Dr. Manfred Gerisch (Robotron Dresden) verfasste ich das Fachbuch „Software-Entwurf: Prinzipien, Methoden, Arbeitsschritte, Rechnerunterstützung“. Hier systematisierten Gerisch und ich das Know-how des Fachgebiets und brachten eigene Beiträge in die Publikation ein. Das Buch erschien 1984 im VEB Verlag Technik, Berlin, und fand infolge seines Praxisbezugs über die Grenzen der Ex-DDR hinaus Beachtung. So gab die Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln, den Titel 1986 als Lizenzausgabe heraus. Und: Die Handelshochschule Leipzig (Prof. Dr. oec. habil. G. Goldammer) war interessiert, das publizierte Know-how in die Ausbildung der Studenten einzubringen. Eine Zusammenarbeit bahnte sich an. In deren Verlauf legte ich dem Wissenschaftlichen Rat der Handelshochschule Leipzig meine Dissertation B (Habilitationsschrift) „ Zur rationellen Entwicklung qualitätsgerechter Anwendersoftware…“ vor, in die ich die von mir verfassten Teile des Buchs „Software-Entwurf“ integrierte. Nach erfolgreicher Verteidigung verleih mir der Wissenschaftliche Rat der Handelshochschule den akademischen Grad „Doctor Scientiae Oeconomicae“ (Dr. sc. oec.) auf dem Gebiet der Wirtschaftsinformatik (1986). Nach einer weiteren Qualifizierung in Sachen „Hochschulpädagogik“ erhielt ich die „Facultas Docendi“ (Hochschul-Lehrbefähigung) für das Fachgebiet „Wirtschaftsinformatik“ (1987). Mit diesen Voraussetzungen wurde ich 1988 vom Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen der DDR als Honorardozent für Wirtschaftsinformatik an die Handelshochschule berufen und führte die Lehrtätigkeit parallel zu meiner Führungsaufgabe bei Robotron bis zur Wende (1989) aus. Auf meinen Antrag hin wandelte der Senat der Handelshochschule den Grad „Dr. sc. oec.“ in „Doctor Oeconomicae Habilitatus“ (Dr. oec. habil.) um (1991).
Apropos, Führungsaufgabe: In den letzten Jahren vor der Wende erhöhte sich in meinem Verantwortungsbereich die Zahl jener, welche als hochqualifizierte Fachkräfte die DDR in Richtung „alte“ Bundesrepublik verlassen wollten: 25 „Ausreiseanträge“ wurden allein im Jahre 1989 gestellt. Im Klartext heißt das: Jeder zehnte Mitarbeiter des Schulungszentrums wollte die DDR verlassen. Gemäß dem Motto „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ musste ja am Kopf – also an meinem – etwas „faul“ sein. Und so wurde ich von der Stasi politisch „durchleuchtet“, zumal ich zum Thema „Ausreise“ eine eher liberale Haltung einnahm. Bei der Einsicht in die über mich angelegte Stasi-Akte (Lpz. ZMA Abt. XVIII 19661) fand ich unter dem Stichwort „OPK-Doktor“ einen Plan zur „Operativen Personenkontrolle (OPK)“ der darauf zielte, „mögliche subversive Angriffe des Gegners zu erkennen und vorbeugend zu verhindern“. Die Stasi schätzte ein, dass ich bei Auslandsaufenthalten – ich war berechtigt, beruflich sowohl in das „sozialistische“ (SW) als auch in das „nicht-sozialistische“ (NSW) Wirtschaftsgebiet zu reisen – auf Grund meiner Persönlichkeitsmerkmale in das „Blickfeld der Gegner gerate und subversiv missbraucht werden kann“. Zu meinen Persönlichkeitsmerkmalen hielt die Stasi u. a. fest: „Dr. Sch. (Schumann) ist angetan von westlichen Lebensweisen. Er trägt modische Kleidung, lässt Managementmanieren erkennen und verwendet Begriffe, die für eine sozialistische Leitungstätigkeit nicht zutreffend sind.“ Toll!

Vertrauensverlust: Rücktritt bei Robotron. Start-up: Gründung INSTRUCT GmbH. Hilfe und Unterstützung: Ehefrau

Nun will ich mich mit Blick auf die über mich angelegten Akten keinesfalls in den Opferkreis der Stasi einordnen! Doch: Ich war ein Betroffener der Stasi-Machenschaften – ein Betroffener mit SED-Mitgliedschaft! Diese Parteizugehörigkeit sollte der Grund für einen radikalen Bruch in meinem Leben sein.
Zur Wendezeit stand – völlig zu recht! – die Beseitigung der umfassenden SED-Diktatur im Vordergrund. Die Logik war klar und zugleich bestürzend: Ohne SED-Mitgliedschaft wäre ich unter den damals wirkenden Machtstrukturen wohl kaum zum Chef des Schulungszentrums berufen worden. Das SED-System musste weg! Also musste auch ich, ein „Begünstigter“, weg! Und so kam es am Schulungszentrum zu einer Unterschriftenaktion, die das „gestörte Vertrauensverhältnis“ der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu mir als Chef belegen sollte. Als ich davon erfuhr, musste ich reagieren, um vor mir selbst zu bestehen! Die Signale des Vertrauensverlusts zu überhören oder sie gar zu ignorieren, widersprach meiner Auffassung von Moral und Ehre! Und so trat ich zum Jahreswechsel 1989/1990 als Chef des Schulungszentrums zurück. Die SED-Mitgliedschaft kündigte ich Anfang Dezember 1989. Eine Vorstellung von meiner beruflichen Zukunft – ich war damals 51 Jahre alt – hatte ich nicht. Hinzu kam – einige Zeit später –, dass ich vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (Prof. Meyer, CDU) infolge des Hochschulerneuerungsgesetzes (SächsHEG) als Honorardozent für Wirtschaftsinformatik abberufen und mir das Recht zur Weiterführung des Titels aberkannt wurde (1992).
Als wertvoll erwies sich, dass ich trotz meines Aufstiegs in der Robotron-Führungshierarchie meine Fachkompetenz bewahrte. Das zeit- und energieintensive Dranbleiben am fachlichen Know-how bewahrte mich letztlich davor, in der Wendezeit in ein „tiefes Loch“ zu fallen – im Unterschied zu vielen, die ihre Führungsaufgabe in Unternehmen der Ex-DDR eher politisch und administrativ auslebten, ihre Fachkompetenz somit schrittweise „gegen Null“ fuhren und es sich in der Freizeit auf ihren „Datschen“ gut gehen ließen. Klar, dass deren „Marktwert“ in einem erneuerten Wirtschaftssystem – in der Regel – deutlich sinken musste.
In der Zeit des Umbruchs stand mir meine Frau – ich heiratete 1985 das 3. Mal – wie auch heute noch – mit Zuwendung und Liebe sowie mit Rat und Tat zur Seite. Sie ermutigte mich, nach vorn zu schauen und etwas „Eigenes“ zu starten. Und so gründete ich im April 1990 gemeinsam mit zwei mir vertrauenden Robotron-Kollegen die „INSTRUCT – Gesellschaft für Computerschulung mbH“ in Leipzig (HR B 88; Stammkapital: 21.000 Mark [Ost]). Ich wurde einer der drei Geschäftsführenden Gesellschafter.

Banken: Verweigerte Kredite, „Zugpferd“: Geldbeschaffer und Pendler, Strategische Neuausrichtung: INSTRUCT

Da wir als Existenzgründer keinerlei Sicherheiten bieten konnten, verweigerten uns die Banken den beantragten Kredit, mit dem wir die für unser Business erforderlichen Computer finanzieren wollten. Kein Geld – also aufgeben? Das kam für mich nicht in Frage! Also ergriff ich als „de-facto-Zugpferd“ der INSTRUCT die Initiative und nahm das Angebot an, im Auftrag einer Münchener Unternehmensberatung in der Bayerischen Staatsbibliothek ein Benutzerhandbuch für das dort installierte Online-Recherchesystem zu verfassen. Fast ein halbes Jahr pendelte ich zwischen Leipzig und München, um das Geld für den Computerkauf zu verdienen. Das gelang mir. Von nun an sah ich wieder „Licht am Ende des Tunnels“! Und so investierte ich all meine Zeit, Energie und Innovationskraft in die Konsolidierung und das Wachstum „meines“ Babys, die INSTRUCT GmbH. Nach mehrfacher Erhöhung des Stammkapitals wurde ich 1992 Mehrheitsgesellschafter und richtete das Unternehmen strategisch neu aus: Weniger Computerschulung! Mehr Managementtraining und Unternehmensberatung!
Zur Zielgruppe des Managementtrainings gehörten damals hauptsächlich erwerbslose Akademiker, die – über die Agentur für Arbeit Leipzig finanziert – mittels INSTRUCT auf einen neuen Job vorbereitet wurden. Die dabei erzielten „Wiedereingliederungsquoten“ in den ersten Arbeitsmarkt belegen den Erfolg unserer Qualifizierungsmaßnahmen. Trotz des operativen Erfolgs baute ich strategisch vor, wohl wissend, dass staatliche Fördertöpfe in Abhängigkeit von der wirtschaftspolitischen Großwetterlage immer mehr oder weniger gefüllt sind und unser Unternehmen somit, bei leeren oder gering gefüllten Töpfen, in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht ist. Mit dieser Sicht etablierte ich bei INSTRUCT eine neue Arbeitsrichtung: die Unternehmensberatung für Mittelständler. Das Know-how dazu erwarb ich aus eigener Führungstätigkeit, dem Besuch von Seminaren und Workshops sowie dem Erschließen der internationalen Fachliteratur zur Unternehmensführung.

Gewählt: Vorstand des Unternehmerverbands Sachsen e. V, Beendet: Unternehmerisches Engagement bei INSTRUCT

Meine Aktivitäten als Start-up-Unternehmer blieben nicht unbemerkt. So wurde ich 1993 in den Vorstand des Unternehmerverbands Sachsen e. V gewählt. Das Ehrenamt „Vorstand“ führte ich fünf Jahre lang aus. In dieser Zeit entwickelte ich u. a. ein Leitbild für den noch jungen Arbeitgeberverband und führte Unternehmerseminare sowie jährlich neu aufgelegte „Management-Weekends“ durch (Start: 1992, Lindau/Bodensee). Die Veranstaltungen zielten darauf, das unternehmerische Denken und Handeln der Entscheidungs- und Verantwortungsträger weiterzuentwickeln sowie die Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Mittelstands zu verbessern.
Nach wiederholter ISO-Zertifizierung führte ich die INSTRUCT GmbH 1998 zur Mitgliedschaft in der „European Foundation for Quality Management (EFQM)“ und richtete das Unternehmen an den Führungsrichtlinien zur „Business Excellence“ aus. Das war durchaus ein Alleinstellungsmerkmal (!) in unserer Branche (Managementtraining, Unternehmensberatung). In der Folge qualifizierte ich mich zum „EFQM-Assessor/DGQ“ (1998). Die RKW Sachsen GmbH berief mich im Jahre 2000 als Gutachter für den Sächsischen Staatspreis für Qualität. Eigenständig führte ich Audits bei der KOMSA Kommunikation Sachsen AG und der Regionalverkehr Dresden GmbH durch.
Nach 12 Jahren erfolgreicher Tätigkeit als Geschäftsführender Gesellschafter beendete ich mit 63 Jahren mein unternehmerisches Engagement bei INSTRUCT und verkaufte meine Gesellschafteranteile (2001). Um den – von mir gefürchteten – Bruch beim Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand zu vermeiden, gründete ich die „Dr. Schumann Consulting e. K.“ als „Einmann-Unternehmen“ und arbeitete in der Folge als Freiberufler. Ohne finanziellen Druck und mit viel Gespür dafür, was ich anfasse und wovon ich lieber die Finger lasse, war ich nunmehr beruflich tätig.

Freiberufler im „Unruhestand“. Fazit: Wesentlich ist, authentisch zu leben!

Als Freiberufler im „Unruhestand“ nutze ich das Privileg, mich auf „geliebte“ Arbeit zu konzentrieren. „Ungeliebte“ Arbeit, wie z. B. einen beratungsresistenten Firmenchef beraten zu wollen, fasse ich nicht mehr an! Mit dieser Prämisse biete ich gegenwärtig Workshops und Coachings in zwei Themenbereichen an: „FUTURING. Die Unternehmenszukunft gestalten” und „VERKAUFEN. Die Kunden zum Kauf führen”. Das Feedback der Zielkunden ist höchst positiv.
Gleichwohl leite ich seit 2008 Workshops für Existenzgründer mit Coaching an der Universität Leipzig (Projekt SMILE; Prof. Dr. Helge Löbler).
Wenn ich letztlich gefragt werden sollte, was mein Leben mit einem Wort treffend beschreibt, dann würde ich antworten: Authentizität. Ich lebte und lebe authentisch – habe mein eigenes Ich in zwei höchst unterschiedlichen Gesellschaftssystemen bewahrt, ohne mich zu überhöhen, zu erniedrigen oder gar zu verbiegen. Möge es noch eine Weile so bleiben!

Publikationen

Fachbuch: Kern, L., Ober, K., Schumann, J.: ESER-Programmierung im Betriebssystem DOS/ES. Reihe Automatisierungstechnik, Band 140 bis 143. VEB Verlag Technik, Berlin 1973
Fachbuch: Schumann, J., Gerisch, M.: „Software-Entwurf: Prinzipien, Methoden, Arbeitsschritte, Rechnerunterstützung“, VEB Verlag Technik, Berlin 1984, Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln 1986 (Lizenzausgabe).
Artikelserie: „Unternehmer mit Weitblick“, Interviews mit Unternehmerinnen und Unternehmern, deren Firmen mit dem „OSKAR für den Mittelstand“ ausgezeichnet wurden, Regionalmagazin Sachsen, Teil 1: 2003 bis Teil 4: 2004
Artikelserie „Führungskompetenz im Mittelstand“, P. T. Magazin, Teil 1: 2007 bis Teil 23: 2011
Sachbuch: Schumann, J.: „Mut zum Aufbruch, deutscher Mittelstand! Ein Ratgeber für die Unternehmensführung“, BoD-Verlag, Norderstedt 2006
Sachbuch: Schumann, J.: „Führungswechsel. Das Unternehmen von der Zukunft her führen“, BoD-Verlag, Norderstedt 2010

Portraits (über mich)

Artikel: „Zugpferde“, Wochenpost 1995 (Nr. 51), Verfasser Peter Jacobs
Interview: „Im Gespräch: Hören/Sagen“, „Deutschlandradio Berlin“ 26.03.1996,
Interviewer Joachim Dresdner


Mehr: www.mut-zum-aufbruch.de



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