Handeln statt nur zu reden: Vereinbarkeit von Beruf und Familie - Deutschland im Rückstand



Wie realistisch ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wirklich? Im Interview mit Marlen Richter sprach Silke Mekat, Gründerin und Unternehmensberaterin von Soulution Coaching, über die Situation in Deutschland.

Ein Kind als Nachteil für die Karriere – das soll sich ändern. Da sind sich Politik, Gesellschaft und Unternehmen offenbar einig. Doch passiert tatsächlich etwas? Wie realistisch ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wirklich? Im Interview sprach Silke Mekat, Gründerin und Unternehmensberaterin von Soulution Coaching, über die Situation in Deutschland. mehr…

Vereinbarkeit von Beruf und Familie – langer Begriff, langer Weg

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein abstrakter Begriff, der an vielen Stellen prominent eingesetzt wird, um positive Assoziationen bei der nächsten Elterngeneration heraufzubeschwören. Es ist ein Begriff, hinter dem sich alles und – speziell in Deutschland – gleichzeitig nichts verbergen kann: Ziel ist die Möglichkeit voller Erwerbstätigkeit für jeden Erwachsenen mit Kind. Der Ist-Zustand in Deutschland ist von diesem Soll noch weit entfernt.

Zwar besteht die potenzielle Möglichkeit der Vollzeitarbeit für jeden entsprechend qualifizierten Erwachsenen. Für Paare mit Kindern bedeutet das aber zumeist Abstriche für einen Partner – und dieser ist wiederum häufiger die Frau. Die Debatte um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist hierzulande demnach meist auch eine um die Situation von Frauen am Arbeitsmarkt.

Wie realistisch ist die Umsetzung des modernen Ideals?

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland auf dem Gebiet der Vereinbarkeit von Beruf und Familie weit hinten. Silke Mekat kennt die Relationen: „Insbesondere die nordeuropäischen Länder und Frankreich verfügen über deutlich höhere Geburtenziffern als Deutschland. Als Erklärung dafür wird angenommen, dass in Frankreich eine aktive Geburtenförderung mit einer Ausrichtung auf die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit zu einem höheren Geburtenniveau führt. In den nordeuropäischen Ländern wird eine Politik zur Gleichstellung der Geschlechter betrieben, die ebenfalls mit einem hohen Geburtenniveau einhergeht“.

Immer noch arbeiten hierzulande nur 14 Prozent der Mütter mit Kindern unter 12 Jahren in Vollzeit. Fast die Hälfte dieser Mütter ist überhaupt nicht berufstätig. Im Vergleich geht in Schweden über die Hälfte dieser Frauen ganztags ihrem Beruf nach. Arbeitssuchend sind dort lediglich 19 Prozent der Mütter von unter 12-Jährigen.

„Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist nur dann umsetzbar, wenn beide Elternteile bereit sind, sich die Aufgaben zu teilen. Sicher ist dies Zukunftsmusik…“, doch Deutschland versucht nachzuziehen und Mekat erkennt den Trend: „Die Zahl familienfreundlicher Arbeitgeber in Deutschland nimmt weiter zu: Mehr als 370 Arbeitgeber haben am 11. Juni 2012 das Zertifikat zum audit berufundfamilie oder zum audit familiengerechte Hochschule erhalten.“ Immer mehr Unternehmen messen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine ebenso wichtige Rolle bei wie der Höhe des Gehalts.

Obwohl es angesichts des technischen Fortschritts einmal anders prognostiziert wurde, liegt die Wochenarbeitszeit einer gesamten Familie heutzutage höher als Mitte des 20. Jahrhunderts. Zudem würden „sowohl männliche als auch weibliche Teilzeitbeschäftigte ihre wöchentliche Arbeitszeit gern ausweiten und damit ihren Lohn aufbessern“, liest Mekat aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Der Wille zu Mehrarbeit scheint also da zu sein. Einzig die Bedingungen stimmen noch nicht.

Maßnahmen zur Umsetzung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann durch die drei folgenden Akteure positiv beeinflusst werden: die Unternehmen, die Arbeitnehmer und die Politik. Erst, wenn in allen Bereichen Veränderungen stattfinden, kann ein fruchtbarer Prozess in Gang gesetzt werden.

Das bedeutet, dass auf allen drei Ebenen gehandelt, statt nur geredet werden muss. ArbeitnehmerInnen tun gut darin, einen Wiedereinstieg in den Beruf und Tücken in Bewerbungsgesprächen sorgfältig vorzubereiten. Coaching Services wie Soulution können dabei helfen. Auf der anderen Seite brauchen Unternehmen familienfreundliche Konzepte. Dazu zählt Mekat „eine offensive und gute Kommunikation, flexible Gestaltung der Arbeitszeit und des Arbeitsortes, die Beratung und Vermittlung rund um die Kinderbetreuung, eine auf Ergebnisse und nicht Präsenz ausgerichtete Unternehmenskultur, ein betriebliches Gesundheitsmanagement, das den Beschäftigten ermöglicht, ihren Job bis zum Erreichen der Rente auszufüllen und nicht zuletzt die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege (Eldercare Angebote).“

Konkrete Umsetzungsvorschläge werden von Mekat individuell konzeptioniert. Dem einen Unternehmen schlägt sie die Einrichtung eines Spielzimmers vor, dem anderen die Etablierung eines Stundenkontos, bei dem bereits vorgearbeitete Zeit später als bezahlte „Auszeit“ genutzt werden kann. Auch Homeoffice-Regelungen sieht sie als Gewinn für die Vereinbarkeit an.

Zudem sollte auf politischer Ebene und mit Hilfe der Medien weiterhin eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema im Zentrum stehen. Maßnahmen wie die Umsetzung der Frauenquote könnten hierbei hilfreiche Mittel darstellen.

Gründe für den Rückstand Deutschlands

In Deutschland haben Eltern die Wahl. Sie können ihr Kind daheim betreuen oder externe Betreuungsangebote nutzen. „Seitdem wir diese Wahl haben, müssen wir sie auch begründen. Jede andere Möglichkeit, […]zeigt uns auf, dass unsere Wahl vielleicht die falsche war“, erklärt Mekat die Missgunst unter jungen Eltern. Das Wohl des Kindes rückt seit der Jahrtausendwende zunehmend ins Zentrum des Interesses. Es entstehen abwertende Rollenklischees wie die Glucken- oder die Rabeneltern. Grund dafür ist laut Mekat das Fehlen von Vorbildern und Instinkten. „Die Sorgen sind neu, aber auch die Freiheiten – und aus diesen kann und darf jeder für sich den richtigen Weg schöpfen. Wir sollten diese Möglichkeit nur auch den anderen zugestehen.“

Der erste Schritt wäre, tradierte Rollenbilder oder neue Klischees über Bord zu werfen. Neben solchen festgefahrenen Meinungen gibt es weitere Faktoren, die der zunehmenden Vereinbarkeit von Beruf und Familie entgegenwirken. Silke Mekat erwähnt nur einige: Es gibt „wenig familienfreundliche Unternehmen“, die zudem „eine Präsenzkultur“ fördern und „kaum Aufstiegschancen für Frauen nach einer familienbedingten Pause“ bieten. Gerade bei Neueinstellungen stellt Mekat einen viel zu eingeengten Blick fest: „Anzugträger stellen Anzugträger ein.“

Auf Seiten der Politik sind einige Hemmfaktoren weitestgehend bekannt. Dazu zählen die zu gering vorhandenen Kinderbetreuungsplätze und die Ausweitung der Minijobs auf demnächst 450 Euro. Gerade Letzteres schafft nach Mekats Meinung „die falschen Anreize“.

Silke Mekat, Unternehmensberaterin mit dem Fokus der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, kennt die Problematik aus eigener Erfahrung. Als Mutter einer kleinen Tochter und seit 20 Jahren im Beruf wollte sie aktiv zur Umwälzung der eingerosteten Strukturen beitragen und gründete ihr Unternehmen Soulution Coaching. Damit setzt sie dort an, wo maßgeblich etwas passieren muss, wenn junge Eltern die viel zitierte Vereinbarkeit erleben sollen: bei den Arbeitgebern. Anfangs beriet Mekat ausschließlich die Arbeitnehmer. Doch schnell stellte sie fest, dass es auf dieser Seite Grenzen gibt, die von den Unternehmen gezogen werden. Nun berät sie beide Seiten.



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