Work-Life-Balance und Inhaberführung im Mittelstand



In der Arbeitswelt und im Privatleben treffen wir zunehmend auf den Begriff „Work-Life-Balance“. Der Begriff unterstellt, dass (Berufs-)Arbeit („Work“) und (Privat-)Leben („Life“) zwei unterschiedliche Lebensbereiche sind, die miteinander in Einklang stehen sollten („Balance“ = Gleichgewicht), sich gegenseitig nicht behindern, sondern sich eher unterstützen und befruchten. Wie steht es nun um dieses Gleichgewicht, speziell bei der Inhaberführung im Mittelstand?

Um meine Antwort gleich vorwegzunehmen: In der Führungsspitze mittelständischer Unternehmen werden „Work“ und „Life“ weniger als unterschiedliche Lebensbereiche wahrgenommen, da sie in der Regel stark vernetzt und verflochten sind. So ist z. B. die Familie eines Unternehmers („Life“) oft Teil des Unternehmens („Work“). Und das Unternehmen ist oft Teil der Familie (= Privatbesitz). Dennoch ist auch hier eine Unterscheidung von „Work“ und „Life“ sinnvoll –, lenkt sie doch die Aufmerksamkeit auf die Dimensionen beider Bereiche und die entsprechende Ressourcenverteilung, z. B. in Form von Zeit und Energie. Klar, dass die Dimensionen beider Lebensbereiche und die Verteilung der verfügbaren Ressourcen höchst unterschiedlich sind –, meist abhängig von Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Glück und Selbstverwirklichung sowie nach individuellen Bevorzugungen und Neigungen.

Unstrittig ist z. B., dass zum Bereich „Life“ u. a. die Dimensionen „Familie“, „Gesundheit“ und „Freunde“ zählen. Welche Dimensionen zum Bereich „Work“ gehören, ist wohl eher strittig. Mit Blick auf die beiden unternehmerischen Grundaufgaben (!), nämlich das operative Tagesgeschäft zu managen und eine erstrebenswerte Unternehmenszukunft zu gestalten, schlage ich für „Work“ zwei Dimensionen vor, nämlich „Das Tagesgeschäft managen“ und „Die Unternehmenszukunft gestalten“.

Somit beleuchtet die „Work-Life-Balance“ bei der Inhaberführung im Mittelstand einen „Tanz auf drei Hochzeiten“:

(1) Das Tagesgeschäft ist zu managen („Work“) UND
(2) Die Unternehmenszukunft ist zu gestalten („Work“) UND
(3) Das Privatleben ist zu meistern („Life“: Familie, Gesundheit, Freunde u. a.).

Bei dieser Dreierbeziehung geht es weniger darum, ein Gleichgewicht zwischen „Work“ und „Life“ anzustreben, sondern vielmehr darum, die Aufmerksamkeit auf die Ausgewogenheit von „Tagesgeschäft managen“, „Zukunft gestalten“ und „Privatleben meistern“ zu lenken, evtl. umzudenken und eingefahrene Gleise zu verlassen. Denn: Allzu oft werden die verfügbaren Ressourcen an Zeit und Energie alleinig für das Tagesgeschäft, also für (1), verbraucht. Für (2) und (3) bleibt da wenig übrig.

„Dafür habe ich weder Zeit noch Energie!“, blockt ein resistenter Mittelständler ab, wenn er z. B. nach (2) gefragt wird. Klar, dass meine Antworten den „Blockierer“ kaum interessieren. Dennoch würde ich sie ihm gern geben: Erstens: Paul Watzlawick empfiehlt in seinem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ (Piper, 1983) sinngemäß: Wenn Sie bessere Ergebnisse erzielen wollen, dann müssen Sie mehr (= gleiche!) Arbeit verrichten. Eingefleischte "Workaholics" werden diese ironisch gemeinte Anleitung mehrfach unterstreichen! Das von Watzlawick formulierte Prinzip heißt „Mehr desselben“. Nein, die erste Antwort führt Sie nicht weiter! Die zweite vielleicht schon: Wenn Sie bessere Ergebnisse erzielen wollen, dann müssen Sie anders (unterschiedlich!) arbeiten. Das Prinzip dazu könnte lauten: „Loslassen – Erfassen“.

Das Prinzip „Mehr desselben“ basiert auf einem Erweitern der verfügbaren Ressourcen an Zeit und Energie. Das Prinzip „Loslassen – Erfassen“ hingegen zielt darauf, mit den verfügbaren Ressourcen auszukommen und sie evtl. radikal umzuverteilen: Schrittweises Loslassen dessen, was bisher die verfügbare Zeit und Energie gebunden hat! Schrittweises Erfassen dessen, was bisher aus Zeit- und Energiemangel vernachlässigt wurde!

Wenn es Ihnen z. B. gelingt, das Tagesgeschäft – den Maximalverbraucher von Zeit und Energie – loszulassen, dann können Sie die frei werdenden Ressourcen für das bisher vernachlässigte Gestalten der Unternehmenszukunft und das evtl. angekratzte Privatleben nutzen.

Das Prinzip „Loslassen – Erfassen“ ist an vier Prämissen gebunden:

1 Das Loslassen des Tagesgeschäfts schafft Freiraum für die Zukunftsgestaltung und das Privatleben. Es ermöglicht Ihnen, mehr am Unternehmen (= Fundament des Unternehmens stärken – Zukunft gestalten) als im Unternehmen (= Tagesgeschäft managen) zu arbeiten.

2 Das Loslassen ist in erster Linie ein Resultat Ihrer Entscheidung, loslassen zu wollen und das auch zu können. Ihr Ego allein entscheidet darüber, ob Sie sich für unentbehrlich halten oder willens und fähig sind, um schrittweise loszulassen.

3 Jedes Loslassen erfordert Vorleistungen. Organisieren Sie das Tagesgeschäft als eine Art „Selbstläufer“. Entwickeln Sie dazu ein Führungskonzept (= „Führen von der Zukunft her“). Je konsequenter Sie das Konzept im Unternehmen umsetzen, desto eher und umfassender können Sie loslassen.

4 Loslassen ist Vertrauenssache. Sie können das Tagesgeschäft dann – und nur
dann – loslassen, wenn Sie darauf vertrauen können, dass die Unternehmensprozesse und -strukturen ohne Ihre direkte Einflussnahme funktionieren und die Mitarbeiter ihre Arbeitsaufgaben in einem definierten Handlungs- und Entscheidungsfreiraum eigenverantwortlich ausführen können – und das auch wollen.

Mehr: www.mut-zum-aufbruch.de



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