Internet-Wegezoll für die marktführenden Verlage



"Das Internet ist für den Journalismus eine große Chance. Aber nur, wenn die wirtschaftliche Basis auch in den digitalen Vertriebskanälen gesichert bleibt. Das ist derzeit nicht der Fall." so beginnt die "Hamburger Erklärung" vom 8. Juni 2009 der Verlagsgiganten Axel Springer AG, Bauer Media Group, Ganske Verlagsgruppe GmbH, Gruner + Jahr AG & Co KG, Spiegel Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co KG, Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG. "Am Ende muss auch im World Wide Web gelten: Keine Demokratie gedeiht ohne unabhängigen Journalismus. Kein Wissen entsteht ohne faire Beteiligung an seinem wirtschaftlichen Ertrag." endet die Erklärung und resultiert im jüngst (März 2012) veröffentlichten Entwurf eines "Leistungsschutzrechts" für das Internet.

Wohlgemerkt: Es geht nicht um soziale Gerechtigkeit für Arme, sondern um Staatshilfe für marktführende Institute, die eigentlich der "Hilfe" nicht bedürfen. Das Ganze beginnt mit einer bewussten Verzerrung, die beim Leser einen Wahrnehmungsfehler auslöst: "Das Internet ist für den Journalismus eine große Chance." Tatsächlich ist das Internet nicht Journalisten, sondern vor allem für die Menschen eine große Chance. Wissen und Diskussionen werden frei zugänglich, egal, ob gut bezahlte Journalistenb das für richtig halten oder nicht. Das Internet löste eine Revolution aus wie die Erfindung des Buchdrucks. Es wirkt demokratisierend. Es bewirkt unmittelbare Transparenz. Und es erzeugt neue, zuvor ungekannte Gefahren, neue Kriminalitätsarten wie Phishing.

Für Journalisten und Verlage ist das Internet nur dann eine große Chance, wenn sie die dadurch möglichen NEUEN Geschäftsmodelle entwickeln. Das geschah nicht im notwendigen Maß. Es wurde jahrelang erfolglos gezögert, gejammert, probiert. Hier kommt der Wahrnehmungsfehler ins Spiel. Natürlich verlieren "alte" journalistische Geschäftsmodelle ihr Monopol. Mit den Monopolen verlieren sie Einnahmen. Leser- und Abozahlen und Werbeeinnahmen sinken. Das ausgerechnet die "alten" Medien, die auf ihren Beitrag zur Demokratisierung der modernen Gesellschaft so stolz sind, nun zwangsweise, parasitär am Erfolg neuer Geschäftsmodelle beteiligt sein wollen, ist undemokratisch, unmodern, unzivilisiert und ungerecht. Wir haben dieselbe Situation wie im Versandhandel: Der managergeführte Quelle-Versand schlief, wurde schlecht und ging pleite. Trotz 50 Millionen Euro staatlichem "Rettungskredit". Der inhabergeführte Otto-Versand dagegen innovierte rechtzeitig und aktiv ohne solche Staatshilfe und wurde größer und besser und reicher.

Der induzierte Wahrnehmungsfehler der Verlage erleichtert den Denkfehler: Die "große Chance" will das Alte nur ergreifen, wenn seine "wirtschaftliche Basis" erhalten bleibt. Wie bitte? Mit demselben Argument hätten die Kutschenfabriken und Pferdezüchter vor hundert Jahren gegen die Entwicklung des Automobils demonstrieren können. Schließlich waren die Straßen, auf denen die Autos fahren konnten, mit den Steuergeldern der Kutsch- und Pferdeproduzenten zu DEREN Nutzen gebaut worden. "Keine Demokratie gedeiht ohne unabhängige Pferdekutschen. Kein Fortschritt entsteht ohne faire Beteiligung an seinem wirtschaftlichen Ertrag" hätten sie skandieren können. Was wäre dann aus der Welt geworden? Aber die Verlage argumentieren und handeln leider nicht wie Otto, sondern wie Quelle. Ein Jammer!

Dem Denkfehler folgt schließlich der Sündenfall: Ausgerechnet die großen Medien, die sich als Hüterin der Freiheit verstanden, als vierte Macht im Staate, unbeeindruckt von staatlichen Gewalten, geschützt durch Presseprivilegien nach Grundgesetz. Ausgerechnet die, deren Recherchen Staatskrisen auslösen und Rücktritte erzwingen konnten! Ausgerechnet die schreien jetzt nach gesetzlich geregelter Hilfe. Nicht für die Welt, die soziale Gerechtigkeit, die Demokratie - nein. Fürs eigene Portemonnaie. Ein Jammer! Im selben Monat, in dem Deutschland damals diskutierte, ob Quelle marktwidrig mit Staatsknete gerettet werden soll, orientieren sich die Verlage an Quelle statt an Otto.

Der Hamburger Appell endet mit einem Denkfehler: Keine Demokratie gedeiht ohne unabhängigen Journalismus. Dazu kann jeder JA sagen. Aber wenn es stimmen würde, dass kein Wissen ohne "faire Beteiligung" an wirtshaftlichem Erfolg möglich wäre, gäbe es sowas wie Wikipedia nicht, es gäbe kein LINUX, es gäbe keine Open Software, keine Open Innovation, keine Creative Commons usw. usf. Die Welt wäre dann viel ärmer.

Kommentare
Das Hauptproblem ...
Verfasst von Marion Kießling am 24. Juli 2012 - 16:49.

... ist tatsächlich die schleichende Aushebelung des Zitatrechts.
MK


FDP-Vorschlag
Verfasst von Gast am 14. Juni 2012 - 9:22.

http://heise-online.mobi/newsticker/meldung/FDP-bezieht-Position-zum-Leistungsschutzrecht-1616155.html

Sofern die Nutzung eines geschützten Werks ohne Erlaubnis der Verleger erfolgt, sollen diese einen Unterlassungsanspruch bekommen. Das "ordnungspolitische Signal" eines so untermauerten Leistungsschutzrechts könne dann auch dazu dienen, um individuelle Vergütungen oder Abgeltungsmodelle mit Betreibern von Suchmaschinen und News-Aggregatoren zu entwickeln und "neue Geschäftsmodelle zu erproben". Das vorgeschlagene Monopolrecht soll Verlegern zustehen, die presserechtlich für Printprodukte verantwortlich sind. Auch Blogger könnten davon profitieren, sofern ihre Arbeit als journalistisch einzustufen ist. Ansonsten blieben sie weiter "hinreichend durch ihre Urheberrechte an ihren Texten geschützt".

MhM??? Hatten denn die bisher keinen Unterlassungsanspruch?

BB Hamburg


Anonymus hackt Urheberrechts-Kampagne
Verfasst von Gast am 14. Mai 2012 - 16:50.

Die Hacker-Gruppe Anonymus hackte kürzlich tausende Twitter-Konten. Jetzt hat sich die Gruppe die über 6.000 Unterzeichner der Urheberrechts-Kampagne “Wir sind die Urheber!” vorgenommen und deren persönliche Daten auf einer Filesharing-Website offen zum Lesen gegeben. Der Kommentar von Anonymus: “Fuck your Copyright”.
http://meedia.de/internet/anonymus-hackt-die-urheber-aktivisten/2012/05/14.html


Donaukurier GEGEN Leistungsschutzrecht
Verfasst von Gast am 27. März 2012 - 9:21.

Im Donaukurier kritisiert dessen Verleger Georg Schäff schafr das geplante Leistungsschutzrecht für Verlage:

"Ich bin überrascht über die grundsätzliche Logik, die meines Erachtens dahinter zu stehen scheint. Ich halte wenig bis gar nichts davon, wenn mittels rechtlicher Zwänge im Grunde genommen nichts anderes geschehen soll, als dass der freie Wettbewerb ausgehebelt wird. Es ist nun einmal so, dass sich die Welt verändert. Gott sei Dank ist es so. Mal zum Besseren, mal zum Schlechteren. Und es ist schlicht und einfach unsere Aufgabe - sowohl die eines ganz normalen Bürgers als auch die eines Anbieters von Medien – sich diesem Wandel zu stellen und sich zu überlegen: Wie kann ich mein Angebot verbessern, sodass es die Menschen interessiert. Und wenn es die Menschen interessiert, dann würden sie im Idealfall bereit sein, dafür auch zu bezahlen. Da muss ich dann selbst entscheiden, ob ich etwas kostenlos zur Verfügung stelle, oder eben nicht."
...
"Es kann nicht sein, dass jetzt sozusagen Naturschutzgebiete errichtet werden, mittels derer die Verlage tun und lassen können, was sie wollen, ohne Rücksicht auf Verluste."
...
"Ich kann einfach nicht verstehen, wie man auf den Gedanken kommt, so etwas ins Leben zu rufen. Das zeigt in meinen Augen, wie weit sich unsere Verwaltung und auch bestimmte Herren in den Medien von der Realität verabschiedet haben. Es ist einfach nun mal so, dass der digitale Wandel rasant geht. Was nicht heißt, dass alles gut und richtig ist. Aber es ist so, wie es ist. Und da muss man einfach damit umgehen und vernünftig handeln und nicht heulen."

Das komplette Interview im Original


Internet-Manifest
Verfasst von Gast am 11. März 2012 - 14:03.

Noch im Herbst 2009 wurde das "Internet-Manifest" gegen die Hamburger (Bankrott)Erklärung veröffentlicht: http://www.internet-manifest.de/

"Ja, unser »Manifest« steckt voller Selbstverständlichkeiten, von denen ich wünschte, sie wären wirklich selbstverständlich." schrieb Stefan Nigemeier http://www.stefan-niggemeier.de/blog/das-manifest-das-wozu-und-das-danach/.

Zum Beispiel: "Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert." Das ist durch das Zitierrecht gedeckt. Durch Zitate können ganze Werke oder Teile davon in einem durch den Zweck gebotenen Umfang übernommen werden. Da auch ein Urheber auf den kulturellen Errungenschaften der Allgemeinheit aufbaut, kann ihm dieser verhältnismäßig geringe Eingriff im Interesse der Allgemeinheit zugemutet werden, sofern er die kulturelle Auseinandersetzung fördert (§ 51 UrhG).

Praktisch ist das "Leistungsschutzrecht" also eine Aushebelung des Zitierrechts. Das heißt nichts anderes, als das ein bisher ÖFFENTICHES Gut privatisiert wird. Es ist ein Skandal, dass dafür die Argumentationsfloskeln der sozialen Gerechtigkeit für gut verdienende Jounalisten und Mainstream-Verlage missbraucht werden und dass diesen skandal offenbar niemand bemerkt.

Es ist ebenso skandalös, dass man der Öffentlichkeit weismacht, sie würde in Wahrheit nicht geschröpft. "Private" Nutzung auch in Unternehmen ist laut Entwurd ausgeschlossen aus dem Gebührenzwang. Weiß denn niemand mehr, dass bei der EInführung der LKW-Maut auch die PKW-Maut ausgeschlossen wurde und dennoch ihre Einführung immer wieder diskutiert wird (und kommen wird)?

Barbara



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