EUROPA ist mehr als EU


Heinrich Bonnenberg / Vortrag / St. Petersburg University of Humanities and Social Sciences
18. November 2009
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrter Herr Rektor,
liebe Studentinnen und Studenten, sehr geehrte Gäste!
Vielmals danke ich, dass ich hier und heute zu einem Thema sprechen darf, das mir wie vielen anderen Zeitgenossen sehr am Herzen liegt. Ich möchte mit Ihnen über Europa sprechen.
Wichtig ist mir, hier gleich zu Beginn festzustellen, dass die Zukunft von unserem gemeinsamen EUROPA in den Händen der Jugend, so auch in Ihren Händen, liebe Studentinnen und Studenten, liegt. Mein Vortrag möge Ihnen Hinweise geben, auf welche Zusammenhänge und Fakten bei der Behandlung des Themas EUROPA zu achten ist, und er soll ein Beitrag sein für eine Diskussion, die über die nationalen Grenzen hinweg in gegenseitigem Verständnis erfolgen muss. Mein Vortrag ist als Einstieg gedacht.
In Berlin wurde eine Initiative gegründet, die sich Collegium „EUROPA ist mehr als EU“ nennt. Die russische Zeitung IZVESTIA hat vor einigen Monaten über diese Aktivität in Berlin berichtet: www.izvestia.ru/comment/article3127450. Fast 30 Jahre ist Berlin mit seiner Mauer ein Synonym gewesen für die Teilung der Welt, vor allem für die Teilung von EUROPA. Heute, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, ist Berlin ein beeindruckendes Beispiel für gelebte Ost-West-Integration, fast mittig gelegen zwischen Brüssel und Moskau. In Berlin hat unser EUROPA der Zukunft bereits begonnen.
Das Collegium „EUROPA ist mehr als EU“ wird eine mehrsprachige Homepage einrichten, die zur Mitarbeit an der Zukunft von EUROPA einlädt. Ich hoffe, auch Sie werden Ihre Gedanken und Vorschläge einbringen.

Vorbemerkung
Das Wort Europa ist sehr wahrscheinlich griechischen Ursprungs und bedeutet „das Wesen mit der weiten Sicht“. Mögen wir Bürger in EUROPA diesem Anspruch gerecht werden.
Vor allem aber möge unsere Jugend Stolz und Dankbarkeit dafür empfinden, dass sie die Jugend in EUROPA ist. Sie sollte allerdings auch wissen, dass seine wirkliche Herrlichkeit und Stärke unser aller EUROPA noch nicht erreicht hat, sich vielmehr noch auf einem steinigen Weg dorthin befindet. Die Jugend muss sich ihr EUROPA erarbeiten, wohl auch erstreiten, mit all der Kraft, die der Jugend zur Verfügung steht. EUROPA leidet unter mangelndem Vertrauen einiger Länder untereinander, das Ergebnis von mehr als 200 Jahren nationaler und ideologischer Egoismen. Die Menschen in EUROPA sehnen sich nach einer freiheitlichen, gesicherten und lebenswerten Zukunft und sie haben einen Anspruch darauf. Unabdingbare Voraussetzung, diesem Anspruch gerecht zu werden, ist allerdings, dass das verlorene Vertrauen zurück gewonnen wird. Die zukünftigen Generationen müssen dieses Vertrauen „erkämpfen“, schon auch Sie, liebe Studentinnen und Studenten. Dabei hat die Jugend ein Anrecht darauf, dass ihre Altvorderen dabei helfen, selbst auf die Gefahr hin, dass die Jugend die Hilfe der Alten erzwingen wird müssen. Liebe Jugend, packt es an, bevor es zu spät ist!
Behauptungen
Die Zukunft der Welt wird zunehmend bestimmt durch den Wettbewerb zwischen vier Wirtschafts- und Kulturräumen: der Volksrepublik China, der Republik Indien, Nordamerika und EUROPA, jeweils verbunden mit ihren Anrainern. EUROPA als Wirtschafts- und Kulturraum erstreckt sich von Gibraltar und Island im Westen des eurasischen Kontinents bis zum russischen Tschukotka in seinem Osten, somit vom Atlantik bis zum Pazifik. EUROPA ist mehr als das geografische Europa.
Wettbewerb ist Kampf mit friedlichen Mitteln. Es gibt Sieger und Verlierer, auch beim  Wettbewerb zwischen den genannten Volkswirtschaften. Das Ergebnis ist für die Bürger fühlbar: mehr oder weniger Freiheit, mehr oder weniger Gerechtigkeit, mehr oder weniger Wohlstand.
Nur solche Regionen werden im Wettbewerb bestehen, die über Expertenwissen und Zukunftstechnologie, über Rohstoffe und Energieressourcen, über integrierte Logistik und effizientes Management verfügen. Besondere Voraussetzung für Stärke ist außerdem, dass Gerechtigkeit und Solidarität als sittliche Werte anerkannt und befolgt werden und dass Rechtssicherheit und Transparenz bei staatlichem und wirtschaftlichem Handeln gegeben sind. Die Gleichgewichtigkeit von Freiheit und Verantwortung muss gewährleistet sein.
Leistungsbereitschaft zählt, mehr denn je.
Über all das verfügen die Länder von EUROPA, auch über ein hohes intellektuelles Potential. Sie haben deshalb die Chance, im globalen Wettbewerb der Regionen zu bestehen. Voraussetzung ist allerdings, dass sich die Länder von EUROPA baldigst als gemeinsamen Wirtschafts- und Kulturraum EUROPA identifizieren und aufstellen, und dieses mit Werten des Zusammenlebens, die von allen Menschen in EUROPA akzeptiert werden. Diese Selbstidentifikation setzt Vertrauen zwischen den Ländern von EUROPA voraus. EUROPA braucht Vertrauen bildende Maßnahmen.
Eine besonders wichtige Voraussetzung, um den Kultur- und Wirtschaftsraum EUROPA Wirklichkeit werden zu lassen, ist die vertrauensvolle Partnerschaft des Rohstoff- und Energielandes Russische Föderation und der technologisch versierten Europäischen Union. Die EU braucht Russland und Russland braucht die EU. Das Zusammenfinden dieser beiden kraftvollen Zentren ist der Schlüssel für ein kraftvolles EUROPA, das im Wettbewerb mit China, mit Indien, mit Nordamerika bestehen kann. Ohne das Miteinander von EU und Russland gibt es kein EUROPA der Zukunft.

Ich will hier keinen Vortrag über unsere Wettbewerber halten. Einige Bemerkungen seien aber doch gestattet. Die Volksrepublik China kann mit ihrem in der Welt einmaligen  Arbeitskräftepotential - riesig und mit niedrigen Löhnen - alles produzieren, von der Ramschware bis zum Hightech-Produkt. Insofern ist China ein Novum in der Weltwirtschaftsgeschichte. China wird zur Fabrik der Welt. Wesentliche Grundlagen für den Erfolg der Chinesen neben dem unerschöpflichen Arbeitskräftepotential sind der ungehemmte Drang, Fremdes zu analysieren, die Fähigkeit, das Beste daraus zu adaptieren, der Mut, mit Risiken zu improvisieren, und der Fleiß. Im Übrigen verfügt China zusammen mit Hongkong und Taiwan über riesige Kapitalreserven von vielen Billionen US$, die darauf warten, zum weltweiten Einkauf von Ressourcen und Technologie eingesetzt zu werden. China ist dabei, die Welt zu erobern, mit Kapital und durch Migration. Dem dient auch die Shanghai Cooperation Organization (SCO) mit ihrem Sitz in Beijing. Der SCO gehören neben China wichtige Staaten Zentralasiens, des asiatischen Subkontinents und aus dem Orient an, als Mitglieder, Beobachter und Dialogpartner. Auch Russland ist Mitglied. Arbeitssprachen der SCO sind Chinesisch und Russisch. Die SCO vertritt derzeit rund ein Viertel der Weltbevölkerung, mit zunehmender Tendenz, und stellt damit weltweit die größte Regionalorganisation dar. Das wichtigste Ziel der SCO ist die „Mitwirkung und Zusammenarbeit auf politischen, wissenschaftlich-technischen, kulturellen, touristischen und ökologischen Gebieten, im Bereich des Handels, der Energie und des Transports“. Die friedliche chinesische Eroberung durch Migration und Kapital werden insbesondere solche Länder spüren, die über Rohstoffe und Energieträger verfügen, die China fehlen; aber auch die Länder mit Hightech vermerken es bereits.
Es wird nicht leicht sein, im Wettbewerb gegen China zu bestehen.
Die Republik Indien beginnt 1991 mit Wirtschaftsreformen unter der Führung von Manmohan Singh, einem an den englischen Universitäten Oxford und Cambridge ausgebildeten Ökonom. Er dereguliert die stark reglementierte indische Wirtschaft. Es entsteht eine Outsourcing-Branche mit weltweit agierenden call–centers, die ihresgleichen sucht: Anwaltskanzleien, Arztpraxen, Banken und Versicherungen, Unternehmensanalysten usw., in allen gewünschten Sprachen. Wissen über die ganze Welt, im Kleinen wie im Großen, wird in Indien akkumuliert. Und eine riesige Software-Branche entsteht. Programme für Logistik und Planung werden in Indien erarbeitet. Weltweit lagern Unternehmen ihre Software- Leistungen nach Indien aus. Auch hier wird Wissen nach Indien transferiert, vor allem über Wirtschaft und Technik. Und es darf nicht übersehen werden, dass Indien auf dem Weg zu einem bedeutenden Industriestandort ist. Automobil-, Maschinen- und Pharmaindustrie im Weltmaßstab entstehen. Schließlich muss festgestellt werden: Die Inder adaptieren kaum. Vielmehr entwickeln sie neues, praktisch nutzbares Know-how. Dabei verfügen sie über hohes Management-Talent, das an indischen Elite-Universitäten mit äußerst rigiden  Auswahlprinzipien gefördert wird. Und auch Indien ist auf der Suche nach Rohstoffen und Energieträgern.
Zum Wettbewerber Nordamerika will ich nur festhalten, dass EUROPA hofft, dass sich die USA von der Vorstellung verabschieden, die Welt sei unilateral durch die USA zu steuern, und dass sich unter Präsident Barack Obama das multilaterale Verständnis auch in den USA durchsetzt. EUROPA hat den Wunsch, dass es bei seinem Zusammenwachsen nicht gestört wird, auch nicht von jenseits des Atlantiks. Die Einflussnahme der USA auf Polen, Tschechien und die Ukraine in den vergangenen Jahren hat sehr gestört. Sie hat in EUROPA Misstrauen erzeugt und war somit kein respektables Instrument des Wettbewerbs. Misstrauen schwächt EUROPA. EUROPA sehnt sich nach dem Abbau von Misstrauen, nicht nach dem Gegenteil. Statt Misstrauen in EUROPA zu verursachen, sollten die USA die Möglichkeiten der Vermittlung durch Russland, und damit durch EUROPA, bei den anstehenden Konflikten in der Welt nutzen, vor allem im Nahen Osten, in Iran, in Afghanistan.

Was ist EUROPA?
EUROPA besteht aus 20 Ländern bzw. Ländergruppen.In der Europäischen Union sind 27 Länder zusammengeschlossen. Darunter ist auch mein Land, Deutschland. Diese 27 Länder haben wesentliche Teile ihrer Souveränitätsrechte an die Organe der Europäischen Union abgetreten, wodurch ihre Bürger Freiheit, Frieden, Sicherheit und Wohlstand gewonnen haben und zunehmend gewinnen. Freizügigkeit bei der Wahl des Arbeitsplatzes, Schengen-Abkommen, Euro, Binnenmarkt, Europäische Verteidigungsagentur sind wichtige Bausteine. EUROPA insgesamt hat etwa 740 Millionen Einwohner. Die Europäische Union hat etwa 500 Millionen Einwohner. Die drei Geschwisterländer Russland, Ukraine und Belarus zusammen haben etwa 195 Millionen Einwohner, Russland allein etwa 140 Millionen. Die übrigen 16 Länder haben zusammen etwa 45 Millionen Einwohner. Zum Vergleich sei festgehalten, dass die drei wichtigsten, mit EUROPA konkurrierenden Volkswirtschaften Einwohnerzahlen wie folgt haben: Volksrepublik China: 1.330 Millionen, Republik Indien: 1.166 Millionen, Vereinigte Staaten von Amerika: 305 Millionen, bei China und Indien mit weiterhin steigender Tendenz. In EUROPA beträgt die Landfläche Russlands westlich vom Ural und seiner Geschwisterländer Ukraine und Belarus zusammen etwa 4.765 qkm, ist also ein wenig größer als die Landfläche der Europäischen Union. Der Teil Russlands westlich des Ural hat eine Landfläche von 3.952 qkm, nur knapp 9 % weniger als die EU.
Wichtig scheinen mir auch folgende Zahlen zu sein: In 2008 beläuft sich das Bruttosozialprodukt der 20 Länder und Ländergruppen in EUROPA insgesamt auf 35% des Bruttosozialprodukts der Welt (60.689, 81 Milliarden US $, nominal), das der EU auf 30 %, das der USA auf 24 %, das Chinas auf 7,3 %, das Russlands auf 2,8 % und das Indiens auf 2 %.
Das Bruttosozialprodukt eines Landes pro Einwohner zeigt, zu welchem Wohlstand eine Gesellschaft fähig ist. Hier beeindrucken die Vereinigten Staaten von Amerika mit 46.767 US$ (pro Kopf), aber auch die Europäische Union mit 36.788. China, Indien und viele andere werden den Reichen nacheifern. Der Wunsch nach Wohlstand und Arbeit ist überwiegend die Triebfeder des Wettbewerbs, nur selten die militärische Macht, wie ehedem.
Oft werden die Bürger der Europäischen Union als „die“ Europäer bezeichnet. Das ist falsch und signalisiert die Ausgrenzung vieler Bürger solcher europäischen Länder, die nicht zur Europäischen Union gehören. Aber auch sie sind Europäer. An erster Stelle unter den verbal Ausgegrenzten sind die Bürger Russlands zu nennen, eines Landes, das seit Jahrhunderten sehr großen Einfluss auf die Entwicklung von EUROPA hatte und auch heute noch hat. Und auch die Bewohner der Länder, die aus dem ehemaligen Jugoslawien hervorgegangenen sind, dürfen nicht ausgegrenzt werden. Nicht weniger als 17 römische Kaiser sind auf dem Balkan geboren, so Kaiser Konstantin der Große, dessen Mailänder Vereinbarung den Christen, überhaupt allen Menschen, freie Religionsausübung erlaubt. Und Kaiser Mark Aurel, der Stoiker auf dem römischen Thron, sehr bedeutsam für die Geistesgeschichte von EUROPA, hat von dort regiert. Wenn die Bewohner der EU sich selbst als „die“ Europäer bezeichnen, ist das anmaßend.
Wenn die sonstigen Europäer die Bewohner der EU als „die“ Europäer bezeichnen, ist das Verrat an sich selbst. Beide verhalten sich inkorrekt gegenüber EUROPA. Wir sollten deshalb mit gutem Beispiel vorangehen und zukünftig zwischen EUROPA einerseits und Europäischer Union andererseits unterscheiden, so auch zwischen Europäern und EU-Bürgern. EUROPA ist mehr als EU.
Fehleinschätzungen
Fehleinschätzungen machen den Weg nach EUROPA steinig. Sie belasten die Diskussionskultur, können zu vergiftenden Vorurteilen werden, vertiefen Gräben, zerstören Vertrauen.
Geradezu ein Paradefall von Fehleinschätzung, ja schon von Vorurteil ist es, wenn der US-Amerikaner Samuel Phillips Huntington, Politologe und Publizist, in seinem Traktat „The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“ behauptet, dass es keine Zivilisation EUROPAS, somit keine Identität EUROPAS gibt. Seiner Auffassung nach gibt es nur eine westeuropäische Zivilisation und eine osteuropäische Zivilisation, jeweils geprägt durch Kernstaaten, und er behauptet, dass sich diese beiden vermeintlichen Zivilisationen zukünftig isoliert voneinander entwickeln. Unter Beilegung einer Landkarte zeigt er im Kapitel „Abgrenzung des Westens“ gar den geographischen Verlauf einer Trennungslinie zwischen diesen beiden mutmaßlichen Zivilisationen, die von der norwegisch-russischen Grenze an der Barentssee im Norden bis zur kroatisch-montenegrinischen Grenze am Adriatischen Meer in Süden verläuft und die dabei einige Länder Mitteleuropas obendrein teilt. Der US-Amerikaner Huntington errichtet einen neuen Eisernen Vorhang quer durch EUROPA, unter anderem quer durch Respublika Belarus und durch die Ukraine, die beiden Geschwisterländer der Russischen Föderation. Was soll dieser Keil in EUROPA bewirken?
Und noch einen weiteren Keil treibt Huntington zwischen die Länder von EUROPA, wenn er sagt, dass die vermeintliche westeuropäische Zivilisation nicht vereinbar sei mit der islamischen Zivilisation, die er sich obendrein nicht scheut im gleichen Atemzug mit der vermeintlichen osteuropäischen Zivilisation zu nennen.
Das Buch des Amerikaners Huntington erschien 1996. Ich erwähne es hier deshalb nochmals, weil seine Thesen auch weiterhin von den Gegnern EUROPAS in Ost und West vorgetragen werden und weil sie die amerikanische Administration, vor allem unter Präsident Bush sehr geprägt haben.
Meinungsmacher wie Huntington übersehen das Verbindende in EUROPA, wie die für alle Länder verbindliche Ethik der Zehn Gebote, den grenzübergreifenden, gemeinsamen kulturellen Aufbruch im 19. Jahrhundert, die Wirkungen von Karl Marx, das europäische Leben in Sankt Petersburg und Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Leiden in den beiden Weltkriegen wie auch im Krieg der Ideologien, den Fall der Berliner Mauer und nicht zuletzt auch die Mythen von EUROPA, allesamt wichtige Grundlagen für die Identität von EUROPA. Und sie übersehen die in EUROPA vorhandene Bereitschaft zur respektvollen Akzeptanz der nicht-christlichen Mitbürger. Diese Bereitschaft ist begründet im Ideal der Religionsfreiheit, der Toleranz, einer bedeutenden Errungenschaft der europäischen Geistesgeschichte.
Wir alle sollten uns gegen die Aussagen von Huntington und seinen Epigonen verwahren. Sie vertiefen die Gräben in EUROPA und erschweren den Weg in eine gemeinsame, erfolgreiche Zukunft von EUROPA. Sie schwächen EUROPA im globalen Wettbewerb. Ist das gewollt?
Forderung
Um das Vertrauen in EUROPA unter einander zu fördern, müssen sich die Europäer auf die Identität von EUROPA besinnen, auch um gegenüber den erwähnten Wettbewerbern bestehen zu können. Die kollektive Selbstwahrnehmung von EUROPA ist unabdingbar.
Die Eliten in EUROPA sind gefordert, die Identität und die Werte von EUROPA herauszuarbeiten und beide in Demut zu pflegen, zum Wohle der Menschen in EUROPA.
Und Europäische Mythen sind zu beleben, auf die sich die Identität von EUROPA stützen kann. Das Herausarbeiten von Identität und Mythen von EUROPA ist eine zentral wichtige Aufgabe, auch der Jugend.
Nationale und regionale Egozentrik gilt es zu relativieren. Der Frieden in EUROPA ist inzwischen erreicht. Militärische und ideologische Bedrohungen in EUROPA gehören der Vergangenheit an. Der Handel in EUROPA ist lebendig. Reisen sind nahezu problemlos möglich. Wechselseitige Investitionen geschehen. Kommunikation über die Grenzen hinweg ist Teil des Lebens.
Die Eliten in EUROPA mögen sich bemühen, eine offene, grenzüberschreitende Diskussionskultur, vor allem über gemeinsame Interessen und Perspektiven, zu erhalten oder, wo sie verloren ging, sie zurückzugewinnen, auch um bestehende Fehleinschätzungen, Vorurteile zu überwinden und um neue Fehleinschätzungen zu verhindern Auch hier muss im Zweifelsfall die Jugend vorangehen.
Identität von EUROPA
Identität beschreibt das Zughörigkeitsgefühl eines Individuums oder einer sozialen Gruppe zu einem bestimmten Kollektiv. Gemeinsames Erleben, auch gemeinschaftlich empfundenes Leid fördern dieses Gefühl. Identität stiftend ist die Erkenntnis, sich von anderen Individuen oder Gruppen kulturell zu unterscheiden, in Wertvorstellungen, Sprache, Sitten, Gebräuchen und in sonstigen Aspekten der Lebenswelt. Die Gesichtspunkte, die eine kulturelle Identität prägen, sind heterogen und können zueinander im Widerspruch stehen. Auch haben sie unterschiedliches Gewicht bei den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, regional wie soziologisch (Eliten, Intellektuelle, Sonstige).
Kollektive Identität erwächst aus gemeinsamem Erleben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Zukunft von EUROPA nährt sich vor allem aus dem Wissen um seine Herkunft. EUROPA muss seine Geschichte betrachten, sein Geschehen in der Gegenwart zur Kenntnis nehmen und gemeinsame Zukunftsvorhaben betreiben. Lassen Sie mich einige mir wichtig erscheinende Identitäten von EUROPA nennen. Sicher ist meine Aufstellung nicht vollständig, vielleicht auch Anlass zur Kritik. Wie auch immer Sie die Beispiele sehen, ich möchte mit meinen Beispielen Sie, die Jugend von EUROPA, zum Nachdenken über die Identität von EUROPA anregen.
Mittelmeer
Wichtiger Merkposten des kollektiven Gedächtnisses von EUROPA ist, dass die Wiege von EUROPA am Mittelmeer steht. Auf der Ostseite des Mittelmeers entsteht vor etwa 2500 Jahren die griechische Zivilisation, ein Herzstück EUROPAS. Der antike griechische Stadtstaat, die Polis, schenkt EUROPA die Demokratie, vor allem die Rechtsstaatlichkeit und die Gleichheit aller vor dem Recht.
Teil der griechischen Mythologie ist der Europa-Mythos. Zeus, der Vater der griechischen Götterwelt, entführt in Gestalt eines herrlichen Stiers die phönizische Prinzessin Europa aus dem Orient nach Kreta. Den Kontinent, zu dem Kreta gehört, nennt Zeus, um seiner Geliebten eine Freude zu machen, Europa. Diese gebiert ihm drei Söhne, Halbgötter, jeder mit einer wichtigen Aufgabe für das Zusammenleben der Menschen, ähnlich wie später Maria von Nazareth.
Der Maler Valentin Alexandrovich Serov aus Sankt Petersburg, 1865 – 1911, hält 1910 die Entführung durch Zeus in seinem Bild „Der Raub der Europa“ fest. 1917 wird das Bild zum Modell für eine Skulptur der „Königlichen Porzellanmanufaktur“ in Sankt Petersburg, der heutigen „Lomonossov Porzellanmanufaktur“. Auf der Westseite des Mittelmeers entsteht das Imperium Romanum, auch vor etwa 2500 Jahren. Es schenkt EUROPA die Kenntnis, wie Politik und Verwaltung in einem Flächenstaat effizient geschehen.
Durch Handel und Migration sind die griechische und die römische Zivilisation verbunden. Die griechische Kultur befruchtet die römische Zivilisation. Der Osten des alten Europa spricht Griechisch und der Westen spricht Lateinisch. Im Osten wird griechische Intellektualität gepflegt; im Westen herrscht römischer Staats-Pragmatismus. Das Christentum entsteht ebenfalls am Mittelmeer und breitet sich bald über das damalige EUROPA aus, über das westliche Rom und über das östliche Byzanz. Die Europäische Zivilisation am Mittelmeer ist die Synthese des griechischen, römischen und christlichen Geistes. Zu dieser Synthese hat der griechische Geist die Idee der Freiheit, der Wahrheit und der Schönheit beigetragen; der römische Geist gibt die Idee des Staates und des Rechts und das Christentum den Glauben und die Liebe. Der römische Kaiser Konstantin verlegt das Machtzentrum des römischen Reichs von Rom im Westen nach Byzanz im Osten.
Die antike Geschichte des Mittelmeerraums ist keine Vorgeschichte EUROPAS. Sie
ist bereits ureigene europäische Geschichte. EUROPA ist am Mittelmeer eine historische Realität lange bevor die Nationalstaaten nördlich der Alpen und nördlich des Kaukasus die Bühne der Weltgeschichte betreten. Die griechisch-römisch-christliche Synthese besteht noch heute, wenngleich in der Zwischenzeit die  Entwicklung in Osteuropa und die in Westeuropa sich mit unterschiedlichen Gewichten vollzieht. Im Westen entwickelt sich das lateinische Europa, eine kulturelle Nachfolge des Lebens am westlichen Mittelmeer, und im Osten das slawische Europa, eine kulturelle Nachfolge des Lebens am östlichen Mittelmeer. Mittelmeer ist Teil der Identität von EUROPA.
Christianisierung
Das Imperium Romanum verliert an Bedeutung. Im Westen entsteht nach einigen Zwischenschritten unter den Ottonen das Heilige Römische Reich. Etwa zeitgleich entsteht im Osten unter den Rurikiden die Kiew Rus. Im Westen nimmt bereits um das Jahr 500 der Germanenführer Chlodwig I das Christentum an, in seiner lateinischen Form. Im Osten folgt um 1000 der Rurikide Wladimir I mit der Annahme des Christentums in der griechischen Ausrichtung. Die Übernahme des Christentums erfolgt unter Einbeziehung von germanisch-keltisch-slawischem Kulturgut in den Ritus der beiden Kirchen, Christianisierung. In beiden Fällen ist der Monotheismus die Legitimation von Zentralgewalt zugleich mit der Adaption kirchlicher Verwaltung durch den Staat. Christianisierung ist Teil der Identität von EUROPA.
Trennung der Kirchen
Um 1000 nach Christus kommt es zur Trennung der römisch-katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche vorrangig wegen kirchenpolitischer Faktoren, aber auch wegen dogmatischer und liturgischer Unterschiede. Die unterschiedlichen Sprachen - im Westen Lateinisch, im Osten Griechisch - fördern die Trennung. Dieser Streit der Kirchen trägt nicht zur Bildung von Vertrauen in EUROPA bei, im Gegenteil. Immer wieder versuchen die Kirchen, zu einander zurückzufinden, aber ohne Erfolg bis heute. Soeben hat die Russisch-orthodoxe Kirche den Kontakt zur Evangelischen Kirche Deutschlands, dem „protestantischen Ableger“ der römisch-katholischen Kirche, abgebrochen, weil selbige eine Frau, obendrein eine geschiedene Frau zum Vorsitzenden gewählt hat. Bei der Findung eines gesamteuropäischen Selbstverständnisses sind die Kirchen hochgradig kontraproduktiv, seit eh und je. Trennung der Kirchen ist Teil der Identität von EUROPA.
Dynastische Verbindungen
Die Kiew Rus war der Zusammenschluss der ostslawisch-nordeuropäischen Herrschaftsgebiete zu einem Vielvölkerreich. Es erstreckt sich von Alt-Lagoda im Norden bis zu Tmurtorokan im Süden, also vom Finnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer, und von Galitsch im Westen, auf demselben Längengrad wie Brest-Litowsk gelegen, bis Murom im Osten, 290 km östlich vom heutigen Moskau entfernt. Die Kiew Rus umfasst etwa 2 Millionen Quadratkilometer: das Gebiet Zentralrussland und die Gebiete der Ukraine und Belarus. Dieses größte Reich EUROPAS im Mittelalter existiert etwa 400 Jahre. Die Herrscher sind Wikinger, die aber sehr bald slawisieren. Sie herrschen als Großfürsten von Kiew. Enge verwandtschaftliche Verbindungen bestehen mit den Herrscherhäusern in Westeuropa. So gibt es Großfürsten von Kiew, die westeuropäische Prinzessinnen heiraten, aus Polen, Schweden, Deutschland, England. Besonders sei hier erwähnt Isjaslaw II., der eine Tochter des deutschen Stauferkönigs Konrad II. heiratet. Und Töchter der Großfürsten zu Kiew heiraten Herrscher in Westeuropa. Ein Beispiel ist die Ehe der Anna von Kiew mit Heinrich I., König von Frankreich und Herzog von Burgund. Der Moskowiter Zar Ivan IV, der anglophil ist und mit der englischen Königin Elisabeth I über Handel korrespondiert, hält um die Hand einer Nichte dieser englischen Königin an, um durch eine dynastische Verbindung dem wichtigen gemeinsamen Handel mit dem Orient eine feste Grundlage zu geben.
Auch während der Herrschaft der Romanows auf dem russischen Thron gibt es enge dynastische Verbindungen zwischen Westeuropa und Russland. Dynastische Verbindungen haben immer dazu beigetragen, EUROPA als Ganzes zu sehen. Umso verwerflicher ist, dass die Vettern Georg V, König von Großbritannien, Nikolaus II, Imperator des Russischen Reichs, und Wilhelm II, Kaiser des Deutschen Reichs, den Ersten Weltkrieg geschehen lassen, getrieben von nationalen Egoismen und von persönlichen Eitelkeiten. Dynastische Verbindungen ist Teil der Identität von EUROPA.
„Russische Erde“
Im 13. Jahrhundert überfallen die Turko-Mongolen EUROPA. Die große Kiew Rus zerbricht in kleinere Rus. Die westlichen Teile kommen unter litauischen Einfluss, später polnisch-litauischen. Das sind die Gebiete der heutigen Ukraine und von Belarus. Der Süd-Osten fällt an die Turko-Tartaren, auch heute ukrainisch. Der nord-östliche Teil mit Moskau ist Tribut zahlendes Interessensgebiet der Turko-Mongolen. Die „Russische Erde“ ist geteilt. Diese Teilung ist tief verwurzelt im kollektiven Gedächtnis der meisten Menschen in Russland, Belarus und Ukraine, bis heute. „Rodina mat“, Mutterland, nennen die Russen die „Russische Erde“. Großfürst Ivan I von Moskau veranlasst 100 Jahre nach dem Zerfall der großen Kiew Rus die Übersiedlung des orthodoxen Metropoliten von Kiew nach Moskau und fordert die „Sammlung der Russischen Erde“, eine Forderung, an die sich alle seine Nachfolger gebunden fühlen. Tatsächlich gelingt es den russischen Großfürsten und später den Zaren die Gebiete der Kiew Rus wieder zusammenzuführen. Etwa 450 Jahre haben sie dafür gebraucht. Dafür stehen besonders Großfürst Ivan III, Zar Alexei und die Zarin Katharina II. 1918 zerbricht dieses Reich, erlebt wenig später in der Sowjetunion eine Wiedergeburt und zerfällt 1991 erneut. Die Westgrenze der heutigen Russischen Föderation befindet sich wieder dort, wo sie Zar Alexei, der Vater Peter des Großen, vor etwa 350 Jahren vorfand. Sie verläuft mitten durch die „Russische Erde“.
Die Empfindlichkeiten, die heute zwischen den Ländern Russische Föderation, Respublika Belarus und Ukraine bestehen, sind auch begründet in der unerfüllten Sehnsucht, wieder beisammen zu sein. Die hineingetragene Diskussion über den Beitritt der Ukraine in die NATO ist da wenig hilfreich, zumal selbst einige Länder der Europäischen Union nicht Mitglied der NATO sind: Irland, Schweden, Finnland, Österreich, Malta und Zypern. Gegen wen soll die NATO die Ukraine verteidigen? Die Westeuropäer sollten die Wunde der Aufteilung der „Russischen Erde“ in die Geschwisterländer Russland, Belarus und Ukraine respektieren und sie sollten von ganzem Herzen wünschen und auch helfen, dass hier ein Weg der gelebten Freundschaft gefunden wird, der den Schmerz nimmt. Manche Äußerung aus Russland, aber auch aus der Ukraine und aus Belarus findet ihre Erklärung in diesem Schmerz. Glücklicherweise sind die Geschwisterländer wirtschaftlich zunehmend eng verbunden. Es müssen darüber hinaus Vorhaben und Aktivitäten angestoßen werden, welche Vertrauen bilden und helfen, dass Russland, Belarus und Ukraine ihr gemeinsames Erbe wieder leben können, wohl allerdings unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts, in Partnerschaft und wechselseitiger Achtung.
Im Hinblick auf diesen Schmerz scheint mir die polnisch-schwedische Initiative der so genannten Östlichen Partnerschaft eher missverständlich als hilfreich zu sein. Die Östliche Partnerschaft ist ein Assoziierungsabkommen, das die Europäische Union mit Belarus, Moldawien, Ukraine, Armenien, Aserbaidschan und Georgien gegründet hat, im Mai dieses Jahres in Prag. Das Assoziierungsabkommen beinhaltet, dass die genannten Länder eines Tages Mitglied der Europäischen Union werden können, jedes dann, wenn es sich entsprechend entwickelt hat. Dieser Vorgang vertieft die Teilung der „Russischen Erde“. Die Welt- und Atommacht Russland wird nicht in die Europäische Union eintreten können, auch nicht um die Teilung der „Russischen Erde“ zu überwinden. Ein Abtreten von Souveränitätsrechten ist für Russland unvorstellbar.
Und warum wird obendrein den Nichteuropäern Armenien, Aserbaidschan, Georgien die Option gegeben, Mitglied in der Europäischen Union werden zu können? Der Kaukasus gehört nicht zu EUROPA. Die genannten Länder sind Anrainer Russlands. Russland fühlt sich durch die Östliche Partnerschaft der Europäischen Union zu Recht bedrängt, mindestens gekränkt. Dieses Assoziierungsabkommen ist keine Vertrauen fördernde Maßnahme. Mancher schreibt sie dem Einfluss der Vereinigten Staaten und der NATO zu, um Russland zu isolieren. Die Östliche Partnerschaft läuft Gefahr, den Weg nach EUROPA zu erschweren, ähnlich wie die oben genannten Thesen des US-Amerikaners Samuel Phillips Huntington. Die „Russischen Erde“ ist Teil der Identität von EUROPA.
Sankt Petersburg
Das späte Mittelalter prägt EUROPA. Das lateinische Europa lebt in enger Verbindung
zu den antiken Quellen der griechischen Polis und Roms. Das ostslawische Europa wird abgeschirmt durch die orthodoxe Kirche und obendrein durch die kyrillische
Schrift. Im lateinischen Europa entwickeln sich Städte, Bürgertum und Handwerk. Eindrucksvolle Symbole dieser Entwicklung sind die gotischen Kathedralen in den Städten. Das ostslawische Europa lebt in der Weite des Landes, betreibt Handel und wird von der Kirche verwaltet. Eindrucksvolle Symbole dieser Entwicklung sind die Klöster im Land, die zugleich Trutzburgen und Handelsplätze sind. Diese Entwicklungen in EUROPA in verschiedene Richtungen, diesen Eisernen Vorhang des Mittelalters, überwindet der russische Zar Peter der Große.
Der große Peter, der den Herrschertitel Imperator des Russischen Reichs einführt, bringt EUROPA wieder zusammen, Ost und West. Er baut Sankt Petersburg als eine europäische Stadt, die unter seinen Nachfolgern über mehr als 200 Jahre zu einer wichtigen Drehscheibe der Politik und der Wissenschaft in EUROPA wird und die in der zweiten Hälfte dieser 200 Jahre auch zu einer wichtigen europäischen Plattform der Kunst aufsteigt.
Dazu einige Beispiele: Der russische Universalgelehrte Michail Wassiljewitsch Lomonossow studiert an der Universität in Marburg, wo er seine deutsche Frau heiratet, und am Laboratorium für Bergbau und Hüttenwesen in Freiberg. Er lehrt und forscht später in Sankt Petersburg und gilt als der Begründer der russischen Wissenschaft. Leonhard Euler aus Basel, einer der bedeutendsten Mathematiker, wird mit 20 Jahren Professor in Sankt Petersburg als Nachfolger von Nikolaus II. Bernoulli, der mit seinem Bruder Daniel Bernoulli in Sankt Petersburg gearbeitet hat. Fast die Hälfte des Lebenswerks von Euler entsteht in Sankt Petersburg. Die europäischen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe und Alexander  Sergejewitsch Puschkin lesen ihre Werke wechselseitig und verehren sich sehr; beid



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