Verminte Gebiete


Die Sprachhüter haben gerichtet: Sozialtourismus ist das Unwort des Jahres.

Für die „Armutszuwanderung“ hat es dann doch nicht ganz gereicht, die Darmstädter Sprachkritiker wählten den „Sozialtourismus“ an die Spitze der sprachlichen Totalausfälle des vergangenen Jahres. Die Gralshüter der Politcal Correctness schlaglichtern damit – wie schon oft in der Vergangenheit – auf die süß durch alle Diskurse schleichenden, vermeintlichen Anti-Semantiken, die triefend vor inhumaner Geisteshaltung das demokratische Nest beschmutzen. Und man muss der Jury zugestehen: In ihrer Auswahl ist sie meist treffsicher, pointiert und auf der Höhe der Zeit.               Und dennoch: Was oberflächlich amüsant und eine Ebene darunter immerhin noch sprach- bzw. gesellschaftskritisch daherkommt, ist letzten Endes auch nichts anderes als ein Beschnitt der öffentlichen Debatte im Namen der politischen Korrektheit. Oder aufs Wesentliche runtergebrochen: Die selbsternannten Sprachschützer verbieten einer ganzen Sprachgemeinschaft das Wort. Der diesjährige Champion macht das aufs Neue eindrucksvoll deutlich.Sprache ist naturgemäß dynamisch, assoziativ und vor allem kreativ. Insbesondere das Deutsche weist einen ausgeprägten Hang zur Komposition – die Bildung eines neuen Wortes aus mindestens zwei bereits vorhandenen Worten – auf und besitzt damit beste Möglichkeiten, den bestehenden Wortschatz bei Bedarf zu erweitern. Dabei entstehen mehr oder weniger originelle (Phrasendrescher, Schnittgerinne, Trittbrettfahrer), einmalige (Kindergarten, Rucksack, Sauerkraut) oder auch sachdienliche (Wertstofftonne, Vierkantschlüssel) Bezeichnungen für Dinge, die in irgendeiner Art eine sprachliche Fixierung benötigen.Der Gründe dafür liegen in u.a. der Neuartigkeit der Sache (Energiewende, Schwungnutzautomatik), des soziolektischen Schulterschlusses (der jugendliche „Assitoaster“ für’s Solarium, die „Bunabelzer“ für beschäftige Chemiearbeiter der Buna-Werke in der DDR) oder auch einem bürokratischen Anspruch auf Genauigkeit (Zinsausgleichsgarantien, Schnellreaktionsmechanismus). Mit jeder Neuschöpfung gewinnt Sprache an Mehrdimensionalität, an Reichtum und an Pluralismus – die anscheinend nicht jedem gefällt. Denn warum sonst grätscht man dieser wunderbaren Dynamik alljährlich ins kreative Kreuz und brandmarkt mit dem „Unwort des Jahres“ Sachverhalte, die einer grundsätzlich aufgeklärten, pluralistischen Gesellschaft sprichwörtlich auf der Zunge liegen? Was treibt die Darmstädter Jury  eigentlich dazu, den Diskursen ihre Mehrdimensionalität zu rauben?                 „Die Kritik an Unwörtern ist Ausdruck der Hoffnung auf mehr Verantwortung im sprachlichen Handeln“ heißt es im Selbstverständnis der Aktion.  Mit dem „Unwort des Jahres“ möchte man das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern und den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch lenken.  Das "Sprachbewusstsein der Bevölkerung“ fördert man also damit, Sprache zu beschneiden? Denn von „Sozialtourismus“ wird demnächst nirgendwo mehr die Rede sein, genauso wie die „Herdprämie“ oder die „national befreiten Zonen“ aus den Diskussionen radiert wurden. Dass diese Worte nichts anderes machen, als – vornehmlich ungeliebte – Kinder beim griffigen Namen zu nennen, spielt offenbar keine Rolle. Ebenfalls keine Rolle spielt es, dass die Sachverhalte hinter dem Wort bestehen bleiben, egal wie man sie nennt. Der „Sozialtourismus“ macht da keine Ausnahme. Aber wir können uns ja gern alle gemeinsam vom sprachlichen Minenfeld in den politisch korrekten Schützengraben zurückziehen und überlegen, wie wir die verbotene Elementarwahrheit denn nun benennen wollen: Wohlstandsvisum? Balkan-Pauschale? Karpaten-Diäten? Armutszuwanderung wäre auch noch frei.



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