Erst Sport, dann Knast


Der Dopingfall Evi Sachenbacher-Stehle hat den selbst ernannten sportlichen Saubermann Deutschland in Misskredit gebracht, sehr zum Missfallen von Funktionären und Politikern. Gefordert werden neben strengeren Kontrollen, längeren Sperren jetzt auch Freiheitsstrafen…. doch ist diese Lösung alles andere als sauber Leipzig– Die Olympischen Spiele in Sotschi sind vorbei. Deutschland verfehlt zur Enttäuschung ambitionierter Funktionäre das illusorische Medaillenziel. „Nur“ Platz sechs und das auch noch hinter den Niederlanden. Doch tritt die sportliche Leistung diesmal in den Hintergrund. Deutschland, das Land sauberer Flüsse und sauberer Sportler hat seinen Skandal, die Ex-Langläuferin und womöglich bald auch Ex-Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle ist mit einem „anormalen Wert“ beim Dopingtest aufgefallen. Methylhexanamin ist der Sportlerin zum Verhängnis geworden, ein Stoff der vorübergehend die Leistung steigern soll und in verschiedenen Produkten, darunter auch Nahrungsergänzungsmitteln, enthalten ist.Der (Sünden-) Fall SachenbacherNachdem am 20. Februar 2014 bekannt wird, dass ein deutscher Wintersportler gedopt ist, zeigen sich andere Kollegen schon vor Bekanntgabe des Namens entrüstet und sprechen wie der nordische Kombinierer Eric Frenzel von einem „echten Hammer“. Frenzel begründet dies auch damit, dass das deutsche Kontrollsystem sehr gut sei und auch Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), bekräftigte schon vor der Olympiade, nichts unversucht gelassen zu haben, nur saubere Athleten nach Sotschi zu schicken. Nun war Evi Sachenbacher-Stehle genau das in Sotschi nicht (mehr) und der DOSB allen voran der eifrige Michael Vesper und ebenso IOC-Chef Thomas Bach stehen vor den Augen der internationalen Sportgemeinde natürlich ein wenig schlecht da und so ist man bemüht, die Sache „lückenlos aufzuklären“.  Neue QualitätVorerst sieht diese lückenlose Aufklärung – gegen Unbekannt – die Untersuchung des Biathlonstützpunktes in Ruhpolding sowie die Frage nach der Herkunft des Methylhexanamins vor. Heraus kommt: Ruhpolding ist sauber und der Stoff stammt aus einem Nahrungsergänzungsmittel, das, wie DOSB-Athletenvertreter Christian Breuer in der Rheinischen Post erklärt, „jeder von uns im Laden kaufen kann“. Heraus kommt für den Beobachter aber noch etwas anderes, man geht derzeit nicht von vorsätzlichem Verhalten aus und spricht überwiegend von einem „Fehler“, einer „Unachtsamkeit“ oder auch von „Dummheit“. Damit zeigt sich eine neue Qualität im (offiziellen) Umgang: Doping bedeutet auch Vorsatz und die Sportwelt besteht offensichtlich aus mehr als muskulösen Trickbetrügern, großen Spritzen und Tabletten.Der Jurist Daheim in Deutschland ist die Entlarvung dopender Sportler längst zur „Jagd“ aufgewertet und jeder der ungewöhnlich schnell läuft, höher springt oder besonders ausdauernd ist, ist vermutlich  ein mittelschwerer Apothekenschrank. Durch solche – bewiesenen wie auch widerlegten – Verdachtsfälle provoziert, nimmt man es in Deutschland sehr genau, den Sport und damit verbunden auch Wirtschaft und Ansehen des Landes zu schützen. Da aber trotz aller Kontrollen immer wieder Sportler den Weg der unerlaubten Leistungssteigerung suchen, soll nun auch von Seiten des Rechtsstaates mitgeholfen werden, den unfairen Wettkampf auszumerzen. Der jüngste Dopingverdacht ruft Justizminister Heiko Maas auf den Plan der, exklusiv im Interview mit BILD, auf Haftstrafen für unsaubere Sportler plädiert: „Es droht gedopten Sportlern also künftig nicht mehr nur die Wettkampfsperre, sondern das Gefängnis“. Weiter ausgeführt wird dies im Focus, wo von bis zu fünf Jahren Haft für dopende Sportler und Doping-Ärzte (neben Steuersündern und Protzbischöfen ein Berufsstand den Medien „entdeckt“ haben) gesprochen wird. Harter Tobak, den der Jurist und aktive Triathlet da liefert, werden so – zumindest dem Strafmaß nach – gedopte Sportler auf eine Stufe mit Vergewaltigern und Totschlägern gestellt und heikel obendrein, denn während bei letztgenannten Fällen die Frage des Vorsatzes eindeutig klärbar ist, fällt dies im Dschungel leistungssteigernder Substanzen als andere als leicht.Leben im GiftschrankAls Leistungssportler muss man heute nicht mehr nur darauf konzentriert sein, erfolgreich zu trainieren und stets im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen (und Medaillenhoffnungen zu erfüllen), sondern vor allem darauf,  ja nicht das falsche  zu essen, zu trinken oder einzuatmen. Die Liste von Substanzen, die als leistungssteigernd und damit verboten gelten, ist ebenso so lang wie absonderlich: Vom handelsüblichen Hustensaft bis zum Kälbermastmittel ist so ziemlich alles vertreten, was Pharmazie und Industrie kredenzen. Neuerdings gilt auch das Inhalieren von Edelgasen wie Xenon als leistungssteigernd (WDR-Bericht). Wer da zufällig zu nah an der örtlichen Fabrik trainiert oder im Supermarktregal danebengreift kann im Zweifel trotz aller ehrenwerten Absichten zum Straftäter werden. Um dies zu verhindern, gibt es Berater, Nachschlagewerke, Beipackzettel und Informationsmaterialien. Sachenbacher-Stehle wurde dennoch positiv getestet, das ist Fakt. Die Absicht konnte ihr bislang nicht bewiesen werden. Es gilt die Unschuldsvermutung, und gerade dieser Punkt ist es, der in der Debatte nicht außer Acht gelassen werden darf. Doping wird landläufig als bewusste Manipulation mit Stimulanzmitteln aufgefasst, eine juristische bindende Definition gibt es bislang nicht. So stellt sich die Frage, ob der Staat bestrafen darf, was er bislang nicht konkret bestimmt hat und ob er mit unverhältnismäßiger Strafe den verurteilen kann, dem er die Absicht u.U. nicht vollends beweisen kann. „In dubio pro reo“ gilt für alle Bürger und dazu zählen auch Sportler.Was will der Staat?Fraglich bleibt auch der Sinn einer solchen Bestrafung, Sachenbacher-Stehles Karriere ist so oder so beendet, Dieter-Baumann war nach dem bizarren Fall um Zahncreme-Doping gleichermaßen geächtet wie der von Haus aus ehrliche – „Ich hab‘ noch nie jemanden betrogen!“ – Radfahrer Jan Ullrich. Geschadet haben sich alle drei selbst genug. Natürlich steht es Sponsoren auch frei Schadensleistungen zu prüfen, doch was will der Staat mit einer Bestrafung derer gewinnen, die bereits bestraft sind oder werden, wenn er sich dabei auch immer wieder dem Risiko aussetzt, falsch zu urteilen? Gefordert wird sauberer Sport, gelebt werden sollte aber auch sauberes Recht! Bildquelle: Phil Roeder / Flickr.com



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