Zu Steingarts Innovation, Wirkung, Nachhaltigkeit



Zur Rede von Gabor Steingart, Herausgeber Handelsblatt, anlässlich der w&v-Veranstaltung „Future Summit 2013: Innovation, Wirkung, Nachhaltigkeit“ in München am 14.11.2013

http://www.handelsblatt.com/downloads/9077754/3/Gabor%20Steingart_Die%20Leser-Revolution.pdf

Sehr geehrter Herr Steingart,

unter Verletzung von Alltagspflichten habe ich mich verleiten lassen Ihren Redetext gleich zu lesen und meine Reaktion darauf beweist gleich ihre These (frei formuliert), dass der Leser nicht passiver Lauscher journalistischer Botschaften ist.

Ich finde Ihren Redetext gut. Bei einer Bewertung mit "mutig" bin ich zögerlich, weil ich nicht weiß, ob die Rolle, die sie einnehmen nicht zur Marketingstrategie des Verlages gehört. Wenn ein junger Kollege von Ihnen, der sich mit einem Zeitvertrag in der untersten Gehaltsgruppe über Wasser hält, den Text gesprochen hätte, würde ich nicht zögern ihn mutig zu nennen. Aber so eine Kollegin oder Kollegen von Ihnen, hätte gar keine Chance bekommen den Beitrag an dem Ort des Geschehens vortragen zu können.

Aus der Sicht der Verleger, hat die Netzentwicklung das Zeitungsgeschäft sicher schwieriger gemacht. Aus der Sicht des kritischen Bürgers hat das Internet den Verlagen und Medienanstalten erfreulicherweise einen Teil ihrer Macht genommen. Dabei soll gar nicht übersehen werden, dass die Zeitungen und Zeitschriften auch immer nützliche Informationen und Unterhaltendes vermittelt haben. Aber die Kumpanei (hier als gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis verstanden) zwischen Presse und Politik verursacht ja nicht nur in totalitären Staaten die Verformung der Berichterstattung über Fakten und Geschehnisse.

Die Rolle der Presse in der Demokratie und das Verhältnis zwischen den Redaktionen und den Lesern ist für mich ein altes Thema. Siehe im Anhang meinen Offenen Brief vom 1. März 1969 an die Nordsee-Zeitung und die Links zu eigenen Texten am Ende dieses E-Mails.

Meine Einschätzung der Medien ist, dass sie ihrer Rolle als Berichterstatter und Aufklärer nur mäßig gut nachgekommen sind und nachkommen. Mir scheint der Anpassungsdruck unter denen Journalisten und Redakteure in unserer sogenannten freien Gesellschaft stehen, nicht wesentlich geringer zu sein, als in totalitären Staaten. Nur die Ursachen des Anpassungsdruckes werden sich bei genauer Analyse zum Teil als unterschiedlich herausstellen.

Ich kommentiere nun ein paar Ausschnitte aus Ihrer Rede. Im Redetext (6.Versäumnis) steht:

>> Die niedrigen Zinsen sind ein Paradies für Schuldner, aber die Hölle für jeden Sparer, denn seine Vermögenswerte werden aufgefressen. Diese Sachverhalte werden nicht mit der nötigen Klarheit und Präzision ausgebreitet. Der Leser kennt nicht alle Details, aber er spürt, dass um ihn herum eine virtuelle Wirklichkeit aufgebaut wird. <<

Mit dem ersten Satz der nicht richtig und nicht falsch ist und der inhaltlich gleich überalle zu lesen ist, beweisen Sie, was Sie im zweiten und dritten Satz sagen. Und was Sie an anderer Stelle so formulieren:

>> Aber was wir uns vorwerfen müssen, ist die Tatsache, dass alle immer den gleichen Fehler sehen und offenbar nur im Kollektiv Recht haben können. <<

Im Wirtschaftsjournalismus wirkt sich die "Gleichschaltung" der Berichterstatter besonders fatal aus.
Zum konkreten Thema: Der Schuldner lebt auch bei Null Prozent Zinsen für den Kredit nicht im Paradies. Die Schuldentilgung ist nämlich eine anstrengende und gefahrvolle Tätigkeit, bei der der Schuldner seine gegebenen Sicherheiten einbüßen kann. Der Schuldner transportiert durch seine Leistung gegenwärtige Ansprüche an den Markt in zukünftige. Dafür müsste er eigentlich belohnt werden. Auch bei der gegebenen Inflationsrate und niedrigen Zinssätzen für Sparer, die nicht einmal den Inflationsverlust ausgleichen und obendrein oberhalb der Freigrenzen noch versteuert werden müssen, zahlt der Schuldner immer noch einen positiven Zins.
Der Sparer hätte einen viel größeren Vorteil davon, wenn das gesamte Zinsniveau einschließlich des Realkapitals auf Null sinken würde, als wenn des Zinsniveau auf 3, 4, 5 oder mehr Prozent steigen würde, weil es bei der Saldierung von Soll- und Haben Zinsen aller Wirtschaftsteilnehmer nur 10 % Gewinner gibt. Alle Preise sind mit durchschnittlich 30 bis 40 % Zinskosten belastet. Die mögliche Kostenersparnis bei einem Zinsniveau gegen Null Prozent würde den Sparern als Konsumenten Beträge ersparen, die sie mit keinem Sparvertrag oder mit keiner Kapitalversicherung einfahren können.

Hier könnte das Handelsblatt beweisen, das es gewillt ist die medial-kollektive Fehlinformation aufzubrechen.

Im 7. Versäumnis heißt es:

>> Wir haben uns unterwerfen lassen. Ein entkräfteter Journalismus hat vielerorts zugelassen, dass die Kaste der Kaufleute das Kommando übernahm. Es kam zu einer Verschiebung in der inneren Machtarchitek- tur der Verlage. Seither begegnet uns der Bock in der Schürze des Gärt- ners. ... <<

Es stimmt wieder und auch nicht. Die Kaste der Kauleute geben nur den Druck weiter, der von den Kapitalgebern ausgeübt wird. Und die Kapitalgeber unterstehen dem Systemdruck, den man kapitalistischer Konzentrationsprozess nennt. Sie unterscheiden in Ihrem Buch "Unser Wohlstand und seine Feinde" ja erfreulicher Weise die Marktwirtschaft vom Kapitalismus.Mein Eindruck ist aber, dass Sie das hier in Kurzform benannte Problem noch nicht erkannt haben.

Es heißt unter 7. weiter:

>> Im Internet haben diese Zahlenmenschen ihr Waterloo erlebt. Mit dem Verschenken unserer Analysen, Reportagen und Kommentare begingen sie einen Jahrhundertfehler, mit dem bedauerlichen Unterschied, dass ihre Niederlage nicht in der Einsamkeit von Korsika endete, sondern auf den Chefsesseln vieler Verlage. Wenn Starbucks, Langnese oder Becks Bier eine ähnliche Strategie verfolgt hätten – zehn Jahre bekommt jeder Deutsche Kaffee, Eiscreme und Bier umsonst nach Hause geliefert – lä- gen diese Unternehmungen längst auf dem Friedhof der gescheiterten Geschäftsmodelle. Es grenzt an ein Wunder, dass wir Journalisten das Jahrzehnt der verlegerischen Verirrung überlebt haben. <<

Nun, hier könnte man die Journalisten wie andernorts Gewerkschafter fragen, wenn Verleger und Unternehmer ein solches Fehlverhalten zu Lasten der Werteschaffenden an den Tag legen, wer hindert sie daran selber Verleger oder (allgemein) Unternehmer zu werden?
Außerdem: Die Methode mit Geschenken die Kunden wie die Fische anzufüttern ist doch nicht neu und auch nicht so selten. Ich denke da an die Petroleumlampen in vergangener Zeit, die den Verbrauch von Petroleum ankurbeln sollten. Im Alltag findet sich das wieder im Preisverhältnis von Staubsaugern und Staubsaugerbeuteln und von PC-Druckern und Druckerpatronen.
Sicher: Ehrliche und gute Journalistische Arbeit sollte ehrlich und gut bezahlt werden. Daran sollte auch bei Berichten über den Mindestlohn gedacht werden. Und noch etwas: Die Informationsfreiheit in unserer Republik wäre schon zusammengebrochen, wenn es die vielen kleinen Medien in gedruckter ( und heute in digitaler Form) nicht gäbe, die ohne Lohn erstellt werden und für die es nicht einmal einen sicheren Etat für die Druckkosten gibt.

Und dann haben Sie gesagt, wenn das Geschriebene gilt:

>> Wir müssen nur diese elendige Selbstunterforderung beenden. Weiner- lichkeit ist ein für Journalisten unzulässiger Aggregatzustand. Wir brauchen in den Redaktionen nicht Synergie, sondern Reibung. Die Demuts- haltung gegenüber den Mächtigen gehört verboten. Und unsere Zeitungen und Zeitschriften sollten wir nicht länger als Unterabteilung der Holz- industrie definieren, sondern als Gemeinschaft zur Verbreitung der Auf- klärung. Die Auflage ist ein Messinstrument, nicht Betriebszweck.
...
Wenn wir eine Koalition schmieden wollen, dann die mit unseren aufmüpfigen und engagierten Leserinnen und Le- sern. Ihr Aufbegehren ist unser Weckruf. In diesen Sinne: Es lebe die Revolution! <<

Es wäre schön, wenn es nicht zu schön wäre, um wahr zu sein oder wenn es als die Betriebsanleitung für die Handelblattredaktion gelten würde.

Ich schicke meine Antwort auch an ein paar E-Mail-Listen und an ein paar Redaktion von regionalen Zeitungen und an das >P.T. Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft<, das gestern ins Haus kam. Die jeweiligen Leser und Redakteure können ja durch Ihre Rede für die eigenen Arbeit anregen lassen.

Das Ihre Rede anregend ist, zeigen ja meine Einlassungen und mein Impuls, sie - bzw. den Link dazu - anderen weiter zureichen.

Es grüßt Tristan Abromeit



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Links zu Beiträgen von TA zum Thema Verhältnis Redaktionen zum Leser.
Siehe auch Anhang "Offener Brief an ... Nordsee-Zeitung" vom 1. 3. 1969

Von der Verantwortung der ZEIT-Redaktion für Krieg und (Bürger-)Frieden ein Brief mit Anmerkungen zu ZEIT-Artikeln und vier Anhängen von TA vom Februar 2003 http://www.tristan-abromeit.de/pdf/27.0%20Zeit-Brief%20.%202.%2003.pdf

Zeitungen spiegeln Ereignisse
und haben Wirkungen
Tristan Abromeit
November 1997
Text 47.0
http://www.tristan-abromeit.de/
Offener Brief
an die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) ( November 1997 / abgebrochen / im Jahr 1997 nicht ausgeführt) http://www.tristan-abromeit.de/pdf/47.0%20OB%20an%20HAZ%2014.11.%2097%20ohne%20Abschlu%DF.pdf

März 2011
Text 87.0
Offener Brief
an
die Moderatoren des HAZ-Forums
und an die Mitglieder der Redaktion der
Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ)
Kritik aus Nutzer- / Lesersicht

http://www.tristan-abromeit.de/pdf/87.0%20OffenerBrief%20HAZ%20Forum.pdf

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www.tristan-abromeit.de



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