Blogs / 2014 / Mai

TINA-Ökonomie braucht Meinungspluralismus. Sexuelle Vielfalt reicht nicht aus.


Über den Diskussionen um sexuelle Vielfalt und tatsächliche oder angebliche Homophobie in Westeuropa drohen die eigentlichen Themen des aufklärerischen Pluralismus unterzugehen. Es geht beileibe nicht nur um die Frage, wie jemand angezogen ist und wen er oder sie küssen, kuscheln und kopulieren will. Es geht vor allem um die Frage, was wir denken, was wir anstreben, was wir kritisieren, was wir wollen. Es geht um Vielfalt in den Meinungen. Es geht um Vielfalt in den Ideen. Dafür haben seit dem Mittelalter tausende Aktivisten gekämpft, oft unter Einsatz ihres Lebens.
Merkel-Mantra TINA
Es sind stets die Minderheiten, die die Mehrheiten und Mainstreams kritisch  beobachten müssen.  Setzt sich das allgegenwärtige Merkel-Mantra "There is no alternative", abgekürzt TINA, weiter durch, droht das Denken einzufrieren. Das Gegenteil ist richtig: Es gibt immer Alternativen. Die Vielfalt der Alternativen wird immer ausgebremst. Es ist immer der Mainstream, der kritisch beäugt und kontrolliert werden muss. Jede neue Idee ist zuerst von einem Außenseiter gedacht werden, bevor sie "die Massen ergreifen" konnte. Vielfalt ist die Ursache. Fortschritt die Folge
Mainstream Klimaschutz
Die Klimaschützer zum Beispiel waren solange progressiv, solange sich der Mainstream nicht ums Klima kümmerte. Seit aber Klimaschutz Mainstream ist und zunehmend zur Ideologie verkommt, ist die Rolle der progressiven Treiber des Meinungsaustauschs den Klimaskeptikern zugefallen. Das mag all denen missfallen, die sich selbst immer noch "contra" fühlen, obwohl sie faktisch die Macht errungen haben. Liebe Freunde: Ihr habt die Rolle der Kritiker eingetauscht gegen die Rolle der Mächtigen. Kritiker sind heute die Klimaskeptiker. Und ebenso wie ihr damals stützen die sich heute auf eine Vielfalt guter Argumente.
In dem Moment, in dem Ideen zum Mainstream werden, verlieren sie das „Anrecht“ auf Welpenschutz. Dieses Anrecht kommt nun den Kritikern zu: In diesem Falle: Den Klimaskeptikern.
Vielfalt zur Europawahl
Dasselbe ist gerade aktuell in Europa zu beobachten. Solange die Europäische Union als Ziel angestrebt wurde, war die europäische Idee unzweifelhaft progressiv, fortschrittlich, friedensschaffend, wohlstandsmehrend. Doch nun ist die europäische Idee institutionalisiert. In Brüssel und Straßburg verkörpern zehntausende Abgeordnete, Ministerielle und deren hochbezahlte Mitarbeiter Macht, Recht und Meinungshoheit. Die Vielfalt der möglichen Wege zum künftigen Europa ist der – Entschuldigung! – Einfalt der institutionalisierten Macht gewichen. Nirgendwo konnte das besser beobachtet werden als zur aktuelle Europawahl: Dass die Vielfalt der Kritiker so deutlich Stimmen gewann, ist Folge der Einfalt europäischer Besserwisserei.
Plurale Ökonomik
Auch in der Wirtschaftswissenschaft regt sich Neues. 39 Gruppen aus 19 Ländern veröffentlichten einen internationalen Aufruf für eine plurale Ökonomik. Sie kritisieren darin die intellektuelle Monokultur in der Volkswirtschaftslehre und fordern einen Neuanfang. Sie fordern Vielfalt der Theorie, Vielfalt der Ideen, Vielfalt der Forschung. Im Zentrum sollen dabei theoretischer und methodisch Pluralismus, sowie mehr Interdisziplinarität in Lehre und Forschung stehen.
Nach umfassend Berichterstattung (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Guardian, Financial Times, LeMonde, Handelsblatt, ElMundo) haben sich seit der Veröffentlichung zahlreiche weitere studentische Gruppen der Bewegung angeschlossen. Die Initiative beeindruckt inzwischen durch 63 studentische Gruppen aus 28 Ländern. Diese Vielfalt der Unterstützer ist beeindruckend.
In Deutschland hat die Bundesfachschaftenkonferenz der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften den Aufruf unterzeichnet. Damit setzt die Vertretung von über 700.000 Studierenden ein klares Zeichen für mehr Pluralismus in der Volkswirtschaftslehre, für Vielfalt im Herangehen. Sie beklagt: „Die aktuelle Lehre bildet den Stand der wissenschaftlichen Entwicklung nicht ab. Im Studium fehlt derzeit die Gelegenheit, verschiedene Perspektiven kennenzulernen. So können Studierende oftmals kein Bewusstsein für alternative Erklärungsansätze entwickeln.”
Auch aus der Politik kommt prominente Unterstützung: Der Direktor der Österreichischen Zentralbank Dr. Peter Mooslechner gratuliert zu einer „beeindruckenden Initiative“, deren Zielsetzung er „voll und ganz teile“. Darüber hinaus stimmen u.a. hochrangige Mitarbeiterinnen verschiedener UN-Organisationen dem Aufruf zu, beispielsweise der Chef-Ökonom von UNECLAC, Juan Carlos Moreno-Brid.
Charta der Vielfalt
Diese Studenten fühlen sich offenbar nicht durch eine „Charta der Vielfalt“ vertreten, die von Marktführern wie Daimler, BP, Deutscher Bank oder Telekom gegründet wurde und wo die Bundeskanzlerin Angela Merkel als Schirmherrin auftritt. Einer solche Initiative wird grundsätzlich eher nicht zugetraut, tatsächlich Vielfalt auch in der Unternehmenskultur in Deutschland voranzubringen.
Die Studenten und die Charta-Vertreten sollten sich der Österreichischen Schule der Wirtschaftswissenschaft mal widmen. Hier könnte ein Schlüssel zum Verständnis zahlreicher Widersprüche und Fragen liegen. Ein Schlüssel zum Verständnis von Vielfalt.
 



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