Blogs / 2014 / Mai

Vom ZDF-Strafgerichtshof und mangelnder Vernunft


Manchmal erinnern öffentlich-rechtliche Nachrichten eher an die Aktuelle Kamera der DDR und Klaus-Eduard Schnitzlers „Schwarzen Kanal“, als an freie Meinungsäußerungen in einer freien Gesellschaft. Als ein bärtiger Sänger aus Österreich, der sich als Frau verkleidete, einen Gesangswettbewerb gewann, folgte ein beispielloser Medienhype. Der Sängerwettstreit schien ein Kulturkampf moderner gegen veraltete Lebensentwürfe zu sein. Natürlich siegten mit Conchita Wurst die Vielfalt sexueller Lebensformen über die Einfalt traditioneller Familienmodelle.
Bei politischen und wirtschaftlichen Alltagsthemen findet man Meinungsvielfalt seltener. Gerade öffentlich-rechtliche Institutionen überbieten sich eher im Einheitsbrei vorgefasster Meinungen als in der offenen und öffentlichen freien Diskussion der Argumente.
Zum 18. Mal seit 1997 lädt Russland hat zum Internationalen Wirtschaftsforum Sankt Petersburg ein. Fast 2.000 Medienleute werden dieses Jahr erwartet, mehr als 5000 Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft wollen wie jedes Jahr über Probleme der russischen und der Weltwirtschaft zu beraten. Wie in den Vorjahren wird Wladimir Putin teilnehmen und eine Grundsatzrede halten. Vorsichtshalber haben inzwischen alle Dax-Vorstandschefs aus Deutschland abgesagt. Auch die, die eigentlich noch vor wenigen Tagen zum „russischen Davos“ fahren wollten wie E.on-Chef Johannes Teyssen. Angeblich hat Teyssen „kurzfristig andere Termine … von besonderer Bedeutung“ und schickt nun seine Vorstände Jorgen Kildahl und Leonhard Birnbaum. Warum tut er das wohl? "Aus Angst vor Ächtung durch Obama, Merkel und den ZDF-Strafgerichtshof unter Leitung von Claus Kleber" klärt der wortgewaltige Gabor Steingart in seinem heutigen Handelsblatt-MorningBriefing auf.
Ist es Stärke oder Schwäche der Regierung, dass Siemens-Chef Joe Kaeser nach seinem „unerlaubten“ Putin-Besuch vor ein paar Wochen überhaupt wieder in Deutschland einreisen durfte? 1976 ließ Erich Honecker den aus seiner Sicht widerborstigen Liedersänger Wolf Biermann einfach nicht mehr zurück in seine kleine DDR!
Die "Merkel-Raute", durch Angela Merkel zur berühmtesten Geste der Welt geworden, soll Besonnenheit ausdrücken und die Fähigkeit, die Dinge zusammenzuführen, analysierte einst "Die Welt". Silke Burmester interpretierte die Merkel-Raute auf Spiegel Online als Zeichen dafür, dass die Naturwissenschaftlerin Merkel die Energie, die andere zum Würgen oder Herabwürdigen ihrer politischen Gegner verwendeten, durch das Schließen eines Kreislaufs nach innen durch ihren Körper fließen lasse. Und für manchen Körpersprachenforscher war das „Merkel-Dach“ ein Symbol für Brücken und Nachbarschaft.
Sollte man nicht gerade mit denjenigen, denen man misstraut, in den Dialog und das Gespräch eintreten, bevor Situationen eskalieren und der eine oder andere leicht zum Knüppel greifen könnte? Was es unter diesem Aspekt wirklich richtig, die G8 durch Russlands "Ausweisung" auf eine G7 zu reduzieren? Ist es unter diesem aspekt wirklich richtig, St. Petersburg zu boykottieren statt die Möglichkeit des Gesprächs zu nutzen?
 Deutschland ändert sich offenbar gerade. Die Querdenker-Community, die der umtriebige Otmar Ehrl aufgebaut hat, ist mit inzwischen über 300.000 Mitglieder nicht mehr quer zu den Großen, sondern selbst eine richtig große Wirtschaftsvereinigung.  Quer reicht heute nicht mehr aus. Der Begriff "quer" differenziert nicht mehr. Er ist beliebig geworden. Was früher quer war, ist heute Mainstream.
Heute muss man queer sein, wenn man quer sein will. Es gibt sogar queere Wissenschaftler. Für den australischen "Queertheoretiker" David M. Halperin ist queer ganz allgemein "Widerstand gegen das Normale". Auf diesem Weg sind wir sind weit gekommen. Seit Jahren gibt es Sprechchöre von "Aktivisten" auf Demonstrationen und bei Versammlungsstörungen: "Wir sind unser’m Motto treu, queer, pervers und arbeitsscheu!" Arbeitsscheu als neuer Wert? Pervers als anzustrebendes Ideal?
In solch geistigem Umfeld ist es kein Wunder, dass den Fraktionsspitzen von CDU, CSU und SPD kosmetische Zugeständnisse genügen, um die parlamentarische Opposition bei der "Rente mit 63" zum Verstummen zu bringen. "Schade, dass die Abgeordneten nur ihrem Gewissen verpflichtet sind und nicht der Vernunft." bedauert Gabor Steingart
"Die Nachwelt wird es nicht fassen können, dass wir abermals in solchen dichten Finsternissen leben mussten, nachdem es schon einmal Licht geworden war." schrieb der große Humanist Sebastian Castelio 1562 in seinem Werk "De arte dubitandi" (Von der Kunst zu zweifeln). 1936 erinnerte Stefan Zweig in seiner historischen Monografie "Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt" an diesen Vorkämpfer gegen jeden Totalitarismus.
Das ist fast 80 Jahr her ….
 
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Bild: Die Merkel-Raute. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Angela_Merkel_Juli_2010_-_3zu4.jpg, Armin Linnartz, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany  http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en



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