Hamburg liegt an der Grenze zu Frankreich. Über eine FAZ-fast-Rückrufaktion.


In seinem heutigen Morning-Briefing macht sich Gabor Steingart, der Herausgeber des Handelsblattes, über die FAZ lustig. Zuerst lobt er die Kanzlerin Angela Merkel, bei der er eine "Kluge Doppelstrategie" sieht: "Vormittags droht sie mit Sanktionen, nachmittags organisiert sie den Dialog." Er meint, es läge an Merkels Mitwirkung, dass es am nächsten Dienstag zu einer Begegnung des russischen mit dem ukrainischen Präsidenten kommen soll. Nun - das kann man so sehen. Fakt ist, dass die Lage in der Ukraine vielen Menschen seit Wochen und Monaten Sorgen bereitet.
Im Gegensatz zu Obama, der die Russen auf dien Rank einer Regionalmacht zurückgestuft hat, hält Steingart die Russen nach wie vor für eine Weltmacht auf Augenhöhe mit den USA: "Deutschland schläft seit Wochen unruhig, weil zwei Weltmächte mit ihren Revolvern spielen."
Leider spielen nicht nur zwei Weltmächte Krieg, sondern auch viele Beobachter. Völlig zu Recht kritisiert Steingart: "Was passiert, wenn Journalisten sich in Kriegsstimmung bringen, kann man derzeit am Beispiel der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' studieren. Am Samstag überraschte das Blatt auf Seite 1 mit der zur Überschrift erhobenen Tatsachenbehauptung: Ukrainische Truppen greifen russische Militärfahrzeuge an. Der Nato-Generalsekretär bestätigte der 'FAZ' den angeblichen 'russischen Einfall'. Am Montag folgte das Dementi: 'Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa teilten mit, sie hätten keine Beweise für den Vorgang finden können.'"
Mehr kam nicht. Die FAZ fand kein Wort der Entschuldigung. Kein mea culpa. Im Gegenteil: Im Untertitel des Montag-Aufmachers stand wieder: “Klimkin: Gefahr russischer Invasion allgegenwärtig”.
Die Vorlage konnte sich Steingart nicht entgehen lassen und setzte zum verbalen Blattschuss auf den Konkurrenten an: "Wäre der FAZ-Verlag ein Automobilhersteller, müsste er seine Wochenendausgabe in die Druckerei zurückrufen."
Gut gebrüllt, Löwe!
Aber das trifft natürlich auch für eine Reihe anderer Spieler in diesem Spiel  zu. Zuallererst muss sich der NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen fragen, warum er einer Falschmeldung aus Kiew aufsitzt. Jeder weiß, dass Kiew im ukrainisch-russischen Konflikt nicht objektiv sein kann, sondern parteiich sein muss. Dass haben nicht zuletzt mehrere Falschmeldungen der Vergangenheit gezeigt, bei denen manchmal offenbar der Wunsch der Vater des Gedankens war.
Also: Müsste Steingarts Rückruf-Forderung nicht auch für die Verlautbarungen des NATO-Generalsekretärs Rasmussen gelten? Es kolportierte eine russische Intervention, für die es außer Kiewer Behauptungen keinerlei Beweis gab und die Generalmajor Igor Konachenkow für das russische Verteidigungsministerium definitiv dementierte: "Eine russische Militärkolonne, die die Grenze zur Ukraine überquert haben soll, existiert nicht".
Nicht zuletzt ist der ja selbst in hohem Maße parteiisch. Am 3. August erklärte in einem Interview, die NATO entwickele angesichts einer „russischen Aggression“ bereits neue Verteidigungspläne. Am 7. August wurde er in Kiew mit dem ukrainischen Freiheitsorden ausgezeichnet. Der arme Rasmussen! Er hat so sehr auf den "russischen Einfall" gewartet - und dann war es eine Ente!
Am 1. Oktober wird Rasmussen zwar in seinem Amt sowieso vom ehemaligen norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg abgelöst. Aber Wulff an Rasmussens Stelle wäre nach solch einem Reinfall von der Medienöffentlichkeit mit geeinter starker Stimme zum sofortigen Rücktritt aufgefordert worden.
Sogar Spiegel-Korrspondent Christian Neef, einer der letzten in Donezk verbliebenen westlichen Journalisten, räumte am 18. August im Spiegel (S. 81) ein: "Je länger ich in dieser Stadt bin, desto mehr glaube ich, dass vieles nicht stimmt, was man sich über den Krieg in der Ostukraine erzählt."
Übrigens: Auch das Handelsblatt ist an den Verirrungen und Verwirrungen nicht ohne Schuld.
Heute morgen heißt es dort "Russland lässt die Muskeln spielen" http://www.handelsblatt.com/politik/international/militaeruebung-russland-laesst-die-muskeln-spielen/10356376.html Ein sechs Jahre altes dpa-Bild über "Russische Soldaten 2008 in Georgien" assoziiert den bevorstehenden russischen Einmarsch in der Ostukraine. "An der Grenze zur Ukraine soll wieder einmal eine Militärübung durchgeführt werden." unterschreiben die Bildredakteure vom Handelsblatt und ihre Textkollegen übernehmen unkommentiert und ungeprüft eine entsprechende AFP-Meldung.
Offenbar hat keiner nachgeprüft, dass das südrussische Manövergebiet Astrachan gar nicht an der ukrainischen Grenze liegt. Astrachan ist 950 Kilometer vom ostukrainischen Donezk entfernt. Google Maps schätzt  - angesichts russischer Straßenverhältnisse - sehr optimistisch knapp 13 Autostunden! Übrigens: Wer von Hamburg nach Paris will, ist mit dem Auto nur 893 Kilometer unterwegs und quert dabei drei Staatgrenzen: die niederländische, die belgische und die französische. Und da soll Astrachan "An der Grenze zur Ukraine" liegen?
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Bildquelle: http://pixabay.com/de/handwerker-manuelle-arbeiter-151827/ CC0 1.0 Universell (CC0 1.0)



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