Wenn Ihr nicht "NEIN!" sagt


Auf Cicero schreibt Wulf Schmiese über "Putins Krieg gegen die Demokratie"  und fragt: "Die Ukraine-Krise stellt Europa vor die Wahl: Will es einen zufriedenen Putin oder eine freie Ukraine?".
Er stellt eine falsche Frage. Auf falsche Fragen kann es keine richtigen Antworten geben. Solange die Diskussion auf dieser Ebene geführt wird, ist sie prinzipiell unlösbar und muss weitere Eskalationen nach sich ziehen. Konflikte dieser Art müssen außerhalb der Ebene gelöst werden, auf der sie sich hochschaukeln. Das nannte der große Paul Watzlawick Lösungen 2. Ordnung.
"Wollen wir einen zufriedenen Putin oder eine freie Ukraine" ist genau so eine dämliche Frage, als würde im zänkischen Ehestreit gefragt: "Soll die eine Streitpartei "zufrieden" ODER soll die andere Partei "frei" sein?" Auf dieser Ebene ist der Ehekrieg nicht lösbar. Auf dieser Ebene ist auch der Ukrainekonflikt nicht lösbar. Verbleibt der Konflikt auf dieser Ebene, ist weitere Eskalation unausweichlich.
Nur Lösungen 2. Ordnung berücksichtigen auch die Interessen von Menschen, die nicht direkt im Streit befangen sind: Die Interessen Dritter. Wer sind diese "Dritten"? Junge Menschen, die ihre Eltern nicht beweinen wollen. Einfache Menschen wie Du und ich, die ihre Heimat weder verlassen wollen noch zerstören lassen wollen. Alte Menschen, die ihre Familien nicht beerdigen wollen, statt von ihren Familien im Alter gepflegt und unterstützt zu werden. Und nicht zuletzt tausende, hunderttausende Immigranten aus der ganzen Welt, die vor Kriegen, Bürgerkriegen und Verfolgung nach Europa flüchten und nicht hier Opfer eines neuen Krieges werden wollen!
Das ausgerechnet der US-amerikanische "Investor George Soros massive finanzielle Hilfe für die Ukraine durch die EU" fordert, ist vollends abstrus. Soros verdiente 1992 Milliarden (!) Dollar, also 1000e Millionen Dollar, indem er auf die Abwertung des britischen Pfunds wettete. Ihm war die Zukunft des britischen Haushalts, die Zukunft der europäischen Staats- und Länderhaushalte "Wurst". Auch wenn er später als "Philantrop und Wohltäter" Karriere machte: Soros ist das Gegenteil eines glaubwürdigen Menschen, wenn es um solche Konflikte geht. Wenn Soros Staatsknete fordert, dann mit größter Wahrscheinlichkeit zum eigenen Nutzen seiner Spekulationen! Wenn Soros Milliarden verdient, dann unter anderem dafür, dass er mit vielen Millionen demokratische Wahlprozesse beeinflusst. Jeder weiß - und Schmiese schreibt es - dass Soros "als Big Spender den Demokraten Clinton und Obama ins amerikanische Präsidentenamt verholfen" hat. Mit dem, was wir hier in Mitteleuropa unter Demokratie verstehen, hat das nichts zu tun. Ausgerechnet Soros spitzt immer weiter zu. Seiner Ansicht nach führe Putin "nicht nur Krieg gegen die Ukraine, sondern gegen die Demokratie."
Laut Schmiese wären den beiden deutschen Kriegen mit Russland im vergangenen Jahrhundert verlogene Bündnisse zwischen Moskau und Berlin vorausgegangen, "vermeintliche Friedenshändel auf Kosten von Millionen Menschen anderer Völker. Gottlob ist die Situation heute unvergleichbar weder mit kaiserlich-zaristischer Pseudokumpanei noch mit dem Hitler-Stalin-Pakt." Und er fragt: "Wie weit darf der Friedenswunsch mit Moskau das Handeln Deutschlands diktieren?"
Entschuldigung, Herr Schmiese: Ich, und viele viele andere Menschen erwarten, dass die Verantwortlichen unter anderem in Kiew und Moskau, Berlin und Brüssel, Washington und Warschau, nicht nur den Frieden mit Moskau im Blick haben, sondern sogar den Frieden mit allen Völkern! Was sonst geschehen kann, das zeigt das Bild vom ausgebrannten Hamburg 1943. Was sonst passieren kann, und was nie wieder passieren sollte, das hat unvergleichlich 1947 Wolfgang Borchert aufgeschrieben:
"Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN! Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann: dann: dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend -und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch - all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn -- wenn -- wenn ihr nicht NEIN sagt!"
Wenn Schmiese Deutschland in zwei Lager teilt, in Ignoranten und die Sanktionisten, dann bleibt die Frage: Sieht er denn nicht, wohin diese Zuspitzung führt? Muss das wirklich sein, dass all diejenigen, die Sanktionen nicht ungeprüft und unhinterfragt befürworten, als "Ignoranten" verunglimpft werden? Ist das politische KULTUR?
 
"Militärisch einschreiten, das wagt niemand auch nur zu denken. Ein Politiker, der dies öffentlich nur erwägen würde, wäre vogelfrei, sein Abschuss im Netz sicher." meint Schmiese. Nun: Der Abschuss im Netz wäre nicht wirklich schlimm. Wer als Politiker vor einem Abschuss im Netz Angst hat, sollte Straßenmusiker oder Stadtführer oder irgendetwas ähnliches mit möglichst wenig Konfliktpotential werden. Das wirkliche Problem ist, dass eben nicht nur der Abschuss im Netz droht! Denn WENN Deutschland wieder mit Krieg spielt, wenn Deutschland wieder mit Krieg mit Russland spielt, in einer Zeit, in der bereits von deutschen Standorten gesteuerte amerikanische Drohnen im fernen Asien Menschen erschießen, dann droht der Abschuss nicht nur im Netz, sondern in der Wirklichkeit. Dann droht Terror. Dann droht Bombardement. Dann droht Vernichtung.
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Bild: Hamburg nach den Bombenangriffen der Operation Gomorrha 1943. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Royal_Air_Force_Bomber_Command,_1942-1945, public domain



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