Manchmal sind es einzelne Sätze, die mich gedanklich beschäftigen


Gedanken zu Wettbewerb, Toleranz, Demokratiea) Am Wochenende hat mir mein Sohn Rasmus die Frankfurter Rundschau (Ausgabe vom 20. 01. 2015) aus Hannover mitgebracht. Ich wollte nicht nur den Artikel von Helmut Creutz („Rettung vor dem Kollaps“) lesen, sondern auch sehen, in welchem Umfeld die Zeitung seinen Artikel veröffentlicht hat. Auf der Suche danach blieben meine Augen bei der Kolumne von Michael Herl hängen. Im Aufmacher heißt es:„Weil wir alle verachten, die in unserem System versagen, schauen wir Schund-TV. Das kann fatale Folgen haben.“So wie die Marktwirtschaft insgesamt für die vom Kapitalismus bewirkte Fehlentwicklung verantwortlich gemacht wird, so neigen viele Autoren dazu, den Wettbewerb für das Scheitern von individuellen Existenzen verantwortlich zu machen. Statt sich Gedanken über die Bedingungen eines fairen und humanen Wettbewerbs zu machen, landen manche zu leicht bei Modellen der zuteilenden Gerechtigkeit. Diese kann in einer Familie, in einer Gruppe von Vertrauten sicher praktiziert werden, als gesellschaftliches Prinzip wird daraus leicht Unterdrückung und Fehlbeurteilung.Ich kann dem Verfasser Herl – der von der FR als Autor und Theatermacher ausgewiesen wird – durchaus zustimmen, wenn er meint, dass der (heutige) Wettbewerb Verlierer erzeugt, die dann Kandidaten für Hassprediger und Heilslehren werden. Mich beschleicht schon ein Unbehagen, wenn in manchen Sportarten ein Bruchteil einer Sekunde darüber entscheidet, ob ein Sportler Sieger oder Verlierer ist. Mir ist auch mulmig zumute, wenn Unternehmen um den „Großen Preis des Mittelstandes“ buhlen. (Neben mir liegt das „P.T. Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft“ - Ausgabe 1/ 2015 - auf dem Tisch mit dem Haupttitel „Darauf können Sie stolz sein!“.Nichts spricht dagegen, wenn einzelne Unternehmen für hervorragende Leistungen ausgezeichnet werden, wenn auch die Bedingungen unter denen die Leistungen erbracht wurden, mitbewertet wurden. Aber bei allem berechtigten Unbehagen an dem Fokus auf die Sieger müssen wir uns um die Ausgestaltung des Wettbewerbes und seine Grenzen Gedanken machen, wenn wir die Zuteilung durch mächtige Personen oder Institutionen vermeiden wollen. Und vor allem müssen wir herausfinden, wann und wo wir das Verteilungsprinzip Wettbewerb vermeiden sollten und unsere Fähigkeit des Schenkens stärken können.Dieser gedankliche nicht unbedeutende Umweg war erforderlich, um zu der Aussage in dem nachfolgenden Zitat zu kommen, die mich beschäftigt hat:„Solange wir nicht in der Lage sind, die Stärken jener zu erkennen, die nicht in unser gut geöltes System passen, solange wir sogar Freude am öffentlichen Zurschaustellen vermeintlicher Versager haben, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn unsere jungen Leute sich den Heilslehren obskurer Hassprediger zuwenden, die mit dem Islam so viel zu tun haben wie das Christentum mit der Toleranz. So was kommt nämlich von so was.“Ich lese doch richtig oder? Christentum und Toleranz gehen nicht zusammen. Diese Aussage hat mich beschäftigt. Wenn es zutrifft, was da gesagt wird, ist die nächste Frage: Trifft sie nur auf das Ideengebäude des Christentums zu oder generell auf Ideen, die die Welt erklären oder formen wollen. Meine Einschätzung ist schon lange, dass Ideen, wenn sie einen Kopf verlassen und sich in viele andere Köpfe niederlassen, auf Weltgeltung programmiert sind. Und dass das, was wir als Toleranz zwischen den Trägern von Ideen erleben, im Grunde nur die Ohnmacht ihrer Träger ist, ihrer jeweiligen Idee Weltgeltung zu verschaffen.Ob diese Ohnmacht gesellschaftlich – oder von der Menschheit ausgesehen – positiv oder negativ gesehen wird, hängt dann vom Standpunkt des Betrachters ab. Ein Christ, der mehr als Kirchensteuerzahler ist und nicht in engen konfessionellen Grenzen denkt, wird die Spaltung der Christen in verschiedene Konfessionen sicher bedauern. Ein politisch denkender Mensch, der sich bewusst ist, dass Religionen – besonders die monotheistischen – als Herrschaftsinstrument missbraucht werden können (und in der Vergangenheit von Christen und in der Gegenwart auch von Muslimen missbraucht wurden), wird eher froh sein, weil die Konkurrenz der Konfessionen das Streben nach Weltgeltung und das Streben ihrer Trägerorganisationen nach Macht in Grenzen hält. Und die Konkurrenz der Gläubigen mit den Ungläubigen um die Deutung des Seins zwingt sie zur interkonfessionellen, interreligiösen Toleranz und zur gemeinsamen Toleranz gegenüber den Ungläubigen, denn wenn das Kräfteverhältnis zwischen den unterschiedlich Gläubigen und zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen nicht eindeutig ist, bleibt nur die Toleranz, wenn man sich nicht gegenseitig an den Kragen gehen will. Dass diese Toleranz ein dünnes Eis ist und leicht einbrechen kann, weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich bin Jahrzehnte mit dem Gefühl herumgelaufen, man hätte mir in meinem Geburtsort das Heimatrecht verweigert, weil ich – für dieses Dorf – die falsche Konfession hatte.Der politische Liberalismus ist auch eine Idee, die nach Weltgeltung strebt, aber im Gegensatz zum Marxismus ist ihr Ziel nicht der Ausschluss der Andersdenkenden, sondern ihr Einschluss. Auch Religionen, die Platz für andere Götter und Propheten haben, sind von Natur aus toleranter, als jene, die fordern, dass der Gläubige neben dem einen Gott, keine konkurrierenden Götter haben darf.b) Prof. Johannes Heinrichs setzt sich in der HW 01/2015 mit dem Beitrag „Inclusive capitalism“ von Prof. Wolfgang Berger auseinander und schreibt etwa ab der Mitte seiner Ausführungen:„… Glauben Sie überhaupt, dass die von Ihnen beschriebene ungeheure Dominanz des „Finanzsektors" (der Hochfinanz nicht zuletzt) allein mit wirtschaftlicher Zielsetzung gebrochen werden kann? Gehört dazu nicht der geballte Wille aller Demokraten mit einem konstruktiven Entwurf neuer demokratischer Rechtsstrukturen? Wie Sie wissen, leugne ich diese Möglichkeit der umfassenden Reform allein von der Wirtschaft her und setze ich mich seit langem für eine vom Parlamentarismus her gegliederte Wertedemokratie ein mit den Ebenen Wirtschaft, Politik, Kultur und Grundwerte. Also für eine neuartige Einheit von parlamentarischer und direkter Demokratie, letztere aufgrund der bereichsspezifischen Wahlen, die zugleich Sachabstimmungen sind. Darin ist also eine Wirtschaftsdemokratie in einem ganz neuen, umfassenden Sinne eingeschlossen (vgl. HUMANE WIRTSCHAFT 5/2013).Könnte es vielleicht sein, dass wir ein solches Leitbild einer weiter entwickelten Demokratie sehr bald dringend brauchen, um das „schwere Gerät" eines bedeutend attraktiveren, von der breiten Bevölkerung getragenen Rechtsstaates nicht nur gegen die Hochfinanz, sondern auch gegen neue staatskapitalistische Ansprüche einsetzen zu können - und um drohendes weltweites Blutvergießen zu vermeiden?Das Paradoxon, auf das ich seit Jahren hinweise, ist: eine neue Wirtschaftsform im Sinne der „Humanwirtschaft" ist nicht durchzusetzen, schon gar nicht friedlich, wenn man sich allein auf die Wirtschaftsebene fixiert, ohne ernsthaft das gesamtdemokratische Gefüge in Betracht zu ziehen. Ich würde mich freuen, wenn gerade Sie (der Sie auch Philosoph sind) diese Gedanken ernst nehmen und unterstützen könnten. …“Ich erinnere daran, was Silvio Gesell dazu sagt. Er schrieb in dem Vorwort zur 3. Auflage der Natürlichen Wirtschaftsordnung:„Die Wirtschaftsordnung, von der hier die Rede ist, kann nur insofern eine natürliche genannt werden, als sie der Natur des Menschen angepasst ist. Es handelt sich also nicht um eine Ordnung, die sich etwa von selbst, als Naturprodukt einstellt. Eine solche Ordnung gibt es überhaupt nicht, denn immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat.“ Die bewusste und gewollte ist in diesem Fall eine Rechtssetzung. Wir können dann fragen, wem wir eine solche Rechtssetzung zubilligen, einem Diktator, eine absolutistisch herrschenden Monarchen oder eine Auswahl bzw. die Gesamtheit der Demokraten. Wir können weiter fragen was für eine Ordnungsform benötigt die Natürliche Wirtschaftsordnung. Wir kommen dann zum Schluss, dass sie sich nicht mit dem Modell der Zentralverwaltungswirtschaft (ZVW) vereinbaren lässt, wohl aber mit der Marktwirtschaft. Wir können erkennen, dass sich die Marktwirtschaft aufgrund der erforderlichen individuellen Entscheidungsfreiheit nicht mit einer Diktatur verträgt, wohl aber mit einer Demokratie. Aber bei der Demokratie dürfen wir nicht blind zustimmen, weil sie in sich die Gefahr der Mehrheitsdiktatur trägt. Für eine freie Gesellschaftsordnung benötigen wir einen Gesetzgeber, der den Bürgern möglichst viel Gestaltungsraum lässt, die er mit privatrechtlichen Verträgen ausfüllen kann, aber gleichzeitig dafür sorgt, dass das Vertragsrecht so gestaltet wird, dass es für die Bildung von Monopolen oder überhaupt für die Ausschaltung des Wettbewerbes nicht missbraucht werden kann.An diesen wenigen Sätzen kann man schon erkennen, dass die Wirtschaft zur besseren gedanklichen Durchdringung zwar separat von anderen Teilordnungen gedacht werden kann, aber dass sie eben nur ein Teil einer Gesamtordnung ist. Jede Handlung die wir vornehmen hat einen kulturellen, einen rechtlichen und einen ökonomischen Aspekt. Eine wirkliche Wirtschaftsreform ist also isoliert ohne Beachtung des Rechtssektors, der ein Ausdruck auch der Staatsform ist, und ohne Beachtung, was in der Kultur – im weitesten Sinne abläuft – gar nicht möglich. Und die Vorstellung es könne eine freie Wirtschaft ohne Staat (oder einem ähnlichen Konstrukt) geben, ist eine Illusion, weil eine Marktwirtschaft ohne Rechtssetzung nicht gestaltet und praktiziert werden kann.Man kann aufgrund der Interdependenz der Teilordnungen und der Problem- und Faktenvielfalt zum Schluss kommen, dass eine solche Reformarbeit gar nicht von den einzelnen Bürgern geleistet werden kann. Es ist daher kein Wunder, dass bei dieser Sachlage immer mal wieder die Hoffnung auf einen guten Fürsten oder Diktator oder wenigstens auf eine kompetente Expertenkommission auftaucht. Solche Hoffnungen oder Wünsche sind aber ein Verrat der Idee von der Demokratie. Erinnert sei auch an die desaströsen Hoffnungen einiger Freiwirtschaftler auf die Einführung der NWO durch die NSDAP. (Das schreibe ich ohne erhobenen Zeigefinger und mit dem Wissen, dass das wirtschaftspolitische Versagen der Demokraten in der Weimarer Republik einen Teil der Freunde der NWO zu solchen Handlungen verführt hat.) Erinnert sei aber auch daran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die (annähernd) marktwirtschaftliche Ordnung in Westdeutschland nicht auf demokratischem Wege von einer Mehrheit der Bürger eingeführt wurde, sondern von einer kleinen Minderheit, allen voran von Ludwig Erhard, der vermutlich stärker von marktwirtschaftlichen Ideen durchdrungen war als von demokratischen. Aber auch hier stieß die Beteiligung von Freiwirten nicht auf eine ungeteilte Zustimmung durch die freiwirtschaftliche Gemeinschaft insgesamt.Ich schätze die Bemühungen von Johannes Heinrichs um die Erneuerung oder Neufassung der Demokratie sehr. Aber seine Vorstellung von der Viergliederung der Demokratie mit einer Kammer für die Grundwerte – die auf intuitive Vorbehalte bei mir stößt – haben mich bisher gehindert, tiefer in seine Gedankenwelt einzudringen. Vielleicht fürchte ich auch, dass seine Gedanken zu sehr von seinen Erfahrungen in der Hierarchie eines Ordens geprägt sind.Aber prinzipiell stimme ich ihm darin zu, dass wir bei einer grundlegenden Wirtschaftsreform immer eine Demokratiereform mit bedenken müssen. Es gilt Verfahren zu entwickeln, bei denen wenigstens 10% der Bürger an der Verfassungsfindung und Formulierung beteiligt werden können und wo erstmals in der deutschen Geschichte alle Bürger, die wollen, sich an der Beschlussfassung über die gefundene Form der Verfassung beteiligen können. Und Johannes Heinrichs ist bestimmt mit seien Büchern – wie zum Beispiel Sprung aus dem Teufelskreis und Revolution der Demokratie – eine Hilfe bei dieser schwierigen Aufgabe.Foto: Ludwig Erhard (Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA)



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