Ausnahmezustand nur in Baltimore?


1865 endete mit der Kapitulation des Südens der amerikanische Bürgerkrieg. In vier langen Jahren wurden über 600.000 Soldaten getötet, ungezählte verstümmelt und Städte und Gemeinden dem Erdboden gleichgemacht. Der Bürgerkrieg auf amerikanischen Boden verwüstete ganze Regionen, denn der damalige US-Präsident Abraham Lincoln wollte mit allen Mitteln die Spaltung seines Landes verhindern und die Abschaffung der Sklaverei in allen Bundesstaaten durchsetzen. Der Süden der USA war aber auf die meist schwarzen Sklavenarbeiter angewiesen. Dort kämpfte die elitäre Finanz- und Wirtschaftselite ums wirtschaftliche Überleben sowie für die politische Unabhängigkeit. Der Verzicht auf die unmenschliche, brutale Sklavenarbeit hätte die elitären Finanz- und Wirtschaftseliten der Südstaaten in ein wirtschaftliches Desaster gestürzt.Vor nunmehr 154 Jahren brach in den USA also der Bürgerkrieg aus. Ein entscheidender Konflikt, der die gesellschaftliche Entwicklung der USA bis heute gravierend beeinflusst. Geschätzte 6 Millionen schwarze Sklaven (genaue Zählungen gab es nie) mussten täglich bis zu 16 Stunden auf den Baumwollfeldern schuften. Die sogenannten Nordstaaten der USA hatten die Sklaverei abgeschafft. Man wollte dem Vorbild der modernen Welt folgen und nicht mehr als rückständig oder inhuman gelten. Jedes Jahr finden nun in den USA Gedenkveranstaltungen statt.Aber was hat sich tatsächlich verändert?Besonders die weiße Ober- und Mittelschicht distanziert sich in allen 50 Bundesstaaten noch immer von den Schwarzen und den Latinos. Deren Rolle im öffentlichen Leben ist nach wie vor mit vielen Restriktionen belegt. Obwohl derzeit ein Schwarzer im Weißen Haus das Zepter der Macht zwingt. Quasi auf Sparflamme zeigt der TV-Sender CNN regelmäßig Bilder von Plünderern, die in diversen Städten und Gemeinden der USA mit voll gepackten Einkaufstaschen- und Wagen aus Geschäften rennen. Überall in den 50 Bundesstaaten werden in Abständen Autos und Gebäude demoliert und in Brand gesetzt.Die Polizei ist meistens überfordert, Man schützt so gut es geht die Wohnviertel der weißen Ober- und Mittelschicht und vermeidet direkte enge Kontakte mit den Demonstranten, Aufwieglern und Plünderern.Ausnahmezustand nicht nur in BaltimoreDie Unruhen brechen nach den Angaben und Darstellungen von CNN in mehreren Städten und Gemeinden regelmäßig aus. In den meisten Fällen wird die Polizei von der ausbrechenden Gewalt völlig überrascht. Stets gibt es hunderte Festnahmen sowie dutzende verletzte US-Bürger und Polizisten. Die unbändige Wut über den Tod von Schwarzen oder deren permanenter Diskriminierung entlädt sich seit Monaten in einer Welle der Gewalt. Nicht nur aktuell in Baltimore gelten der Ausnahmezustand und strikte nächtliche Ausgangssperren. Immer häufiger wird die Nationalgarde gerufen und soll die brisanten, prekären Lagen unter Kontrolle bringen.Der Staat der unbegrenzten Möglichkeiten? Freiheit, Wohlstand, Frieden und Demokratie sehen vollkommen anders aus. Höchstwahrscheinlich stehen die USA vor einem neuen Bürgerkrieg ohne sichtbare Fronten. Denn überall schlagen zunächst friedliche Proteste in offene Gewalt um. Über Baltimore, die einst ruhige Stadt nordöstlich von Washington D.C. an der US-Ostküste, mussten die Politiker eine nächtliche Ausgangssperre verhängen. Marylands Gouverneur Larry Hogan rief sogar den Notstand aus und bat die Nationalgarde mit mehr als 5.000 Soldaten um Hilfe. Überall in den 50 Bundesstaaten ist die Nationalgarde schon das letzte Mittel, um einen Rest von Ordnung wiederherzustellen zu können.Gouverneur Larry Hogan schüttete noch Öl ins Feuer und bezeichnete die Protestler und Demonstrationen als Gangs und Diebe. Mit den tatsächlichen Problemen setzt sich der Gouverneur von Maryland nicht auseinander. Explodierende Kinder-, Alters- und Flächenarmut sind für die weiße Ober- und Mittelschicht kein Thema. Viel lieber flüchtet man sich in hedonistische Traumwelten, Luxus und verdrängt die Realität. Nichtsdestoweniger spricht die Polizei in Baltimore von den schwersten Unruhen in der Metropole seit Jahrzehnten. Selbst die schwarze Bürgermeisterin von Baltimore Stephanie Rawlings-Blake ist mit der prekären, unübersichtlichen Situation völlig überfordert und stellt sich auf die Seite der weißen Ober- und Mittelschicht:   „Zu viele Menschen haben über Generationen diese Stadt aufgebaut, um sie von Rowdys zerstören zu lassen.“Dieses Verhalten der Bürgermeisterin von Baltimore zeigt aber die Brisanz und Gefährlichkeit der in den USA ablaufenden Szenarien. Wenn die Trauerfeier für Freddie Gray (der am 12. April 2005 festgenommen wurde und wenig später in Polizeigewahrsam eine schwere Rückenmarksverletzung erlitt und nach den Angaben der Behörden später ins Koma fiel und am 19. April 2005 im Krankenhaus verstarb) aus dem Ruder läuft, dann ist in den USA das gesellschaftliche Gleichgewicht sowie die vermeintliche Demokratie vollkommen außer Kontrolle geraten. Denn genaue Einzelheiten des Todes von Freddie Gray werden ganz offensichtlich vorsätzlich verschleiert und liegen noch immer im Dunklen. Auf einigen Videos ist zwar deutlich zu sehen, wie Polizisten Freddie Gray zu Boden drücken, bevor sie brutal den vor Schmerz schreienden jungen Mann in einem Polizeibus schleifen.Ist das die neue Freiheit und Lebensqualität in den USA? In Baltimore leben rund 620.000 Einwohner. In immer mehr Stadtvierteln herrschen Kinder-, Alters- und Flächenarmut. Dieses Bild einer verarmenden US-Stadt kann man bereits in allen 50 Bundesstaaten beobachten. Aber die Leiden der Schwarzen und Latinos interessieren weder die US-Medien noch die westeuropäische Presse. Das Gebot der Stunde lautet auch bei ARD und ZDF: Wegschauen, ausblenden und so wenig wie nur möglich darüber Berichten!Sondersendungen im deutschen Fernsehen zum Themenkreis der explodierenden Armut in den USA gibt es nicht. Denn die Gewalt gegen Schwarze und Latinos sowie die extrem anschwellenden Armutswellen passen nicht zu den Wahrheitsverdrehungen und Lügengeschichten der deutschen Medien über die angebliche Gesundung der US-Wirtschaft. Auch die ständige Polizeigewalt gegen obdachlose US-Bürger fällt aus der Berichterstattung in Deutschland heraus. Denn immer mehr Menschen in den USA leben in Bergen aus Zeltplanen, Decken und Pappkartons. Man kocht im Freien – wenn man etwas zu Essen gefunden hat. Da berichtet man als atlantischer Netzwerker doch viel lieber über den Glamour in Hollywood, New York oder Boston. Stars und Sternchen der USA müssen den Menschen im Land eine Heile Welt vorgaukeln. Und die deutschen Medien machen dieses böse Spiel freiwillig mit.Doch irgendwann rebellieren die Verarschten und Unterdrückten. Nicht nur in Baltimore werden sich Millionen Schwarze und Latinos wehren. Noch schieben verarmte US-Bürger ihr Hab und Gut im Einkaufswagen friedlich durch die wachsenden Obdachlosenviertel der US-Städte. Man hofft, dass nicht an der nächste Ecke wieder jemand erschossen wird. So ist derzeit die Realität in den USA.Und diese zweifelhafte Lebensqualität möchten unsere vermeintlichen Volksvertreter zum Beispiel durch das Freihandelsabkommen  TTIP ins Kunstgebilde der EU importieren. So etwas lässt tiefes Misstrauen wachsen. Immer mehr Menschen im Kunstgebilde der EU fühlen sich von denen verraten und bedroht, die sie eigentlich vor Alters-, Kinder- und Flächenarmut schützen sollen. Zum AutorUdo Piasetzky / Vorstandsvorsitzender / Deutscher Rentenschutzbund e.V.
drsb@deutscher-rentenschutzbund-ev.de  
http://www.deutscher-rentenschutzbund-ev.deBild: Der Aufruhr führt in Baltimore zu verstärkter Präsenz der Polizei und der Nationalgarde (Foto: Vladimir Badikov/flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0))



Ihre Sicherheit und Privatsphäre im Internet sind uns wichtig! Es werden mittels des Einsatzes von Cookies keinerlei persönliche Daten gespeichert oder mit Dritten getauscht. Dennoch verwendet diese Website Cookies zur Steigerung von Funktionalität und Leistungsfähigkeit. Falls Sie weiter lesen und unsere Website verwenden, stimmen Sie dem Gebrauch von Cookies zu.

Schließen