Blogs / 2015 / Mai

Die empörten Chefredakteure



Für MEEDIA hinterfragte Marvin Schade die Reaktion mehrerer Chefredakteure darauf, dass der Waffenhersteller Heckler & Koch in Zusammenwirken mit zuständigen Beamten des Verteidigungsministeriums den Militärischen Abschirmdienst MAD zum Ausspähen kritischer Journalisten missbrauchen wollten.

Pohl und die taz

taz-Chefredakteurin Ines Pohl sieht “die Pressefreiheit bis in die Grundfesten erschüttert”. Komisch. Unter Pressefreiheit würde ich verstehen, dass Frau Pohl schreiben und drucken darf, was sie für richtig hält, solange sie jemanden findet, der die Druckkosten bezahlt. Das war das, wofür die Leipziger 1989 auch auf die Straße gegangen sind. Diese Pressefreiheit gab es nicht. Aber keiner wäre damals auf die Idee gekommen, dass in einem freien Land die Kriminalität - und um nichts anderes handelt es sich im MAD-Fall - quasi von allein aufhört.

Ulrich und die Zeit

Bernd Ulrich, Politik-Chef und stellvertretender Chefredakteur der "Zeit" "zeigte sich gegenüber MEEDIA" entrüstet. Das Ulrich entrüstet war, wenn seine Reporter ausspioniert werden sollte, glaube ich gern. Aber kann man da nicht einfach schreiben "Ulrich war entrüstet". Was zum Teufel soll die Modeformulierung "zeigte sich entrüstet" die man täglich in allen Nachrichtensendungen an den Kopf geworfen bekommt. War Ulrich vielleicht in Wirklichkeit nicht entrüstet und zeigt sich nur so? Täuschte er die Öffentlichkeit der MEEDIA-Leser über seine Reaktion? Wenn nicht: Warum ist es dann eine journalistische Notwendigkeit, zu schreiben, dass er sich entrüstet zeigte? Marvin Schade ist erst Volontär bei MEEDIA. Da kann man mal was durchgehen lassen. Aber er ist auch Schüler der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Schade, Herr Schade.

Kuzmany und Spiegel-Online

Spiegel Online stand MEEDIA nicht direkt zur Verfügung und verwies auf seine Website. Dort kommentierte Stefan Kuzmany. “Man muss sich klarmachen, was diese Affäre bedeutet: ... diese Beamten ... Ihre Verabredung mit dem Waffenfabrikanten zu Geheimdienstaktionen gegen Journalisten belegt ... ihre eigentliche Loyalität galt einem Rüstungskonzern, dem sie herzlich in langjähriger Partnerschaft verbunden waren.” Nun ja: Eigentlich ist es ein Wunder, dass das Herrn Kuzmany wundert. "Wes Brot ich ess', des Lied ich sing" ist eine Weisheit von alters her. Ohne Firmen wie Heckler & Koch gäbe es die ganze Abteilung im Ministerium nicht. Das sehen die Beamten völlig realistisch. Das Problem ist, dass sich die Administration (Ministeriumsleitung, Regierung) ebenso wie die Legislative (Bundestag) offenbar gern täuschen ließen.

Krug und der stern

Obwohl stern-Redakteure nicht ausspioniert wurden, hinderte das viele freie und staatliche Medien nicht an der Annahme des Gegenteils. Chefredakteur Christian Krug teilte zwar ausdrücklich mit: “Es sollten keine Journalisten des stern vom MAD ausspioniert werden. ... Es geht hier um ein Verfahren gegen unbekannte Bedienstete des Bundesverteidigungsministeriums – nicht gegen Journalisten des stern.” Dennoch lasse ihn der “enorm hohe Aufwand, der für die Suche nach internen Whistleblowern getrieben wurde” erstaunen.
Inhaltlich hat Krug den Finger drauf: Der Suchaufwand nach Whistleblowern verwundert tatsächlich. Das Verhältnis erinnert peinlich an die Relation der NSU-Opfer und der ominös verstorbenen Zeugen im NSU-Prozess, die der preisgekrönte politische Karikaturist Götz Wiedenroth glossierte: https://www.flickr.com/photos/wiedenroth/17226728272/

Spielkamp und die Grenzenlosen

Matthias Spielkamp, Vorstandsmitglied der "Reporter ohne Grenzen", will die Geheimdienste besser kontrollieren, "damit Regierungsstellen sie nicht nach Belieben für fragwürdige Ziele einspannen können”. Er spricht Teilen des Verteidigungsministeriums das Bewusstsein für die Bedeutung der Medien als legitimer Instanz öffentlicher Kontrolle über das Handeln der Regierung ab.

Damit wird er recht haben. Aber sollten dann nicht erst mal Regierung und Parlament ihre Arbeit tun? Und sollten die Medien Regierung und Parlament nicht antreiben, dass sie diese ihre ureigenste Aufgabe erfüllen?

Th. Tiger



Ihre Sicherheit und Privatsphäre im Internet sind uns wichtig! Es werden mittels des Einsatzes von Cookies keinerlei persönliche Daten gespeichert oder mit Dritten getauscht. Dennoch verwendet diese Website Cookies zur Steigerung von Funktionalität und Leistungsfähigkeit. Falls Sie weiter lesen und unsere Website verwenden, stimmen Sie dem Gebrauch von Cookies zu.

Schließen